Rudolf Virchow

Leben und Wirken von Rudolf Virchow

RUDOLF VIRCHOW wurde am 13.10.1821 in Schivelbein (Hinterpommern, heute: Swidwin/Polen) geboren. Er wuchs dort auf, besuchte die Stadtschule und später das Gymnasium in Köslin. Der Vater, ein einfacher Kaufmann, konnte seinem einzigen Sohn kein reguläres Universitätsstudium finanzieren. Mit 18 Jahren wurde der begabte und ehrgeizige VIRCHOW deshalb Stipendiat an der Militärärztlichen Akademie (Pépinière) in Berlin. 1943 legte er seine Dissertation „Über den Rheumatismus, insbesondere die Hornhaut“ vor, arbeitete anschließend als „Kompanie-Chirurg“, ab 1844 in der Prosektur (Leichenhaus) der Berliner Charité.

Als engagierter Linksliberaler und Republikaner äußerte sich RUDOLF VIRCHOW früh zur „sozialen Frage“, in offiziellem Auftrag schrieb er 1848 einen Bericht über die „Hungertyphus“-Epidemie in Oberschlesien. Im gleichen Jahr beteiligte er sich aktiv an den Barrikadenkämpfen in Berlin und wurde nach der gescheiterten „Märzrevolution“ vom preußischen Staat gemaßregelt. Sein Gehalt wurde gekürzt, seine Dienstwohnung gekündigt. 1849 verließ er Berlin und folgte einem Ruf an die Universität Würzburg. Erst 1856 kehrte er als Direktor des neu gegründeten Pathologischen Instituts der Charité nach Berlin zurück.

RUDOLF VIRCHOW leitete das bald weltberühmte Institut über 46 Jahre und etablierte in dieser Zeit die Pathologie als akademische Disziplin. Mit seiner Schrift „Die Cellularpathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre“ (1858) begründete er eine neue naturwissenschaftliche Krankheitslehre. 1863 bis 1867 erschien das dreibändige Werk „Die krankhaften Geschwülste“. Die moderne Medizin verdankt VIRCHOW eine Reihe von bedeutenden Entdeckungen, so zu Erkrankungen des Blutes (Leukämie), zur Ursache und Entstehung von Embolien und Thrombosen.

Politik sei „Medicin im Grossen“. Unter dieser Maxime engagierte sich VIRCHOW als Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung für die Errichtung von öffentlichen Krankenhäusern und den Ausbau der staatlichen Gesundheitsfürsorge. Er führte die obligatorische Fleischbeschau in Schlachthöfen ein und initiierte in Berlin den Bau einer Stadtkanalisation mit zentraler Wasserentsorgung (Rieselfelder). 1865 forderte OTTO VON BISMARCK (1815-1898), damals preußischer Ministerpräsident, den Landtagsabgeordneten VIRCHOW nach einer Budget-Debatte zum Duell, glücklicherweise konnte dieses durch Vermittlung vermieden werden.

In seinen späteren Jahren widmete sich RUDOLF VIRCHOW verstärkt der Ethnologie, Anthropologie und der Ur- und Frühgeschichte. Er begleitete HEINRICH SCHLIEMANN (1822-1890) bei den Grabungen in Hissarlik (Troja), förderte wissenschaftliche Sammlungen und unterstützte den Bau des Ethnologischen und Völkerkundemuseum in Berlin. Seine Leistungen wurden schon zu Lebzeiten durch zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt. 1902 starb RUDOLF VIRCHOW an den Folgen eines Oberschenkelhalsbruches, den er sich beim Einstieg in eine Straßenbahn zugezogen hatte.

Wissenschaftliche Arbeit

Schon 1839 hatte der Physiologe THEODOR SCHWANN (1810-1882) im Austausch mit dem Botaniker MATHIAS JAKOB SCHLEIDEN (1804-1881) eine erste allgemeine Zellentheorie formuliert. SCHWANN untersuchte mit einem stark vergrößernden Mikroskop Tierzellen, während SCHLEIDEN Strukturen und Aufbau der pflanzlichen Zelle erforschte. Beide fassten die Zelle als eine Art „Elementarorganismus“ auf, als einheitliche Grundform aller Tiere und Pflanzen. Noch unklar war, wie sich Zellen vermehren und auf welche Weise sich komplexe Gewebe und Zellstrukturen organisieren.

RUDOLF VIRCHOW griff die Gedanken seiner Vorgänger auf und erarbeitete in seinen sieben Würzburger Jahren (1849-1856) die Grundlagen der Zellularpathologie . Nach der Rückkehr an die Charité trug er das ausformulierte Konzept seinen Studenten vor und veröffentliche es 1858 in Buchform. Die Zelle war für ihn die kleinste autonome Einheit des gesunden wie des kranken Lebens, das „letzte eigentliche Form-Element aller lebendigen Erscheinung“. Sie wurde zur Grundlage einer vom ihm neu aufgestellten, naturwissenschaftlichen Krankheitslehre.

RUDOLF VIRCHOW gewann seine Erkenntnisse durch die Untersuchung von Zellen des Knorpel-, Knochen- und Bindegewebes. Der erste Teil seines Konzepts, die Sukzessionslehre, lässt sich im Satz „omnis cellula a cellula“ (jede Zelle entsteht aus einer Zelle) zusammenfassen. Im zweiten Teil definierte er die Zelle als kleinste lebende Einheit des Organismus - ähnlich dem Atom, das als die kleinste unteilbare Einheit der Materie erkannt wurde. Damit wurden erstmals alle Strukturen und Funktionen des Organismus auf eine letzte Matrix, nämlich die Zelle, zurückgeführt.

Als überzeugter Republikaner verglich VIRCHOW die Kooperation der Zellen in einem Organismus in Analogie zu einem Staat: Die Grundeinheiten des Lebendigen, die Zellen, organisieren sich zu sozialen Zellgefügen. Sie bilden, als wohlorganisierter Zellenstaat, dabei einfache als auch höher strukturierte Gewebe wie Muskel, Nerven und Blut aus. Bei Gesundheit herrsche im Körper ein „demokratisches“ Gleichgewicht, das durch krankhafte Veränderungen der Zellgebilde gestört werden kann. Diese pathologischen Abweichungen, die örtlich wie materiell gebunden sind, lassen sich durch chemische wie auch physikalische Messungen nachweisen.

RUDOLF VIRCHOW verfolgte das große Ziel, die „Errungenschaften aller wissenschaftlichen Schulen“ unter einer „Einheitslehre“ zusammentragen und ihr eine allgemein gültige, materialistische Basis zu geben. Das war ihm mit der Zellularpathologie gelungen. Sie war auch der Versuch, den Begriff der Krankheit zu objektivieren. Er selbst sprach von einer „Pathologie der Zukunft“ und sah in ihr eine Integration alter, bewährter Heilkunst mit neuen Erkenntnissen aus Chemie, Physik und Biologie.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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