Arten althochdeutscher Dichtung

Sprechen und schreiben

Die Herkunft des Wortes „deutsch“ ist unumstritten. Unser Wort „deutsch“ kommt von dem Wort „theodisce“. Das meint „Volkssprache“ als eine einheimische Besonderheit gegenüber Griechisch, Lateinisch und Hebräisch als den „heiligen“ Sprachen, in denen die Bibel geschrieben worden war.

Der Geistliche OTFRIED VON WEISSENBURG (auch OTFRID) schrieb z.B. sein „Evangelienbuch“ in seinem Idiom, dem Ostfränkischen, auf. D. h., er versuchte, da es damals für seine Sprache noch keine grammatischen und orthographischen Regeln gab, seinen heimatlichen Dialekt zu verschriftlichen. Er schrieb, wie er sprach. Andere Autoren versuchten ebenfalls, ihre Alltagssprache aufzuschreiben. Daraus resultieren die unterschiedlichen Schreibweisen für ein und dasselbe Wort. Die Untersuchung bairischer, sächsischer, fränkischer und thüringischer Schriftstücke aus jener Zeit hat ergeben: Die Schriften weisen so viele Gemeinsamkeiten auf, dass man sie als Dialekte einer gemeinsamen Sprache deuten kann.

Da OTFRIED die vier Evangelien des Neuen Testaments ins Rheinfränkische übersetzte, musste er sich neuer, unbekannter Ausdrücke bedienen oder Wörter seiner Sprache uminterpretieren. So benutzte er das Wort „edilzungin“ (neudeutsch: edle/adlige zunge) in Vers 35 als „edle/vornehme/adlige Sprachen“ für das Lateinische „sacrae linguae“ (= „heilige Sprachen“).

Erste schriftliche Überlieferungen

Althochdeutsche Schriften waren vor allem für die Menschen des Mittelalters bestimmt, die des Lateinischen nicht mächtig waren. 764–772 datiert die erste schriftliche Überlieferung. Es ist die deutsche (eigtl. bairische) Bearbeitung einer lateinischen Synonymensammlung, benannt „Abrogans“ nach dem ersten Stichwort („abrogans“ = bescheiden) eines lat.-ahd. Wörterbuchs.

Als Verfasser galt lange Zeit der Geistliche ARBEO (gest. 04.05.783 o. 784, ab 765 Bischof in Freising). Der „Abrogans“ ist jedoch nicht das erste literarische Werk, denn Literatur wurde damals in erster Linie mündlich tradiert. Trotzdem wird dieses Entstehungsdatum im Allgemeinen als Beginn der althochdeutschen Literatur bezeichnet, da Literatur im heutigen begrifflichen Sinne der Schriftlichkeit bedarf.

Erste literarische Zeugnisse des Althochdeutschen basieren auf Stabreimdichtungen:

  • „Wessobrunner Gebet“ (8. Jh),
  • „Hildebrandslied“ (siehe dort),
  • „Mûspilli“ (9. Jh., siehe PDF),
  • „Merseburger Zaubersprüche“ (10. Jh.)

sind in ihrer Form noch vom Germanischen geprägt. Zugleich gehören sie unterschiedlichen Gattungen an. Inhaltlich sind sie bereits christlich umgeprägt. Der hier eingesetzte Stabreim sollte Vertrautheit erwecken und der Intensivierung des Ausdrucks dienen.

Das „Mûspilli“ ist einals Fragment überliefertes Gedicht über Endzeit und Weltgericht und wurde wahrscheinlich um 870 in Fulda verfasst. Herkunft und Bedeutung des Wortes „Mûspilli“ sind ungeklärt. Die stabreimenden Langzeilen zeigen bereits erste Ansätze zum Endreim.

