Vitalismus und Mechanismus

Als 1744 der französische Erfinder und Konstrukteur JACQUES DE VAUCANSON (1709–1782) eine „künstliche Ente“ baute, die laufen, schwimmen und schnattern konnte, ja sogar Nahrung aufnahm und wieder von sich gab, erzielte er damit große Erfolge. Niemand kam aber auf den Gedanken, diese Maschine wirklich mit einer lebendigen Ente gleichzusetzen. Auch heute noch, im Zeitalter der Computer und der Informationstechnik, fällt es uns im Allgemeinen nicht schwer, Lebendiges von nicht Belebtem zu unterscheiden.

Bis heute trennt man in der Chemie, der Wissenschaft von den Stoffen, die „organische Chemie“ von der „anorganischen Chemie“. Die organische Chemie beschäftigt sich mit Stoffen, die von Lebewesen produziert werden und in Lebewesen zu finden sind, die anorganische Chemie mit der unbelebten Materie. Diese Unterscheidung geht auf eine Zeit zurück, als es allgemeine Annahme war, dass Materie alleine nicht ausreicht, um Lebendiges zu formen. Vielmehr würde es dazu einer besonderen „Lebenskraft“ bedürfen, die dem Unbelebten erst Leben „einhaucht“. Erst die sichtbare Materie zusammen mit dem Unsichtbaren – der Lebenskraft, dem Geist, der Seele – können etwas Lebendiges, ein Lebewesen, formen.
Diese Vorstellung kommt auch der Erfahrung nahe, die wir von unserem eigenen Dasein haben. Wir haben das Gefühl, dass unser Körper von etwas Nichtstofflichem „bewohnt“ und „gesteuert“ wird. Damit verbindet sich für viele Menschen auch die Vorstellung, dass beim Tod nur der stoffliche Körper stirbt, das Nichtstoffliche, die Seele, aber weiter besteht.

Die Auffassung, dass Leben auf zwei Bestandteilen beruht, nennt man „dualistisch“. Sie ist auch in vielen Religionen, insbesondere in den großen Weltreligionen, fest verankert.
Demgegenüber steht die Auffassung, dass es keine Trennung zwischen Materie und Geist gibt. Danach sind auch alle das Leben kennzeichnenden sowie alle seelischen und geistigen Erscheinungen bereits im Stofflichen, in der Materie, enthalten. Anders ausgedrückt: Die durch physikalische Gesetze bestimmten Wechselwirkungen der Materie in Raum und Zeit reichen auch für die Erklärung aller Lebenserscheinungen aus. Das, was wir als Bewusstsein, Geist oder Seele empfinden, existiert nicht unabhängig von stofflichen Vorgängen. Es ist vielmehr eng mit der Materie verbunden. Man nennt diese Sicht „monistisch“ oder „materialistisch“.

Die "künstliche Ente" von JACQUES DE VAUCANSON (1709–1782)

Auf dem Weg zu einer materialistischen Erklärung des Lebens

Nachdem durch Arbeiten von ANTOINE LAURENT LAVOISIER (1743–1794) und JOSEPH PRIESTLEY (1733–1804) die chemische Zusammensetzung der Luft aufgeklärt worden war, gelang JAN INGENHOUSZ (1730–1799) und THEODORÉ DE SAUSSURE (1767–1845) die Aufklärung der Gasaustauschvorgänge bei den Pflanzen und damit auch die grundsätzliche Klärung der Fotosynthese.

JOSEPH PRIESTLEY (1733–1804)

FRIEDRICH WÖHLER (1800–1882) konnte 1828 den bis dahin als „organisch“ geltenden und damit nach vitalistischer Auffassung nur in Lebewesen erzeugbaren Harnstoff aus dem „anorganischen“ Ammoniumcyanat synthetisieren.
Dies lieferte den Mechanisten ein wichtiges Argument gegen die von den Vitalisten angenommene besondere „Lebenskraft“.

Erst im 19. Jh. wurde der zelluläre Aufbau der Lebewesen, die Zellteilung und die Zellverschmelzung bei der Befruchtung geklärt. Basierend auf den 1900 wiederentdeckten mendelschen Vererbungsregeln lieferte die von WALTER S. SUTTON (1877–1916) und THEODOR BOVERI (1862–1915) 1903 formulierte Chromosomentheorie der Vererbung eine abschließende Erklärung auf zellulärer Ebene.

Erst folgende Entwicklungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass vitalistische Erklärungsmodelle aufgegeben wurden:

  1. Die Genetik lieferte mit der Vorstellung des steuernden „genetischen Programms“ eine neue Erklärung für Entwicklungsvorgänge.
  2. Die Evolutionstheorie konnte mit der Anpassungsselektion die Anpassung von Lebewesen an Umweltbedingungen erklären.
  3. Biochemische und elektronenoptische Untersuchungen lieferten ein neues, sehr komplexes Bild des Zellplasmas, dem man vorher als „Protoplasma“ vitalistische Eigenschaften zugeschrieben hatte.

Alle Versuche der Vitalisten, die Existenz einer nichtmateriellen Lebenskraft zu beweisen, waren gescheitert.

Im Mai 2010 wurde von dem US-amerikanischen Wissenschaftler CRAIG VENTER (*1946) und seinem Team veröffentlicht, dass lebens- und vermehrungsfähige Bakterien erzeugt werden konnten, bei denen das bakterieneigene Genom vollständig gegen ein synthetisch hergestelltes Genom ausgetauscht worden war.

FRIEDRICH WÖHLER (1800–1882)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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