Das historische Vorbild des Dr. Faust

Bei JOHANN SPIES erschien 1587 das Volksbuch

Bild
„Historia
von D. Johann
Fausten
/dem weitbeschreyten Zauberer vnnd Schwartzkuenstler
Wie er sich gegen dem Teuffel auff eine be=
nandte zeit verschrieben / Was er hier zwischen fuer
seltzsame Abendtheuwer gesehen selbsangerichtet vnd getrieben
biß er endtlich seinen wol verdienten Lohn empfangen.
Mehrertheils auß seinen eygenen hinderlassenen Schrifften
allen hochtragenden
fuerwitzigen vnd Gottlosen Menschen zum schreckiichen Beyspiel abschewlichen Exempel und treuwhertziger Warnung zusammen gezogen und in den Druck verfertiget”.

Niemand weiß heute genau, wer hinter der Person des Dr. Faust steckt. Die einen vermuten, es sei der Magister GEORGUIUS SABELLICUS, FAUSTUS junior» (so auf einer Visitenkarte von 1506) gewesen. Die Stadt Knittlingen beansprucht für sich, Geburtsort FAUSTs zu sein. Hier soll um 1480 Dr. JOHANN FAUST (in Wirklichkeit wahrscheinlich GEORG FAUST) geboren worden sein. Er soll, so die Stadtväter, seit 1506 mit Zauberkunststücken und als Horoskopersteller aufgetreten, 1507 Schulmeister in Kreuznach gewesen,1513 in Erfurt,1528 Ingolstadt und 1532 Nürnberg erschienen sein. Überall soll man ihn aber nach kurzem Verweilen ausgewiesen haben. Faust soll zwischen 1536 und 1539 in Staufen im Breisgau gestorben sein. Dritte behaupten, beim Faust habe es sich um den historisch belegten GEORG VON HELMSTADT, auch Helmstetter genannt, gehandelt. Der soll 1466/67 in der Nähe von Heidelberg geboren sein. 1483 habe er sich an der Universität in Heidelberg immatrikuliert, habe 1484 das Bakkalaureat abgelegt und 1487 zum Dr. phil. promoviert. Ein Aufenthalt sei im Mai 1506 in Gelnhausen belegt. Faust sei Protégé des Ritters FRANZ VON SICKINGEN gewesen und als Lehrer in Kreuznach eingesetzt, 1534 habe er eine astrologische Prognose für PHILIPP VON HUTTEN (für eine Expedition nach Südamerika) gegeben. Er sei 1539 nach Angabe von PHILIPP BEGARDI nicht mehr am Leben gewesen. 1562 gab JOHANN MANLIUS, Schüler MELANCHTHONs, eine Sammlung von Anekdoten heraus. Diese enthielt die Aussage, Johannes Faustus sei in Kundlingen geboren, habe in Krakau studiert und sei in Württemberg durch den Teufel umgekommen. Im Faustbuch wird behauptet, Johann Faustus sei als Sohn gottesfürchtiger Eltern in Roda bei Weimar geboren worden. Er habe sich im Selbststudium sein Wissen beigebracht, dann in Wittenberg Theologie studiert, sei dann nach Krakau gegangen, um sich der Magie zu widmen. Dann habe er sich auf eine große Reise begangen, um daraufhin nach Wittenberg zurückzukehren. Er hätte die Gestalt Helenas erscheinen lassen, sich in sie verliebt und geheiratet. Nachdem sein Pakt mit dem Teufel abgelaufen sei, habe sich Helena samt ihres Sohnes Jusus Fausten in Luft aufgelöst.

