Hymne

Die Hymne (griech. hymnos = Tongefüge) war ursprünglich ein Kultgesang ohne feste formale und inhaltliche Kennzeichen. Sie war ein feierlicher Preis-, Lob- und Festgesang auf einen Gott (z. B. die „Psalmen“ des Alten Testaments).

Dabei treten neben den Begriff der Hymne in der Antike weitere Begriffe, so heißt die Hymne auf Dionysos Dithyrambus, ein feierlicher vielstimmiger Gesang auf Apollon dagegen Päan.

Dithyrambus

Dithyrambus war ein Beiname des Bacchus bzw. Dionysos. Sie wurden während der sogenannten Dionysien, den Festtagen zu Ehren des Gottes, im Wechselgesang zwischen Chor und Vorsinger vorgetragen. Aus diesem Brauch entstand später das antike Theater. Erfinder des Dithyrambus soll der sagenhafte ARION gewesen sein.

Päan

Der Name Päan leitet sich ab vom Beinamen der Götter, denen man heilende Kräfte zuschrieb. In der griechischen Hymnendichtung gelten besonders BACCHYLIDES und PINDAR als Meister des Päan. Gesungen wurden diese apollinischen Hymnen auf Festen zu Ehren des Gottes. Das berühmteste war das „Hyacinthia“ genannte in Sparta. Es wurde eigentlich zu Ehren eines spartanischen Prinzen, Hyazinths, gefeiert und zugleich Apollo gewidmet..
Bekannt sind auch Päane an die anderen heilenden Götter Dionysos, Helios und Asclepios.

Später konnten Preislieder auch für Heroen oder Herrscher gedichtet werden. So sind Hymnen bekannt für Lysander von Sparta, Demetrius, Ptolemäus von Ägypten u.a.

Bei KLOPSTOCK wurde sie über religiöse Anlässe hinaus, durch z. B. übersteigerte patriotische Gefühle, erweitert (z. B. „Die Frühlingsfeyer“). Damit nahm KLOPSTOCK großen Einfluss auf den jungen GOETHE, der die freien Rhythmen gern übernahm („Prometheus“). Mit NOVALIS („Hymnen an die Nacht“) und HÖLDERLIN wird die romantische Todessehnsucht mit einbezogen.

FRIEDRICH NIETZSCHE verfasste mit den Dionysos-Dithyramben erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder bedeutsame Hymnen.

So gibt es heute mehrere Bedeutungen des Begriffes Hymne:

  • allgemein feierliches Lied
  • Kirchenlieder
  • Gedicht in der Dichtung, der Ode vergleichbar
  • Nationalhymne
  • Landeshymne
  • Vereinshymne
  • Hymne der Europäischen Union

Wie verschiedenartig Hymnen sein können, verdeutlichen die folgenden Beispiele:

Psalmen (von griech: psalmos = Saitenspiel) sind geistliche Lieder aus dem Alten Testament. Sie sind gesungene Gebete, die allerdings auch gesprochen werden können. Thematisch kann man sie u.a. einordnen in:

  • Loblieder
  • Danklieder
  • Lieder der Buße
  • Lieder der Trauer
  • Klagelieder ...

EIN PSALM DAVIDS, VORZUSINGEN, BEIM SAITENSPIEL.

„Erhöre mich, wenn ich rufe, Gott meiner Gerechtigkeit, der du mich tröstest in Angst; sei mir gnädig und erhöre mein Gebet!
Ihr Herren, wie lange soll meine Ehre geschändet werden? Wie habt ihr das Eitle so lieb und die Lüge so gern! SELA.
Erkennet doch, daß der HERR seine Heiligen wunderbar führt; der HERR hört, wenn ich ihn anrufe.
Zürnet ihr, so sündiget nicht; redet in eurem Herzen auf eurem Lager und seid stille. SELA.
Opfert, was recht ist, und hoffet auf den HERRN.
Viele sagen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ HERR, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!
Du erfreust mein Herz, ob jene auch viel Wein und Korn haben.
Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn allein du, HERR, hilfst mir, dass ich sicher wohne.“

(Bibel, Der Psalter 1. Buch, 4. Kapitel)

SCHILLERs „Hymnos an Dionysos“ greift die griechische Form des Dithyrambus auf, er veröffentlichte ihn in seinen „ Horen“ (1797, 12. Stück). Das Gedicht geht angeblich zurück auf HOMER.

