Gerhart Hauptmann

Kindheit und Jugend

GERHART JOHANN ROBERT HAUPTMANN wurde am 15. November1862 im Hotel „Zur Preussischen Krone“ in Ober-Salzbrunn (Niederschlesien, heute Szczawno Zdroj, Polen) als Sohn des Hotelbesitzers ROBERT HAUPTMANN und dessen Frau MARIA (geb. STRÄHLER) geboren. Er war das jüngste von vier Kindern. Ebenfalls als Schriftseller zu einigem Ruhm gekommen ist sein Bruder CARL.

Seine Schulzeit begann er in der Dorfschule, hier lernte HAUPTMANN, nach eigenen Aussagen, etwas Latein und Violine. Ab 1874 war er an der Realschule am Zwinger in der schlesischen Provinzhauptstadt Breslau, wurde aber bald wegen mangelnder Schulergebnisse von der Schule verwiesen. So begann HAUPTMANN 1878/79 eine landwirtschaftliche Ausbildung auf dem Rittergut eines Onkels in Lohnig in Schlesien und setzte diese in Lederose fort. Aufgrund gesundheitlicher Probleme brach er die Lehre vorzeitig ab. Im Oktober 1880 wurde er an der Breslauer Königlichen Kunst- und Gewerbeschule für die Bildhauerklasse zugelassen, jedoch im Januar 1881 dort wieder ausgeschlossen. Im selben Jahr ging HAUPTMANN zum Studium nach Jena. Im Herbst 1881 verlobte er sich mit MARIE THIENEMANN, der Tochter eines reichen Wollhändlers aus Dresden-Radebeul, die er auf der Hochzeit seines Bruders GEORG in Dresden kennengelernt hatte. Sie sicherte HAUPTMANNs Lebensunterhalt.

Nach einer Mittelmeerreise, die ihn mit seinem Bruder CARL nach Spanien und Italien führte, ließ er sich 1883 in Rom als Bildhauer nieder. 1884 trat HAUPTMANN in die Zeichenklasse der Königlichen Akademie in Dresden ein. 1885 heiratete er MARIE THIENEMANN, mit der er drei Söhne hatte. Ihre Hochzeitsreise führte sie auf die Insel Rügen, von dort aus fuhr er mit seinem Bruder CARL, dessen Ehefrau MARTHA und seinem Freund HUGO ERNST SCHMIDT nach Hiddensee. Diese Insel wurde für sein späteres Leben entscheidend.

Das junge Paar zog nach Erkner bei Berlin, wo es die untere Etage der Villa „Lassen“ bezog und wo HAUPTMANN Kontakt mit dem naturalistischen Berliner Dichterverein „Durch“ pflegte.

Frühe Schaffensperiode

1887 in Erkner entstanden die Novellen „Bahnwärter Thiel“ (1888) und „Fasching“ (1887).

In der Novelle „Bahnwärter Thiel“ treffen aufregende Reize, die das Leben in Unordnung bringen und die Reinheit der Gefühle aufeinander. Der streng geregelte, ruhige Fluss des Lebens wird – symbolisch – von einem Schnellzug erfasst. Das Milieu ist bestimmend, das Geschehen ist Schicksal. Die Figuren erleben es als Strafe für ihr sündhaftes Leben. Die Geschichte des Bahnwärter Thiel endet in der Irrenanstalt der Charité: Ein introvertierter Bahnwärter im märkischen Wald, innerlich noch immer seiner ersten Frau verbunden, verfällt der sinnlichen Ausstrahlung seiner zweiten Frau und fühlt sich deshalb schuldig. Sprachlos lässt er selbst die Züchtigungen seines Sohnes Tobias durch seine zweite Frau geschehen. Er tötet seine zweite Frau und das gemeinsame Kind im Wahnsinn, nachdem diese aufgrund von Fahrlässigkeit den Tod seines Kindes aus erster Ehe verschuldet. Sein Sohn Tobias wurde von einem Schnellzug überfahren.

