Der Göttinger Hain

Göttinger Musenalmanach

Dank der publizistischen Tat HEINRICH CHRISTIAN BOIEs (1744–1806) verfügte Göttingen zudem mit dem 1770 erstmals erschienenen „Musenalmanach“ über eine wirksame und folgenreiche Form literarischer Kommunikation, eine wichtige Plattform der jungen Dichtergeneration. Gerade wegen der geschickten Verknüpfung der älteren Kalendertradition mit einem vielseitigen modernen Poesieangebot erfreute sich der Almanach großer Beliebtheit beim Publikum. Musste BOIE für die ersten Jahrgänge noch auf ältere Dichter zurückgreifen, entwickelte sich die Zeitschrift zwischen 1772 und 1776 zum repräsentativen Organ der neuen Lyrik. Auch HERDERs Volksliedtheorie und GOETHEs nationales Drama „Götz“ wurden begeistert aufgenommen.

Hainbund

Begründer dieses Zentrums der empfindsamen Lyrik waren u. a. HÖLTY, VOSS und MILLER, sowie drei weitere Studenten der Göttinger Universität. Man gelobte „ewig“ zusammenzuhalten und traf sich wöchentlich zum Austausch der Gedanken, die in einem Bundesjournal, und der Gedichte, deren beste in einem Bundesbuch festgehalten wurden. Bei der Namenswahl orientierten sich die jungen Dichter am verehrten KLOPSTOCK, der in seiner Ode „Der Hügel und der Hain“ im Gegensatz zum Parnass den Hain als Sinnbild bardischer Dichtung und Gesinnung gefeiert hatte.

Der Hügel und der Hain
FRIEDRICH GOTTLIEB KLOPSTOCK
Ein Poet, ein Dichter, und ein Barde singen (1767)

P. Was horchest du unter dem weitverbreiteten Flügel der Nacht
Dem fernen sterbendem Wiederhalle des Bardengesangs?
Höre mich! Mich hörten die Welteroberer einst!
Und viel Olympiaden hörtet, ihr Celten, mich schon!
D. Laß mich weinen, Schatten!
Laß die goldene Leyer schweigen!
Auch meinem Vaterlande sangen Barden,
Und ach! ihr Gesang ist nicht mehr!
Laß mich weinen!
Lange Jahrhunderte schon
Hat ihn in ihre Nacht hinab
Gestürzt die Vergessenheit!

Und in öden dunkeln Trümmern
Der alten Celtensprache,
Seufzen nur einige seiner leisen Laute,
Wie um Gräber Todesstimmen seufzen.

P. Töne dem Klager, goldene Leyer!
Was weinest du in die öde Trümmer hinab?
War er der langen Jahrhunderte meines Gesanges werth;
Warum ging er unter?
D. Die Helden kämpften! Ihr nantet sie Götter und Titanen.
Wenn jetzo die Aegis nicht klang, und die geworfenen Felsenlasten
Ruhten, und Jupiter der Gott, mit dem Titan Enzeladus sprach;
So scholl in den Klüften des Pelion die Sprache des Bardengesangs!
Ha du schwindelst vor Stolz
An deinem jüngeren Lorber;
Warf, und weißt du das nicht? auch ungerecht
Nicht oft die Vergessenheit ihr Todesloos?

Noch rauschest du stets mit Geniusfluge die Saiten herab!
Lang kenn' ich deine Silbertöne,
Schweig! Ich bilde mir ein Bild,
Jenes feurigen Naturgesangs!

Unumschränkter ist in deinem Herscherin,
Als in des Barden Gesange die Kunst!
Oft stammelst du nur die Stimme der Natur;
Er tönet sie laut ins erschwerte Herz!

O Bild, das jetzt mit den Fittigen der Morgenröthe schwebt!
Jetzt in Wolken gehüllt, mit des Meers hohen Woge steigt!
Jetzt den sanften Liedestanz
Tanzt in dem Schimmer der Sommermondnacht!

