African National Congress

Der African National Congress (ANC)

Zwei Jahre nach der Bildung der britischen Kolonie Union of South Africa trafen in Bloemfontein schwarzafrikanische Stammesführer, Kirchenvertreter und weitere Aktivisten zusammen, um der zunehmenden Beschneidung der Rechte der schwarzafrikanischen Bevölkerung entgegenzuwirken. Aus dieser Versammlung ging im Januar 1912 der African National Congress (ANC) hervor. Die Dringlichkeit einer schwarzafrikanischen Interessenvertretung war offenkundig, da die Regierung ein neues Gesetz vorbereitete, das den Schwarzen den Besitz des von ihnen genutzten Landes weitgehend absprach. Der Land Act trat 1913 in Kraft.

Vor den südafrikanischen Schwarzafrikanern hatte der indisch-stämmige Bevölkerungsteil eine eigene Organisation ins Leben gerufen. Initiator des 1894 gegründeten Natal Indian Congress war MAHATMA GANDHI, der seit 1893 in der südafrikanischen Provinz Transvaal (heute Gauteng) als Rechtsanwalt praktizierte. Er führte den Widerstand der indischen Einwanderer gegen diskriminierende Gesetze (wie Aberkennung des Stimmrechts) an und stieg zur Leitfigur der indischen Bevölkerung in Südafrika auf. 1906–1913 lenkte er in Transvaal eine Kampagne für die Anerkennung der bürgerlichen Rechte seiner Landsleute.

Der von GANDHI initiierte gewaltfreie Widerstand wirkte auch nach dessen Rückkehr nach Indien (1914) fort und beeinflusste nachhaltig die Strategie des ANC. 1919 organisierte der ANC in der Provinz Transvaal Protestaktionen gegen den Natives Land Act. In der Folgezeit entstanden eine Reihe weiterer Vereinigungen, die sich gegen die Unterdrückung und Ausbeutung der schwarzen Bevölkerung richteten. Gewerkschaften und sozialistische Gruppierungen opponierten gegen die miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen, unter denen die Schwarzen (insbesondere die Arbeiter in den Minen) litten. Um den Rückhalt in der Bevölkerung zu stärken, bauten NELSON MANDELA, WALTER SISULU und OLIVER TAMBO 1944 die Jugendliga des ANC auf. 1947 ging der ANC ein Bündnis mit dem Natal Indian Congress und dem Transvaal Indian Congress ein.

Mit dem Wahlsieg der National Party (NP), die ein dezidiert rassistisches Programm vertrat, verschärften sich ab 1948 die gesellschaftlichen Konflikte. Eine Fülle diskriminierender Gesetze schloss die schwarzen Südafrikaner von vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens aus. So wurden die nicht-weißen Bürger Südafrikas aus dem Wahlregister gestrichen. Mobilität und Freizügigkeit wurden massiv beschnitten und politische Aktivitäten erheblich eingeschränkt. Als Reaktion auf die strikte Rassentrennung der Regierung rief der ANC in den 1950er-Jahren zum zivilen Ungehorsam auf. Der Kern dieser Defiance Campaign bestand in der gezielten Missachtung der Apartheid-Gesetze. Unterstützt wurde der ANC von weiteren Organisationen, darunter dem Natal Indian Congress, der Coloured People's Organisation, dem Congress of Democrats und dem Gewerkschaftsverband Congress of Trade Unions. Das Apartheidregime reagierte auf die Protestaktionen mit einer Welle von Verfolgungen und Verhaftungen.

Im Juni 1955 wurde in Kliptown nahe Johannesburg ein 'Congress of the People' einberufen, auf dem Vertreter des ANC mit Delegierten von Organisationen der indisch-stämmigen, farbigen und liberalen weißen Organisationen zusammentrafen. Die auf der Tagung beschlossene 'Freedom Charter' formulierte die Grundlagen des Anti-Apartheid Kampfes. Zentraler Punkt war die Forderung nach gleichen Rechten für alle südafrikanischen Bürger ungeachtet ihrer Hautfarbe. Im Anschluss an die Konferenz verhaftete das Regime 156 Führungskräfte des ANC und der mit ihm verbündeten Organisationen. Erst nach fünf Jahre währenden Prozessen wurden die Inhaftierten freigesprochen.

Inzwischen hatte sich eine militantere Gruppe vom ANC abgespalten und 1959 unter Vorsitz von ROBERT MANGALISO SOBUKWE den Panafrican Congress (PAC) gegründet. Als der ANC Protestveranstaltungen gegen die Verschärfung der Passgesetze plante, kam ihm der PAC zuvor, indem er für den 31. März 1960 zu einem Protestmarsch nach Sharpeville aufrief. Die Proteste endeten in einem Blutbad, als die südafrikanische Polizei wahllos auf die Demonstranten feuerte. Nach dem Sharpeville-Massaker wurden der ANC und der PAC von der südafrikanischen Regierung verboten.

Aus dem Untergrund heraus begann nun auch der ANC, den bewaffneten Kampf gegen das Apartheidregime aufzunehmen. 1961 wurde mit dem Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation) die Kampforganisation des ANC gegründet, die innerhalb von achtzehn Monaten über 200 Sabotageakte verübte. Mit Verhaftungen und der Verhängung von Todesurteilen versuchte das Regime, den Widerstand zu brechen. Der prominenteste Gefangene war NELSON MANDELA, der 1964 zu lebenslanger Haft verurteilt und auf die Gefängnisinsel Robben Island verbracht wurde.

Auftrieb erhielt der Widerstand gegen die Apartheid durch die Unabhängigkeit anderer afrikanischer Staaten und die schwarze Bürgerrechtsbewegung in den USA. Dass der Befreiungskampf des ANC auch international an Beachtung gewann, dokumentiert die Verleihung des Friedensnobelpreises an den ANC-Vorsitzenden ALBERT LUTHULI im Jahr 1960.

In den 1970er-Jahren überzog eine Welle von Streiks das Land. Die geplante Einführung der Unterrichtssprache Afrikaans in den Schulen Südafrikas führte 1976 zu einem mehrtägigen Aufstand im township Soweto. Vornehmlich jugendliche Schwarze protestierten dagegen, dass ihre Bildungschancen durch diese Maßnahme weiter reduziert werden sollten, da sie des Afrikaans – der Sprache der weißen, burischen Minderheit – nicht mächtig waren. Auch dieser Protest wurde von der südafrikanischen Polizei mit Waffengewalt niedergeschlagen. Mehrere hundert Schwarze – meist Schulkinder – starben.

Als der ANC 1986 die Einwohner der townships – der Schwarzengettos am Rande der Städte – dazu aufrief, diese Siedlungen durch Protestaktionen unregierbar zu machen, erklärte die südafrikanische Regierung den Notstand und ließ über 300.000 Menschen ohne Gerichtsverhandlung inhaftieren.

Erst mit dem Amtsantritt von FREDERIK DE KLERK (1989–1994) zeichnete sich ein Kurswechsel in der Politik der weißen Machthaber ab. 1990 fanden erste Sondierungsgespräche zwischen Regierungsvertretern und dem ANC statt, in deren Folge die politischen Gefangenen – darunter NELSON MANDELA – aus der Haft entlassen wurden. Eine provisorische Verfassung und freie, gleiche Wahlen ebneten den Weg zur Demokratisierung Südafrikas. Bei den Wahlen im April 1994 errang der ANC die absolute Mehrheit der Stimmen. NELSON MANDELA wurde der erste, frei gewählte schwarze Präsident Südafrikas.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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