Giovanni Boccaccio

BOCCACCIO entstammte seiner Bildung nach dem Mittelalter, seiner Geisteshaltung nach, wie sie in seinen Werken zum Ausdruck kommt, war er jedoch ganz ein Mensch der Renaissance, der sich dem Diesseits und den Sinnesfreuden des irdischen Lebens zuwandte. Insbesondere als Gelehrter machte er seinen Einfluss gegen die mittelalterliche Scholastik, für freiere Wissenschaften und das Studium der Antike geltend.

Lebensgeschichte

Die Lebensgeschichte von BOCCACCIO war fest mit Neapel und mit seiner Heimatstadt Florenz verbunden. Er war der uneheliche Sohn eines Florentiner Kaufmanns und einer französischen Aristokratin, die früh starb. Das Licht der Welt erblickte er 1313, ob in Paris oder Certaldo bei Florenz, ist nicht zu klären. Er wuchs in Florenz auf, jener Stadt, die als Wiege der europäischen Renaissance gilt, und unternahm schon als Junge erste Dichtversuche.
Dem Wunsch des Vaters folgend, begann er früh eine Lehre bei einem angesehenen Handelsherrn, welcher ihn 1327 nach Neapel schickte. BOCCACCIO fühlte sich jedoch nicht zum Kaufmann berufen. Nachdem sein Lehrherr ihn entlassen hatte, gestattete ihm sein Vater 1332, in Neapel ein Studium der Rechtswissenschaft aufzunehmen. Auch dieses Studium ließ BOCCACCIO unbefriedigt und er brach es nach sechs Jahren ab. Vielmehr zog ihn das Leben am Neapolitanischen Hof an. Im freundschaftlichen Umgang mit Künstlern und Wissenschaftlern fand er das ihm Gemäße, im Austausch mit ihnen vervollkommnete er seine Bildung. Es heißt, dass MARIA, eine Tochter des Königs von Neapel und Frau des CONTE D'AQUINO, seine Geliebte gewesen sei und ihn in die höfischen Kreise eingeführt habe. Als „Fiammetta“ hat er sie nicht nur im gleichnamigen Roman von 1342/43 verewigt, sämtliche Werke aus dieser Zeit sind eine Huldigung an sie. Diese Liebe endete für BOCCACCIO jedoch in großer Enttäuschung. Offenbar hatte er in die Beziehung mehr Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit gelegt als die angebetete Frau.
1340 kehrte er auf Verlangen seines Vaters nach Florenz zurück und arbeitete als Notar und Richter. Nach 1344 nahm er an Feldzügen teil, die ihn an verschiedene Orte Italiens führten, u.a. nach Neapel, wohin er sich nach wie vor sehnte. Er ging jedoch 1350 nach Florenz zurück, wo sein Vater im Pestjahr 1348 der Seuche zum Opfer gefallen war. Fortan widmete BOCCACCIO sich den Wissenschaften, arbeitete in diplomatischen Diensten und erhielt 1350 u.a. den Auftrag, den Dichter PETRARCA für eine Professur in Florenz zu gewinnen. Aus dieser Begegnung und BOCCACCIOs Verehrung für den älteren Dichter erwuchs eine lebenslange Freundschaft, mit gemeinsamen Reisen und gegenseitigen Besuchen. So weilte BOCCACCIO 1363 bei PETRARCA in Venedig und 1368 war er bei ihm in Padua zu Gast.
BOCCACCIO hatte sich 1362 von einem Karthäusermönch aus Siena zu einem frommen Leben bekehren lassen. Er lebte fortan zurückgezogen auf seinem Landgut in Certaldo bei Florenz. Einige Gesandtschaften führten ihn unter anderem 1351 zu LUDWIG VON BRANDENBURG, 1365 an den Papsthof nach Avignon und 1367 nach Rom. Er hegte 1370/1371 sogar den Plan, in Neapel in ein Kloster einzutreten, nahm jedoch von diesem Gedanken Abstand und kehrte auf sein Landgut zurück. BOCCACCIO hatte sich als Biograph DANTEs und Kommentator der „Göttlichen Komödie“ verdient gemacht, als er gegen Ende seines Lebens die Berufung auf den Lehrstuhl, den die Stadt Florenz zu Ehren ihres einst vertriebenen Sohnes DANTE ALIGHIERI eingerichtet hatte, erhielt. Von Krankheit gezeichnet musste BOCCACCIO die Vorlesungen schon bald aufgeben. Er starb 1375 und wurde in der Kirche von Certaldo beigesetzt.