Wenn dich nicht gern, wer denket, und fühlt,
Zum Genossen seiner Einsamkeit wählt;
So erhebe sich aus der Trümmern Nacht der Barden einer,
Erschein', und vernichte dich!

Laß fliegen, o Schatten, deinen Zaubergesang
Den mächtigsten Flug,
Und rufe mir einen der Barden
Meines Vaterlands herauf! –

Einen Herminoon,
Der unter den tausendjährigen
Eichen einst wandelte,
Unter deren alterndem Sproß ich wandle.

P. Ich beschwöre dich, o Norne, Vertilgerin,
Bey dem Haingesange, vor dem in Winfeld die Adler sanken!
Bey dem liedergeführten Brautlenzreihn: O sende mir herauf
Einen der Barden Teutoniens, einen Herminoon!
Ich hör' es in den Tiefen der Ferne rauschen!
Lauter tönet Wurdi's Quell dem kommenden!
Und die Schwäne heben sich vor ihm
Mit schnellerem Flügelschlag!

D. Wer komt? wer komt? Kriegerisch ertönt
Ihm die thatenvolle Telyn!
Eichenlaub schattet auf seine glühende Stirn!
Er ist, ach er ist ein Barde meines Vaterlands!
B. Was zeigst du dem Ursohn meiner Enkel
Immer noch den stolzen Lorber am Ende deiner Bahn,
Grieche? Soll ihm umsonst von des Haines Höh
Der Eiche Wipfel winken?
Zwar aus Dämrung nur; denn ach! er sieht
In meiner Brust der wüthenden Wurdi Dolch!
Und mit der Eile des Sturms eilet vorüber der Augenblick,
Da ich ihm von der Barden Geheimnisse singen kann!

P. Töne, Leyer, von der Grazie,
Den leichten Tritt an der Hand der Kunst geführt,
Und laß die Stimme der rauhen Natur
Des Dichters Ohre verstummen!
B. Sing, Telyn, dem Dichter die schönere Grazie
Der seelenvollen Natur!
Gehorcht hat uns die Kunst! sie geschreckt,
Wollte sie herschen, mit hohem Blick die Natur!
Unter sparsamer Hand tönte Gemähld' herab,
Gestaltet mit kühnem Zug;
Tausendfältig, und wahr, und heiß! ein Taumel! ein Sturm!
Waren die Töne für das vielverlangende Herz!

P. Laß, o Dichter, in deinem Gesang vom Olympus
Zeus donnern! mit dem silbernen Bogen tönen aus der Wolkennacht
Smintheus! Pan in dem Schilfe pfeifen, von Artemis
Schulter den vollen Köcher scheuchen das Reh.
B. Ist Achäa der Thuiskone Vaterland?
Unter des weissen Teppichs Hülle ruh auf dem Friedenswagen
Hertha! Im blumenbestreuten Hain walle der Wagen hin,
Und bringe die Göttin zum Bade des einsamen Sees.
Die Zwillingsbrüder Alzes graben
In Felsen euch das Gesetz der heiligen Freundschaft:
Erst des hingehefteten Blickes lange Wahl,
Dann Bund auf ewig!

Es vereine Löbna voll Nossa's Reizen, und Wara
Wie Sait' und Gesang, die Lieb' und die Ehe! Braga töne
Von dem Schwert, gegen den Erobrer gezückt! und That
Des Friedens auch, und Gerechtigkeit lehr' euch Wodan!

Wenn nicht mehr in Walhalla die Helden Waffenspiel
Tanzen, nicht mehr von Braga's Lied' in der Freude
Süße Träume gesungen, halten Siegesmahl,
Dann richtet auch die Helden Wodan!

D. Des Hügels Quell ertönet von Zeus,
Von Wodan der Quell des Hains.
Weck' ich aus dem alten Untergange Götter
Zu Gemählden des fabelhaften Liedes auf;
So haben die in Teutoniens Hain
Edlere Züge für mich!
Mich weilet dann der Achäer Hügel nicht:
Ich geh zu dem Quell des Hains!

