Antony van Leeuwenhoek

ANTONY VAN LEEUWENHOEK wurde in eine Zeit geboren, in der die anatomisch-physiologische Forschung ihre Grenze erreicht hatte. Zur Weiterentwicklung war es notwendig geworden, in das Innere von Organismen, in Mikrostrukturen einzudringen. Aber die technischen Möglichkeiten des beginnenden 17. Jahrhunderts waren noch nicht so weit entwickelt.

Vergrößerungseffekte kannten zwar schon die alten Griechen, sie füllten zu diesem Zweck hohle Glaskugeln mit Wasser, aber erst im 17. Jahrhundert konnte man diese Effekte nutzen. Auch die Kunst des Linsenschleifens kam erst in dieser Zeit auf. Die Niederländer waren darin Meister. Sie waren es auch, die erste Fernrohre und Mikroskope bauten.

Kindheit, Schule und Ausbildung

ANTONY VAN LEEUWENHOEK wurde am 24. Oktober 1632 als fünftes Kind des wohlhabenden Korbmachers PHILIPS VAN LEEUWENHOEK und seiner Frau MARGARETHA in Delft geboren. Als ANTONY fünf Jahre alt war, starb der Vater, wenige Jahre später heiratete seine Mutter ein zweites Mal. Etwa um 1640 wurde er auf ein Gymnasium in Warmont bei Leiden geschickt; danach lebte er bei einem Onkel, der in Benthuizen als Rechtsanwalt arbeitete. ANTONY wurde jedoch nicht für den Beruf eines Juristen erzogen, was u. a. daran erkennbar ist, dass er kein Latein lernte. Zeitlebens sprach, schrieb und verstand er ausschließlich niederländisch.

ANTONY VAN LEEUWENHOEK (1632–1723)

ANTONY VAN LEEUWENHOEK (1632–1723)

Beruflicher und privater Werdegang

1648 starb sein Stiefvater und ANTONY VAN LEEUWENHOEK ging nach Amsterdam, um dort in die Lehre bei einem Tuchhändler zu gehen. 1654 kehrte er nach Delft zurück, wo er im väterlichen Geschäft ein eigenes Tuchhandelsgeschäft eröffnete. Im gleichen Jahr heiratete er BARBARA DE MEY, die Tochter eines englischen Kaufmanns. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor, die alle bis auf die Tochter MARIA in frühester Kindheit starben.

1660 wurde VAN LEEUWENHOEK Beamter der Stadt Delft und 1677 sogar Oberstadtdirektor. 1660 erhielt er zu seinem Tuchhandel den Posten eines Kammerherrn im Rathaus von Delft, was heutzutage wohl annähernd mit der Position eines Hausmeisters zu vergleichen ist: LEEUWENHOEK hatte den Versammlungssaal des Stadtrates instand zu halten, zu säubern und zu heizen. Jedoch bedeutete dieser Posten auch eine Vertrauensstellung der Stadtregierung. Das geht daraus hervor, dass VAN LEEUWENHOEK im September 1676 damit beauftragt wurde, als Treuhändler die finanziellen Verhältnisse des Malers JAN VERMEER zu ordnen, der – im gleichen Jahr wie VAN LEEUWENHOEK in Delft geboren – mit 43 Jahren stark verschuldet gestorben war und eine Witwe mit acht unmündigen Kindern hinterlassen hatte.

1669 wurde VAN LEEUWENHOEK außerdem als Landvermesser zugelassen, nachdem er die dafür notwendigen Kenntnisse in einer Prüfung vor dem Mathematiker G. BAEN unter Beweis gestellt hatte. Es ist jedoch nicht bekannt, ob VAN LEEUWENHOEK je in diesem Beruf tätig geworden ist. 1679 wurde er zum Eichmeister ernannt: Er hatte alle Weine und Spirituosen, die in die Stadt geliefert wurden, zu prüfen.

1666 starb VAN LEEUWENHOEKs Frau, 1671 heiratete er CORNELIA SWALMIUS. Nach dem Tod seiner zweiten Frau im Jahre 1694 führte ihm die unverheiratet gebliebene Tochter Maria bis zu seinem Lebensende den Haushalt.

Wissenschaftliche Leistungen

Seine große Leidenschaft galt den Linsen. Er erlernte das Schleifen von Linsen und die Möglichkeit ihrer Kombination und erzielte dabei eine große Kunstfertigkeit. Er baute Mikroskope mit einem Auflösungsvermögen, das weitaus höher war als das seiner Vorgänger und mit denen man in Bereiche vordringen konnte, die biologisch sehr interessant waren.

