Merseburger Zaubersprüche

Herkunft und historische Einordnung

Die Herkunft der Merseburger Sprüche ist unbekannt. Dr. WAITZ legte das wertvolle Dokument JAKOB GRIMM, einem der Begründer der Germanistik, vor. Dieser bewertete und würdigte die Zaubersprüche 1842 vor der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin mit den Worten:

Gelegen zwischen Leipzig, Halle, Jena ist die reichhaltige Bibliothek des Domkapitels zu Merseburg von Gelehrten oft besucht und genutzt worden. Alle sind an einem Codex vorbeigegangen, der ihnen, falls sie ihn näher zu Hand nahmen, nur bekannte kirchliche Stücke zu gewähren schien, jetzt aber, nach seinem ganzen Inhalt gewürdigt, ein Kleinod bilden wird, welchem die berühmten Bibliotheken nichts an die Seite zu setzen haben ...

Damit wurden die zwei Sprüche oder Gedichte aus der Zeit des deutschen Heidentums schlagartig unter den Wissenschaftlern in aller Welt als „Merseburger Zaubersprüche“ bekannt.
Eine Kopie der „Merseburger Zaubersprüche“ ist in der Vorhalle des Merseburger Doms ausgestellt.

Text und Übersetzung

Der erste Spruch beinhaltet die Befreiung von Gefangenen und der zweite Spruch die Heilung eines Pferdes durch germanische Götter.

1. Beim ersten Spruch ist von Idisen (Kriegsgöttinnen, Walküren) die Rede, die sich auf dem Schlachtfeld niederließen und aufgrund ihrer besonderen Bestimmungen in das Kampfgeschehen eingriffen: Manche knüpften Fesseln (halfen, Feinde gefangen zu nehmen), andere hinderten das feindliche Heer am siegreichen Vordringen, und eine dritte Gruppe half gefangenen Kriegern, sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Und so lautet der eigentliche Zauberspruch: Entspring den Haftbanden, entfahr den Feinden!

Althochdeutsch:

Eiris sâzun idisi,
sâzun hêra duoder.
Suma hapt heptidum, suma
heri lezidun,
suma clûbôdun
umbi cuoniouuidi:
insprinc haptbandum,
inuar uîgandun !

Übersetzung:

Einst setzten sich Idisen,
setzten sich hierher...
Manche hefteten Haft, manche
hemmten das Heer.
Einige zerrten
an den Fesseln.
Entspring den Haftbanden,
entfahr den Feinden !

2. Der zweite Zauberspruch berichtet zunächst, dass eine Gruppe von Göttern, darunter der Sonnengott Balder (Phol) und der oberste der Götter, Wodan, durchs Holz (durch den Wald) ritten. Da stolperte Balders Pferd und verrenkte (oder brach?) sich den Fuß. Schließlich gelang es Wodan (er allein konnte das!), den Schaden durch Besprechen zu heilen: So Knochenverrenkung, wie Blutverrenkung, wie Gliedverrenkung: Bein (Knochen) zu Bein, Blut zu Blut, Glied zu Gliedern, als ob geleimt sie seien!

Althochdeutsch:

Phol ende Uuôdan uuorun zi
holza.
Dû uuart demo Balderes uolon
sîn uuoz birenkit.
Thû biguol en Sinthgunt,
Sunna era suister,
thû biguol en Frîia,
Uolla era suister;
thû biguol en Uuôdan sô
hê uuola conda:
sôse bênrenkî, sôse
blutrenkî,
sôse lidirenkî: bên zi bêna,
bluot zi bluoda,
lid zi geliden, sôse
gelimida sin !

Übersetzung:

Phol und Wodan ritten ins
Holz.
Da ward dem Fohlen Balders
der Fuß verrenkt.
Da besprach ihn Sinthgunt
(und) Sunna, ihre Schwester.
Da besprach ihn Frija (und)
Volla, ihre Schwester.
Da besprach ihn Wodan, wie
(nur) er es verstand:
So Knochenrenke wie
Blutrenke
Wie Gliedrenke: Bein zu Bein,
Blut zu Blut,
Glied zu Gliedern, als ob
geleimt sie seien !

Material zum Thema
  • Althochdeutsche Sprüche
    Format: PDF

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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