P. Du wagst es, die Hörerin der Leyer,
Die in Lorberschatten herab
Von der Höhe fällt des Helikon,
Aganippe vorüber zu gehn?
D. Ich seh an den wehenden Lorber gelehnt,
Mit allen ihren goldenen Saiten,
O Grieche, deine Leyer stehn,
Und gehe vorüber!
Er hat sie gelehnt an den Eichensproß,
Des Weisen Sänger, und des Helden, Braga,
Die inhaltsvolle Telyn! Es weht
Um ihre Saiten, und sie tönt von sich selbst: Vaterland!

Ich höre des heiligen Namens Schall!
Durch alle Saiten rauschst es herab:
Vaterland! Wessen Lob singet nach der Wiederhall?
Komt Hermann dort in den Nächten des Hains?

B. Ach Wurdi, dein Dolch! Sie ruft, sie ruft
Mich in ihre Tiefe zurück, hinunter, wo unbeweinbar
Auch die Edlen schweben, die für das Vaterland
Auf des Schildes blutige Blume sanken!

(Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, Band 1, Leipzig: Göschen, 1798, S. 280-288.)

Die Mitglieder pflegten im Umgang miteinander einen gelegentlich übertrieben wirkenden Freundschaftskult und begeisterten sich mit teilweise philiströsem Tugendrigorismus für sittliche Ideale. Der Sehnsucht nach echter Lebenserfüllung entsprang die verklärte Verherrlichung von Liebe, Natur und Landleben.
Der Versuch, den bei KLOPSTOCK angesprochenen nationalen Gedanken in das literarische Schaffen der Hainbündler einfließen zu lassen, ließ zahlreiche „Tyrannengesänge“ entstehen, über die GOETHE später nicht ganz zu Unrecht spottete. Dieser nationale Impuls fand seinen Ausdruck ebenso in einem übertriebenen Franzosenhass, den die Mitglieder des Bundes als legitimes Element ihrer antifeudalen Opposition empfanden. Vorbilder suchten sie in der altgermanischen Vergangenheit und Mythologie und verarbeiteten Stoffe dieser Herkunft mit patriotischem Ernst.

Formensprache

Die lyrischen Formen des Sturm und Drang sind einerseits von KLOPSTOCK beeinflusst.

  • Vor allem die „Freien Rhythmen“ und die Hymnenform (GOETHE),
  • aber auch die Oden (HÖLTY) wirken weiter.
  • Anderseits gewinnen die gereimten Verse von Minnelied,
  • Volkslied und
  • Anakreontik an Beliebtheit.
  • Das Sonett kommt wieder zum Vorschein,
  • die Balladendichtung nach englischem Vorbild entwickelt sich.

Wenn auch der Umfang der Lyrik des Sturm und Drang im Verhältnis zur Dramatik bescheiden ausfällt, übertrifft die Vielfalt der Formen und stilistischen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Jahre die vorangegangene Dichtung bei weitem.

HÖLTY

Die größte lyrische Begabung unter den Hainbündlern besaß zweifellos LUDWIG CHRISTOPH HEINRICH HÖLTY (1748–1776).
HÖLTY wurde am 21. Dezember 1748 als Sohn eines Predigers in Mariensee bei Hannover geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Celle, studierte er ab 1769 in Göttingen Theologie und neuere Sprachen. GOTTFRIED AUGUST BÜRGER führte ihn in den Kreis um HEINRICH CHRISTIAN BOIE und sein Göttinger Musenalmanach ein. So wurde er zum Mitbegründer des Göttinger Hains. 1774, nach der Auflösung des Bundes, kehrte HÖLTY in sein Elternhaus zurück. Er arbeitete als Privatlehrer und Übersetzer. 1775 reiste er zu KLOPSTOCK, VOSS und CLAUDIUS nach Hamburg und Wandsbek, wo er sich niederzulassen gedachte. Diesen Plan konnte er nicht mehr verwirklichen, denn am 1. September 1776 starb er in Hannover siebenundzwanzigjährig an Tuberkulose.