Germanischer Stabreim versus Endreim

Das „Wessobrunner Gebet“ gilt als das älteste erhaltene Dokument in bairischer Sprache und wurde ungefähr im Jahr 814 aufgeschrieben. Benannt wurde es nach dem Fundort, dem ehemaligen Kloster Wessobrunn im Landkreis Weilheim in Bayern. Die Handschrift des „Wessobrunner Gebets“ bewahrt die Bayerische Staatsbibliothek in München auf.
Das „Wessobrunner Gebet“ ist eine eigentlich aus zwei nicht zueinander gehörigen Teilen bestehende Schilderung der Existenz Gottes.

Der erste Teil weist 9 stabreimende Langzeilen auf:

„dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum ... noh pereg ni uuas
ni ... nohheinig noh sunna ni scein....“

Übersetzung:

Das erfuhr ich bei den Menschen als der Wunder größtes:
Dass Erde nicht war noch oben Himmel,
noch irgendein Baum noch Berg war,
noch irgendein (Stern) noch Sonne nicht schien, ...

Der zweite Teil des Gebets ist ein Prosatext und die eigentliche Anrufung Gottes:

„cot almahtico du himil enti erda gauuorahtos enti du mannun so manac coot forgapi forgip mir in dino ganada rehta galaupa enti cotan uuilleon uuistom enti spahida enti craft tiuflun za uuidarstantanne enti arc za piuuisanne enti dinan uuilleon za gauuorchanne“

Übersetzung:

Gott allmächtiger, der du Himmel und Erde wirktest und der du den Menschen so mannigfach Gutes gegeben, gib mir in deiner Gnade rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, den Teufeln zu widerstehen, und das Böse (Arge) zurückzuweisen und deinen Willen zu tun (wirken).

Der „Heliand“ (siehe PDF) ist eine altsächsische (altniederdeutsche), stabreimende poetische Lebensbeschreibung Jesu, entstanden um 830. Man geht davon aus, dass das Werk im Umkreis des Klosters Fulda entstand. Es beruht sowohl auf alten germanischen Heldenvorstellungen, als auch auf der Geschichte des Heilands im Neuen Testament. Der Heiland tritt im „Heliand“ als hebancuning (Himmelskönig), als Held und Gefolgsherr auf. Seine Jünger sind gesidos (Gefolgsleute). Der „Heliand“ diente der Missionierung der gerade unterworfenen Sachsen, ähnlich wie die „Altsächsische Genesis“ (um 830).

„Sat im tho endi suuigoda endi sah sie an lango,
uuas im hold an is hugi helag drohtin,
mildi an is mode, endi tho is mund antloc, ...“

Übersetzung (siehe auch PDF):

Er saß und schaute sie lange schweigend an, der heilige Herr war ihnen gnädig gesonnen, freundlich in seinem Herzen; er tat nun seinen Mund auf, und es verkündigte der Sohn des Herrschers, ...

Der altdeutsche Endreimvers in erzählender Dichtung ist seit dem 9. Jahrhundert überliefert. Dazu gehören

  • das ahd. „Evangelienbuch“ des Mönches OTFRIED VON WEISSENBURG (863–871, auch OTFRID) und
  • das „Ludwigslied“ (9. Jh.).

Das „Evangelienbuch“ (siehe PDF) OTFRIEDs VON WEISSENBURG (etwa 800–875) ist der erste endreimende althochdeutsche Text. Die in mehreren Handschriften vorliegende poetische Darstellung des Lebens Jesu erzählt die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem und ist in der so genannten „ambrosianischen Strophe“ des lateinischen Hymnus geschrieben. Das ist ein paar- und endgereimter zweimal zwei vierhebiger Vers:

„Gileitit ward thô druhtîn Krist / thâr ein einôti ist
in steti filu wuaste / fon themo gotes geiste.
Er fasteta unnôto / thar niun hunt zîto
sehszug ouch tharmiti in wâr / sô ruarta nan tho hungar.“

Übersetzung:

Der Herr Christus wurde dann dorthin geführt, wo eine Einöde ist, zu einer sehr wüsten Stätte, von dem Geist Gottes. Er fastete freiwillig dort 900 Stunden, dazu 60 – wahrlich. Dann kam ihn Hunger an.

