Francesco Petrarca

„Mein Körper war in der Jugend nicht allzu kräftig, aber von großer Gewandtheit, mein Aussehen nicht hervorragend schön, aber so, dass ich in jungen Jahren gefallen konnte ... meine Augen lebhaft und lange Zeit von größter Sehkraft, die mich aber gegen alle Hoffnung nach meinem sechzigsten Jahre verließ, sodass ich leider zur Brille greifen musste ...“

Mit diesen Worten porträtiert sich der Vater des Renaissancehumanismus, der geniale Erneuerer des lyrischen Sprechens in Europa, FRANCESCO PETRARCA, in einem an die Nachwelt gerichteten Schreiben, in dem er bescheiden und entschieden zugleich seine humane, seine intellektuelle Einmaligkeit darstellt. Der Weg, den er bis zu diesem vor 1367 begonnenen und um 1370 überarbeiteten Brief zurückgelegt hatte, führte ihn an die historisch-politischen Brennpunkte seiner Zeit und brachte ihn in Verbindung mit deren vorzüglichsten Geistern.

Lebensweg Petrarcas

Schon in jungen Jahren hatte PETRARCA erste Unterweisungen von CONVENEVOLE DA PRATO, einem wichtigen Frühhumanisten, erhalten, die für seine geistige Entwicklung von größter Bedeutung waren. Auf väterliche Anordnung begann PETRARCA 1316 zivilrechtliche Studien in Montpellier, brach diese aber ab, um sich ganz seinen literarischen und philologischen Interessen widmen zu können. Zur Sicherung seines Lebensunterhaltes trat er 1330 in die Dienste des Kardinals GIOVANNI COLONNA. Hier empfing er wichtige, neue geistige Anregungen, hier fand er Freunde, unter ihnen den vielleicht vertrautesten, LOUIS SANCTUS VON BEERINGEN, dem er in vielen seiner Briefe von seinen Empfindungen, seinen intellektuellen Beschäftigungen, seinen Sorgen und Leiden Nachricht gab. 1333 unternahm er eine für ihn wie für spätere Humanisten typische Bildungsreise. Auf ihr gelangte er nach Paris und Gent, nach Aachen, wo er die heißen Quellen genoss, nach Köln, wo ihn die Anmut der Rheinländerinnen erstaunte und begeisterte, und schließlich nach Lyon.

Die Briefe CICEROs

Eine solche Reise galt auch immer der leidenschaftlichen Suche nach antiken Texten. So gelang ihm 1345 in der Kapitularbibliothek zu Verona eine sensationelle Entdeckung: das Korpus der Briefe CICEROs an ATTICUS, QUINTUS und BRUTUS. Ihm entnahm er einige Schwächen seines römischen Idols, die er dem verehrten Autor voller Enttäuschung in einem kritischen Schreiben vorhielt, das er an CICERO wie an einen lebenden Freund richtete. Aber dieser Unmut verflog rasch wieder. In einem weiteren an Cicero gerichteten Brief pries er dessen stilistische Meisterschaft und rhetorische Begabung, eingedenk des Umstandes, dass ihn der Wohlklang der ciceronianischen Sprache schon betörte, als er ihren Sinn noch nicht verstand.

Dichterkrönung

PETRARCAs hohes Ansehen bei seinen Zeitgenossen machte seine Dichterkrönung auf dem Kapitol in Rom im Jahre 1341 deutlich. Er trug von nun an den Titel poeta laureatus (aus dem Lateinischen = gekrönter Dichter. Es war schon in der Antike Sitte, hervorragende Dichter feierlich zu bekränzen.)
Aber PETRARCA blieb ein Ruheloser, ein anderer Odysseus. Er wechselte die Orte und die Mäzene, er suchte die große Bühne des öffentlichen Auftritts in Rom, Prag und Paris genauso wie die Abgeschiedenheit.

„Rime in vita e morta di Madonna Laura“

Zeitlebens war er im Innern zerrissen von Ruhmsucht und Eitelkeit, von Reue und Bußfertigkeit, aber er stellte sich in der Auseinandersetzung mit Augustinus auch den eigenen Mängeln im Bewusstsein seiner Einmaligkeit eine Einmaligkeit, die nicht nur auf seinem umfassenden Wissen, seiner stupenden Belesenheit beruht, sondern viel mehr noch auf seiner einzigartigen Beherrschung der Modulationen der Sprache, der feinsten Abtönungen ihrer Klang- und Ausdrucksformen, die ihm sensibelste Nuancierungen von Seelenstimmungen ermöglichten. In dieser Fähigkeit sind Ruhm und Wirkung der Liebesdichtung seines „Canzoniere“, seines „Liederbuches“, bis in unsere Zeit begründet.

