Das Vanitasmotiv im Barock

Zeitalter des Barock

Das Zeitalter des Barock war für die Menschen vor allem eine Zeit religiöser und gesellschaftlicher Umbrüche, der Zerrissenheit und des unermesslichen Leids. Der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) und wiederkehrende Pestepidemien hatten in Deutschland, vor allem im Norden, ganze Landstriche verwüstet und entvölkert. Der Süden litt unter den Folgen der Türkenkriege (1683 zweite Belagerung Wiens). Marodierende Söldnertruppen zogen durch die Lande und mordeten, brandschatzten und plünderten. Im Krieg hatten sich die Staaten der protestantischen Union und der katholischen Liga gegenübergestanden. Glaubenskämpfe verunsicherten die Menschen: Protestanten und Calvinisten bekämpften einander und beide gemeinsam den Katholizismus, der im Zuge der Gegenreformation wieder an Boden gewonnen hatte. Nicht nur Kriegsleid und das Erlebnis massenhaften Sterbens drückte die Menschen, sondern auch große soziale Ungerechtigkeit. Der kostspielige Repräsentationsstil deutscher absolutistischer Fürsten war dem Gepränge des französischen Königshofes unter LOUIS XIV. abgeschaut. Die triumphalen, mächtigen Schlossbauten dieser Epoche und die glänzende Hofhaltung finanzierten die Landesherren zum großen Teil, indem sie der Bevölkerung horrende Steuern abpressten und die Gesinde- und Leibeigenschaftsordnung verschärften. Die neuzeitliche Umgestaltung der Welt durch wissenschaftliche und geographische Entdeckungen, durch die Herausbildung neuer ökonomischer Strukturen vermittelte den Menschen das Gefühl, aus den gewohnten religiösen und ständischen Bindungen herauszufallen und zum Spielball religiöser und politischer Mächte und des Schicksals zu werden. Doch gerade das Bewusstsein der Vergänglichkeit alles Irdischen und der Sinnlosigkeit allen Bemühens, das Wissen um die Wechselhaftigkeit des menschlichen Glücks und die Allgegenwart des Todes hielt auch das Bedürfnis wach, dankbar für jeden in Zufriedenheit verbrachten Tag zu sein, das Leben im Diesseits nach Kräften zu genießen und sich den ganz alltäglichen Sinnesfreuden hinzugeben.
Aus diesen Gegensätzlichkeiten und Spannungen speisen sich dieMotive und Topoi (feste Bilder und Symbole) der barocken Kunst, sowohl in bildnerischen Darstellungen als auch in der Literatur und insbesondere in der Lyrik. Das Streben der Menschen nach Glanz, Anerkennung und irdischen Gütern wird in der Malerei häufig in der Gestalt einer Frau symbolisiert, angelehnt an die mittelalterliche Vorstellung von der Frau Welt. Nicht selten ist es eine üppige nackte Schöne, die in einen Spiegel schaut und Sinnesfreuden und Genuss verkörpert. Doch ähnlich wie in den mittelalterlichen Totentanzdarstellungen ist derTod, unabhängig von persönlichem Stand und Reichtum, allgegenwärtig und beobachtet das eitle Treiben. Mitunter erscheint er im Bild direkt in der Gestalt des Sensenmannes oder eines halbverwesten Leichnams. In Stillleben ist er symbolisiert in Emblemen, die Vergänglichkeit bedeuten:

  • düsteres Ambiente,
  • Totenschädel,
  • modernde, verwesende Früchte und Pflanzen,
  • Tiere der Nacht wie Eulen und Fledermäuse,
  • verlöschende Kerzen,
  • die rinnende Sanduhr.

Sanduhr

Die Sanduhr ist das deutlichste Sinnbild der unaufhaltsam verfließenden Zeit und des unwiderruflich herannahenden Endes.

THEODOR KORNFELD
Eine Sanduhr

Die Zeit vergehet
Und bald enstehet
Der Rechnungstag
Von aller Sach;

Der Sand versindet
Uns damit windet
Wir wollen fort
Zum andern Orth
Gen fromm/ und kom.
Gott uns leite

Und bereite!
Miss' alle Stunde woll
und richte deine Sachen;
Das du in letzter Stund kanst gute

Rechnung machen.

Memento mori

Seit dem späten Mittelalter und gerade in jenem höchst unsicheren Jahrhundert des Dreißigjährigen Krieges war das „Memento mori“ (Gedenke des Todes) geradezu ein Teil des Selbstverständnisses des Menschen. Alles, was dem Menschen widerfahre, sei das Werk Gottes, so lehrte es der Glaube. Trost und Heil erwarte den Menschen nach einem mühseligen Leben erst im Jenseits. Also galt es, wohl vorbereitet die Stunde des Todes zu erwarten, vor allem indem man ein demütiges, tugendhaftes und gottgefälliges Leben führte, stets eingedenk der Nichtigkeit menschlichen Strebens.

