Jöns Jakob Berzelius

Die Zeit, in der er lebte

In die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts fiel der Beginn der industriellen Revolution, die in England ihren Anfang nahm. Geprägt wurde sie durch Erfindungen und die Entwicklung neuer Maschinen. Zu den Errungenschaften dieser Zeit zählen die Spinnmaschine im Jahre 1764, die mechanischen Webstühle um 1785/86 sowie die doppelt wirkende Dampfmaschine von JAMES WATT aus dem Jahre 1784. Um die Jahrhundertwende entstanden Eisendrehbänke sowie die Eisenhobelbank. Als wichtige Verbindung zwischen den entstehenden Industrie- und Handelszentren gewann zunehmend die Eisenbahn an Bedeutung, und der steigende Bedarf an Eisen und Stahl hatte einen Aufschwung der Eisen- und Stahlindustrie zur Folge. 1790 lief das erste Schiff aus Eisen vom Stapel. Neue Verfahren ermöglichten die Verschwefelung von Steinkohle zu Koks sowie ab 1781 die Herstellung von schmiedbarem Eisen.

Die kapitalistische Produktionsweise kam schrittweise voran, Fabriken mit Maschinen entstanden. 1825 gab es das erste Gaswerk in Deutschland. Bergbau und Hüttenwesen beschritten neue Wege.

Neuerungen gab es auch im Verkehrswesen. Neue Straßen wurden gebaut, Dampfschiffe eroberten ab 1810 die Wasserstraßen und die Eisenbahn entwickelte sich; 1835 wurde die erste Linie Nürnberg-Fürth in Betrieb genommen und 1839 folgte die Strecke Leipzig-Dresden.

Lebenslauf
JÖNS JAKOB BARON BERZELIUS wurde am 20. August 1779 im schwedischen Väversunda Sörgard geboren. Sein Vater war Schuldirektor.

An der Universität in Uppsala begann BERZELIUS 1796 mit seinem Studium der Medizin und widmete sich ab 1799 auch der Chemie. Im Jahr 1802 folgte seine Anstellung als Adjunk der Medizin und Pharmazie am Chirurgischen Institut Stockholm. Noch im gleichen Jahr wurde er Doktor der Medizin. 1806 war BERZELIUS Lektor der Chemie an der Militärschule in Karlsberg und ein Jahr später wurde er Professor an der Chirurgischen Schule in Stockholm.

BERZELIUS zählt zu den klassischen Chemikern, der die Chemie beeinflusste und ihre Entwicklung über mehr als fünf Jahrzehnte hinweg bestimmte. Schon im Jahr 1803 gelang ihm gemeinsam mit HISINGER die Entdeckung des Elements Cerium, welches er in einem schwedischen Mineral fand. Etwa zur gleichen Zeit stieß unabhängig von BERZELIUS auch KLAPROTH auf dieses Element.

In den Jahren 1807 bis 1812 führte BERZELIUS umfangreiche experimentelle Arbeiten durch. Mit ihren Ergebnissen konnte er schließlich eine Tabelle der Atom- und Verbindungsmassen zusammenstellen und sie 1814 publizieren. Gleichzeitig begründete er das Gesetz der einfachen und der multiplen Proportionen.

BERZELIUS verfügte über hervorragende analytische Fähigkeiten. Dank dieser Fähigkeiten konnte er entscheidend zur Verbesserung der Labortechnik beitragen. Er bemühte sich um die organische Elementaranalyse und die Verbreitung der Lötrohranalyse, machte sich um die Mineralogie verdient und führte Reagenzgläser, Spritzflaschen, Glastrichter, Bechergläser, Platingeräte und das Fließpapier ein. Mit seiner Arbeit an der Verbesserung der Labortechnik schuf BERZELIUS die Grundlage für die moderne chemische Analyse.

Schon 1802 erkannte er, dass Alkalisalze zu anderen Verbindungen umgesetzt werden, wenn man sie elektrischem Strom aussetzt. Ausgangspunkt hierfür war die Entdeckung der VOLTAschen Säule. Sechs Jahre später erhielt er Calcium- und Bariumamalgam, als er zusammen mit PONTIN Kalk- und Baryerde elektronisch zerlegte. 1819 veröffentlichte er seine auf diesen Erkenntnissen beruhende elektrochemische Theorie und gilt seither als der Schöpfer des „dualistischen“ Systems. Nach Meinung BERZELIUS' ist die Elektrizität das „Primum movens“ der chemischen Tätigkeit. Er ging davon aus, dass die Verwandtschaft als Folge der elektrischen Eigenschaften der kleinsten Teilchen die Vereinigung zweier Atome bewirkt. Je nachdem welcher Pol in den Körpern vorherrschend ist, unterteilte BERZELIUS die Körper in elektropositive und elektronegative Körper. Dabei zählte er den Sauerstoff zu den elektronegativsten Körpern und bezeichnete seine Verbindungen als Säuren und Oxide. In seinen Augen beruhte die Neutralisation auf dem Ausgleich der entgegengesetzten Elektrizitäten.

