Adelbert von Chamisso

Adelbert von Chamisso als Naturwissenschaftler

Den meisten Menschen ist ADELBERT VON CHAMISSO als deutscher Dichter der Romantik bekannt. Insbesondere seine Fabel von Peter Schlemihl, dem Mann, der seinen Schatten verkaufte, hat ihn berühmt gemacht und ist auch heute noch das am häufigsten mit seinem Namen in Verbindung gebrachte Werk. Viel weniger bekannt ist, dass CHAMISSO auch ein bedeutender Naturwissenschaftler war, der seinen Lebensunterhalt nach absolviertem Botanik- und Medizinstudium als Kustos des Botanischen Gartens zu Berlin verdiente.

In den Jahren 1815 bis 1818 nahm er als Naturwissenschaftler unter Kapitän KOTZEBUE an einer russischen Weltumsegelungsexpedition teil. Das Hauptziel dieser Weltumsegelung, neue Erkenntnisse über die Möglichkeiten einer Nordostpassage bzw. eines Durchgangswegs zum Nordpol zu gewinnen, misslang. Für CHAMISSO war diese Reise jedoch ähnlich erfolgreich und bedeutend, wie später für DARWIN seine Weltumsegelung mit der Beagle. Auf der Weltreise entdeckte CHAMISSO bei Beobachtungen des Meertönnchens (Gattung Manteltiere, Klasse der Seescheiden) den Generationswechsel. Diese sehr grundlegende biologische Entdeckung des 19. Jahrhunderts brachte ihm die Ehrendoktorwürde der jungen Berliner Universität ein. Bemerkenswert sind auch seine Beobachtungen zu Wasserblüten, die er auf seiner Weltreise angestellt hat. Durch mikroskopische Untersuchungen konnte er nachweisen, dass es sich bei dieser Erscheinung um das massenhafte Auftreten mikroskopischer Algen handelt.

CHAMISSO kann auch als ein Pionier der Moorkunde gelten, er hat zwei sehr gründliche Aufsätze über ein „Torfmoor bei Greifswald und einen Blick auf die Insel Rügen“ und „Über die Torfmoore bei Kohlberg, Knageland und Swinemünde“ verfasst. Mit seiner grundlegenden und klar gegliederten Arbeit „Über die pflanzengeografische Einteilung der Erdoberfläche“ von 1836 kann er neben ALEXANDER VON HUMBOLDT (1769–1859) als einer der Väter der Pflanzengeografie bezeichnet werden.

Schließlich hat CHAMISSO auch ein biologiedidaktisches Werk geschrieben: „Übersicht der nutzbarsten und schädlichsten Gewächse, welche wild oder angebaut in Norddeutschland vorkommen – nebst Ansichten von der Pflanzenkunde und dem Pflanzenreiche“ (Friedrich Dümmler Verlag, Berlin 1827). Als weitere Aktivität in Richtung biologischer Unterrichtsmaterialien sind 30 Herbarien von je 300 Pflanzenarten zu erwähnen, die CHAMISSO im Auftrag der preußischen Kultusbehörde anfertigte. CHAMISSO bezeichnete sich in diesem Zusammenhang spöttisch als „Vorsteher einer königlichen Heumanufaktur“.

Die liberale und an den Menschenrechten orientierte Gesinnung des adeligen Exilfranzosen CHAMISSO wird durch folgenden Zusatz bei der Beschreibung der Kulturpflanze Zuckerrohr in seinem didaktischen Werk deutlich: „Wir haben hauptsächlich um des Zuckers willen die Neger zu Diensten des Tieres verdammt und sie auf einen Boden verpflanzt, dessen Ureinwohner wir zuvor vertilgten.“ Denn im Gegensatz zu den meisten seiner Zeitgenossen stufte CHAMISSO auch Menschen anderer Rassen und Erdteile als den Europäern gleichwertig ein. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang seine Schilderung eines Bewohners der Südseeinsel Uleo mit Namen KADU, der CHAMISSO auf seiner Forschungsreise um die Welt einige Zeit lang begleitete und mit dem er sich eng befreundete.

