Das historische Sujet in den Siebziger- und Achtzigerjahren

Das historische Sujet in der DDR

In den Fünfzigerjahren war in der DDR ein massenhaftes Auftreten von Literatur mit historischer Thematik festzustellen. Die deutsche Geschichte sollte so dargestellt werden, dass der sozialistische deutsche Staat seine Existenzberechtigung eben auch daraus belegen konnte. WILHELM PIECK hatte auf dem III. Parteitag der SED (1950) auf die Unterschätzung des Studiums revolutionärer Bewegungen aufmerksam gemacht. Nach 1952 erschienen deshalb vorwiegend Werke, in denen das Volk gegen seine Unterdrücker kämpft:

Stoff-Felder waren

  • der Bauernkrieg und
  • die Reformation,
  • die Revolution von 1848 und
  • die Befreiungskriege von 1813–1815.

Während für 1949 ein Anteil von 1,5 % an Belletristik mit historischer Thematik ausgewiesen wurde, waren es 1955 bereits 20 % und 1957 sogar 25 %. Diese stark didaktisch angelegte Literatur verschwand bald vom Buchmarkt. Stattdessen setzte sich historische Belletristik mit komplexeren Weltbildern durch. Bereits in den Fünfzigerjahren hatte ROSEMARIE SCHUDER (geb. 1928) einige wichtige historische Romane verfasst.

Die historische Belletristik in den Sechzigerjahren

Das historische Sujet wurde auch in den Sechzigerjahren gepflegt. ROSEMARIE SCHUDER verfasste Werke in der Tradition LION FEUCHTWANGERs. „Der Gefesselte“ (1962) und „Die zerschlagene Madonna“ (1964) beschäftigen sich mit dem Bildhauer und Maler MICHELANGELO BUONAROTTI. „Die Erleuchteten oder Das Bild des armen Lazarus zu Münster in Westfalen – von wenig Furchtsamen auch der Terror der Liebe genannt“ (1968) erzählt die Errichtung, Verteidigung und grausame Niederschlagung der Wiedertäuferbewegung im westfälischen Münster zwischen 1534 und 1535.
Einige der bedeutendsten literarischen Kunstwerke schuf JOHANNES BOBROWSKI mit „Lewins Mühle“ (1964) und „Litauische Claviere“ (1966). BOBROWSKIs Werke wurden auch in Westdeutschland stark beachtet. 1962 las er vor der Gruppe 47 und wurde ihr Preisträger für dieses Jahr.

„Lewins Mühle. 34 Sätze über meinen Großvater“ wurde innerhalb kürzester Zeit in 14 Sprachen übersetzt. Er spielt etwa 1874.

Lewin, dessen Mühle zur ungewollten Konkurrenz für einen deutschen Mühlenbesitzer wird, gibt vor Gericht gegen seinen Widersacher auf, nachdem der Deutsche ihm zuerst mit Stauwasser die Mühle wegschwemmt, ihm dann das Haus anzündet, in dem Lewin wohnt und zuletzt die deutschen Dorfbewohner gegen den jüdischen Mühlenbesitzer einnimmt.

Auch in der Kinder- und Jugendliteratur wurde das historische Sujet stark beachtet. Von WILLI MEINCK (geb. 1914, „Die seltsamen Abenteuer des Marco Polo“, 1955), der bereits in den Fünfzigerjahren historische Romane veröffentlicht hatte, und KURT DAVID (geb. 1924, „Der schwarze Wolf“, 1966, ein Roman um Dshingis Khan) entstanden Jugendbücher, die in der Tradition der abenteuerlichen Geschichtserzählung stehen. Daneben wurden Romane und Erzählungen um Persönlichkeiten der Arbeiterbewegung veröffentlicht, u. a. VILMOS und lLSE KORNs „Mohr und die Raben von London“, eine Geschichte um KARL MARX.

