Martin Opitz

Lebensgeschichte

Die Lebensgeschichte von MARTIN OPITZ ist recht gut bekannt. Er wurde am 23.12.1597 im niederschlesischen Bunzlau als Sohn eines Fleischermeisters und Ratsherrn geboren. Das wohlhabende bürgerliche Elternhaus ermöglichte ihm eine solide humanistische Schulbildung an der Bunzlauer Lateinschule sowie den Besuch des Breslauer Magdalenen-Gymnasiums und des Akademischen Gymnasiums in Beuthen an der Oder. Ein anschließendes Philosophie- und Jurastudium, das er 1618 in Frankfurt begann und 1619 in Heidelberg fortsetzte, wobei er sich dem dortigen Humanistenkreis anschloss, konnte er durch die Kriegswirren nicht beenden.

Als 1620 Bunzlau von SPINOLAs spanischen Truppen bedroht wurde, begleitete er einen jungen Dänen als Hofmeister in das holländische Leyden. Im Sommer 1621 kehrte er über Jütland nach Schlesien zurück. Wiederum veranlassten ihn die politischen Verhältnisse zum Verlassen der Stadt, da er bei der zurückweichenden protestantischen Seite keine zufriedenstellende Anstellung finden konnte. Er zog 1622 in das reformierte Fürstentum Siebenbürgen, wo er am Gymnasium von Weißenburg als Professor arbeitete, ging aber 1623 erneut nach Schlesien und hielt sich dort am Hof der Piastenherzöge 1) von Liegnitz und Brieg auf.

1626 trat der Protestant OPITZ in die Dienste des katholischen Burggrafen CARL HANNIBAL VON DOHNA, des Präsidenten der kaiserlichen Kammer und Führers der katholischen Partei und damit der Gegenreformation in Schlesien. OPITZ war Sekretär und Leiter der geheimen Kanzlei und als solcher häufig auf Reisen, um diplomatische Aufträge zu erfüllen. Seine Missionen führten ihn u. a. nach Berlin, Dresden, Warschau, Straßburg, Prag und 1630 nach Paris, wo er mit HUGO GROTIUS (1583–1645, Rechtsphilosoph und Mitbegründer des modernen Völkerrechts) zusammentraf.

Auf Veranlassung seines Dienstherrn, des Burggrafen VON DOHNA, erhielt OPITZ 1627 während einer seiner Reisen den Adelstitel als „OPITZ VON BOBERFELD“ von Kaiser FERDINAND II. Der Kaiser war es auch, der ihn zwei Jahre zuvor in Wien zum „Poeta laureatus“, zum Dichterkönig gekrönt hatte. 1629 wurde OPITZ in die „Fruchtbringende Gesellschaft“ aufgenommen, einen Sprachorden, dessen Anliegen es war, der deutschen Sprache und Literatur zu gesellschaftlichem Ansehen zu verhelfen. Nach dem Tod des BURGGRAFEN VON DOHNA kehrte OPITZ 1633 zurück an den Liegnitzer Hof. Im Dienst der protestantischen Piastenherzöge führte er Missionen beim dänischen Kronprinzen, beim Kurfürsten von Brandenburg und beim schwedischen Kanzler AXEL OXENSTIERNA durch. Er folgte den Piastenherzögen nach Thorn, als sie vor den Heeren WALLENSTEINs flohen und schied aus ihrem Dienst aus, nachdem 1635 im Frieden von Prag Schlesien wieder unter kaiserliche Hoheit fiel.

OPITZ stand schließlich ab 1637 in Danzig als Sekretär und Hofhistoriograph („königlicher Geschichtsschreiber“) in den Diensten des Königs WLADISLAW IV. von Polen. Er starb am 20.08.1639 in Danzig an der Pest.

(Anm.: Piasten waren eine polnische Dynastie, die der Legende nach auf deren Gründer PIAST zurückgeht. Einer seiner Nachfahren, MIESZKO I., soll um 960 die polnischen Stämme geeinigt und 966 das Christentum nach römischem Ritus für sich und sein Volk angenommen haben.)

Literarisches Schaffen

OPITZ konnte auf ein umfangreiches literarisches Schaffen zurückblicken. Sein Gesamtwerk begründete eine höfische Dichtung. So verfasste er diverse Schäferdichtungen, Lehrgedichte und lyrische Werke, dichtete Psalmen nach und gilt als bedeutender deutscher Odendichter. In seiner Poetik duldete OPITZ als Versfuß lediglich den Jambus und den Trochäus, den Daktylus tolerierte er. Seine ersten Werke waren lateinische Gedichte, schon während seiner Gymnasialzeit begann er jedoch, deutsche Lyrik zu verfassen und Werke zweisprachig zu schreiben.
OPITZ ist das Verdienst zuzuschreiben, eine grundlegende Reformation der Versmetrik ausgelöst zu haben. Von 1619 an führte er den Wechsel von betonten und unbetonten Silben als Grundlage des deutschen Verses ein; er begann sogar, frühere Dichtungen umzuarbeiten. In dem 1624 veröffentlichten „Buch von der Deutschen Poeterey“ (siehe PDF "Martin Opitz - Buch von der Deutschen Poeterey") stellte er Regeln für die „Reinheit von Sprache, Stil, Vers und Rhythmus“ auf. So war er der Auffassung, dass in der deutschen Lyrik die lateinisch-humanistische Silbenzählung durch die Wortbetonung wiedergegeben werden sollte (Harmonisierung von Wort- und Versakzent = Prinzip des dynamisch-akzentuierenden Verses) und sprach eine Empfehlung für den Alexandriner aus (Reimvers aus sechs Hebungen und einer Zäsur in der Mitte):

„...nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse grösse der sylben können in acht nemen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen / welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden.“

Das „Buch von der Deutschen Poeterey“ gab den Hauptanstoß dafür, dass sich das Deutsche zu einer akzeptierten eigenen Literatursprache entwickelte und markierte den Beginn der deutschen Barocklyrik.
Die ästhetischen Maßstäbe für seine Lyrik übernahm OPITZ zumindest teilweise von dem Franzosen RONSARD (1524–1585, bedeutendster französischer Lyriker des 16. Jh.) und von dem Niederländer HEINSIUS (1580–1655, Altphilologe und Herausgeber vieler bekannter Philosophien).