Volksbuch und Luthertum

Das „Volksbuch vom Dr. Faustus“ (siehe PDF "Historia und Geschicht Doctor Johannis Fausti") ist ganz im Geist des Luthertums geschrieben: Die Reformation predigte den mündigen Christen, der für sein Schicksal selbst verantwortlich ist. Einen Ablass für begangene Sünden hatte LUTHER in seinen 95 Thesen strikt abgelehnt („Von der Freyheit eyniß Christen menschen“, 1520). Vorbildfiguren für christliches Leben ganz im Zeichen des Luthertums bzw. Figuren, die vor den Gefahren der irdischen Versuchung warnten, waren ganz im Sinne des Zeitgeistes. Man nahm sich des Johann (bzw. Georg) Faust an. Der real existente, zeitgenössische Faust war nach übereinstimmenden Quellen wohl Astrologe, Zauberer, er erstellte Horoskope und behauptete, er könne die Wunder Christis wiederholen. Diese Figur, die im Volksglauben noch ein „positiver Held“ war und zum Rebellen avancierte, wird im Volksbuch von SPIES als abscheuliches Exempel vorgeführt und endet mit schrecklicher Höllenfahrt als Strafe für das Teufelsbündnis und die Abkehrung von der Kirche. In diesem Sinne ist Faust auch eine Gegenfigur zu MARTIN LUTHER, da er nicht an Gottes Barmherzigkeit und Gnade glaubte.
Wie alle Volksbücher in jener Zeit erhält der „Dr. Faustus“ eine Rahmenhandlung, in die hinein austauschbare Fabeln gesetzt werden. Reales Geschehen wird mit Fiktivem gemischt, so entsteht Unterhaltsames, Lehrhaftes und Gemahnendes. Und in letzterem Sinn gehört das Faustbuch auch ideologisch in die Zeit des Humanismus.

Faust zwischen Mittelalter und Renaissance

Faust ist eine Figur, die ideengeschichtlich zwischen Mittelalter und Renaissance angelegt ist. Auch im Volksbuch ist er nicht die rein negative Figur des Schurken. Er wird durchaus als Mensch gezeigt:

Mittelalter („positiver Held")

  • der Glaube an den Teufel und die Zauberei
  • schwarze und weiße Kunst
  • freier Rebell
  • Philosoph
  • neugierig
  • selbstbewußter und witziger Schalk
  • Held

Renaissance („negativer Held")

  • der absolute Wissensdrang des Protagonisten (Suche nach Erkenntnis)
  • schwarze Kunst
  • Teufelsbündner
  • Narr statt Philosoph
  • neugierig
  • unverschämt, unmoralisch, blasphemisch, eitel, selbstherrlich, kirchenfeindlich
  • Schurke statt Held

Rezeptionsgeschichte des Faustmotivs

Die Rezeptionsgeschichte des Faustmotivs beginnt schon vor der Veröffentlichung des Faustbuches:

  • 1507 warnte der Benediktiner JOHANNES TRITHEMIUS aus Würzburg in einem Brief auf Latein seinen Freund JOHANN VIRDUNG in Heidelberg vor FAUST.
  • 1556 wurden die „Erfurter“ Faust – Geschichten aufgezeichnet. FAUST soll in Staufen, im Breisgau, gestorben sein.
  • 1570 erschien die Niederschrift von Faust – Sagen von ROSSHIRT, einem Schulmeister in Nürnberg,
  • 1570 eine Sammlung von Faust – Sagen (zuerst in lateinischer, dann in deutscher Sprache).
  • 1572 veröffentlichte JOHANN SPIES die „Historia und Geschicht Doctor Johannis Fausti des Zauberers“.

