Jans muss sterben

Eine faszinierende Geschichte aus dem Frühwerk von ANNA SEGHERS: „Jans muss sterben“

Entstehungsgeschichte: Die Geschichte ist vermutlich 1925 entstanden, 2000 im Nachlass der Mutter von Sohn PIERRE entdeckt, die Erstveröffentlichung erfolgte 2000 im Aufbau Verlag Berlin mit einer Nachbemerkung von PIERRE RADVANYI und einem Nachwort von CHRISTIANE ZEHL-ROMERO:

Aus dem Klappentext:

„All ihre Hoffnungen knüpfen sie an Jans, ihr Kind ... Eher, glauben sie, würde die Erde bersten, als ihrem schönen, glänzenden Kind etwas zustoßen. Und dann geschieht das Unglück: der kleine braune Körper zerfällt in einer unerklärlichen Krankheit. Jans muß sterben. Der Kummer trennt die Eltern noch mehr ...“

Es sei das

„Ineinander von Schauplatz und Figur, von physischer Beschränkung und seelischem Ausbruchsverlangen, das ihrem Frühwerk seine besondere Intensität gibt.“ (ZEHL-ROMERO: Biografie S. 189)

Aus der künstlerischen Biografie von ANNA SEGHERS:

1924 Beendigung des Studiums und Doktorarbeit über das Werk des holländischen Malers Rembrandt
1924 Veröffentlichung der Geschichte „Die Toten auf der Insel Djal. Eine Sage aus dem Holländischen“ in der Weihnachtsausgabe der „Frankfurter Zeitung und Handelsblatt“
1927 Veröffentlichung der Erzählung „Grubetsch“ in der Frankfurter Zeitung und Kleist-Preis
1928 erste Buchveröffentlichung „Aufstand der Fischer von St. Barbara“

ANNA SEGHERS (geboren 1900) stammt aus einer großbürgerlichen, jüdischen Familie in Mainz. Als sie 25 ist, heiratet sie und geht nach Berlin.
Mit diesem Schritt begann für sie ein anderes Leben.

„Ich muss fort. Ich muß wahr leben, sonst geht alles zu Grund. Niemals ist das Rechte leicht.“

Die Geschichte „Jans muss sterben“ hatte sie noch in Mainz begonnen, wann und unter welchen Umständen sie die letzten Korrekturen vornahm, bevor das Manuskript offensichtlich auch von ANNA SEGHERS vergessen wurde, ist nicht gesichert bekannt. Dieser Text gehört zu den frühen Talentproben einer begabten und produktiven Autorin. Ihr Schreibimpuls war weniger die Selbstdarstellung als

„der Wunsch, sich in andere Welten und Menschen zu versetzen und diese für andere sichtbar zu machen“ (aus dem Nachwort).

Indem sie das tat, erzählte sie von sich.

Die Erzählung

Die Erzählung spielt in den Hinterhöfen der einfachen und armen Leute, in deren engen und kargen Alltag es emotionale Wärme und Liebe schwer haben. Während der Autorin ihre gutbürgerliche Welt als künstlich und entrückt vorkam, war für sie die Lebenswelt der Arbeiter eine Welt, die ihr als die „wahre“ erschien. Was sie besonders interessierte, war die Welt „der Armen und Schwachen“. Nicht Mitleid bewegte sie, ernst wollte sie diese Menschen nehmen und entdecken, was sie stark oder schwach machte, was sie ein aufregendes oder immer gleiches Leben leben ließ, welche Rolle die Vernunft und das Gefühl spielten, was das Leben für die Männer und die Frauen und ihr Verhältnis zueinander bedeutete und welche Chancen ihre Kinder hatten, aus dem Lebensrhythmus ihrer Eltern auszubrechen. Das Arbeitermilieu war für die Autorin das Symbol für eine existentielle Bedrohung, der Ort, wo sie sich am krassesten zeigte und ausgeprägt war.

