Konfliktverhalten

Individuen einer Population besetzen dieselbe ökologische Nische, was zwangsläufig zu Konflikten führt. Der Zugang zu einer begrenzten Ressource, z. B. Fortpflanzungspartner oder Nahrung, wird durch das agonistische Verhalten mindestens zweier miteinander konkurrierender Individuen bestimmt. Sowohl Droh- als auch Demutsverhalten spielen in diesem Kontext eine Rolle. Gegenüber dem agonistischen Verhalten dient das kooperative Verhalten von Sozialpartnern der Zusammenarbeit untereinander.

Neben der innerartlichen (intraspezifischen) Aggression, kann man auch zwischenartliche (interspezifische) Aggression im Tierreich beobachten.

Mithilfe spezifischer Drohlaute, durch eine entsprechende Drohhaltung oder -mimik messen Gegner ihre Kräfte. Wenn einer der Gegner das Drohen einstellt und zum Demut- oder Beschwichtigungsverhalten übergeht, kommt dies einer Niederlage gleich. In der Regel ist dieses Verhalten sehr stark ritualisiert, d.h., das es sich aus symbolischen Handlungsabfolgen zusammensetzt, die den Gegnern nur selten ernsthafte Verletzungen zufügt

Beispiel:
Wölfe und Hunde zeigen ihre Aggression durch das Aufstellen der Ohren, Sträuben des Fells, Anheben des Schwanzes und Entblößen der Zähne. Sie blicken ihrem Gegner direkt in die Augen und haben eine aufrechte Körperhaltung, die sie groß und bedrohlich wirken lässt. Das sich unterordnende Tier wendet den Blick seitlich ab, kneift den Schwanz ein und hat ein geglättetes Fell. Inwieweit diese ritualisierten Zweikämpfe (Kommentkämpfe) ausarten, hängt i.d.R. vom Angebot der begrenzten Ressource ab.

Beispiel:
Bei männlichen grauen Zieseln (Citellus citellus) kann es daher vorkommen, dass sie sich im Kampf um eine Fortpflanzungspartnerin tödliche Verletzungen zufügen, da die Weibchen nur für einige Stunden im ganzen Jahr empfängnisbereit sind und somit als Paarungspartnerin verfügbar sind. Über die gesamte direkte Fitness eines Zieselmännchens kann unter Umständen an diesem einen Tag entschieden werden.

Agonistisches Verhalten

Aggression:
Imponieren (aggressionskontrollierend): Individuum zeigt durch Brüllen, Brusttrommeln (z. B. Gorilla), Aufplustern oder Sträuben des Fells (Vergrößerung des Körperumrisses), oder Stolzieren seine physische Überlegenheit, um Angreifer einzuschüchtern bzw. abzuschrecken.
Drohen: (aggressionskontrollierend)
Individuum demonstriert Kampfbereitschaft, in dem es Waffen (Zähne oder Krallen) präsentiert oder Drohlaute artikuliert.
Beschwichtigung: (Demutshaltung, aggressionshemmend)
Das unterlegene Tier nimmt eine Demutshaltung ein und demonstriert damit seine Niederlage. Der Kampf wird durch das Wegnehmen aggressionsfördernder Reize beendet. Zum Beispiel legen sich beschwichtigende Dschelada-Weibchen gegenüber dem Männchen mit dem Bauch flach auf den Boden, das Hinterteil erhöht und schnattern/schmatzen mit den Zähnen.
Beschädigungskampf:
Die beteiligten Individuen benutzen alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel, um den Konkurrenten zu töten. Zähne, Geweihe oder Hörner werden so eingesetzt, das der Gegner verletzt oder gar getötet wird.
Kommentkampf/Turnierkampf:
Diese Kampfform ist eine Art Wettkampf unter Artgenossen, der stark ritualisiert nach klaren Regeln abläuft. Es werden keine tödlichen Waffen eingesetzt, in der Regel nur unempfindliche Körperpartien angegriffen und dient einzig und allein, das überlegene Tier zu ermitteln.

Beispiel:
Hirsche z. B. verhaken beim Kommentkampf ihre Geweihe ineinander. Beim Beschädigungskampf setzen sie ihre spitzen Geweihenden ein, um sie dem Konkurrenten in den Körper zu rammen und ihn somit tödlich zu verletzen.

Analysiert man das Verhalten individuell unterscheidbarer Mitglieder einer Gruppe, geht es oft um die Frage, wer wem ausweicht oder aber wer wen verjagen kann, wenn ein Konflikt um eine begrenzte Ressource ausgetragen wird. Aus solchen Untersuchungen resultiert eine Rangordnung bzw. Dominanzhierarchie.