HÖLTY schrieb nach anakreontischen Anfängen empfindsam-elegische Oden, auch volksliedhaft-naive Gedichte („Üb' immer Treu und Redlichkeit“), burleske Romanzen, Balladen und Idyllen, die verstreut in Zeitungen und Musenalmanachen erschienen und von den Freunden VOSS und FRIEDRICH LEOPOLD STOLBERG aus dem Nachlass gesammelt herausgegeben wurden (Sämtlich hinterlaßne Gedichte, 2 Bde., 1782-1784). Seine Bemühungen um die elegische Ode (an KLOPSTOCK anknüpfend) gaben diesem Genre eine bis dahin nicht erreichte Innigkeit, Bildgenauigkeit und kunstvolle sprachliche Einfachheit („Die künftige Geliebte“, „Das Landleben“, 1775).

LUDWIG CHRISTOPH HEINRICH HÖLTY
Die künftige Geliebte

Wenn ich dich Engel fände, wenn der nächste
Mond der knospenden Rosen meinem Arm dich
Brächte; dann, dann hätt' ich den Himmel schon auf
Erden gefunden!

Jeglicher Pulsschlag würde heißer schlagen,
Jede Nerve der Seele heller zittern;
Umgeboren würd' ich die Welt in neuer
Schönheit erblicken.

Trunken an ihrer weißen Brust entschlummern,
Und im Traume mit ihrem Busen tändeln,
Und, bestralt vom Morgen, in ihrer Arme
Himmel erwachen!

Wenn ich dich fände! Komm, du Engel Gottes,
Komm mein Leben zu heitern! Wenig Freuden
Sprießen auf den Ufern des Lebens! Engel,
Komm, mich zu heitern!

( Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Sämtliche Werke. Kritisch und chronologisch herausgegeben von Wilhelm Michael. Band 1–2, Band 1. Weimar: Gesellschaft der Bibliophilen, 1914, S. 177-178.)

Schlug KLOPSTOCK noch hymnisch-pathetische Töne an, setzte HÖLTY sanftere, melodiösere Akzente, auch wenn er weltanschauliche Grundfragen gestaltete („An Gott“). HÖLTYs Lieder errreichten durch ihre Sangbarkeit einem großen Publikum die Aufnahme und durch Vertonungen von FRANZ SCHUBERT (1797–1828) und JOHANN FRIEDRICH REICHARDT (1725–1814) große Beliebtheit. („Mailied“, „Erntelied“, „Blumenlied“).

Erntelied
HÖLTY

Sicheln schallen,
Ähren fallen
Unter Sichelschall;
Auf den Mädchenhüten
Zittern blaue Blüten,
Freud' ist überall.

Sicheln klingen,
Mädchen singen
Unter Sichelklang;
Bis, vom Mond beschimmert,
Rings die Stoppel flimmert,
Tönt der Erntesang.

Alles springet,
Alles singet,
Was nur lallen kann.
Bei dem Erntemahle
Ißt aus einer Schale
Knecht und Bauersmann. J

Jeder scherzet,
Jeder herzet
Dann sein Liebelein.
Nach geleerten Kannen
Gehen sie vondannen,
Singen und juchei'n.

(a.a.O:, S. 145-147.)

HÖLTY gelang in Anlehnung an die komischen Romanzen SCHIEBELERs und GLEIMs die erste volkstümliche Kunstballade („Ballade“, 1771, „Töffel und Käthe“, 1772, „Die Nonne“, 1773).

Die Nonne
HÖLTY

Es liebt' in Welschland irgendwo
Ein schöner junger Ritter
Ein Mädchen, das der Welt entfloh,
Trotz Klostertor und Gitter;
Sprach viel von seiner Liebespein,
Und schwur, auf seinen Knien,
Sie aus dem Kerker zu befrein,
Und stets für sie zu glühen.

„Bei diesem Muttergottesbild,
Bei diesem Jesuskinde,
Das ihre Mutterarme füllt,
Schwör ich's dir, o Belinde!
Dir ist mein ganzes Herz geweiht,
So lang ich Odem habe,
Bei meiner Seelen Seligkeit!
Dich lieb ich bis zum Grabe.“

Was glaubt ein armes Mädchen nicht,
Zumal in einer Zelle?
Ach! sie vergaß der Nonnenpflicht,
Des Himmels und der Hölle.
Die, von den Engeln angeschaut,
Sich ihrem Jesu weihte,
Die reine schöne Gottesbraut,
Ward eines Frevlers Beute.

