Bevölkerungsentwicklung in Deutschland

Bevölkerung

Die Bevölkerung als soziale Struktur umfasst

  • ihre demografische Grundgliederung,
  • ihre Mobilität,
  • die sozialen Lebenslagen sowie
  • die Bevölkerungsgruppen,

zusammengefasst in Klassen, Schichten und Milieus.

Die Bevölkerung bilden alle Einwohner mit Hauptwohnung in Deutschland. Ihre Entwicklung bzw. Bewegung ist Teil des gesamtgesellschaftlichen Fortgangs. Die Bevölkerung

  • wird von gesellschaftlichen und politischen Faktoren wie
    – Geburtenhäufigkeit,
    – durchschnittliche Lebenserwartung,
    – Zu- und Abwanderungen,
    – Krisen,
    – Friedens- oder Kriegszeiten
    beeinflusst und
     
  • nimmt selbst Einfluss auf die soziale und wirtschaftliche Entwicklung, insbesondere bei
    – den Familien- und Haushaltsformen,
    – den Bildungs- und Erwerbschancen und
    – der Rentenversicherung.

In Deutschland leben 81,8 Mio. Einwohner (2011), davon sind 51 % Frauen. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von 229 Personen je qkm. In der EU insgesamt liegt sie bei 116 Personen pro qkm (2011).

Bevölkerungspyramide für Deutschland 1910, 1995 und 2040

Bevölkerungspyramide für Deutschland 1910, 1995 und 2040

Bevölkerungsentwicklung

Die Bevölkerungsentwicklung (Bild 1) ergibt sich aus den Veränderungen

  • der Geburtenzahlen (generatives Verhalten),
  • der Lebensdauer (Sterblichkeit) sowie
  • der Zu- und Abwanderung.

In Deutschland (West) ist die Bevölkerungsentwicklung seit 1945 insgesamt positiv verlaufen, wobei sich drei Phasen voneinander abheben:

  • Wachstum bis 1974 mit hoher Geburtenzahl (Babyboom) und hoher Zuwanderung von Vertriebenen, Flüchtlingen und Ausländern;
  • Stagnation in der Zeit von 1975 bis 1984/86 mit Geburtenrückgang (Pillenknick) und geringer Zuwanderung;
  • erneutes Wachstum seit 1988 aufgrund zugewanderter Spätaussiedler und Übersiedler.

Die DDR war von Beginn an ein Auswanderungsland, dessen Bevölkerungszahl zwischen 1948 und 1989 von 19,1 auf 16,4 Mio. sank – trotz eines Babybooms in den 1960er-Jahren sowie bevölkerungs- und familienpolitischer Fördermaßnahmen, die in den 1970er-Jahren zu steigenden Geburtenzahlen führten.
Die langfristige Entwicklung in Deutschland ist dreifach gekennzeichnet:

  • durch Geburtenrückgang,
  • steigende Lebensdauer und
  • Zuwanderung.

Geburtenrückgang

Die Geburtenentwicklung folgte dem langfristigen Trend in Industriegesellschaften. In knapp einhundert Jahren sank statistisch die durchschnittliche Zahl von Kindern je Frau von knapp 5 auf 1,4 in den 1970er-Jahren. Die einheimische Bevölkerung nimmt ab.
Allein zwischen 1999 (= 100 %) und 2001 wurde die Anzahl der Geborenen auf 95,3 %, die der Gestorbenen nur auf 97,9 % reduziert. Die Anzahl der Eheschließungen verringerte sich auf 90,5 %, die der Scheidungen erhöhte sich auf 103,6 %.

Der Geburtenrückgang hat verschiedene Ursachen, die mit

  • dem Wandel der Familien,
  • Geschlechterbeziehungen und Erziehungsstilen, aber auch
  • mit dem medizinischen Fortschritt,
  • der Wirtschafts- und Arbeitslage und
  • veränderten Lebensplanungen

zusammenhängen.

Altersstruktur

Die Altersstruktur folgt aus

  • Geburtenhäufigkeit,
  • Sterblichkeit,
  • Lebensdauer und
  • besonderen Einschnitten durch Kriege, Krisen oder massenhafte Krankheiten.

In den „Lebensbäumen“ spiegelt sich der Wandel des letzten Jahrhunderts wider, wobei neben den Kriegen die abnehmende Säuglingssterblichkeit und die zunehmende Lebenserwartung wichtige Bestimmungsgrößen sind.
Im 20. Jh. erhöhte sich die Lebensdauer der Deutschen um rund 30 Jahre. Die Lebenserwartung der Ostdeutschen, die zwei bis drei Jahre kürzer als die der Westdeutschen war, nähert sich an. Die durchschnittliche Lebensdauer der Männer ist bis zu sechs Jahre kürzer als die der Frauen, was auf besondere Arbeitsbelastungen und Berufsrisiken der Männer sowie auf einen gesundheitsbewussten Lebensstil der Frauen zurückgeführt wird.
Markantes Merkmal ist die Alterung der Bevölkerung.