Auch die Dominanzbeziehungen (lat. dominare = beherrschen) zwischen den Individuen bestimmter Geschlechts- und Altersklassen müssen bei Verhaltensbeobachtungen erfasst werden. Ränge können auch „vererbt“ werden, z. B. von dominanten Müttern auf ihre Nachkommen (nepotistische Rangordnung).

Wenn man mehrere Hühner, die sich nicht kennen, gemeinsam in ein Gehege sperrt, kommt es zu Auseinandersetzungen, die durch „Hacken“ ausgetragen werden. In kürzester Zeit bildet sich eine Hackordnung heraus, die in diesem Fall eine lineare Rangordnung (Dominanzhierarchie) aufweist. An der Spitze dieser Hierarchie kontrolliert das α -Huhn alle anderen Gruppenmitglieder. Das in der Rangordnung unter ihm stehende β -Huhn dominiert alle anderen Hühner, mit Ausnahme des α -Huhns, es folgen γ - und δ -Tier.

Lineare Rangordnungen sind selten. Auch lineare Dreiecksbeziehungen ( α ist dominat über β , β über γ , aber δ dominiert das α -Tier) sind im Tierreich vertreten. In der Regel sind die Dominanzbeziehungen jedoch weitaus komplexer und das Beobachten in Konfliktsituationen ist notwendig, um die Beziehungen innerhalb einer Gruppe zu charakterisieren. In der Regel sind Körpergröße, physische Kondition und Kampfkraft für die Ranghöhe eines Individuums ausschlaggebend. Das ranghöchste Tier sichert sich auf diese Weise den bevorzugten Zugang zur begrenzten Ressourcen (z. B. Nahrungsquelle oder Fortpflanzungspartner).

Wie bei der Dominanzhierarchie wird ein Revier zunächst durch Kämpfe und Auseinandersetzungen gebildet. Klare Regeln und Grenzen bestehender Reviere tragen dazu bei, Konflikte zu vermeiden.

Während das ranghöchste Tier den Vorteil hat, einen sicheren Zugang zur begrenzten Ressource zu haben (z. B. Nahrungsquelle), werden die rangtiefen Tiere davor bewahrt, sich in Kämpfen zu verletzen oder aber zu viel kostbare Energie zu verschwenden.

Ein Revier oder ein Territorium ist ein Bereich, das von einem Individuum mithilfe agonistischen Verhaltens in der Regel gegen Artgenossen verteidigt und besetzt wird. Meist sind Reviere ortsfest, ihre Größe wird durch die Tierart, die Revierfunktion und die Menge der verfügbaren Ressourcen bestimmt.

Man kann Individualreviere, die nur von einem Individuum bewohnt werden und Gruppenreviere, in denen mehrere Tiere leben, voneinander unterscheiden. Außerdem besitzen Tiere unterschiedliche Reviere für die Jagd (Nahrungssuche), den Schlaf, die Balz, die Paarung oder die Brut. Diese Reviere müssen nicht unbedingt deckungsgleich sein.

Die Begriffe Revier und Territorium sind gleichbedeutend, allerdings wird in der Ornithologie (Vogelkunde) eher der Begriff Revier verwendet, während die Säugetierkundler bevorzugt die Bezeichnung Territorium benutzen. Territorialität bzw. Revierverhalten tritt bei allen Klassen der Wirbeltiere, bei Insekten und in seltenen Fällen auch bei Krebsen und Spinnen auf:

Beispiel:
Wölfe haben riesige Territorien (mehrere hundert Quadratkilometer groß), Singammerpaare z. B. bewohnen Reviere mit einer Größe von 3 000 m², in denen alle Verhaltensweisen der mehrere Monate anhaltenden Brutsaison stattfinden, Tölpel dagegen paaren und nisten in Revieren, die nur einige qm groß sind, auf Nahrungssuche gehen sie allerdings außerhalb ihres Reviers. Seelöwenbullen verteidigen kleine Territorien, in denen sie sich paaren und Orang-Utans haben riesige Territorien, die sie für den Nahrungserwerb benötigen.

Neben dem Territorium gibt es auch Streifgebiete. Das sind Bereiche, in denen Tiere sich regelmäßig aufhalten, aus denen Artgenossen aber in der Regel nicht vertrieben werden. Meist handelt es sich dabei um neutrale Räume zwischen den Territorien, oder aber dort befindet sich eine kostbare natürliche Ressource, wie z. B. eine Wasserstelle, dessen Verteidigung zu aufwändig wäre.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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