Laura

Das „Liederbuch“ (siehe PDF "Francesco Petrarca - Canzoniere") ist der Geliebten des Dichters, Laura, gewidmet und um sie zentriert. Als historische Person nicht greifbar, ist sie Mythos und Legende, Bild einer Liebe in ihrem Wechselspiel von Verlangen und Verweigern, von sinnlicher Erwartung und mystischer Überhöhung. Auf der Rückseite des ersten Blattes seiner kostbaren VERGIL-Handschrift gibt PETRARCA den einzigen konkreten Hinweis auf Laura, nachdem er am 19. Mai 1348 in Parma aus einem Brief des LOUIS SANCTUS VON BEERINGEN von ihrem Tod erfahren hatte:

„Laura ... trat mir zum ersten Mal zu Beginn meines Jünglingsalters vor Augen, im Jahr der Gnade 1327, am sechsten Tag des April, in der Kirche Sainte-Claire zu Avignon... Und in derselben Stadt, im selben Monat April, zur selben ersten Tagesstunde im Jahr 1348, wurde das Licht ihres Lebens dem Licht des Tages entzogen... Ich bin überzeugt davon, dass ihre Seele in den Himmel zurückgekehrt ist, von dem sie gekommen war ...“

Diese Worte, die eher verbergen als offenbaren, enthüllen die Stellung des Dichters zwischen Mittelalter und Renaissance.

Symbolwert der Zahlen

Die Zahlen, von denen er spricht, haben besonders seit den Kirchenvätern einen christlichen Symbolwert. Am 6. April ist Adam erschaffen, und am 6. April ist Christus gestorben. Zwischen dem Beginn der Liebe zu Laura 1327 und ihrem Tod 1348 liegen einundzwanzig, also drei mal sieben Jahre, auch dies christlich vielfach ausgedeutete Zahlen. Darüber hinaus besteht der „Canzoniere“ mit seinem scheinbar reumütigen Einleitungssonett aus 366 Gedichten. Zieht man dieses Sonett ab, könnte sich die Zahl symbolisch auf die Tage eines Jahres beziehen. Vielleicht aber verweist die Zahl 366 unmittelbar auf Lauras Todesjahr, denn 1348 war ein Schaltjahr. Der in mittelalterlichen Zahlen- und Ordnungsvorstellungen denkende Petrarca entwirft, renaissancehaft gestimmt, ein zartes Bild der Schönheit und der Wandlungen Lauras, das vor allem ihre humane, nicht allein ihre vergeistigte Einzigartigkeit mythisch überhöht. Zwar kennt er seine Vorläufer, die Dichtungen der Troubadours und der Stilnovisten, deren Einflüsse man in Formen und Wortwahl an manchen Stellen wieder findet. Aber aus dieser humanistisch inspirierten Haltung des Nachahmens entsteht etwas Neues, das das Stereotype der älteren Lyrik formal und individuell aufhebt. Ein tiefes seelisches Erleben durchwirkt den ganzen „Canzoniere“ und stellt jeden Text in den doppelten Bezug von Einzelort und Gesamtkomposition.

Aus der zweiteiligen Gliederung der Sammlung zu Lebzeiten und nach dem Tod Lauras erhebt sich das Konkrete, Gesehene, Erlittene auf die Ebene von Reflexion und Erinnerung und mündet in Marienlob und Todeserwartung ein. Der Dichter gibt sich dabei auf der Ebene höchster künstlerischer Vollendung persönlich preis, wenn er seinen Weg vom lustvoll erlebten Leid zur demütigen Einsicht in den Kreislauf von Leben und Vergehen beschreibt.

Nachahmung

Dass ein solches literarisches Meisterstück zur Nachahmung einlud, kann nicht überraschen. In Italien entstand seit dem Ende des 15. Jahrhunderts eine Dichtung, in der der unvergleichliche Stil PETRARCAs nachgeahmt wurde. PIETRO BEMBO etwa sah in PETRARCAs Dichtung das allein gültige Beispiel volkssprachlicher Lyrik. Ein Zentrum dieser petrarkisierenden Dichtung war Neapel; dort wurden zugleich die manieristischen Sprachstreiche MARINOs vorbereitet. Der Vorbildcharakter, den die italienische Renaissancekultur des 15. und 16. Jahrhunderts für das übrige Europa besaß, und die vielfältigen politisch-militärischen wie gesellschaftlichen Beziehungen italienischer Stadtstaaten zu anderen Ländern begründen auch die jeweils national differenzierte Übernahme des Petrarkismus in Frankreich, Spanien und Portugal. In diesen romanischen Ländern verfassten etwa

  • LOUISE LABÉ,
  • PIERRE DE RONSARD und
  • JOACHIM DU BELLAY,
  • GARCILASO DE LA VEGA oder
  • LUÍS DE CAMOES

Gedichte in der Nachfolge PETRARCAs auf höchstem literarischem Niveau. Doch Idole werden auch lästig. Und so bildete sich schon in BEMBOs Zeit im 16. Jahrhundert der Antipetrarkismus heraus, ein mehr oder weniger angestrengter, manchmal auch witziger Versuch, PETRARCA gelehrt zu widerlegen, den hohen Ton seiner Dichtung burlesk zu parodieren oder seine leidvolle Zerrissenheit zwischen Sehnsucht und Verzicht durch eine neue sinnliche Fülle zu ersetzen. Aber all dies hat PETRARCAs „unerschöpflicher Dauer“ bis ins 20. Jahrhundert nichts anhaben können. Davon zeugen Vertonungen und Übersetzungen, Deutungen und immer wieder Dichtungen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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