Zwischen Lebensgenuss und Vergänglichkeit

Die Lyrik des Barock begegnet uns zunächst in starker Formelhaftigkeit. Zwischen Lebensgenuss und Nichtigkeit menschlichen Daseins bzw. Vergänglichkeit im Gegensatz zum ewigen Leben bewegt sich auch die barocke Lyrik. Sie diente vorwiegend höfisch-galanter Unterhaltung und der Erziehung zu katholischer Gläubigkeit. Ihre kunstvollen Stilmittel galten als Bildungsnachweis der Autoren. Neue Töne brachten protestantisch orientierte Lyriker ein. Ihre Gedichte sind stark weltlich orientiert, sie sollen weniger etwas Persönliches ausdrücken, sondern eine allgemeingültige Behauptung, ein Lob oder eine Lehre, sie sind öffentlich und gesellig.

Lyrische Genres & Gattungen des Barock

  • Schäferdichtung oder Bukolik
  • geistliche Dichtung: Kirchenlied,
  • religiöse Lyrik
  • Liebeslyrik
  • volksliedartiges Gedicht
  • Sonett
  • Alexandrinergedicht (Elegie)
  • Lehrgedicht
  • Epigramm
  • Ode
  • Sestine
  • Madrigal
  • Figurengedicht

Bevorzugte Stilmittel

  • Allegorie
  • Metapher
  • Topos
  • rhetorische Pathosformeln
  • Antithetik
  • Emblematik

Casualpoesie

Im 17. Jh. war die Casualpoesie die gängige Form der literarischen Produktion.

Unter Casualpoesie (nach lt. occasio = Gelegenheit) verstehen wir Gelegenheitsdichtung, die zu bestimmten Anlässen entstand und z. B. zu Hochzeiten, Taufen, Geburtstagen, Beerdigungen vorgetragen wurde. Die Aufklärung verwarf die Casualpoesie als Ausdruck erstarrter Stilroutine; das Genie-Konzept des Sturm und Drang führte endgültig zu ihrer programmatischen Abwertung im Zeichen des Ideals der poetischen Originalität.

Emblematik

Die Emblematik ist eine besondere Bildsprache des Barock. Ein Emblem besteht aus dem Bild (pictura), das z. B. Pflanzen, Tiere, Geräte, Tätigkeiten, Vorgänge des menschlichen Lebens, eine mythologische, biblische, historische Figur oder Szene zeigt, der Überschrift (inscriptio), die eine Sentenz, ein Sprichwort, eine moralische Forderung enthält und in Versen verfasster Erklärung (subscriptio). Die Embleme (wörtlich „Sinnbilder“) waren allgemein bekannt, ihre Bedeutung festgelegt und durch Tradition verbürgt.

ANDREAS GRYPHIUS

Bei ANDREAS GRYPHIUS (1616–1664), Zeitgenosse des Dreißigjährigen Krieges und sprachgewaltigster Autor deutscher Literatur im Zeitalter des Barock, wird die menschliche Geschichte nicht als Entwicklung, sondern als Vergänglichkeit definiert. Vanitas und Einsamkeit sind vorherrschende Motive seiner Lyrik: „Es ist alles Eitel“, „Menschliches Elende“, „Einsambkeit“, „An die Welt“, „Mitternacht“ und „Am Ende“.


ANDREAS GRYPHIUS
Am Ende

Ich habe meine Zeit in heißer Angst verbracht:
Dies lebenslose Leben
Fällt, als ein Traum entweicht,
Wenn sich die Nacht begeben
Und nun der Mond erbleicht;
Doch mich hat dieser Traum nur schreckenvoll gemacht.

Was nutzt der hohe Stand? Der Tod sieht den nicht an.
Was nutzt mein Tun und Schreiben,
Das die geschwinde Zeit
Wird wie den Rauch zertreiben?
O Mensch, o Eitelkeit,

Jedoch was klag ich dir? Dir ist mein Leid erkannt.
Was will ich dir entdecken,
Was du viel besser weißt:
Die Schmerzen, die mich schrecken,
Die Wehmut, die mich beißt,
Und daß ich meinem Ziel mit Winseln zugerannt?

(In: Andreas Gryphius: Gesamtausgabe der deutschsprachigen Werke. Band 1, Tübingen 1963, vgl. PDF "Andreas Gryphius - Gedichte")

poeta doctus

GRYPHIUS gehört zu den bedeutendsten Verfassern des Typus eines barocken poeta doctus
Poeta doctus (gelehrter Dichter; Doctor = Lehrender) nannte man den Typus des gelehrten Autors, der sein gediegenes Wissen in die literarische Arbeit einbringen kann. Im Humanismus wie im Barock stellt Bildung eine wesentliche Bedingung der Autorschaft, Literatur selbst ein Magazin breit gestreuten Wissens über Mythos, Geschichte, Religion, Geographie und Natur dar.

