Soziale Schichten, Lagen, Milieus

Sozialstruktur

Sozialstruktur umfasst die Wechselwirkungen und die Stellungen der Gruppen im gesellschaftlichen Gesamtaufbau, bestimmt nach sozial relevanten Merkmalen wie

  • Beruf,
  • Alter,
  • Geschlecht,
  • Bildung,
  • Einkommen und
  • Einfluss.

Die Sozialstruktur ist ein dynamisches, von Veränderungen durchzogenes Gefüge. Dennoch kann die Sozialstruktur für Gesellschaftsmitglieder den Charakter von Objektivität im Sinne von Vorgegebenem annehmen. Um in gegebene gesellschaftliche Ungleichheiten erfolgreich einzugreifen, ist die regelmäßige Analyse der Sozialstruktur notwendig. Das ist vor allem für folgende Aufgaben wichtig:

  • für die Einlösung verfassungsrechtlicher Gebote, z. B. die Einteilung der Wahlkreise mit etwa gleicher Bevölkerungsanzahl oder die Angleichung der Lebensbedingungen in den Regionen und Ländern;
     
  • für fundierte Planungen und Prognosen von Bund, Ländern und Kommunen, z. B. für ein angemessenes Angebot an infrastrukturellen Einrichtungen für die verschiedenen Altersgruppen sowie generell für sozial- und bevölkerungspolitische Maßnahmen;
     
  • zur Klärung des Sachverhalts sozialer Konflikte, z. B. der Anfälligkeit einzelner Gruppen gegenüber dem Rechtsradikalismus.

Bei der Sozialstrukturforschung kommen drei Analyseansätze zum Einsatz. Sie unterscheiden sich in Fragestellung und Methodik. Der traditionelle Ansatz fragt nach Klassen oder Schichten, es gibt neuere Untersuchungen zu sozialen Lagen und zu Milieus.

soziale Schichtensoziale Lagensoziale Milieus
entwickelt in den 1930er-Jahrenentwickelt in den 1980er-Jahrenentwickelt in den 1980er-Jahren
vertikale soziale Ungleichheiten zwischen oben und untenvertikale und horizontale
soziale Ungleichheiten
kultursoziologischer Ansatz
Unterschiede in den objektiven Lebensbedingungen, wie Beruf, Einkommen, Ausbildung, Einfluss, SozialprestigeUnterschiede in den objektiven Lebensbedingungen und bei horizontalen Kriterien, wie Alter, Geschlecht, Kinderzahl, RegionUnterschiede in den Wertorientierungen und Einstellungen zur Arbeit, zu Konsum, Familie und Partnerschaft, zur Politik sowie Unterschiede in den Lebensstilen
GEISSLERs „Haus der Westdeutschen“

Soziale Gruppierungen

Anhand der genannten Kriterien und deren Verbreitung in der Bevölkerung werden soziale Gruppierungen gebildet. Danach wird untersucht, welche der Kriterien welchen sozialen Gruppen typischerweise zuzuordnen sind. Je nach Analyseansatz entstehen

  • Schichtungs-,
  • Lagen- oder
  • Milieumodelle.

Soziale Schichtung

Soziale Schichtung stellt die vertikal-hierarchische Gliederung der größeren Bevölkerungsgruppen dar, die sich durch objektive und subjektive Merkmale (Bild 2) unterscheiden.

Die Soziologen sind schon früh auf die Tendenz der Bevölkerung gestoßen, sich aufgrund

  • sozialer Abstiege aus der Oberschicht und
  • sozialer Aufstiege aus der Unterschicht in der gesellschaftlichen Mitte

zu konzentrieren. Sie versuchten, gesellschaftliche Ungleichheiten in vereinfachenden Modellen zu erfassen. Als Kriterien gelten u. a. der Beruf, Mentalitäten und neuerdings auch ethnische Zugehörigkeit.
Als vereinfachende Modelle entwickelte KARL MARTIN BOLTE beispielsweise die „Zwiebel“ (1967), RALF DAHRENDORF ein „Haus“ (1965).
RALF DAHRENDORF unterschied sieben Schichten, deren Mitglieder sich nach der Position in Wirtschaft und Politik sowie nach Mentalitäten ähneln. Im unteren Teil des von REINER GEISSLER aktualisierten Hauses finden sich die Unterschicht der „sozial Verachteten“ (dauernd Erwerbslose, Unstete, Kriminelle u. a.), die umfängliche Arbeiterschaft und einfache Dienstleister. Im oberen Hausteil sind die Selbstständigen (Mittelstand), die aufgestiegene Arbeiter-Elite, Verwaltungsangestellte und die Elite zu finden.
Auf diesem Grundriss hat GEISSLER das Haus der Westdeutschen (Bild 1) für das Jahr 2000 entworfen. Beide Modelle enthalten Hinweise auf wichtige gesellschaftliche Entwicklungen:

  • die Arbeiterschaft schrumpft, sozial und politisch problematisch ist die instabile große Gruppe der Un- und Angelernten;
     
  • Angestellte und Beamte nehmen inzwischen gut die Hälfte aller Erwerbspositionen ein (Tertiärisierung);
     
  • Integration der ausländischen Bevölkerung über Erwerbstätigkeit.

