Die Erfassung der Vielfalt

Die Erfassung der Vielfalt

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde das durch Aufsammlungen, Beobachtungen und genaue Untersuchungen zusammengetragene biologische Material immer vielfältiger. Die Eroberung erdumspannender Kolonialreiche hatte zur Folge, dass Sammlungen exotischer Tiere und Pflanzen in großer Zahl nach Europa gebracht wurden. Um diese Fülle wissenschaftlich zu bewältigen, war dringend ein geeignetes Ordnungssystem erforderlich. Mehrere Versuche zur Entwicklung solcher Systeme wurden unternommen, zum Beispiel von dem Basler GASPARD BAUHIN (1560–1624) oder von dem Engländer JOHN RAY (1628–1705).

Am erfolgreichsten gelang dies jedoch dem jungen schwedischen Naturwissenschaftler CARL VON LINNÉ (1707–1778) mit seiner 1735 zum ersten Mal erschienenen „Systema naturae“. In diesem System der Natur werden alle Pflanzen, Tiere und Mineralien in ein hierarchisch gegliedertes System von Arten, Gattungen, Ordnungen und Klassen eingeteilt.
Die erste Auflage umfasste nur 10 Seiten, die 1758 erschienene 10. Auflage 2 500 Seiten! LINNÉ führte sehr konsequent die wissenschaftliche Benennung aller Tier- und Pflanzenarten mit zwei lateinischen Namen ein (binäre Nomenklatur). Er setzt sich zusammen aus dem großgeschriebenen Gattungsnamen (z. B. Quercus für Eiche) und dem kleingeschriebenen Beiwort (Epitheton), für die Stiel-Eiche Quercus robur.

Mithilfe des linnéschen Systems war es möglich geworden, alle Pflanzen und Tiere eindeutig zu beschreiben und zu ordnen. Dies war eine wichtige Voraussetzung für die Erfassung der biologischen Vielfalt.
Dank seiner in alle Welt reisenden Schüler ist die Zahl der beschriebenen Arten schon zu LINNÉs Lebzeiten enorm angestiegen, doch im 19. Jh. wurden in kurzer Zeit noch größere Fortschritte erzielt.
Diese systematische Erforschung der Biodiversität (biologische Vielfalt) war eine wichtige Voraussetzung für neue Wissensgebiete der Biologie, die sich im 19. Jahrhundert entwickelten, insbesondere für die Biogeografie, die Ökologie und die Evolutionslehre.

Zur Bedeutung von Systematik und Taxonomie

Systematik als Ordnungs- und Einteilungsmethode, um Vielfalt für unser Gehirn überschaubarer zu machen, ist ein ganz grundlegendes Prinzip aller Wissenschaften, eigentlich sogar allen Lernens. Nur dadurch gelingt es uns, zunächst unüberschaubar erscheinende Vielfalt zu erfassen. Für das Leben und die Lebewesen ist diese Vielfalt – die Biodiversität – besonders charakteristisch. In der 10. Auflage seiner Systema naturae kam LINNÉ 1758 immerhin auf 12 736 Arten. Er war Botaniker, deshalb wohl waren etwa zwei Drittel davon Pflanzen. Heute kennt man nahezu 2 Millionen Arten, drei Viertel davon sind Tiere. Aber man ist sicher, dass viele, wahrscheinlich die meisten Arten noch unbekannt sind. Durch die Einführung eines formalen Systems machte LINNÉ die Vielfalt des Lebens zum möglichen Forschungsgegenstand, mit LINNÉ begann ihre Bestandsaufnahme und mit LINNÉ wurde Formenkenntnis zu einem ernst genommenen, wichtigen Bildungsgut. Ohne LINNÉs System hätte man die 2 Millionen Arten in den 250 Jahren seit 1758 nicht entdecken und beschreiben können. Deshalb ist es auch heute noch sinnvoll, wenn man Vielfalt vermitteln will, mögliche Ordnungssysteme in den Blick zu nehmen.

Viele Fragen zu qualitativen und quantitativen Aspekten der biologischen Vielfalt sind nicht geklärt. Nach wie vor stehen sich extreme Ansichten gegenüber: Gibt es 2 Millionen oder 200 Millionen Arten? Immerhin werden auch heute noch, 250 Jahre nach LINNÉs Systema naturae, nicht nur neue Mikroben sondern sogar neue Wirbeltiere und Baumarten entdeckt, z. B. 2005 5 Palmenarten und 20 Froscharten in den Foja-Bergen Neuguineas.
Alle Fachleute sind sich aber einig darüber, dass das von der menschlichen Zivilisation verursachte Aussterben von Arten eine katastrophale Dimension angenommen hat. In der Folge der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro wurde deshalb schon 1993 ein „Übereinkommen zum Schutz der biologischen Vielfalt“, die sogenannte Biodiversitätskonvention (Convention on Biological Diversity – CBD) getroffen. Dieses Abkommen wurde mittlerweile von 188 Staaten – auch von der EU – unterzeichnet und in deren Gesetzgebung übernommen.

Es gibt jedoch ein Problem: Immer weniger Wissenschaftler sind Systematiker bzw. Taxonomen, also Personen, die als Experten für einzelne systematische Gruppen von Lebewesen gelten können, Wissenschaftler, die in der Nachfolge LINNÉs Tier- oder Pflanzenarten, Algen oder Einzeller bestimmen und eventuell neu beschreiben können. Solche Wissenschaftler sind aber dringend notwendig für Bestandsaufnahmen und diese Bestandsaufnahmen wiederum sind eine Voraussetzung für den Schutz der biologischen Vielfalt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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