Im April 1889 war HAUPTMANN Mitbegründer des Vereins „Freie Bühne“. Hier wurden viele Werke des Autors in nichtöffentlichen (zensurfreien) Vorstellungen uraufgeführt, so z.B. das sozialkritische Drama „Vor Sonnenaufgang“, das HAUPTMANN den Pionieren des Naturalismus, ARNO HOLZ und JOHANNES SCHLAF widmete. Aber nicht die beiden, sondern HAUPTMANN wurde nun zum führenden Dramatiker der Moderne.

1890 während einer Wanderung entdeckten CARL und GERHART HAUPTMANN im Isergebirge ein idyllisches Plätzchen, das gerade zum Verkauf stand. Damit sicherten sich die Brüder den Bauernhof in Schreiberhau (heute Szklarska Poreba). Hier entstanden einige der wichtigsten Frühwerke des Autors. So stellte er hier 1892 sein bedeutendstes Werk, das gesellschaftskritische Drama „Die Weber“ (im schlesischen Dialekt „De Waber“) fertig. Nach der Uraufführung des Stückes 1895 im Deutschen Theater war Kaiser WILHELM II. so erbost, dass er im April seine Theaterloge kündigte und die Aufführung durch den Berliner Polizeipräsidenten verbieten ließ.

HAUPTMANN schuf eine neue, plastische Form des sozialen Milieudramas, vor allem in „Die Weber“, ist aber mit seinem langen Schaffen nicht allein dieser Richtung bzw. dieser Strömung zuzuordnen. Er nimmt in dieser Phase wichtige Anregungen der naturalistischen Programmatik auf; sie verbinden sich in den Dramen, Komödien und Prosatexten („Bahnwärter Thiel“) mit seinen Vorstellungen von der Schicksalhaftigkeit des Lebens und dem Wirken innerer Mächte, die den Menschen mitleiden lassen und zur Suche nach Erlösung treiben: Den Gesetzen der naturgegebenen Welt stehe der einzelne ohnmächtig gegenüber. Was ihm bleibe, sei die Welt seiner Phantasie, seine „Seele“.

Seine Werke zeigen die Lebendigkeit der Tradition des Barock und der Mystiker (JAKOB BÖHME). Literaturhistoriker sprechen auch von einer geistigen Verwandtschaft mit dem realistischen Skeptizismus von GEORG BÜCHNER.

1893 wurden die Komödie „Der Biberpelz“ und die dramatische Traumdichtung „Hanneles Himmelfahrt“, die, wie auch „Kollege Crampton“ (1892) und „Florian Geyer“ (1895), in Schreiberhau entstanden waren, uraufgeführt. Während der Uraufführung von „Hannele“ lernte HAUPTMANN MARGARETE MARSCHALK, eine 18-jährige Geigerin, kennen. Dadurch kam es zur Ehekrise. Nach einer Reise mit seiner Ehefrau in die USA trennte sich das Ehepaar HAUPTMANN 1894 und ließ sich 1904 scheiden.

1896 erhielt der Dichter in Wien den Grillparzer-Preis. Als man ihn in Berlin für den Königlichen Schiller-Preis vorschlug, verweigerte der Kaiser die Verleihung. Er konnte sich nur dazu durchringen, HAUPTMANN die IV.Klasse (die unterste Klasse) des Roten Adler-Ordens (1915) zu verleihen.

Mittlere Schaffensperiode

1901 übersiedelte HAUPTMANN nach Agnetendorf (Riesengebirge, heute Jagniatków, Polen), das im Wechsel mit Berlin, Hiddensee und später Italien zum ständigen Wohnsitz wurde. Das Haus in Schreiberhau im Isergebirge bewohnte nun CARL HAUPTMANN allein. Hier arbeitete HAUPTMANNs Bruder über dreißig Jahre.