CHAMISSO hat als Naturwissenschaftler in vieler Hinsicht Pionierarbeit geleistet. Zwei Zitate – eines zur Entdeckung des Generationswechsels und ein zweites, in dem er auf die große Bedeutung von Neophyten und Neozoen hingewiesen hat, sollen dies beispielhaft belegen:

Entdeckung des Generationswechsels
„Die Salpenarten erscheinen unter doppelter Gestalt, indem ein Abkömmling während seines ganzen Lebenslaufes seinem Elter unähnlich ist aber einen ihnen ähnlichen Nachkommen hervorbringt. Daher ist jede Salpe ihrer Mutter ebenso wie ihren Töchtern unähnlich, gleicht aber ihrer Großmutter, ihren Enkelinnen und ihren Schwestern. Beide sind nach Art der kopflosen Mollusken zwitterig oder nur weiblich, beide lebendgebärend, aber die eine ist ein Einzeltier und vielgebärend, die andere bildet einen zusammengesetzten Stock aus einzelgebärenden Tieren, die durch die nötige Verbindung vereinigt sind. Diese abwechselnden Gestalten einer stabilen Art werden Generationen genannt, und zwar Einzelgeneration oder Gruppengeneration.“ (aus: „Über die Gattung Salpa“ von ADELBERT VON CHAMISSO, aus dem Lat. übersetzt von Friedrich Markgraf in [4], S. 49).

Neozoen und Neophyten
„Wo der gesittete Mensch einwandert, verändert sich vor ihm die Ansicht der Natur. Ihm folgen seine Haustiere und nutzbare Gewächse. Die Wälder lichten sich, das verscheuchte Wild entweicht, seine Pflanzungen und Saaten breiten sich um seine Wohnung aus. Ratten, Mäuse, Insekten verschiedener Art siedeln sich mit ihm unter seinem Dache an. Mehrere Arten Schwalben, Finken, Lerchen, Rebhühner begeben sich unter seinen Schutz und genießen als Gäste die Früchte seiner Arbeit. In seinen Gärten und Feldern wuchern als Unkraut unter den Gewächsen, die er anbaut, eine Menge anderer Pflanzen, die sich freiwillig denselben zugesellen und gleiches Los mit ihnen teilen. Und wo er endlich den ganzen Flächenraum nicht eingenommen, entfremden sich seine Hörigen von ihm und selbst die Wildnis, die sein Fuß noch nicht betreten hat, verändert die Gestalt. Unzählige Herden verwilderter Pferde und Rinder erfüllen die inneren Ebenen von Amerika und das flache Land von Chile ziert sich mit Wäldern von Apfelbäumen, deren Samen die Rinder verbreitet haben.“ (Schneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Chamisso, Adelbert von: Und lassen gelten, was ich beobachtet habe. Naturwissenschaftliche Schriften. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1983, S. 184).

CHAMISSO verstand es, Naturerlebnis und Naturverständnis, emotionalen und rationalen Zugang zu der Natur und zu den Naturphänomen zu verbinden: „So wie der Leib der Menschen zu seiner Erhaltung der die Erde belebenden Organismen bedarf, so bedarf auch sein Geist, wenn er sich naturgemäß entwickeln soll, eines steten Wechselverkehres mit einer lebendigen Umgebung ... wenn auch der Umgang mit seinesgleichen das gewichtigste Moment in dem Entwicklungsgange seines Geistes ist, so ist doch der Einfluss der organischen Schöpfung überhaupt nicht zu verkennen.“ (Schneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: Illustriertes Heil-, Gift- und Nutzpflanzenbuch. Mit „Über die pflanzengeografischen Einteilungen der Erdoberfläche“. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1987, S. 319).