Nach der Veröffentlichung des Faustbuches gab es einen regelrechten Boom von Faust-Adaptionen:

  • RUDOLF WIDMANN erweiterte 1599 die „Historia“ von 1587 durch weitere Erzählungen,
  • CHRISTOPHER MARLOWE diente das Volksbuch als Grundlage für seine 1592/93 entstandene „The Tragicall History of the Life and Death of Doctor Faustus“.
  • Das „Puppenspiel vom Dr. Faust“ wurde wohl um 1600 zum ersten Mal aufgeführt. Andere Adaptionen des Faust-Stoffes waren
  • JOHANN NIKOLAUS PFITZER, der 1674 die „Historia“ von 1587 nochmals um einige Schwänke erweiterte,
  • „Das Faustbuch des Christlich Meynenden“ (1725),
  • LESSINGs Faust-Fragment im 17. Literaturbrief vom 16. Februar 1759.
  • FRIEDRICH MÜLLER („Situation aus Fausts Leben“,1777, „Fausts Leben dramatisiert von Mahler Müller. Erster Theil.“, 1778),
  • FRIEDRICH MAXIMILIAN KLINGER („Fausts Leben, Thaten und Höllenfahrt in fünf Büchern.“, 1791),
  • CHRISTIAN DIETRICH GRABBE („Don Juan und Faust. Eine Tragödie“ 1829, siehe PDF "Christian Dietrich Grabbe - Don Juan und Faust") befassten sich mit dem Stoff, freilich blieben
  • GOETHEs Faustbearbeitungen,
    - der „Urfaust“ (um 1772), sein
    - „Faust-Fragment“ (1790) und schließlich
    - „Faust I“ (1808) und
    - „Faust II“ (1832)

die berühmtesten.

Jedoch auch in nachklassischer Zeit wurde der Stoff immer wieder zitiert, u. a. von

  • NIKOLAUS LENAU (eigentlich NIKOLAUS FRANZ NIEMBSCH EDLER VON STREHLENAU; (1802–1850, Faust. Ein Gedicht, 1835, siehe PDF "Nikolaus Lenau - Faust. Ein Gedicht" (2. Auflage von 1840))
  • HEINRICH HEINE (Der Doktor Faust. Ein Tanzpoem, 1847, siehe PDF "Heinrich Heine - Der Doktor Faust")
  • MICHAIL BULGAKOW („Der Meister und Margerita“,
    entstanden 1929-1940, veröffentlicht 1966),
  • IWAN S. TURGENJEW („Faust. Erzählung in neun Briefen“, 1856, siehe PDF "Iwan Sergejewitsch Turgenjew - Faust: Erzählung in neun Briefen"),
  • KURD LASSWITZ („Prost – Der Faust-Tragödie (-n)ter Teil.", 1882, siehe PDF "Kurd Lasswitz - Prost. Der Faust-Tragödie (-n)ter Teil")
  • PAUL VALÉRY („Mon Faust“ 1946),
  • THOMAS MANN („Dr. Faustus – Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian Leverkühn erzählt von einem Freunde“, 1947),
  • KLAUS MANN („Mephisto“, 1936), von
  • VOLKER BRAUN („Hans Faust“, 1968) u. a.

THOMAS MANNs „Doktor Faustus“ ist die wohl bedeutendste Bearbeitung des Faust-Motivs im 20. Jahrhundert.

In jüngerer Zeit gab es Adaptionen des Faust-Stoffes:

  • ROLF SCHNEIDER verknüpfte in „Der Tod der Nibelungen“ (Roman, 1970) den urdeutschen Nibelungenstoff mit dem Faustmotiv.
  • KAI MEYER schrieb eine Trilogie vom Dr. Faustus, deren erste Teile heißen: „Der Engelspakt (April 1996)“ und „Der Traumvater“ (September 1996). Band 3, „Die Engelskrieger“, beschließt die Doktor-Faustus-Trilogie (2000).

Musikadaptionen

  • HECTOR BERLIOZ („Die Verdammung des Faust“, 1846, eine dramatische Kantate, basierend auf einer französischen Version von GOETHEs Werk.)
  • CHARLES GOUNOD („Faust“, 1859, eine Oper, basierend auf Teilen von Goethes Werk.)
  • FRANZ LISZT („Eine Faust Symphonie“, 1854).
  • HANNS EISLER schuf sein „Johann Faustus“-Fragment, eine Oper, 1952.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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