Jugend ohne Gott

ÖDÖN VON HORVÁTH

Jugend ohne Gott

Einordnung in den motivischen Kontext

1937, ein Jahr bevor er in Paris von einem umstürzenden Baum erschlagen wurde, schrieb der österreich-ungarische Autor ÖDÖN VON HORVÁTH den Roman „Jugend ohne Gott“ (siehe PDF) . 1938 erschien er im Amsterdamer Exilverlag Querido, 1953 wurde er in Wien zusammen mit dem Roman „Ein Kind unserer Zeit“, der auch 1938 in Amsterdam erschienen war, unter dem Obertitel „Zeitalter der Fische“ wieder veröffentlicht. In knappen Kapiteln mit selbständigen Szenen, einer chronologisch fortschreitenden Ich-Erzählung aus der Sicht eines jungen Lehrers beschäftigt er sich mit der geistigen Verfassung der Jugend in der Zeit des aufschwelenden Faschismus. Dieser Roman reiht sich ein in eine Anzahl von Schulromanen seit der Jahrhundertwende, zu deren meisterlichsten ROBERT MUSILs „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“ (1906) und HERMANN HESSEs „Unterm Rad“ (1906) gehören. Während jene Romane jedoch die Unmenschlichkeit der Bildungsinstitutionen anprangern, an denen Schüler zerbrechen, ist HORVÁTHs Roman aus der Perspektive eines jungen, humanistisch gesinnten Lehrers geschrieben, dessen Abneigung gegenüber den Schülern, ihrer rohen seelischen Verfassung und ihrem unwürdigen Verhalten von Anfang an deutlich wird. Sie zeigt sich z. B. darin, dass alle Schüler nur mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen gewissermaßen nummeriert sind als ununterscheidbarer Teil einer Masse.

Leitmotiv

Als der Lehrer, der von christlichen Motiven geprägt ist, die abfälligen Bemerkungen des Schülers N, eines fanatisierten Nazi-Mitläufers, gegenüber „Negern“ offen kritisiert, drückt ihm die Klasse schriftlich ihre Missbilligung aus. Der Lehrer beklagt seinem Freund Julius Cäsar gegenüber die gefühlsmäßige Verwahrlosung der jugendlichen Schüler und jener prägt die Formulierung vom „Zeitalter der Fische“, die leitmotivische Bedeutung für den Roman gewinnt und die menschliche Kälte sowohl dieser jungen Leute als auch der ganzen Vorkriegsära kennzeichnen soll. Der Lehrer kapituliert scheinbar vor der Übermacht der Schüler, hinter denen einflussreiche Elternhäuser stehen. Er scheint seine Ideale schützen zu wollen, indem er diese Schüler verachtet und pauschal verurteilt.

„Er ist dein Todfeind, fühlte ich. Wehe wenn er älter wird! Dann wird er alles zerstören, selbst die Ruinen deiner Erinnerung. Du darfst dir nicht anmerken lassen, dass du weißt, was er denkt, ging es mir plötzlich durch den Sinn. Behalt sie für dich, deine bescheidenen Ideale, es werden auch nach einem N noch welche kommen, andere Generationen - glaub nur ja nicht, Freund N, dass du meine Ideale überleben wirst! Mich vielleicht.“
(siehe PDF)

Der Lehrer wird nicht vom Dienst suspendiert, wie die Schüler beabsichtigten, sondern mit seiner Klasse in eine Art militärisches Ausbildungslager geschickt. In diesem Lager schlagen die Wellen der pubertären Verwirrungen hoch. Die Situation eskaliert, als ein Fotoapparat gestohlen wird. Der Lehrer beobachtet, dass der Schüler Z Kontakt zu einer jugendlichen Diebesbande aus der Gegend unterhält, deren Anführerin ein Mädchen namens Eva ist.

Das „ewige Meer der Schuld“

Um dem Dieb auf die Schliche zu kommen, erbricht der Lehrer heimlich ein Kästchen, in dem der Schüler Z sein Tagebuch aufbewahrt. Z erkennt den Einbruch und beschuldigt N, in seinem Tagebuch gestöbert zu haben. Aus Feigheit schweigt der Lehrer in diesem Streit. Kurze Zeit darauf wird der Schülerr N. ermordet im Wald aufgefunden. Als sein Mörder gilt Z, der die Tat auch gesteht, sich aber in widersprüchliche Aussagen verstrickt. Man vermutet, dass er das Mädchen Eva decken will und schließlich wird diese als Mörderin verurteilt. Erst in diesem Prozess findet der Lehrer den Mut, sich zu offenbaren, denn zu Recht fühlt er sich an dem Unglück schuldig.