Lebensdaten

Zwischen 27. und 30. Januar 1781 wurde ADELBERT VON CHAMISSO auf dem Schlosse Boncourt in der Champagne bei Saint-Ménéhould als sechstes von sieben Kindern der MARIE ANNE CHAMISSO DE BONCOURT und des COMTE DE CHAMISSO DE BONCOURT geboren. Er wurde auf den Namen CHARLES LOUIS ADÉLAÏDE getauft. 1790 wurde die königstreue Familie in Folgen der Revolution zum Verlassen ihres Schlosses gezwungen. 1792 wurden das Mobiliar und der Hausrat versteigert und das Schloss zerstört.

1793 bis 1795 war die Familie auf der Flucht. Sie hielt sich in Lüttich, Den Haag, Düsseldorf, Würzburg und Bayreuth auf. CHARLES ADÉLAÏDE und seine älteren Brüder verdienten den Familienunterhalt durch Miniaturmalerei. Auf ein Bittgesuch der Mutter gewährte König FRIEDRICH WILHELM III. von Preußen der Familie 1796/97 eine Aufenthaltsbewilligung in Berlin. CHARLES ADÉLAÏDE erhielt eine Pagenstellung am Hof der Königin und Königsgattin FRIEDERIKE LUISE. Gleichzeitig erhielt er Unterricht am französischen Gymnasium.

1798 wurde CHAMISSO Fähnrich der preußischen Armee. Drei Jahre später wurde er zum Leutnant befördert, während seine Eltern und Geschwister nach Frankreich zurückkehrten. CHAMISSO trat 1803 einem Freundeskreis bei, zu dem u. a. JULIUS EDUARD HITZIG, LOUIS DE LA FOYE, GEORG ANDREAS REIMER und KARL AUGUST VARNHAGEN gehörten, dem sogenannten Nordsternbund . Dieser Bund brachte einen Musenalmanach – eine Sammlung bedeutendster Dichtungen seiner Zeit, einschließlich seiner eigenen – heraus. 1805/06 war CHAMISSO als preußischer Leutnant am Krieg gegen Frankreich und an der kampflosen Aufgabe der Festung Hameln beteiligt. 1808 wurde er auf eigenes Gesuch aus dem Militärdienst entlassen.

CHAMISSO reiste 1810, in der Hoffnung eine Stelle am Lycée Napoleonville zu erhalten, nach Paris. Doch dort angekommen erfuhr er, dass es keine solche Stelle gibt. Er begegnete LUDWIG UHLAND, A.W. SCHLEGEL und ALEXANDER VON HUMBOLDT. Von 1810 bis 1812 hielt er sich bei Frau VON STAËL zunächst in Chaumont und Fossé, später in Coppet am Genfer See auf. Angeregt von seinem Jugendfreund DE LA FOYE und begleitet vom Sohn der Frau VON STAËL wandte er sich dort der Botanik zu.

1812, in Deutschland zurück, immatrikulierte sich CHAMISSO an der neuen Berliner Universität. Er belegte Vorlesungen in Botanik, Zoologie, Anatomie, Mineralogie und später auch in Naturphilosophie. Während dieser Zeit unternahm er botanische Exkursionen in die Umgebung Berlins. Häufig sah man ihn unterwegs mit einer Botanisiertrommel. Während des Aufstands des preußischen Volkes gegen die napoleonische Fremdherrschaft (Mai bis Oktober 1813) brach CHAMISSO wegen fremdenfeindlicher Umtriebe in Berlin zu Freunden nach Kunersdorf im Oderbruch auf. Dort schrieb er für die Kinder seines Freundes HITZIG „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“.