Die Siebziger- und Achtzigerjahre

In den Siebziger- und Achtzigerjahren war auch eine Tendenz des freieren Umgangs mit historischen Stoffen zu beobachten.
STEFAN HEYM beschäftigte sich in seinem „König David Bericht“ mit biblischer Überlieferung: der Geschichte um den König David. Die von der Geschichtsschreibung festgehaltenen heroischen Taten des Königs werden infrage gestellt. Die Geschichte wird aus der Sicht eines Schreibers erzählt. König David, der in seiner Jugend den Riesen Goliath bezwang, wird bei HEYM zu einem machthungrigen, zwar nicht nach den Geboten Gottes handelnden, wohl aber im Sinne seiner selbst und seiner Berater handelnden Tyrannen. Sein Chronist hat lediglich die Wahl, sein Leben in Glück und Reichtum zu beenden oder aber durch das Beil des Henkers zu sterben. Der Roman will die Zweifel nähren an der Wahrheit der Überlieferungen, will den Blick schärfen helfen für die politischen Vorgänge in der Welt. Die eingeschriebene Ablehnung diktatorischer Regimes ist durchaus sozialismuskritisch zu lesen. In diesem Sinn erhält der „König David Bericht“ starke aktuelle Bezüge. gesellschaftliches Engagement ist gefordert, der innere Widerstand des Einzelnen reicht nicht aus, die Verhältnisse zu korrigieren.

IRMTRAUD MORGNERs „Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz, nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura“ (1974) und „Amanda. Ein Hexenroman“ (1983) vereinen das mythologische, das utopische Element mit dem gesellschaftlichen Alltag in der DDR. Der „Eintritt der Frau in die Historie“ wird thematisiert. Man kann MORGNERs Geschichten in diesem Sinne als „historische Gegenwartsromane“ lesen, wenn nach der Rolle der Frau in der (sozialistischen) Gesellschaft gefragt wird. Die Geschichten sind voller Phantasie und Fabulierlust und knüpfen in Teilen an den magischen Realismus an.

WALTRAUD LEWINs „Federico“ ist ein Roman um den Hohenstauffener Kaiser FRIEDRICH II. und versucht, Mythologie und überlieferte Geschichte der Menschheit mit existenziellen Fragen zu verbinden. LEWIN stimmt ein Hohelied auf den „Unruhvollen Stamm“ (deren Urahnen Gott und Eva sind) an. Trude, Abkömmling dieses Stammes, die fahrende Botin und Erzählerin verbindet die Antworten des Hochmittelalters mit Fragen der Entstehungszeit des Romans. Der Unruhvolle Stamm ist auf der Suche nach Erkenntnis der Epoche, die er durchschreitet. Trude kann die Vergangenheit befragen, nicht die Zukunft. und so will sie den Stauffer-Kaiser, der in Sizilien einen Ideen-Staat schaffen wollte, befragen. Für seine Idee sanktionierte der in Deutschland die Ketzerverfolgung. Trude will nach dem Preis der Macht befragen. Sie findet Einlass in die Unterwelt (ähnlich Dante in der „Göttlichen Komödie“). Aus der Sicht der Gegenwart ersteht das Bild FRIEDRICHs II. neu.

Historische Themen in der Literatur der Bundesrepublik, Österreichs und der Schweiz

In der Bundesrepublik der Siebzigerjahre gab es eine eine stärkere Hinwendung zu historischen Themen. So beschäftigte sich PETER HÄRTLING mit der Figur Hölderlins (1976) und in „Hoffmann oder Die vielfältige Liebe. Eine Romanze.“ (2001) mit der Person E.T.A. HOFFMANNs in dessen fünf Bamberger Jahren. Er war dort Theaterkapellmeister, Komponist, Regisseur und Bühnenmaler.
WOLFGANG HILDESHEIMERs „Mozart“ (1977) wurde mit 250 000 verkauften Exemplaren in zehn Jahren sein erfolgreichstes Buch. GOLO MANNs „Wallenstein“ (1971) war zwar aus der Sicht des Geschichtswissenschaftlers geschrieben, wies stilistisch jedoch sehr starke poetische Momente auf.


Einer der erfolgreichsten historischen Romane wurde PATRICK SÜSKINDs „Das Parfum“ (1985), der Geschichte des Mörders Jean-Baptiste Grenouille, der 1738 auf dem Fischmarkt in Paris zur Welt kommt, von seiner Mutter für eine Todgeburt gehalten und zu den Fischabfällen gelegt wird. Das Kind überlebt, während die Mutter hingerichtet wird. Grenouille wird von einer Amme aufgezogen. Er lebt er in der Welt der Gerüche, obwohl er selbst nach gar nichts riecht. Erwachsen arbeitet er bei einem Parfumeur und stellt die unwiderstehlichsten Parfums her. Durch seine einmalige Nase wird er zum Mörder, denn er will den perfekten Duft entwickeln. So tötet er 24 Jungfrauen, um aus ihnen diesen Duft zu extrahieren.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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