1904 heiratete GERHART HAUPTMANN seine Freundin MARGARETE MARSCHALK, von der er einen Sohn hat.
Literarisch hatte HAUPTMANN Erfolg: 1905 erhielt er zum dritten Mal den Grillparzer-Preis und 1906 erschien eine sechsbändige Gesamtausgabe seiner Werke im Fischer-Verlag. In dasselbe Jahr fällt auch die Begegnung mit IDA ORLOFF. Die Affäre dauerte zwar nur kurz, aber sie fand Einlass in diverse Dichtungen des Autors.

1910 erschien HAUPTMANNS erstes großes episches Werk „Der Narr in Christo Emanuel Quint“ als Vorabdruck in der „Neuen Rundschau“. Am 13. Januar 1911 wurde im „Lessing Theater“ in Berlin sein Schauspiel „Die Ratten“ uraufgeführt. Ein Jahr später wurde ihm der der Nobelpreis für Literatur verliehen.

1913 wurde HAUPTMANNS erster Film, „Atlantis“, uraufgeführt. Viele weitere Verfilmungen seiner Werke folgten.

HAUPTMANN, der, wie viele deutsche Intellektuelle, den Ersten Weltkrieg zunächst begeistert besungen hat, setzte sich in seinem Versepos „Till Eulenspiegel“ desillusioniert mit dem Krieg auseinander. Das Epos folgt dem Glauben an eine humane Zukunft für das deutsche Volk. Bereits der Volltitel positioniert den Helden: „Des großen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulenspiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Träume“. Till ist sowohl der enttäuscht und gebrochen aus dem Krieg heimgekehrte Soldat als auch der vagabundierende „Schalksnarr“, der der Welt den satirischen Spiegel vorhält. Er kommentiert die chaotischen politischen Zustände Deutschlands in den frühen 20er Jahren mit Bitterkeit.

HAUPTMANN selbst setzte sich in einer Erklärung vom November 1918 im „Berliner Tageblatt“ für die junge Weimarer Republik ein. Die Republik dankte ihm sein Engagement mit der Verleihung des Adlerschildes des Deutschen Reiches (1922). 1924 wurde HAUPTMANN Ehrenmitglied in der Akademie der bildenden Künste in Wien. Außerdem wurde ihm der Orden Pour le Mérite (Friedensklasse) verliehen.

Späte (klassische) Schaffensperiode

Die Zuordnung der späten Werke in den Dreißiger- und Vierzigerjahren zu einer literarischen Strömung oder Richtung ist schwierig. HAUPTMANN löste sich in seinem Spätwerk von der naturalistischen Wirklichkeitsdarstellung und konzentrierte sich stärker auf

  • symbolische Formen,
  • historische Motive.

In dieser Phase zeugen seine Texte auch von dem Interesse an griechischer Mythologie und der Tradition der attischen Tragödie.

1926 wurde das Schauspiel „Dorothea Angermann“ uraufgeführt. 1928 trat HAUPTMANN in die Preußische Akademie der Künste (Sektion Dichtkunst) ein.
1930 kaufte HAUPTMANN „Haus Seedorn“ auf Hiddensee: Es ist die einzige Lebens- und Schaffensstätte des Dichters, die im Originalzustand erhalten ist, so wie der Hausherr sie 1943, als er zum letzten Mal auf der Insel war, verlassen hat.