Nach der Völkerschlacht bei Leipzig kehrte er nach Berlin zurück und nahm sein Studium wieder auf. In den Jahren 1815 bis 1818 hatte CHAMISSO die Gelegenheit an einer russischen Pazifik- und Arktis-Expedition auf der Kutterbrigg „Rurik“ unter Kapitän KOTZEBUE als Naturwissenschaftler teilzunehmen. Diese Reise um die Welt ermöglichte ihm Aufenthalte in Brasilien, Chile, Kamtschatka, Unalaschka (Aleuten), San Franzisko, Hawaii, Manila und Südafrika. Am 31.10.1818 kehrt er nach Berlin zurück. Aufgrund seiner Arbeit über den Generationswechsel der Salpen wurde er von der Berliner Universität zum Ehrendoktor der Philosophie ernannt und erhielt eine Stelle als Adjunkt am Botanischen Garten in Schöneberg und als zweiter Kustos am Königlichen Herbarium.

Am 25. September 1819 heiratete er ANTONIE PIASTE. Neben naturwissenschaftlichen Publikationen widmete er sich, angeregt durch die Liebe zu seiner Frau, in den folgenden Jahren auch intensiv seinem literarischen und lyrischen Werk. Daraus entstand beispielsweise der Liederzyklus „Frauenliebe und -leben“, der von ROBERT SCHUMANN (1810–1856) vertont wurde.

1833 wurde CHAMISSO erster Kustos am Königlichen Herbarium. 1835 schloss er sein Tagebuch „Reise um die Welt“ ab. Schließlich erlebte er 1836 die Herausgabe seiner gesammelten Werke in vier Bänden. Am 21. Mai 1837 verstarb seine Gattin nach der Geburt ihres siebten Kinds. Nach einer schweren Lungenerkrankung ließ sich CHAMISSO am 4. August 1838 in den Ruhestand versetzen. Bereits am 21. August starb er und wurde zwei Tage später in Berlin auf dem Friedhof vor dem Halleschen Tor bestattet.

CHAMISSO als Wanderer zwischen den Welten

CHAMISSO war französischer Asylant in Deutschland. Er hatte durchaus mit Anfeindungen und Benachteiligungen zu kämpfen und hat auch darunter gelitten. Trotzdem hat dies nichts an der Liebe zu seiner Wahlheimat Berlin geändert. („Du meine liebe Heimat hast, worum ich bat und mehr noch mir gegeben ...“). Das Gift des aufkeimenden Nationalismus konnte CHAMISSO nichts anhaben. Seine Weltoffenheit und seine humanistische Einstellung sprechen aus allen seinen Briefen und Dichtungen. Insgesamt weist in CHAMISSOs dichterischem Werk, das mit 1 300 Seiten nur etwa die Hälfte seines naturwissenschaftlichen Werks umfasst, nur wenig auf seinen Beruf hin. So z. B. ein melancholisches Gedicht, das er im Sommer 1816 auf seiner Weltreise verfasst hat (Titel:„ Aus der Behringstraße“) oder der „Stoßseufzer bei der Heimkehr“ von 1818.

CHAMISSO lebte in einer Zeit des Umbruchs, der bürgerlichen Revolution und des aufkeimenden Nationalismus, der später so verheerende Folgen für Europa haben sollte. Über sich selber schreibt er: „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich; Katholik bei den Protestanten und Protestant bei den Katholiken; Freigeist bei den Frommen und Frömmler bei den Freigeistern; Weltmann bei den Gelehrten und Schulmeister bei der feinen Gesellschaft; Jacobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger; Niemand will mich, überall bin ich ein Fremder ... “ (Schneebeli-Graf, Ruth (Hrsg.): Adelbert von Chamisso: Illustriertes Heil-, Gift- und Nutzpflanzenbuch. Mit „Über die pflanzengeografischen Einteilungen der Erdoberfläche“. Dietrich Reimer Verlag, Berlin 1987, S. 238).

Als Adliger, der aus seinem Heimatland fliehen musste, entwickelte er sich im preußischen Exil zu einem liberal, ja vielleicht sogar demokratisch gesinnten, weltoffenen Humanisten. Trotz seiner immer wieder bezeugten Liebe zur neuen deutschen Heimat hat er sein Vaterland Frankreich nie vergessen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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