Drauf wurde, wie die Männer sind,
Sein Herz von Stund an lauer,
Er überließ das arme Kind
Auf ewig ihrer Trauer.
Vergaß der alten Zärtligkeit,
Und aller seiner Eide,
Und flog, im bunten Galakleid,
Nach neuer Augenweide.

Begann mit andern Weibern Reihn,
Im kerzenhellen Saale,
Gab andern Weibern Schmeichelein,
Beim lauten Traubenmahle.
Und rühmte sich des Minneglücks
Bei seiner schönen Nonne,
Und jedes Kusses, jedes Blicks,
Und jeder andern Wonne.

Die Nonne, voll von welscher Wut,
Entglüht' in ihrem Mute,
Und sann auf nichts als Dolch und Blut,
Und schwamm in lauter Blute.
Sie dingte plötzlich eine Schar
Von wilden Meuchelmördern,
Den Mann, der treulos worden war,
Ins Totenreich zu fördern.

Die bohren manches Mörderschwert
In seine schwarze Seele.
Sein schwarzer, falscher Geist entfährt,
Wie Schwefeldampf der Höhle.
Er wimmert durch die Luft, wo sein
Ein Krallenteufel harret.
Drauf ward sein blutendes Gebein
In eine Gruft verscharret.

Die Nonne flog, wie Nacht begann,
Zur kleinen Dorfkapelle,
Und riß den wunden Rittersmann
Aus seiner Ruhestelle.
Riß ihm das Bubenherz heraus,
Recht ihren Zorn zu büßen,
Und trat es, daß das Gotteshaus
Erschallte, mit den Füßen.

Ihr Geist soll, wie die Sagen gehn,
In dieser Kirche weilen,
Und, bis im Dorf die Hahnen krähn,
Bald wimmern, und bald heulen.
Sobald der Seiger zwölfe schlägt,
Rauscht sie, an Grabsteinwänden,
Aus einer Gruft empor, und trägt
Ein blutend Herz in Händen.

Die tiefen, hohlen Augen sprühn
Ein düsterrotes Feuer,
Und glühn, wie Schwefelflammen glühn,
Durch ihren weißen Schleier.
Sie gafft auf das zerrißne Herz,
Mit wilder Rachgebärde,
Und hebt es dreimal himmelwärts,
Und wirft es auf die Erde.

Und rollt die Augen, voller Wut,
Die eine Hölle blicken,
Und schüttelt aus dem Schleier Blut,
Und stampft das Herz in Stücken.
Ein dunkler Totenflimmer macht
Indes die Fenster helle.
Der Wächter, der das Dorf bewacht,
Sah's in der Landkapelle.

(ebenda, S. 134-138.)

HÖLTY beabsichtigte in seiner Lyrik keineswegs, die wirklichen Naturzustände zu schildern, sondern verwandte sie lediglich als poetisches Modell des weltabgewandten Lebens im Sinne ROUSSEAUs. HÖLTYs künstlerische Leistung wird besonders deutlich beim Vergleich seiner Gedichte mit den Produkten anderer Hain–Mitglieder. In JOHANN MARTIN MILLERs Trink- und Vaterlandsliedern beispielsweise dominiert eine verspielte, teils auch tränenselige Imitation von Anakreontik und Minnesang. Die perfekte Ausarbeitung formaler Aspekte lässt oft die inhaltliche Aussage in den Hintergrund rücken.