Er stellte aus selbst geschliffenen Linsen bzw. Vergrößerungsgläsern, wie sie Tuchmacher benutzten, um die Stoffqualität zu beurteilen, einfache Mikroskope her, indem er die Linsen zwischen Metallfassungen miteinander verband. Damit konnte er Objekte mit einer bis zu 275-fachen Vergrößerung betrachten, was die Leistung der ersten mehrlinsigen Mikroskope bei Weitem übertraf. Jedoch erst ab 1671, im Alter von 39 Jahren, und durch seine vielen Ämter finanziell abgesichert, begann VAN LEEUWENHOEK ernsthaft mit naturkundlichen Studien.

Im Umgang mit seinen Mikroskopen und Linsen war VAN LEEUWENHOEK sehr genau: Seine Methode der Linsenschleiferei betrachtete er als sein unverkäufliches Privatgeheimnis und andere Personen durften seine Mikroskope nur in seiner Gegenwart benutzen. Seine besten Instrumente gab er nie aus der Hand. Seine Linsen fertigte er nur aus bestem Glas, Bergkristall oder sogar Diamanten.

Da VAN LEEUWENHOEK keine systematische naturwissenschaftliche Ausbildung hatte, begann er seine mikroskopischen Untersuchungen wahllos an verschiedenen Objekten. Er betrachtete z. B. das Bein eines Käfers, den Stachel der Biene und den Rüssel der Mücke. Aber mit der Zeit verstärkte sich der Wunsch nach biologischem Sachwissen und er erwarb selbstständig umfangreiches Wissen in den verschiedensten Disziplinen der Zoologie.

Bei seinen vielfältigen Betrachtungen unter dem Mikroskop hatte VAN LEEUWENHOEK in Heuaufgüssen Mikroorganismen beobachtet, die er als „animalcula“bezeichnete. Ein Freund, der Arzt und Anatom REGNIER DE GRAAF, riet ihm, seine Beobachtungen der Londoner Royal Society mitzuteilen. Das tat er dann auch. Er beschrieb seine Beobachtungen ungefähr so: Er sah „eine unglaubliche Menge verschiedenstartiger winziger 'Dierkens', die sich recht zierlich bewegten, hin und her, sowie vorwärts und zur Seite taumeln“.

Seine weiteren Beschreibungen erschienen der erlauchten Gesellschaft doch sehr unglaubwürdig. Sie beauftragten ihre beiden Schriftführer, den Physiker ROBERT HOOKE (1635–1703) und den Botaniker NEHEMIAH GREW (1641–1712), für die Royal Society ein Mikroskop bester Qualität von VAN LEEUWENHOEK zu erwerben. Das klappte aus oben genanntem Grund nicht. Aber HOOKE und GREW konnten sich von der Richtigkeit der Angaben VAN LEEUWENHOEKs überzeugen. Das brachte ihm die Mitgliedschaft in der Royal Society ein. Ab 1673 berichtete VAN LEEUWENHOEK in Briefen (deren Gesamtzahl 190 betrug) über seine Entdeckungen an die damals berühmteste wissenschaftliche Gesellschaft, die Royal Society, in London. Dort prüfte man seine Angaben nach und fand sie in allen Punkten bestätigt. Als Anerkennung für seine Entdeckungen wurde VAN LEEUWENHOEK 1680 zum Mitglied der Gesellschaft ernannt, seine Arbeiten wurden gefördert, und er wurde von bedeutenden Forschern und auch königlichen Häuptern seiner Zeit besucht. 1699 wurde er korrespondierendes Mitglied der Pariser Akademie.

Seine Mikroskope verschafften ihm schließlich solchen Weltruhm, dass viele berühmte Gelehrte, unter ihnen LEIBNIZ, sowie gekrönte Häupter wie ZAR PETER DER GROSSE die Mühe auf sich nahmen, ihn zu besuchen, um durch seine Lupen und Mikroskope einen Blick in die Wunderwelt des bis dahin Unsichtbaren zu werfen. CONSTANTIN HUYGENS in einem Brief an seinen Bruder CHRISTIAN HUYGENS (1629–1695), den bekannten Astronomen und Mathematiker: „Jeder beeilt sich hier, LEEUWENHOEK, den großen Mann des Jahrhunderts, zu besuchen.“

Diese Mikroskope des holländischen Tuchmachers und experimentellen Amateurforschers VAN LEEUWENHOEK und sein Interesse an der Natur führten u. a. zu grundlegenden Entdeckungen über Einzeller, rote Blutkörperchen, das Kapillarsystem und Lebenszyklen von Insekten.

Die Leeuwenhoekia australiensis, eine in Australien vorkommende Milbe, ist nach ihm benannt worden.

1668 sah er als Erster die roten Blutkörperchen und bestätigte damit die Entdeckung des Kapillarsystems durch den italienischen Anatomen und Physiologen MARCELLO MALPIGHI (1628–1694) im Jahre 1661. Mit seinem Mikroskop konnte VAN LEEUWENHOEK zeigen, wie die roten Blutkörperchen durch die Kapillaren eines Kaninchenohres und eines Froschbeines zirkulierten; 1673 veröffentlichte LEEUWENHOEK eine ausführliche Beschreibung der Körperchen, die er im Blut des Menschen, anderer Säugetiere, bei Amphibien und Fischen beobachtet und gezeichnet hatte. Allerdings erkannte er noch nicht die Funktion der Blutkörperchen zum Sauerstofftransport.