  • Der Anteil der Menschen ab 60 Jahre steigt,
  • während der der Jüngeren unter 20 Jahre sinkt.

Die Lebenserwartung wächst bei gleichzeitigem Geburtenrückgang und verschiebt dadurch die Altersstruktur ständig zugunsten der älteren Menschen. Die Revolution der Lebensdauer hat weit reichende Folgen, die zunehmend erörtert werden:

  • eine längere, relativ stabile Lebensplanung wird möglich,
    die drei traditionellen Lebensphasen Ausbildung, Beruf und Altersruhe lassen sich zeitlich und in der Abfolge neu einteilen;
  • Kosten für Gesundheit und Alterssicherung werden noch steigen;
  • die Sicherung der Altersgenerationen mit Renten und Pflege durch Versicherungsbeiträge („Generationenvertrag“) wird brüchig.

Bevölkerungswanderung

Westdeutschland zählt seit 1945 zu den wichtigsten Zuwanderung sländern der Welt. Ostdeutschland nahm zunächst zahlreiche Zuwanderer auf, wurde insgesamt aber bald Auswanderungsland. Die territoriale Mobilität ist dreifach geprägt:

  • durch hohe Ost-West-Wanderung,
  • Ausländerzuzug und
  • häufige Zu- und Fortzüge innerhalb der Landesgrenzen (Binnenwanderung).

Bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges setzte die Ost-West-Bewegung der Deutschen

  • als Flucht vor der Roten Armee ein,
  • gefolgt von der Vertreibung und Umsiedlung aus ost- und südosteuropäischen Siedlungsgebieten sowie
  • den polnisch und russisch verwalteten Gebieten jenseits der heutigen Ostgrenze Deutschlands.

In den beiden neuen Staaten fanden über 12 Mio. Vertriebene und Umsiedler Aufnahme. Die Ost-West-Wanderung setzte sich zwischen 1950 und der Grenzabriegelung zwischen den deutschen Staaten 1961 mit 3,6 Mio. meist Flüchtlingen fort, die aus Ostdeutschland nach Westdeutschland wechselten. 0,5 Mio. Menschen zogen in umgekehrter Richtung.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion stieg die Zahl der Aussiedler von deutschstämmigen Minderheiten z. B. aus Kasachstan und der Ukraine. Zwischen 1988 und 1994 wurden fast 2 Mio. Menschen aufgenommen. Sie trafen mit ihren meist handwerklichen Qualifikationen auf eine hoch entwickelte Wirtschaft, was ihre Integration erschwert.

Die Binnenwanderung ergibt sich aus der regional unterschiedlichen Verteilung von Bildungs-, Erwerbs- und Wohnmöglichkeiten. Hinzu kommt die regionale Vielfalt der Landschaften, Kulturen und Traditionen. Bis in die 1960er-Jahre zogen die Menschen insbesondere in die industriellen Ballungszentren von Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Hessen – vorzugsweise in mittelgroße Städte, während die großstädtische Bevölkerung stagnierte. Vor allem ungleich verteilte Erwerbschancen und ein allgemeines Wohlstandsgefälle sorgten nach der deutschen Vereinigung dafür, dass viele Ostdeutsche in die alten Bundesländer abwanderten, zwischen 1989 und 2000 über 2,6 Mio. Menschen. Dem standen Fortzüge von Westdeutschen nach Ostdeutschland – vor allem Selbstständige und Angestellte – gegenüber, was 1996 und 1997 zu einer nahezu ausgeglichenen Mobilität führte. Die neuen Länder verloren in den zehn Jahren nach 1991 0,5 Mio. Menschen, davon die Hälfte jünger als 30 Jahre.

Seit 1962 sorgen zuwandernde ausländische Arbeitnehmer zunächst aus Italien, dann vor allem der Türkei und Jugoslawien, für eine positive Wanderungsbilanz. Sie war nur in der Wirtschaftsrezession 1966/67 unterbrochen. Die Bundesrepublik verlassen seit den 1960er-Jahren jährlich 0,4 bis 0,6 Mio. Menschen, meist in europäische oder amerikanische Länder. Der starke Anstieg des multiethnischen Anteils an der Bevölkerung war bisher weitgehend auf Westdeutschland beschränkt. Ausländische Arbeitskräfte werden nicht nur für einfache Tätigkeiten benötigt (Green Cards für EDV-Spezialisten). In Handel und Dienstleistung eröffneten sich gute Integrations- und Aufstiegsmöglichkeiten (Ethno-Gewerbe, ausländischer Mittelstand) für Ausländer.

Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 1939–2009

Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 1939–2009

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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