CHRISTIAN HOFMANN VON HOFFMANNSWALDAU

Ein weiteres Beispiel für vanitatische Lyrik ist HOFFMANNSWALDAUs „Vergänglichkeit der Schönheit“. Gedichte wie HOFFMANNSWALDAUS „Auf den Mund“ (1695),


CHRISTIAN HOFMANN VON HOFFMANNSWALDAU
Auf den Mund

Mund! der die Seelen kaum durch Lust zusammen hetzen.
Mund! der viel süßer ist als starker Himmelswein,
Mund! der du Alikant des Lebens schenkest ein,
Mund! den ich vorziehn muß der Juden reichen Schätzen.
Mund! dessen Balsam uns kann stärken und verletzen.
Mund! der vergnügter blüht als aller Rosen Schein,
Mund! welchem kein Rubin kann gleich und ähnlich sein,
Mund! den die Grazien mit ihren Quellen netzen:
Mund! ach, Korallenmund, mein einziges Ergetzen,

Mund! laß mich einen Kuß auf deinen Purpur setzen!

(von 1695, vgl. PDF "Christian Hofmann von Hofmannswaldau - Gedichte")

MARTIN OPITZ

Die Sonette „Du schöne Tyndaris“ und das „Sonnet XXI. Francisci Petrarchae“, von MARTIN OPITZ beweisen außerordentliches Formbewusstsein der Barockdichter:

MARTIN OPITZ
Sonnet

Du schöne Tyndaris / wer findet deines gleichen /
Vnd wolt' er hin vnd her das gantze landt durchziehn?
Dein' augen trutzen wol den edelsten Rubin /
Vnd für den Lippen muß ein Türckiß auch verbleichen,

Die zeene kan kein goldt an hoher farb' erreichen /
Der mundt ist Himmelweit / der halß sticht Attstein hin.
Wo ich mein vrtheil nur zue fellen würdig bin /
Alecto wird dir selbst des haares halber weichen /

Der Venus ehemann geht so gerade nicht /
Vnd auch der Venus sohn hat kein solch scharff gesicht;
In summa du bezwingst die Götter vnnd Göttinnen.

Weil man dan denen auch die vns gleich nicht sindt wol /
Geht es schon sawer ein / doch guttes gönnen soll /
So wündtsch' ich das mein feind dich möge lieb gewinnen.

(vgl. PDF "Martin Opitz - Buch von der Deutschen Poeterey", S. 28)

PAUL FLEMING

Auch FLEMINGs „Wie Er wolle geküsset seyn“ (1642) ist ein Beispiel für eine sinnenfrohe, an PETRARCA geschulte Lyrik:

PAUL FLEMING
Wie Er wolle geküsset seyn

Wie Er wolle geküsset seyn
Nirgends hin
als auff den Mund
da sinckts in deß Herzten grund.
Nicht zu frey
nicht zu gezwungen
nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig nicht zu viel
Beydes wird sonst Kinder-spiel.
Nicht zu laut
und nicht zu leise
Bey der Maß ist rechte weise.

Nicht zu nahe
nicht zu weit.
Diß macht Kummer
jenes Leid.
Nicht zu trucken
nicht zu feuchte
wie Adonis Venus reichte.

Nicht zu harte
nicht zu weich.
Bald zugleich
bald nicht zugleich.
Nicht zu langsam
nicht zu schnelle.
Nicht ohn Unterschied der Stelle.

Halb gebissen
halb gehaucht.
Halb die Lippen eingetaucht,
Nicht ohn Unterschied der Zeiten.
Mehr alleine
denn bey Leuten.

Küsse nun ein Iedermann
wie er weiß
will
soll und kan.
Ich nur
und die Liebste wissen
wie wir uns recht sollen küssen.

(vgl. PDF "Paul Fleming - Deutsche Gedichte", S. 135)

In den angeführten Beispielen wird die Jugend und die Liebe (mitunter auch schwermütig) gefeiert ganz wie es ihr gebührt und ohne vanitatischen Hintersinn.

Natur- und Landschaftslyrik

BARTHOLD HINRICH BROCKES

Der erste ausgesprochene Natur- und Landschaftslyriker der deutschen Literatur ist BARTHOLD HINRICH BROCKES (1680–1747). Epochengeschichtlich sind seine Werke dem Ende des Barocks bzw. dem Beginn der Frühaufklärung einzuordnen. Seine Jugendgedichte schrieb er unter dem Einfluß von POPE und THOMSON, die er übersetzte. Kennzeichnend für seine Gedichte ist das Streben nach Einfachheit und Klarheit. Seine Gedichte „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721–1748, 9 Bücher) bestechen durch genaue Beobachtung der Naturerscheinungen und einen protestantisch geprägten diesseitigen Gottesglauben.

BARTHOLD HINRICH BROCKES
Ephemeris

Ich seh' die kleinen Eulchen schweben,
Die man Ephemeris sonst heisst;
Die einen eintz'gen Tag nur leben.
Bey dem Geschöpfe denckt mein Geist:
Wie flüchtig ist doch eure Zeit!
Bey ihr scheint unsre fast ein Theil der Ewigkeit:
Was Stunden bey uns sind, sind euch ja kaum Secunden:
Was unsre Jahre sind, sind eure Viertel-Stunden.
Da aber dieses Thier, indem es munter flieget,
Dem Ansehn nach, vergnügt ist und sich freut;
So hat es, ungeacht't der kurtzen Lebens-Zeit,
Sich länger auf der Welt, als mancher Mensch, vergnüget.

(vgl. PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott")

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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