VOSS

VOSS und auch BÜRGER setzen, das Leben in der ländlichen Natur betreffend, in ihren Gedichten andere Akzente. JOHANN HEINRICH VOSS wurde 1751 als Enkel eines freigelassenen Leibeigenen und Sohn eines verarmten Gastwirts und Zollverwalters in Sommersdorf geboren. Nach dem Besuch der Stadtschule in Penzlin und der Lateinschule in Neubrandenburg musste er aus finanziellen Gründen von 1769 bis 1772 unter demütigenden Bedingungen als Hofmeister auf einem Gut in Ankershagen arbeiten. Sein späterer Schwager HEINRICH CHRISTIAN BOIE wurde wegen der von VOSS eingesandten Gedichte auf ihn aufmerksam und lud ihn zum Studium nach Göttingen ein. VOSS studierte Theologie, dann Philologie. Hier pflegte er freundschaftliche Kontakte zu BOIE, HÖLTY, BÜRGER, MILLER, den Brüdern STOLBERG, LEISEWITZ, CRAMER, OVERBECK und wurde so zum Mitbegründer des Göttinger Hains. 1774 traf er in Hamburg mit KLOPSTOCK zusammen, hielt Kontakte mit LESSING, CAMPE, BODE und CARL PHILIPP EMANUEL BACH. Von 1778 arbeitete er an Lateinschulen in Otterndorf und Eutin. 1802 übersiedelte er nach Jena, wo er häufig von GOETHE besucht wurde. 1805 erhielt er eine Professur an der Heidelberger Universität. Hier starb er 1826.

VOSS stellte das bäuerlich, häuslich gesellige Leben dar, vergleichbar der realistischen Malerei der Niederländer. Er ließ die Vertreter des einfachen Volkes zu Worte kommen („Das Milchmädchen“, „Die Spinnerin“, „Die Kirschpflückerin“).

Beim Flachsbrechen
JOHANN HEINRICH VOSS

Plauderinnen, regt euch stracks!
Brecht den Flachs,
Daß die Schebe springe,
Und der Brechen Wechselklang
Mit Gesang
Fern das Dorf durchdringe!

Herbstlich rauscht im Fliederstrauch
Kalter Hauch,
Und der Nachttau feuchtet!
Dennoch brecht mit bloßem Arm,
Brecht euch warm,
Weil der Mond uns leuchtet!

Brich, du armer Flachs! Dir droht
Müh und Not,
Mehr denn je du träumtest,
Als du grün im Sonnenschein,
Junger Lein,
Blaue Blumen keimtest!

Ach, die harte Raufe hat
Gleich zur Saat
Dir die Boll entrissen,
Wochenlang dann auf der Au
Sonn und Tau
Röstend dich zerrissen!

Nun zerquetschen wir in Hast
Dir den Bast,
Den die Schwinge reinigt;
Von der bösen Hechel itzt,
Scharfgespitzt,
Wirst du durchgepeinigt!

Doch dann prangst du glatt und schön;
U nd wir drehn
Dich in saubre Knocken:
Und getrillt mit flinkem Fuß,
Feucht vom Kuß,
Läufst du uns vom Rocken!

Schnell durch Spul und Haspel eilt,
Schön geknäult,
Drauf dein Garn zur Webe:
Daß die Leinwand, scharf gebeucht,
Und gebleicht,
Hemd und Laken gebe!

Brich, o brich, du armer Flachs!
Weiß wie Wachs,
Prangst du angeschmieget,
Wann beim Bräutigam die Braut,
Warm und traut,
Einst im Bette lieget!

(in: Deutsche Nationalliteratur, Herausgegeben von Joseph Kürschner, Stuttgart: Union Deutsche Verlagsgesellschaft. S. 275-276.)

VOSS bemühte sich um eine idyllische Darstellung des ländlichen Lebens, um es bewusst dem „verderbten“ Hof- und Stadtleben entgegenzustellen. Natur ist für ihn damit nicht allein Sinnbild des verlorenen Paradieses, sondern Objekt segensreicher Arbeit.
Diese Wirklichkeitsnähe wusste auch HEINE später an VOSS zu schätzen.

Herrscherkritik und soziale Anklage

Herrscherkritik und soziale Anklage: Einen entschieden aggressiveren Ton, vergleichbar dem Grundtenor der Dramatik des Sturm und Drang, schlug BÜRGER mit seiner offen antifeudalen Lyrik an.