FRIEDRICH SCHILLER: Hymnos an Dionysos.
Aus dem Griechischen

Vom Dionysos, dem Sohn der gepriesenen Semele, will ich
Singen anjetzt, wie er stand an des öden Meeres Gestade,
Auf vorspringender Höhe, von Ansehn gleichend dem Jüngling
Blühendes Alters: es flattert’ umher des dunkelen Haupthaars
Schönes Geringel; ein Mantel umgab die mächtigen Schultern,
Purpurgefärbt. Da nahten in schöngebordetem Schiffe
Plözlich auf finsteren Fluten heran raubsuchende Männer
Aus Tyrrhenischem Volke, geführt von bösem Verhängnis.
Jenen erblickten sie nun, und sie winkten sich, und an das Ufer
Sprangen sie, schnell ihn ergreifend, und brachten erfreut in das Schiff ihn:
Denn aus dem Göttergeschlechte der Könige, wähnten sie alle,
Sey er entsprossen, und wollten mit drückenden Banden ihn fesseln.
Doch ihn hemmte kein Band, und es sanken die weidenen Schlingen
Ferne von Händen und Füßen herab: dann setzt’ er sich nieder,
Lächelnd aus blauen Augen. Es schauete solches der Steurer,
Und den Gefährten sofort zurufend, redet’ er also:

Traun! einen mächtigen Gott, Unselige, jetzo ergreifend
Fesselt ihr! Nimmer ja trägt das schöngebauete Schiff ihn.
Zeus selbst, oder Apollon, der Führer des silbernen Bogens,
Oder Poseidon ist er: denn nicht den sterblichen Menschen
Gleichet er, sondern den Göttern, die hoch den Olympos bewohnen.
Aber wohlan ihn sofort auf die dunkeln Feste des Landes
Bringen wir! und nicht faßt mit den Händen ihn, daß er nicht zürnend
Feindlichtobende Wind’ euch erreg’ und wirbelnde Stürme.

Also sprach er: da schalt ihn mit heftigen Worten der Führer:
Elender, achte des Windes und spann’ in dem Schiffe das Segel,
Nehmend ein jegliches Seil: ihm werden die Männer schon aufsehn.
Bis nach Agyptos, so hoff’ ich, gelanget er, oder nach Kypros,
Oder zu Hyperboreern und weiter noch. Mag er indeßen
Uns hernennen die Freund’ und jegliches seiner Besitzung,
Und sein Geschwister dazu: denn ein Gott hat uns ihn verliehn.

Solches gesagt, erhob er den Mast und das Segel des Schiffes;
Und nun schwellte das Segel im Winde sich, und sie umspannten
Jegliches Seil. Da erschienen mit einmal Dinge zum Staunen:
Denn Wein strömte zuerst durch das schnelle dunkele Schiff hin,
Sprudelnd, ein köstlicher Trank, ein duftender, und es erhob sich
Rings der ambrosische Duft, und das Schiffsvolk sah es mit Staunen.
Aber es breitete schnell bis zum äußersten Segel ein Weinstock
Hier und dort sein Gerank’: es hingen in drängender Fülle
Trauben herab, und es schlang um den Mast sich ein dunkeler Epheu
Mit aufbrechenden Blüthen und lieblichen Dolden der Früchte:
Kränze besaß von den Rudern ein jegliches. Jen’, es erblickend,
Hießen sofort den Mededes, den Steuernden, daß er zum Lande
Lenke das Schiff. Doch es drohte, zum Löwen verwandelt, der Gott selbst,
Fürchterlich, hoch auf dem Schiff’, und er brüllete laut: in der Mitte
Stand, zum Gebilde geschaffen, mit zottigem Nacken die Bärin,
Sich mit Begier aufrichtend: der Löwe vom öbersten Borde
Blickte mit düsterem Auge. Da flüchteten, fürchtend, sich jene
Hinten ins Schiff um den Steurer, dem kluge Gesinnung zu Theil ward.
Angstvoll standen sie dort. Doch es stürzt’ auf den Führer sich jener
Plötzlich, und packt’ ihn sofort: die anderen, meidend das Unheil,
Sprangen zugleich, da sie jenen ersahn, in die heilige Meeflut,
Schnell in Delfine verwandelt. Den Steurenden aber voll Mitleid
Hielt er, und gab ihm jegliches Glück, und er redete also:

Traue mir, edeler Lenker, du meinem Herzen geliebter!
Sieh’, ich bin Dionysos, der Brausende, welchen die Mutter
Semele, Kadmos Tochter, gebahr in der Liebe Kronions.

Heil dir Semelens Kind, der lieblichen! Nimmer gebührt es,
Daß man den holden Gesang anheb’ und dein nicht gedenke.