Das Vanitasmotiv in direkter Anlehnung an den Prediger Salomo aus dem Alten Testament und in dennoch ganz eigenständiger Anverwandlung der Diktion ist in ANDREAS GRYPHIUS' Sonett „Es ist alles eitel“ von 1643 zu finden. GRYPHIUS (1616–1664) bereicherte die biblische Vorlage gleichsam um selbst Empfundenes, denn er hatte sehr früh am eigenen Leib die Not von Krieg und Krankheit erfahren.

ANDREAS GRYPHIUS
Es ist alles eitel

Du sihst, wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden.
Was diser heute baut, reist jener morgen ein:
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wisen seyn
Auf der ein Schäfers-Kind wird spilen mit den Herden:

Was itzund prächtig blüht, sol bald zertreten werden.
Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein
Nichts ist/ das ewig sei/ kein Ertz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an/ bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Thaten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spil der Zeit/ der leichte Mensch bestehn?
Ach! was ist alles diß, was wir für köstlich achten/

Als schlechte Nichtigkeit/ als Schatten/ Staub und Wind;
Als eine Wissen Blum, die man nicht wider find't.
Noch will was Ewig ist kein einig Mensch betrachten!

1643 (Audio 1)

Die Eindringlichkeit dieser Dichtung rührt im Wesentlichen von dem antithetischen Aufbau der ersten beiden Strophen, der das geschäftige, blühende Leben mit dem Prinzip der allgemeinen Vergänglichkeit kontrastiert, und der kräftigen Bildsprache her: Dem Bauen folgt das Einreißen, auf Blühen das Zertreten, dem Lachen des Glücks folgen donnernde Beschwerden. Dem allmächtigen Spiel der Zeit ist alles und jeder unterworfen, so lautet die Grundaussage des Gedichts. Gryphius benutzt dafür die Topoi von Asche und Bein, von Schatten, Staub und Wind, von Nichtigkeit und Vergehen. Jedoch das Köstliche, so sagt GRYPHIUS am Ende, ist für uns gerade das, was vergänglich ist, denn „was ewig ist“ will „kein einig Mensch betrachten“.

Eine ähnlich pessimistische Grundstimmung ist in den Gedichten von CHRISTIAN HOFMAN VON HOFMANNSWALDAU (1616–1679) anzutreffen, der häufig die Vergänglichkeit von Jugend und Schönheit („... denn Kindheit und Jugend ist eitel“ – Prediger 11.9) und die Unbeständigkeit der Liebe beklagt. Ins Allgemeine gewendet und auf den Zustand der Welt bezogen sind diese Klagen in seinen „Die Welt“ betitelten Gedichten.

CHRISTIAN HOFMAN VON HOFMANNSWALDAU
Die Welt (II)

Was ist die Welt und ihr ber ühmtes Gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?
Ein schnöder Schein in kurtzgefasten Gräntzen /
Ein schneller Blitz bey schwartzgewölckter Nacht.
Ein bundtes Feld / da Kummerdisteln grünen;
Ein schön Spital / so voller Kranckheit steckt.
Ein Sclavenhauß / da alle Menschen dienen /
Ein faules Grab / so Alabaster deckt.
Das ist der Grund / darauff wir Menschen bauen /
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
Komm Seele / komm / und lerne weiter schauen /
Als sich erstreckt der Zirckel dieser Welt.
Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen /
Halt ihre Lust vor eine schwere Last.
So wirstu leicht in diesen Port gelangen /
Da Ewigkeit und Schönheit sich umbfast.

1679

Das Gedicht führt die Kurzlebigkeit des Glücks vor Augen und die Vergänglichkeit, der alles Irdische schon in seinem Entstehen anheim gegeben ist. Der schöne Schein trügt, so HOFMANNSWALDAU, denn Kummer, Mühsal, Krankheit und letztlich das Grab sind allen Menschen vorherbestimmt und aufflackerndes Glück und materieller Glanz sind nur ein Abgott, ein falscher Gott.

audio

Die Vanitasklagen in der Barocklyrik sind von der Haltung eines christlichen Stoizismus geprägt und vermitteln, dass das Glück den Menschen nicht im Diesseits bestimmt ist, sondern dass sich die Seele über die engen Grenzen des irdischen Lebens erheben soll, sei es im Glauben an die Erlösung im Jenseits oder als Eingedenken, Teil des universellen Werdens und Vergehens zu sein. So soll der Mensch sich ohne zu hadern in sein von Gott vorbestimmtes Schicksal fügen.

ANDREAS GRYPHIUS
Was sind wir Menschen doch
(Menschliches Elende)

Was sind wir Menschen doch! ein Wonhauß grimmer Schmertzen?
Ein Baal des falschen Glücks / ein Irrliecht dieser Zeit /
Ein Schauplatz aller Angst / und Widerwertigkeit /
Ein bald verschmelzter Schnee / und abgebrante Kertzen /
Diß Leben fleucht darvon wie ein Geschwätz und Schertzen.
Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes kleid /
Und in das Todten Buch der grossen Sterbligkeit
Längst eingeschrieben sind; find uns auß Sinn' und Hertzen:
Gleich wie ein eitel Traum leicht auß der acht hinfält /
Und wie ein Strom verfleust / den keine Macht auffhelt;
So muß auch unser Nahm / Lob / Ehr und Ruhm verschwinden.
Was itzund Athem holt; fält unversehns dahin;
Was nach uns kompt / wird auch der Todt ins Grab hinzihn /
So werden wir verjagt gleich wie ein Rauch von Winden.