Mit meinem freien Willen wollte ich einen dicken Strich durch eine Rechnung machen, aber diese Rechnung war schon längst bezahlt. Ich wollte uns alle retten, aber wir waren bereits ertrunken. In dem ewigen Meer der Schuld.
(siehe PDF)

Der Fisch

Eva bestreitet die Tat, und der Lehrer, dessen Augen auf den kaltenfischäugigen Blick des Schülers T treffen, ist sofort auf den Gedanken fixiert, T sei der Mörder. Er wird nunmehr aufgrund seines eklatanten Fehlverhaltens vom Dienst suspendiert und beginnt mithilfe anderer, mittlerweile aus der stumpfen, marschierenden Masse herausfallender Schüler, deren Achtung er inzwischen erworben hat, T zu beobachten und ihn ohne Erfolg zur Rede zu stellen. Für den Lehrer geht es nun nicht mehr um die von Naziparolen verführte Jugend. Mit missionarischem Eifer verfolgt er einen charakterlich verdorbenen Jungen, einen nach seiner Ansicht unverbesserlich bösen Menschen. Dessen leblose helle Fischaugen sind ihm dafür Indiz genug und er ist sich sicher, dass T seinen Mitschüler N aus kalter Neugier getötet habe, um zu sehen, wie ein Mensch stirbt. Er erfährt aus Gesprächen mit T, dass dieser ein einsamer, verlorener junger Mensch ist, dessen Eltern keine Zeit für ihn haben und ihm keinen Halt geben. Um in der verdummenden und verrohenden Gegenwart bestehen zu können, hat er sich in einen eiskalten Zynismus geflüchtet. Und noch eine andere Erkenntnis trifft den Lehrer, die seinen Mangel an Empathie und seine Fixiertheit auf abstrakte moralische Kategorien wie Gut und Böse deutlich macht:

„,Wissen Sie denn nicht, Herr Lehrer, was Sie in der Schule für einen Spitznamen haben? Haben Sie ihn nie gehört? Sie heißen der ,Fisch'. Er nickt mir lächelnd zu. ,Ja, Herr Lehrer, weil sie nämlich immer so ein unbewegliches Gesicht haben. Man weiß nie, was Sie denken und ob sie sich überhaupt um einen kümmern: Wir sagen immer: der Herr Lehrer beobachtet nur, da könnt zum Beispiel jemand auf der Straße überfahren worden sein, er würde nur beobachten, wie der Überfahrene daliegt, nur damit er's genau weiß und er tät nichts dabei empfinden, auch wenn er draufging.'
(siehe PDF)

Für Einsichten ist es zu spät, der Schüler T wird erhängt aufgefunden, bei ihm ein Zettel mit den Worten:

Der Lehrer trieb mich in den Tod…

Die Mutter ist erst nach einem Nervenzusammenbruch bereit, den zweiten Teil des Zettels herauszugeben:

…weil er weiß, dass ich den N erschlagen habe.

Jugend ohne Gott

Ein Motiv aus dem ersten Drittel des Romans aufgreifend, meint der Lehrer, dass in dieses Haus nun Gott eingekehrt sei, denn ein gerechter Gott straft auch, so hatte es der Pfarrer jenes Ortes gesagt, in dem das Militärlager stattfand. Dieser Pfarrer ist es auch, der dem Lehrer einen Missionarsposten in Afrika vermittelt. Der Lehrer geht zu den „Negern“, wo, wie er hofft, seine erzieherischen Ideale auf mehr Wertschätzung stoßen werden.

Pädagogisches Versagen

Lesenswert und interessant machen diesen Roman vor allem die gestalterischen Mittel der szenischen Darstellung, die knappen, prägnanten Dialoge sowie die Behandlung des inneren Monologs. Dramatisch gesteigerte Passagen und stakkatohaft gehetzte Sätze lassen den Dramatiker HORVÁTH erkennen und erwecken ein diffuses Gefühl der Bedrohung. Die zeit- und gesellschaftskritische Ebene des Buches, die sich mit der Verführung und der seelischen Verwahrlosung der Jugend durch nationalsozialistisches Gedankengut befasst, verschwindet nahezu hinter der Kriminalhandlung und wird immer wieder von dem religiös-moralisierenden Eifer des Lehrers überdeckt. Nicht zuletzt behandelt dieses Buch deshalb auch pädagogisches Versagen, denn der Lehrer lässt sich zu ungebändigtem Hass hinreißen, als er das Böse dingfest gemacht zu haben glaubt, und verteufelt die teilnahmslosen und in die Irre geleiteten Jungen. So endet denn der Roman letztlich in der religiös motivierten Abkehr des Lehrers von der Jugend, die ihm einst anvertraut war, und der als böse empfundenen Welt, in der sie aufwachsen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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