(Schiller, Friedrich: Hymnos an Dionysos. in: Horen, 1797, 12. Stück)

Der Hymnos Akathistos ist eine Mariendichtung der Ostkirche, entstanden im 8. Jahrhundert. Thematisch orientiert sich der Hymnos in 24 Strophen an Erbarmen, Wegweisung und Fürbitte.

Hymnos Akathistos

Sei gegrüßt, des Lammes Mutter und des Hirten;
sei gegrüßt, Hürde der geistigen Schafe.
Sei gegrüßt, du beschützest vor den unerkannten Gegnern;
sei gegrüßt, du erschließest das Heiligtum des Paradieses.
Sei gegrüßt, die Himmel jauchzen mit der Erde;
sei gegrüßt, in Christus frohlocken alle Geschöpfe.
Sei gegrüßt, durch dich sind die Apostel mündig geworden;
sei gegrüßt, an dir haben die Märtyrer Gleichmut gewonnen.
Sei gegrüßt, du starker Halt des Glaubens;
sei gegrüßt, du lichte Offenbarung der Gnade.
Sei gegrüßt, durch dich wird die Unterwelt entmachtet;
sei gegrüßt, von dir sind wir im Glauben ermächtigt.
Sei gegrüßt, du jungfräuliche Mutter!

(Bibel, Neues Testament, Lukas 2, 8-20)

JOHANN WOLFGANG GOETHE schrieb seinen „Prometheus“ zwischen 1772 und 1774, in seiner Sturm-und-Drang-Periode. Es ist eine Hymne voller Leidenschaft des Denkenden, ein Hilferuf gegen Ungerechtigkeiten der Väter-Generation, ein Protest gegen „gottgewollte“ Ordnungen. Es ist ein Aufruf zu autonomem Handeln des Einzelnen.

JOHANN WOLFGANG GOETHE
Prometheus

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, dem Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöhn!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen stehn,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn als euch Götter.
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrte mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir wider
Der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du's nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden da droben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich.

(Goethe, Johann Wolfgang von: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 1, Berlin: Aufbau, 1960 ff, S. 327-329.)

NIETZSCHEs Dionysos-Dithyramben wurden am 22. März 1892 zum ersten Mal veröffentlicht. Sie stammen aus jener Zeit, als er „Also sprach Zarathustra“ schrieb, sind teilweise – mit einigen Veränderungen – sogar daraus entnommen. NIETZSCHE preist nicht und protestiert nicht in seinem Dithyrambus „Die Sonne sinkt“. Hier geht es um Untergang. Das lyrische Ich hat den Zenit seines Lebens überschritten: „Tag meines Lebens! / die Sonne sinkt.“ Todesnähe und Todessehnsucht des lyrischen Ichs (Zarathustra?) bei NIETZSCHE stehen der Schöpferkraft in GOETHEs „Prometheus“ entgegen..

FRIEDRICH NIETZSCHE:
Die Sonne sinkt.

1

Nicht lange durstest du noch,
verbranntes Herz!
Verheißung ist in der Luft,
aus unbekannten Mündern bläst mich's an
– die große Kühle kommt ...

Meine Sonne stand heiß über mir im Mittage:
seid mir gegrüßt, dass ihr kommt
ihr plötzlichen Winde
ihr kühlen Geister des Nachmittags!
Die Luft geht fremd und rein.
Schielt nicht mit schiefem
Verführerblick
die Nacht mich an? ...
Bleib stark, mein tapfres Herz!
Frag nicht: warum? –

2

Tag meines Lebens!
die Sonne sinkt.
Schon steht die glatte
Flut vergüldet.
Warm atmet der Fels:
schlief wohl zu Mittag
das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!
gen Abend gehts!
Schon glüht dein Auge
halbgebrochen,
schon quillt deines Taus
Tränengeträufel,
schon läuft still über weiße Meere
deiner Liebe Purpur,
deine letzte zögernde Seligkeit . . .

3

Heiterkeit, güldene, komm!
du des Todes
heimlichster, süßester Vorgenuss!
– Lief ich zu rasch meines Wegs?
jetzt er, wo der Fuß müde ward,
holt dein Blick mich noch ein,
holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.
Was je schwer war,
sank in blaue Vergessenheit, –
müßig steht nun mein Kahn.
Sturm und Fahrt – wie verlernt' er das!
Wunsch und Hoffen ertrank,
glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!
Nie empfand ich
näher mir süße Sicherheit,
wärmer der Sonne Blick.
– Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?
Silbern, leicht, ein Fisch,
schwimmt nun mein Nachen hinaus ...

(Nietzsche, Friedrich: Werke in drei Bänden. München 1954, Band 2, S. 1254-1256.)

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