1932 wurde ihm der Goethepreis der Stadt Frankfurt /Main verliehen. Es fand die letzte Uraufführung eines seiner Dramen in Deutschland zu seinen Lebzeiten statt. Das Drama, das den Titel „Vor Sonnenuntergang“ trägt, sollte nicht nur vom Titel her an sein in der Frühzeit erfolgreichstes Stück erinnern, an „Vor Sonnenaufgang“. Es stellte in HAUPTMANNs Schaffen die einzige verbale Distanzierung vom heraufkommenden Nationalsozialismus dar. 1932 reiste der Autor in die USA. Dort wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Columbia University verliehen. Er wurde vom amerikanischen Präsidenten im Weißen Haus empfangen. Konsequenterweise äußerte er sich nach dem 30. Januar 1933 nicht zum Nationalsozialismus. Stattdessen zog er sich aus dem öffentlichen Leben zurück. Seine Werke jedoch wurden weiter aufgeführt. 1937 erschien HAUPTMANNs Autobiografie „Das Abenteuer meiner Jugend“. 1940 begann er in Agnetendorf mit der sogenannten Atriden-Tetralogie (1940-1944):

  • Iphigenie in Delphi,
  • Iphigenie in Aulis,
  • Agamemnons Tod und
  • Elektra.

Man liest sie heute, trotz ihres antiken Stoffes, als ein Porträt der nationalsozialistischen Zeit. Allerdings ist sie wahrscheinlich auch eine Reverenz an die deutsche Klassik, denn zeitgleich schilderte er eine fiktive Begegnung mit GOETHE in der Novelle „Mignon“ (1943, veröffentlicht 1947).

Zum 80. Geburtstag 1942 wurde HAUPTMANN mit zahlreichen Festaufführungen in Breslau und Wien geehrt. Im Februar 1945 erlebte der Dichter die Bombenangriffe auf Dresden. Nun zog er sich nach Agnetendorf zurück. Die seelischen Erschütterungen waren kaum zu verkraften. Die Befreiung vom Nationalsozialismus erlebte HAUPTMANN dort. Von den polnischen Behörden wurde ihm ein Schutzbrief ausgestellt, der ihn vor dem Zorn der Polen bewahren sollte.

Auch in diesem kleinen Werk gibt sich HAUPTMANN als Gegner des Nationalsozialismus („leben ... in fremdmächtiger Zeit“) zu erkennen.

Nach dem Kriegsende wurde der Dramatiker noch Ehrenpräsident des neu gegründeten „Kulturbundes zur demokratischen Erneuerung Deutschlands“. Am 6. Juni 1946 starb GERHART HAUPTMANN in Agnetendorf an einer Lungenentzündung. Die gesamte Wiesenstein-Ausstattung wurde mit einem Sonderzug nach Deutschland transportiert. Am 21. Juli traf der Sonderzug mit dem Leichnam in Berlin ein. Am Sonntag, dem 28. Juli 1946, wurde GERHART HAUPTMANN in Kloster auf Hiddensee beigesetzt. Sein Grab schmückt ein schlichter Fels.

Werke (Auswahl)

  • Vor Sonnenaufgang (1889)
  • Die Weber (1892)
  • Hanneles Himmelfahrt (1893)
  • Der Biberpelz (1893)
  • Florian Geyer (1896)
  • Die versunkene Glocke (1896)
  • Fuhrmann Henschel (1898)
  • Schluck und Jau (1900)
  • Der arme Heinrich (1902)
  • Rose Bernd (1903)
  • Gabriel Schillings Flucht (1905/06)
  • Griechischer Frühling (1908)
  • Der Narr in Christo Emanuel Quint, Roman (1910),
  • Die Ratten (1911)
  • Der Bogen des Odysseus (1914)
  • Der Ketzer von Soana (1918)
  • Des großen Kampffliegers, Landfahrers, Gauklers und Magiers Till Eulenspiegel Abenteuer, Streiche, Gaukeleien, Gesichte und Träume (1928)
  • Buch der Leidenschaft (1930)
  • Das Meerwunder, Erzählung (1934)
  • Hamlet in Wittenberg (1935)
  • Abenteuer meiner Jugend, Autobiografie (2 Teile, 1937 und 1949)
  • Der grosse Traum (1942–1943)
  • Atridentetralogie (1940–1944)
    • Iphigenie in Delphi,
    • Iphigenie in Aulis,
    • Agamemnons Tod und
    • Elektra

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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