Das Verspaar erscheint im obigen Beispiel auf einer Zeile als Einheit. Diese Konstruktion wird Langzeile genannt. Zwei Verspaare sind zur höheren Einheit, der Strophe, zusammengeschlossen.
Das Metrum weist bereits den Endreim auf, zwei Verse werden durch den Gleichklang ihres Ausgangs (Kadenz) miteinander verbunden:

  • Kristist = einsilbig männliche Kadenz,
  • wuastegeiste = zweisilbig klingende Kadenz.

Im althochdeutschen Vers wird bereits die Silbenbetonung gebraucht (Hebung – Senkung).

Das „Ludwigslied“ (siehe PDF) ist eines der wenigen mittelalterlichen Lieder, das relativ genau datiert werden kann.

Es beschreibt den Sieg des fränkischen Königs LUDWIG III., des jüngeren Sohnes von LUDWIG II., dem Stotterer, über die einfallenden Normannen bei Saucourt im Norden des Frankenreichs. Die Schlacht fand am 3. August 881 statt. LUDWIG starb im Jahr darauf. Weil er noch als lebend beschrieben wird, muss das Lied noch 881 bzw. im Frühjahr 882 geschrieben worden sein.

Das „Ludwigslied“ besteht aus 59 Kurzpaarversen, die durch Endsilbenreim paarweise gebunden sind und gilt als das früheste althochdeutsche christliche Heldenlied. Die Sprache ist rheinfränkisch mit mittel- und niederfränkischen Komponenten.

Das „Ludwigslied“ besteht aus zwei Teilen, im ersten Teil wird das Leben des Königs beschrieben, dass Gott sich der Waise annimmt, LUDWIG seinerseits Gott dient. Der zweite Teil berichtet von der Prüfung LUDWIGs durch Gott und vom Sieg LUDWIGs über die Normannen.

„Einan kuning uueiz ih, / Heizsit her Hluduig,
Ther gerno gode thionot: / Ih uueiz her imos lonot.
Kind uuarth her faterlos, / Thes uuarth imo sar buoz:
Holoda inan truhtin, / Magaczogo uuarth her sin.
Gab her imo dugidi, / Fronisc githigini.“
(5)

„Stuol hier in Urankon. / So bruche her es lango!
Thaz gideilder thanne / Sar mit Karlemanne,
Bruoder sinemo, / Thia czala uuuniono.
So thaz uuarth al gendiot, / Koron uuolda sin god,
Ob her arbeidi / So iung tholon mahti.“
(10)

Übersetzung:

Ich kenne einen König: Ludwig ist sein Name, er dient Gott mit ganzem Herzen. Ich bin gewiss, er wird es ihm lohnen. Den Vater verlor er [schon] in jungen Jahren, doch erhielt er sogleich Ersatz: Der Herr selbst nahm sich seiner an und wurde sein Erzieher. (5)

Er übergab ihm eine Mannschaft, ein herrscherliches Gefolge, [schenkte ihm] hier im Frankenland den Thron. Noch lange möge er sich dieser Gaben erfreuen! – Die Herrschaft hat er bald mit Karlmann, seinem Bruder, geteilt, die Summe der Freuden. Als das vollzogen war, wollte Gott ihn prüfen, ob er jung [noch] an Jahren, Gefahren zu bestehen vermöchte. (10)

Das „Ludwigslied“ kennzeichnet das Ende einer Epoche, denn 881–1060 besteht eine Lücke, die sogenannte „große deutsche Lücke“, in der es kaum überlieferte deutsche Texte gibt. Dagegen werden auch weltliche Themen in Latein geschrieben (920: „Waltharius Manu Fortis“ von EKKEHART I.; 1000: Schulschriften des NOTKER LABEO, 1050–1060: Ritterroman „Ruodlieb“).

An diese althochdeutsche Epoche schloss sich die mittelhochdeutsche Epoche an, deren bedeutendstes literarisches Beispiel das „Nibelungenlied“ darstellt.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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