Dichterisches Schaffen

BOCCACCIOs erste Dichtungen entstanden um 1340 am Hof von Neapel unter dem Einfluss der Liebe zu MARIA D'AQUINO. In seinem Prosaroman „Filocolo“ erzählte er die Liebesgeschichte des Paares Florio und Biancofiore. Seine Versdichtung „Filostrato“ (1338, dt. „Troilus und Cressida“, 1884) behandelt eine Episode aus dem Trojanischen Krieg. Troilus, ein Sohn des Trojanerkönigs Priamos, verliert seine wankelmütige Geliebte Cressida an einen griechischen Feldherrn. Diesen antiken Stoff hat übrigens SHAKESPEARE um 1602 zu einem Drama verarbeitet.
Auch die ersten italienischen Schäferdichtungen stammen aus BOCCACCIOs Feder. „Ameto“ (1341–1342) ist eine Dichtung in Prosa und Versen, die zeigt, wie der Mensch durch tugendhaftes Verhalten geläutert wird. Um 1345 entstand das bukolische Gedicht „Ninfale Fiesolano“ (dt. „Die Nymphe von Fiesole“, 1957), das von der Liebe des Hirten Affrico zur Nymphe Mensola erzählt. Das Poem in 50 Gesängen „Amorosa visione“ (1341–1342, „Liebesvisionen“) entstand in Anlehnung an DANTEs „Göttliche Komödie“.
Die Stärken BOCCACCIOs zeigen sich eindeutig in der Prosa. Im Roman „Elegia di Madonna Fiametta“ (1342–1343, dt. „Fiametta“, 1806, siehe PDF "Giovanni di Boccaccio - Fiammetta") gibt er dem Schmerz nach der Trennung von seiner Geliebten MARIA Ausdruck. Er bedient sich des Kunstgriffs, die Frau als die vom Geliebten Verlassene darzustellen und ihre Liebesklagen zu schildern. 1348–1353 schrieb BOCCACCIO sein berühmtestes und einflussreichstes Werk, das „Decamerone“ (dt. um 1473, siehe PDF "Giovanni Boccaccio - Das Decamerone (Übersetzung von Klabund)" und PDF "Giovanni Boccaccio - Das Dekameron (Übersetzung von K. Witte)"). 1354–1355 schrieb er die Satire „Corbaccio“ (dt. „Labyrinth der Liebe“, 1907). In späteren Jahren gab BOCCACCIO das Dichten auf und verfasste nur noch Werke wissenschaftlichen Inhalts, z.B.

  • eine Biographie des Dichters DANTE und
  • Bücher über das Leben berühmter Männer und Frauen sowie
  • eine Genealogie der griechischen Götter.

 

„Decamerone“

Das „Decamerone“ (1348–1353, dt. um 1473) ist eine Sammlung von 100 Novellen (siehe PDF "Giovanni Boccaccio - Das Decamerone (Übersetzung von Klabund)" und PDF "Giovanni Boccaccio - Das Dekameron (Übersetzung von K. Witte)"). Die Rahmenerzählung berichtet von sieben jungen Damen und drei jungen Herren aus Florenz, die vor der Pest geflohen sind. Sie halten sich für zehn Tage (daher der Titel) in Fiesole auf dem Lande auf und erzählen sich nach einer untereinander abgestimmten Ordnung in dieser Zeit die Geschichten teils ernsten, besinnlichen und lehrhaften, teils frivolen, erotischen Inhalts. BOCCACCIO gestaltet in diesen Novellen sehr verschiedene Stoffe aus dem antiken und orientalischen Kulturkreis, aber auch Begebenheiten aus seiner unmittelbaren Erfahrungswelt. Der Einfluss seiner realistischen, lebensnahen Schilderungen und präzisen Gestaltung von Charakteren aller Stände und jeden Alters auf die italienische und die europäische Prosa ist nicht hoch genug zu schätzen. So haben zum Beispiel das Gleichnis von den drei Ringen (in der Ringparabel in GOTTHOLD EPHRAIM LESSINGs „Nathan der Weise“) und die Geschichte vom Falken (in PAUL HEYSEs „Falkentheorie“) in der Literatur weitergelebt. Und nicht zuletzt nahm der Begriff „Novelle“ als Genrebezeichnung von dieser Sammlung her seinen Weg in die europäischen Literaturen.

 

Werke (Auswahl)

  • „Filostrato“ (1338; dt. „Troilus und Cressida“, 1884; Versdichtung)
  • „Filocolo“ (um 1340, Prosaroman)
  • „Ameto“ (1341–1342, Dichtung in Prosa und Versen)
  • „Amorosa visione“ (1341–1342, „Liebesvisionen“, Poem in 50 Gesängen)
  • „Elegia di Madonna Fiametta“ (1342–1343; dt. „Fiametta“, 1806, siehe PDF "Giovanni di Boccaccio - Fiammetta"; Roman)
  • „Ninfale Fiesolano“ (um 1345; dt. „Die Nymphe von Fiesole“, 1957; bukolisches Gedicht)
  • „Decamerone“ (1348–1353, dt. um 1473, siehe PDF "Giovanni Boccaccio - Das Decamerone (Übersetzung von Klabund)" und PDF "Giovanni Boccaccio - Das Dekameron (Übersetzung von K. Witte)",Novellensammlung)
  • „Corbaccio“ (1354–1355; dt. „Labyrinth der Liebe“, 1907; Satire)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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