Milieu

Milieu: Die junge Autorin kannte durch ihre vielen Spaziergänge die Hinterhöfe in Mainz mit ihren Wohnungen, die nur aus einem Zimmer: Küche, Wohnraum und Schlafzimmer in einem bestanden und in das kaum Licht kam. In dieser Welt spielten die Kinder neben den Abfalleimern, die sie krank machten.
Die SEGHERS schrieb jedoch keine Dokumentation; im Gegenteil:
Der Leser sieht diese Welt mit dem Verstand und Gefühl der Figuren, mit deren Augen und Sprachlosigkeit. Der Stand ihrer Geburt ist für sie existentiell und kaum zu ändern. Sie erleben alles, was passiert, als Schicksal. Krankheiten, Liebe, Verluste scheinen von „äußeren Mächten“ bestimmt zu sein. Wie reagiert der Einzelne, hat er eine Chance, Zufriedenheit, Glücksgefühle und Wärme zu finden? Im Unterschied zu späteren Geschichten über die Kraft und Verzweiflung der Armen und Schwachen ist Armut in dieser Erzählung einfach Bedingung, für die Handlung nicht wichtig. Sie ist einfach da.

Die Autorin konzentriert sich ausschließlich auf die Geschichte einer Kleinfamilie: Mutter-Vater-Kind. Dies ist bei ANNA SEGHERS selten, macht aber hier gerade den Reiz aus. In ihrem Leben beschäftigte sie sich immer wieder mit Problemen von Kindern und Jugendlichen in ihrem Verhältnis zu den Eltern oder Älteren. Hier geschieht dies ohne jede pädagogische Absicht.
Figuren: Es ist die Geschichte eines jungen Arbeiterehepaares und ihres ersten Kindes Jans. Martin, der Mann, ist einfach, ruhig und stetig und die Frau, Marie, ist schön, kräftig und nach der Heirat schnell unerfüllt und gelangweilt (vgl. ZEHL-ROMERO, S. 187).
Geschichte: Beide haben schnell ein Kind, dem im siebten Jahr seines Lebens etwas Schreckliches zustößt. Es wird schwer krank. Dieses Kind steht im Mittelpunkt der Geschichte, ihr Kind Jans Jansen. Mit seiner Geburt verbinden sich für sie alle Hoffnungen, ohne dass die Eltern sie teilen. Jeder lebt sie für sich allein und beobachtet den anderen misstrauisch. Die Autorin beschreibt die Dynamik zwischen Mutter, Vater und Kind. Sie erzählt von der Unfähigkeit, Liebe und Bedürfnisse zu artikulieren und auch auszutauschen. In der Sprache liegt eine starke Lakonie, denn dieser Zustand erscheint als normal und selbstverständlich; es würde auch wenig helfen, da dieKrankheit nicht erklärbar ist und ganz plötzlich kommt. Mit der Krankheit gerät Jans in die Isolation und, was das Entscheidende ist, die Eltern hören auf, in ihm ihre Hoffnungen zu sehen. Vor allem Vater und Sohn erscheinen unfähig, Bedürfnisse zu artikulieren. Jeder begehrt für sich allein gegen Hoffnungslosigkeit und Krankheit auf. Das Unglück, der Tod des kleinen Jans, wird schon fast von den beiden Erwachsenen ersehnt, weil es immer noch besser zu sein scheint als die Ödnis eines ängstlichen und hoffnungslosen Daseins (vgl. auch „Grubetsch“: hier jedoch in der Thematik und im Personenensemble weiter ausgreifend).

Zuerst empfinden sie die Krankheit des Kindes als schmerzhaft, dann beginnt Jans sie mehr und mehr an die verlorene Hoffnung zu erinnern und sie kümmern sich nur noch um ihn, weil er einfach da ist, bis sie bald nicht mehr wissen, warum er da ist und ihm aus dem Weg gehen. Der Junge spürt und beobachtet das. Auch der Kummer um die verlorene Hoffnung und den Verlust ihres einzigen Glücks verbindet die beiden Eheleute Martin und Marie nicht, er trennt sie noch mehr. Sie haben und finden keine gemeinsame Sprache, keine tröstenden Gesten füreinander. Einzig in der Nacht, in der sie meinen, dass Jans nun sterben wird, finden sie noch einmal zueinander und die Mutter erwartet ein zweites Kind. Erst dieses Kind, das Mädchen Anna, bringt sie einander wieder näher. Jans wird jedoch allen Erwartungen zum Trotz wieder gesund und geht wieder zur Schule. Aber lebt bereits das Leben eines Menschen, der von niemandem mehr wahrgenommen wird. Und gerade deshalb erfüllt sich die Weissagung der Mutter, die bereits in einer der ersten Nächte seiner Krankheit zu ihrem Mann gesagt hatte: „Jans muss sterben“. Bis zu seinem Tod versorgt sie ihren Sohn zuverlässig, zum Teil verzweifelt oder verbissen. Das Letzte, was Jans bleibt, ist seinletzter Auftritt am Ende der Geschichte. Hier erlebt er noch einmal Erfüllung und Glücksgefühle, indem er die Aufmerksamkeit der anderen mit einer waghalsigen Kletteraktion unter einer Brücke über den Main, einer beliebten Mutprobe der Jungen seines Alters, auf sich zieht.