Werke (Auswahl)

  • Strenarum libellus (1616, in Neulatein)
  • Aristarchus sive de contemptu linguae teutonicae (1617, in Neulatein)
  • Teutsche Poemata (1624, deutsche Gedichtsammlung)
  • Geistliche Poemata (1638, 1644)
  • Buch von der Deutschen Poeterey (1624, s. o., siehe PDF "Martin Opitz - Buch von der Deutschen Poeterey")
  • Übersetzung von SENECAs „Trojanerinnen“ (1625)
  • Daphne (1627, Libretto für die erste deutsche Oper, Übersetzung einer italienischen Vorlage, später von HEINRICH SCHÜTZ neu vertont)
  • Schäfferey von der Nimfen Hercinie (1630, Schäferdichtung, Mischung aus Prosa und Versen nach Material aus SANNAZAROs „Arcadia“, um 1500, und den Eklogen VERGILs)
  • Argenis (1626 und 1631, Übersetzung des 1621 erschienenen Romans von JOHN BARCLAYS)
  • Trostgedichte in Widerwärtigkeit des Krieges (1633, Verarbeitung des Dreißigjährigen Krieges, siehe PDF "Martin Opitz - Trostgedichte in Widerwertigkeit deß Kriegs")
  • Judith (1635, Übersetzung einer italienischen Oper)
  • Antigone (1636, Übersetzung des Dramas von SOPHOKLES)
  • Arcadia (1638, Umarbeitung einer Übersetzung von PHILIP SIDNEYS 1590 posthum erschienenem Roman)
  • Anno-Lied (1639)

Einfluss von MARTIN OPITZ auf die deutsche Literatur

Das literarische Werk von OPITZ hatte großen Einfluss auf die deutsche Literatur. Das von ihm angeregte Prinzip, den Versakzent mit dem Wortakzent in Übereinstimmung zu bringen, wurde für die gesamte nachfolgende deutsche Lyrik, für die weltliche wie für die geistliche, bestimmend. OPTIZ' Werke erlangten für die jeweiligen literarischen Gattungen teils maßgebende Bedeutung. OPITZ machte durch seine Übersetzungen das petrarkische Sonett 2), das an SENECA orientierte Trauerspiel („Trojanerinnen“) und den Roman bekannt, führte die Elegie in die deutsche Literatur des Barock ein und begründete zudem mit seinem Libretto (Textbuch) für „Daphne“ die deutsche Oper.

(Anm.: Als Petrarkismus wird die in Europa weit verbreitete Nachahmung und Umdichtung von FRANCESCO PETRARCAs Liebeslyrik „Rime in vita e morta di Madonna Laura“ (1470; auch „Canzoniere“ genannt) unter Entlehnung von Inhalten, Formen und Stilelementen bezeichnet. PETRARCA benutzte die lyrischen Formen des Sonetts, des Madrigals, der Kanzone, Sestine und Ballade.)

OPITZ' Gesamtwerk war Ausgangspunkt für die Verdrängung der neulateinischen durch deutschsprachige Literatur und stellte endlich den Anschluss an die Entwicklung anderer europäischer Nationalliteraturen her. So wurde OPITZ bereits zu Lebzeiten sehr geschätzt („Vater der deutschen Dichtkunst“), was u. a. in den zahlreichen Auflagen seiner Werke sichtbar wird sowie in der großen Anzahl zeitgenössischer Lobgedichte, deren Verfasser bis heute zu den bedeutendsten Literaten des 17. Jahrhunderts gehören (GEORG RUDOLF WECKHERLIN, FRIEDRICH VON LOGAU, PAUL FLEMING, CHRISTIAN HOFMANN VON HOFMANNSWALDAU, QUIRINUS KUHLMANN, AUGUST AUGSPURGER u. a.).
Auch in den nachfolgenden Epochen war er hoch angesehen und bis ins 18. Jahrhundert hinein Maßstab in dichtungstheoretischen Fragen.
Nachdem die Autoren des Sturm und Drang begonnen hatten, die Erlebnis-Ästhetik als literarisches Qualitätskriterium durchzusetzen, klang die Anerkennung für OPITZ ab, den man nunmehr als jemanden kritisierte, der in unorigineller und unschöpferischer Weise nur die Ideen der Antike nachgeahmt hätte. Das führte zum zeitweiligen Vergessen des Literaten, doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde er von Literaturwissenschaftlern wie STICH und ALEWYN wieder entdeckt, die sich intensiv mit der Dichtung des 17. Jahrhunderts und dem Barockbegriff auseinanderzusetzen begannen. Auch WIEDEMANN, CONRADY, SZYROCKI, GARBER u. a. hatten Anteil an der erneuten Popularisierung von OPITZ, als sie ihn in den späten 60er Jahren als eine Persönlichkeit von großer literarischer und sozialpolitischer Bedeutung charakterisierten.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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