1643 (Audio 2)

Das Erlebnis von Krieg, Sterben und massenhaftem menschlichen Elend sowie das Empfinden, in einer dem Untergang geweihten Welt zu leben, teilten die Dichter aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges mit den jungen Expressionisten, die 250 Jahre später in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges geworfen waren. An dem Elend, das ihm im Lazarett täglich begegnete, ist der Dichter GEORG TRAKL (1887–1914) zerbrochen. Eins seiner letzten und erschütterndsten Gedichte spiegelt ein ähnliches Empfinden wie die oben gezeigten älteren Dichtungen. Jedoch bietet das Jenseits nunmehr keine Hoffnung, denn „ein zürnender Gott wohnt“ im roten Gewölk.

Grodek
GEORG TRAKL

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergoßne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunklen Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

1914

audio

Natur- und Landschaftslyrik

Neben dem Memento Mori finden sich zahlreiche Naturgedichte im Barock als Ausdruck des Verhältnisses zwischen Subjekt und Welt bzw. zwischen Mensch und Gott.

Zu den namhaftesten Naturlyrikern zählt BARTHOLD HINRICH BROCKES (1680–1747), dessen Zyklus „Irdisches Vergnügen in Gott“ bis heute zu den einflussreichsten Gedichtsammlungen gehört. Seine Gedichte beschreiben und feiern äußerst detailreich die Schöpfung Gottes.

BARTHOLD HINRICH BROCKES
Kirschblüte bei der Nacht

Ich sahe mit betrachtendem Gemüte
jüngst einen Kirschbaum, welcher blühte,
in kühler Nacht beim Mondenschein;
ich glaubt, es könne nichts von größerer Weiße sein.
Es schien, als wär ein Schnee gefallen;
ein jeder, auch der kleinste Ast,
trug gleichsam eine rechte Last
von zierlich weißen runden Ballen.
Es ist kein Schwan so weiß, da nämlich jedes Blatt,
– indem daselbst des Mondes sanftes Licht
selbst durch die zarten Blätter bricht –
sogar den Schatten weiß und sonder Schwärze hat.
Unmöglich, dacht ich, kann auf Erden
was Weißres aufgefunden werden.
Indem ich nun bald hin, bald her
im Schatten dieses Baumes gehe,
sah ich von ungefähr
durch alle Blumen in die Höhe
und ward noch einen weißern Schein,
der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar,
fast halb darob erstaunt, gewahr.
Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein
bei diesem weißen Glanz. Es fiel mir ins Gesicht
von einem hellen Stern ein weißes Licht,
das mir recht in die Seele strahlte.
Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze,
dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze.
Die größte Schönheit dieser Erden
kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden. 

Auch SIGMUND VON BIRKEN (1626–1681) und JOHANN KLAJ (1616–1656) verfassten Naturgedichte, die sich heutzutage, allerdings zu Unrecht, nur noch in einigen Anthologien finden. JOHANN KLAJs Vorzug des Frühlings (Audio 3) lebt nicht nur von der Schilderung der Landschaft und Natur, sondern besticht auch durch das subtile Spiel mit der Sprache und der verblüffenden Pointe:

JOHANN KLAJ
Vorzug des Frühlings

Im Lentzen da gläntzen die blümigen Auen /
die Auen / die bauen die perlenen Tauen /
die Nympfen in Sümpfen ihr Antlitz beschauen /
es schmiltzet der Schnee /
man segelt zur See /
bricht güldenen Klee.
Die Erlen den Schmerlen den Schatten versüssen /
sie streichen / sie leichen / in blaulichten Flüssen /
die Angel auß Mangel und Reissen beküssen /
die Lerche die singt /
das Haberrohr klingt /
die Schäferin springt.
Die Hirten in Hürden begehen den Majen /
man zieret und führet den singenden Reien /
die Reien die schreien um neues Gedeien /
die Herde die schellt /
der Rüde der bellt /
das Eiter das schwellt.

audio

SIGMUND VON BIRKEN und JOHANN KLAJ verfassten auch gemeinsam Gedichte. Eines dieser ist „Befärbet/Umnärbet“ (Audio 4):

Befärbet /
Umnärbet /
Du heitrer Blumen=glantz
Du buntlicher runder KRANTZ /
Artlich gewunden / und zartlich gebunden /
Ein Dank *** Ein Zank
und Himmelsgabe: * Bild* der Sinnen=haabe.
Deine Zier *Bild * doch dafür
Ist jetzt ringer worden / * Bild* blüht ein schöner Orden
Es wird noch dieses Riß *Bild * ein starkes Band gewiß
beginnen *Bild *anspinnen:
und dein Blumenbewirten* Bild * weil die Pegnitz=Hirten
grünt an Ruhm * * * krönt die Blum
Bezüngtes Gerüchte / Trieb unser Gedichte /
Mach unsren Verbindungs=Bund
Kund in dem weiten Rund
Mit Stifften /
in Schrifften.

audio

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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