Der Bauer An seinen Durchlauchtigen Tyrannen
GOTTFRIED AUGUST BÜRGER

Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu
Zerrollen mich dein Wagenrad,
Zerschlagen darf dein Roß?


Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch
Dein Freund, dein Jagdhund, ungebläut
Darf Klau' und Rachen haun?

Wer bist du, daß, durch Saat und Forst,
Das Hurra deiner Jagd mich treibt,
Entatmet, wie das Wild? –

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und du verschlingst,
Das Brot, du Fürst, ist mein.

Du Fürst hast nicht, bei Egg und Pflug,
Hast nicht den Erntetag durchschwitzt.
Mein, mein ist Fleiß und Brot! –

Ha! du wärst Obrigkeit von Gott?
Gott spendet Segen aus; du raubst!
Du nicht von Gott, Tyrann!

(Bürgers Gedichte in zwei Teilen. Teil 1: Gedichte 1789. Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart: Bong, 1914, S. 55-56)

In diesem Rollengedicht macht sich BÜRGER zum Sprecher der Bauern, schafft er eine Figur, die, anders als das lyrische Ich, stellvertretend für eine ganze Gruppe eine subjektive Meinung ausdrückt. Im fiktiven Brief des Bauern an seinen Landesfürsten kommt schon in der Adressatenformulierung die grobe Verhöhnung zum Ausdruck. Die ehrerbietige Anrede („durchlauchtig“) wird durch den Vorwurf despotischen Machtmissbrauchs („Tyrann“) aufgehoben und in das Gegenteil verkehrt. Die Anrede des Fürsten mit dem gleichmachenden „Du“ stellt darüber hinaus eine grobe Beleidigung dar. Stilebene und Verscharakter ahmen bewusst das sprachliche Unvermögen, die bäuerlich unbeholfene Sprechweise des sprechenden Subjekts nach, unterstützt durch die Derbheiten in der Wortwahl („ungebleut“, „haun“, „zerschlagen“) und den Gebrauch von Gewaltverben („zerrollen“, „zerschlagen“). Die hier angeschlagene agitatorische Schärfe bezeugt den neuen Ton, der für kurze Zeit in die politischen Gedichte des Sturm und Drang einzieht. Programmatisch formuliert BÜRGER seine Herrschaftskritik im Vierzeiler „Mittel gegen den Hochmut...“, in dem er die Dialektik von Unterdrückung und Unterwerfung anspricht.

Mittel gegen den Hochmut der Großen
Viel Klagen hör ich oft erheben
Vom Hochmut, den der Große übt.
Der Großen Hochmut wird sich geben,
Wenn unsre Kriecherei sich gibt.

Unter Zuhilfenahme barocker Verwesungsmetaphorik verspottet auch SCHUBART in seinem antifeudalistischem Gedicht „Die Fürstengruft“ (1779/80) die Tyrannen. Ihm, dem sein politisches Engagement zehn Jahre Kerkerhaft einbringt, geht es nicht darum, Dichtung bloß als Instrument der bürgerlichen Aufklärung zu benutzen, sondern sie als Waffe im Kampf der Schwachen gegen die Willkürherrschaft einzusetzen. Unter der politischen Sturm-und-Drang-Lyrik finden sich auch zahlreiche Beispiele geradezu pazifistischer Texte. In Zeiten, da Landesfürsten ihren Luxus mit dem Verkauf eigener Landeskinder als Söldner finanzierten, scheint derartige Kritik naheliegend. MATTHIAS CLAUDIUS („Kriegslied“, 1778) und SCHUBART („Der Bettelsoldat“; 1781/83 und „Kaplied“, 1787) formulierten in schlichter Sprache diese Kritik in einfachen, in volkstümlicher Liedform gehaltenen Texten.Die Beispiele verdeutlichen, dass Dichtung nicht mehr nur auf Wirkungen der Vernunftseinsicht und der rationalen Argumentation im Sinne der Aufklärung zielte, sondern individuelle Schicksale vorführte, die beim Leser innere Anteilnahme und Identifikation hervorrufen sollten.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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