Um 1674 beobachtete VAN LEEUWENHOEK einzellige Organismen (vor allem Einzeller und wahrscheinlich erstmals Bakterien) in der Luft, im Regenwasser, im Wasser der Tümpel und im menschlichen Speichel – beide nannte er „animacules“.Er sah sie unter dem Mikroskop als sich bewegende Objekte, als kleine Tiere, und er nannte sie ahnungsvoll „ekelhafte Bestien“.

Im Jahr 1683 beobachtete VAN LEEUWENHOEK im Zahnbelag des Menschen winzige Lebensformen. Sie waren weitaus kleiner als seine „animalcula“.Er konnte sie aber nur ungenau erkennen, beschreiben und zeichnen, weil die Leistungsfähigkeit seiner Mikroskope noch nicht ausreichte. Es besteht jedoch heute kein Zweifel daran, dass VAN LEEUWENHOEK einer der ersten Menschen war, der Bakterien gesehen hatte, die erst 200 Jahre später als solche erkannt wurden.

Zusammen mit seinem Schüler LUDWIG VAN HAM entdeckte er 1676 die Spermatozoen bei Menschen, Hund und Kaninchen. 1677 beschrieb LEEUWENHOEK erstmals die Spermatozoen (Samenzellen) von Insekten und Menschen. Er wandte sich gegen die vorherrschende Theorie der Spontanzeugung und zeigte, dass Kornkäfer, Flöhe und Muscheln nicht aus Weizenkörnern oder Sand entstehen, sondern sich tatsächlich aus winzigen Eiern entwickeln. Er beschrieb den Lebenszyklus von Ameisen und erkannte, dass die Larven und Puppen sich aus Eiern bilden. Er entdeckte die Querstreifung des Muskelgewebes und untersuchte außerdem den Feinbau der Pflanzen unter dem Mikroskop.

Leider hatte die Geheimniskrämerei VAN LEEWENHOEKs bezüglich seiner Kunst des Linsenherstellens auch gewisse Nachteile, sodass die Bakterien erst wieder beobachtet werden konnten, als es im 19. Jahrhundert gelang, bessere mehrlinsige Mikroskope zu bauen. Zwar war das Prinzip des Mikroskops schon vor LEEUWENHOEK bekannt, doch erst er kam auf die Idee, mit solchen Geräten praktisch und naturwissenschaftlich zu arbeiten.

LEEUWENHOEK hatte keine akademische Ausbildung, er schrieb ausschließlich auf Niederländisch und war bei seinen wissenschaftlichen Abhandlungen auf Übersetzungen angewiesen. Seine Berichte wurden in englischer Übersetzung bzw. Zusammenfassung in den „Philosophical Transactions“der Royal Society bis 1724 veröffentlicht. LEEUWENHOEK machte sein Werk außerdem in insgesamt über 300 Briefen an Gelehrte in verschiedenen Ländern bekannt. Viele seiner Beobachtungen fasste er 1696 in seinem Buch „Arcana naturae detecta“zusammen.

Krankheit und Tod

Nach langer Krankheit, deren Symptome LEEUWENHOEK selbst als schwere Verdauungsstörungen, quälende Krämpfe des Zwerchfells beschrieb, starb ANTONY VAN LEEUWENHOEK am 27. August 1723 in Delft. Fünf Tage später wurde er in der Alten Kirche von Delft neben seiner zweiten Frau begraben. 1739 stiftete seine Tochter Maria zu Ehren ihres Vaters einen obeliskenartigen Gedenkstein mit einer ehrenden Inschrift und dem Reliefporträt LEEUWENHOEKs, der in der Kirche hinter den Gräbern aufgestellt worden ist.

Im Laufe seines gesamten Lebens schliff LEEUWENHOEK selbst schätzungsweise 550 Linsen, und seine Mikroskope waren bis in das 19. Jahrhundert hinein unübertroffen. Er besaß weit über 200 dieser Instrumente, von denen er später 26 der Royal Society schenkte.

Bis zu seinem Tode – LEEUWENHOEK starb im Alter von 91 Jahren! – wuchsen seine wissenschaftlichen Arbeiten auf einen Umfang von sieben Bänden an und bereicherten das Wissen seiner Zeit und darüber hinaus entscheidend. Zwischen 1715 und 1722 erschienen seine Arbeiten in besagten sieben Bänden in Leiden und Delft.

Van Leeuwenhoeks Mikroskop (historische Zeichnung)

Van Leeuwenhoeks Mikroskop (historische Zeichnung)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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