Die sozialen Schichten in den alten und den neuen Ländern nähern sich an. Eliten und Dienstklasse der DDR lösten sich mit der deutschen Vereinigung auf. Der wirtschaftsstrukturelle Umbruch nach der Vereinigung führte zum Abbau des Großteils der landwirtschaftlichen Arbeitsplätze. Ein neuer Mittelstand bildet sich erst langsam wieder heran. Wenngleich auch Ostdeutschland zur Dienstleistungsgesellschaft tendiert, sieht sich die Bevölkerung weiterhin als „Arbeitnehmergesellschaft“.

Subjektive Schichteinstufung

Soziale Lagen

Soziale Lagen fassen Menschen nach

  • Berufsgruppen (vertikales Kriterium) und
     
  • weiteren Kriterien wie
    – Alter,
    – Geschlecht und
    – Region (horizontale Kriterien) zusammen.

Vor allem in der Wohlfahrtsforschung werden soziale Lagen untersucht. Seit den 1990er-Jahren wird jährlich ein umfassender „Datenreport“ zu den objektiven Lebensbedingungen und dem subjektiven Wohlbefinden im vereinten Deutschland herausgegeben (Bild 3). Dargestellt wird, wie

  • materielle Ressourcen (Einkommen, Besitz u. a.) und
  • Lebenszufriedenheit

in der Bevölkerung verteilt sind. Aus der Kombination der verschiedenen Merkmale entstanden insgesamt 64 Soziallagen.

  • In den unteren problematischen Soziallagen lassen sich Arbeitslose sowie Un- und Angelernte als Gruppen mit geringer materieller Ausstattung, niedriger Selbsteinstufung und hoher Unzufriedenheit identifizieren.
     
  • Den Gegenpol bilden die Soziallagen der leitenden Angestellten und höheren Beamten.
Das Statistische Bundesamt veröffentlicht jährlich einen Datenreport.

Soziale Milieus

Soziale Milieus fassen Menschen mit ähnlicher Lebensauffassung und -lebensweise zu Subkulturen zusammen.

Die Milieuforschung entwickelte sich aus der kommerziellen Markt- und Wahlforschung. Sie arbeitet mit repräsentativen Interviews. Deren Angaben zu

  • Wertorientierungen,
  • Einstellungen,
  • sozialen Beziehungen

werden nach subkulturellen Mustern gruppiert und diese im Schichtungsaufbau verortet.
Die Heidelberger Sinus-Studie ist langfristig angelegt und arbeitet im Ost-West-Vergleich. Die deutsche Bevölkerung ist in zehn Milieus gruppiert (Bild 4).

  • Vertikal wird gezeigt, in welchen sozialen Schichten die Milieus verankert sind;
  • horizontal, welche Grundorientierung das Milieu auszeichnet.

In Deutschland haben die drei Milieus

  • der Etablierten (Konsum-Elite),
  • der Intellektuellen (fortschrittliche Werte-Elite) und
  • der postmateriellen Individualisten

gesellschaftliche Leitfunktionen. In der Unterschicht finden sich neben der traditionellen Lebensweise der Arbeiter die einer starken materialistischen und dabei am Konsum der Mittelschicht orientierten Arbeiterauffassung sowie drittens eine unangepasste junge Gruppierung, die Spaß und Genuss anstrebt (hedonistisches Milieu).
Gesellschaftliche Leitfunktionen beanspruchen aber teilweise unterschiedliche Milieus in Ostdeutschland. Dies sind die Gruppierungen:

  • des protestantisch-konservativen Bildungsbürgertums,
  • der entmachteten DDR-Führungsgruppen sowie
  • diejenigen, die sich an Karriereerfolgen und hohem Status orientieren.

Trends der Milieubildung sind:

  • in der oberen, mittleren und unteren Gesellschaftsschicht bildeten sich unterschiedliche Milieus;
     
  • die subkulturelle Pluralisierung ist in der Mitte am stärksten ausgeprägt;
     
  • der gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel seit den 1980er-Jahren hat Milieus neu hervorgebracht oder anders akzentuiert, z. B. die jüngere gut ausgebildete, mobile Subkultur als adaptives Milieu oder die individualistische Lebensstil-Gruppe des postmodernen Milieus;
     
  • West- und Ostdeutschland gleichen sich an, ostspezifisch bleibt das Milieu der DDR-Elite.

Von den sozialen Milieus lassen sich Lebensstile nur schwer abgrenzen. Auch sie sind subkulturelle Muster alltäglicher Lebensführung. Jedoch rücken sie Fragen des Geschmacks und kulturelle Interessen stärker in den Mittelpunkt und gehen mit sozialer Abgrenzung einher.
Wie die soziologische Erforschung der verschiedenen Aspekte der Sozialstruktur insgesamt belegt, ist die deutsche Gesellschaft ohne integrierte, homogene und politisch organisierte Großgruppen. Die individuellen Freiräume wurden größer und die Vielfalt der sozialen Gruppierungen hat zugenommen, ohne deshalb jegliche Schichtung der sozialen Ungleichheiten aufzuheben.

Soziale Milieus in Deutschland 2009

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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