Entsprechend seines Systems führte BERZELIUS die Elemente in einer elektronischen Spannungsreihe auf. Verdient machte sich BERZELIUS auch um die Einführung einer neuen chemischen Zeichensprache. Dabei ging er von seinen Erfahrungen aus und verwendete für seine Zeichensprache die Anfangsbuchstaben der Elemente. Diese neue Zeichensprache war den alten Symbolen weit überlegen, da sie auch die quantitative und qualitative Zusammensetzung der Elemente verdeutlichte. Unter dem Titel „Experiments on the Nature of Hydrogen and of Ammonia“ veröffentlichte er seinen Vorschlag.

Die inzwischen bewährte dualistische Anschauung übertrug BERZELIUS auf anorganische Verbindungen und fand entsprechend dieses Systems die Bezeichnungen dieser Verbindungen. Er unterteilte sie schließlich nach Ordnungen. Auf BERZELIUS gehen die Bezeichnungen Halogene, Natrium, Pikrinsäure, Benzen, Kakodyl, Antimonsäure, Methyl und Toluol zurück. Auch die Begriffe Isomerie, Katalyse, organische Chemie und Allotropie stammen von BERZELIUS. Im Übrigen zählen die Entdeckung neuer Verbindungen und Elemente zu seinen wichtigsten Leistungen.

1817 fand ARFVEDSON, ein Schüler BERZELIUS', das Element Lithium, BERZELIUS selbst entdeckte ein Jahr später Selen. Auch die Elemente Zirkonium, Silicium und Tantal (1824), Titanium (1825) und Thorerde (1829) konnte erstmals BERZELIUS darstellen. Die anorganische Chemie wurde mit zahlreichen Aspekten zu seinem Arbeitsfeld. So untersuchte er 1818 bis 1825 die Molybdänsäure, 1824 Fluorverbindungen, 1827 Chromylchlorid und 1828 Platin. In den Jahren 1831 bis 1833 konzentrierte sich BERZELIUS auf die Untersuchung von Tellur und seinen Verbindungen und 1834 folgten die Untersuchung von Meteoritensteinen, die Untersuchung des Vanadiums sowie die Herstellung von Ferrosilicium.

Neben all diesen Arbeiten entwickelte er ein neues System zur Einteilung der Minerale nach ihrer Zusammensetzung und bereicherte damit die Mineralogie.

Ein weiteres großes Gebiet seiner Arbeit war die organische Chemie. So gelang es BERZELIUS 1806 aus Muskelfleisch die Fleisch-Milchsäure, 1812 aus der Milch das Casein, 1815 aus Pflanzenteilen Stärkekörner sowie aus der Citronensäure die Aconitsäure (Propen-1,2,3-tricarbonsäure) zu isolieren. Daneben entdeckte BERZELIUS 1835 die Brenztraubensäure. In weiteren Arbeiten beschäftigte er sich mit den Farbstoffen in Blättern und Beeren (1837), mit dem Chlorophyll (1838) und schließlich mit der Galle (1839-1841).

BERZELIUS führte in seinem Leben umfangreiche Korrespondenzen. Daneben unternahm er verschiedene Reisen, so 1813 nach England, 1819 nach Frankreich, 1822 nach Böhmen. Mehrfach besuchte er auch Deutschland. Außerdem widmete er sich in Stockholm umfassend der Ausbildung ausländischer Chemiker und nahm so großen Einfluss auf die Chemiker dieser Generation in ganz Europa. MAGNUS und WÖHLER, MITSCHERLICH, ROSE und GMELIN zählten zu seinen bedeutendsten Schülern. WÖHLER zum Beispiel hatte 1824 die Möglichkeit, im Labor von BERZELIUS die Harnstoffsynthese zu beobachten, erkannte jedoch die entstandene Substanz noch nicht.

1832 war BERZELIUS gezwungen, seine Professur aufzugeben, denn seine Gesundheit hielt der Belastung durch seine Aufgaben nicht mehr stand. Im 19. Jahrhundert übernahm man dann das von BERZELIUS entwickelte neue Unterrichtssystem. In diesem System kam der experimentellen Ausbildung eine weitaus größere Bedeutung zu als dies bisher der Fall war.

BERZELIUS starb am 7. August 1848 in Stockholm.

Bedeutende Leistungen

  • Verbesserung der Labortechnik
  • Ausbildung bedeutender Chemiker Europas
  • Erarbeitung einer erstaunlich genauen Tabelle der Atom- und Verbindungsmassen
  • Entdeckung neuer Elemente
  • Entwicklung eines neuen Systems der Bezeichnung der Elemente; Symbole sind noch heute gültig und spiegeln den Charakter des jeweiligen Elements wieder
  • Große Verdienste um die Erforschung der organischen und anorganischen Chemie sowie um die Mineralogie

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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