Einzelne Motive

Motive:

  • die Krankheit als Zeichen einer krisenhaften Zeit (Das Motiv kehrt so in dem Werk der Anna Seghers nicht wieder, aber das Aufbegehren gegen Hoffnungslosigkeit findet man häufig.),
  • Lebenshunger und Leidenschaftlichkeit stehen gegen Krankheit, Leere und Langeweile, gegen Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.
  • Anna Seghers versucht immer wieder die Hoffnung als Prinzip zu finden, weil der Mensch ohne Hoffnungen nicht leben kann. Diese Tendenz stellt eine individuelle Form von Religiosität dar.
  • Der Fluß und die Brücke als Zeichen von Hoffnung und Gefährdung zugleich,
  • das Kind als Schauplatz der Träume, Ankerplatz der Zukunft, Verkörperung der Liebe, Zeichen der Hoffnung,
  • der Tod oder die Todesahnung als Erfahrung, die die Frage erlaubt, ob der Tod einen Sinn haben könnte und was nach ihm kommt. Dieses Motiv ist oft mit dem Motiv des Kindes als Zeichen der Hoffnung, die weiterlebt, verbunden.
  • Das Zimmer als Höhle, als Zeichen der kleinen, engen Welt, hinter der die große liegt. Oft ist es nur ein Blick ins Leere, das Gefühl ist die Sehnsucht nach Stärke und Leidenschaft. Gleich, ob Freude oder Schmerz, sie erscheinen immer noch schöner als Leere und Angst.

Die beiden Hauptfiguren sprechen wenig, Jans, der Sohn, spricht fast gar nicht. Um so beeindruckender ist, wie die noch junge Autorin von Gesten, der Atmosphäre im Raum, von Leere und Sprachlosigkeit auf eine faszinierende Weise erzählt. Aus der Sicht von Jans erlebt der Leser die Veränderungen seines Körpers und die Reaktionen der Umwelt auf sein Dasein. Es bietet sich besonders unter diesem Aspekt ein Vergleich mit einer Erzählung von FRANZ KAFKA an, mit der Geschichte „Die Verwandlung“ (1924).

ANNA SEGHERS interessierte sich für die existenziellen Lagen der Menschen und der Macht des Schicksals: Hat der Mensch eine Chance, der Isolation und Angst, seinem vorherrbestimmten Schicksal zu entkommen und seine Würde zu behaupten? Diese existenzphilosophische Frage beschäftigte sie ihr ganzes Leben. In den frühen Zwanzigerjahren las sie KIERKEGAARDs „Die Krankheit zum Tode“ und studierte bei KARL JASPERS.
Im Laufe ihres Lebens beantwortete sie diese Frage auf unterschiedliche Weise und verband sie mit konkreten politischen Aussagen. Ihr großes Thema dabei blieb immer die Utopie, dass es eine menschenfreundliche Gesellschaft geben müsse. Für sie hatte diese Utopie den Namen „Sozialismus“ (vgl. auch LUISE RINSER: Anna Seghers. Aus der Reihe Autoren über Autoren im Schillertheater 1997/98)

Weitere Literatur zur ersten Lebenshälfte von A. SEGHERS: CHRISTIANE ZEHL-ROMERO: Anna Seghers. Eine Biografie 1900 bis 1947. Aufbau Verlag 2000.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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