Der Verlauf des Nordirlandkonflikts

Im Jahr 1609 wurden die ersten englische Protestanten nach Ulster/Nordirland umgesiedelt, wo sie Ländereien katholischer Iren in Besitz nahmen. Durch den Government of Ireland Act trennte Großbritannien am 23. Dezember 1920 die mehrheitlich protestantischen Grafschaften der Provinz Ulster (Londonderry, Antrim, Tyrone, Fermanagh, Armagh und Down) vom übrigen, überwiegend katholischen Irland. Im Rahmen einer Union mit Großbritannien erhielt Nordirland einen Autonomiestatus mit eigenem Parlament (Stormont) und eigener Regierung. Als führende Partei der protestantischen Mehrheit etablierte sich die Unionist Party, die seit 1921 die Ministerpräsidenten stellte; daneben erlangte der Orange Order (Oranierorden) – die Organisation der Anhänger der englisch-protestantischen Herrschaft – starke gesellschaftliche Bedeutung.

Die innere Entwicklung Nordirlands wurde vor allem vom Konflikt zwischen der protestantischen Mehrheit und der katholischen Minderheit geprägt. Die katholischen Nationalisten, die auf einer Vereinigung Nordirlands mit dem Freistaat (später der Republik) Irland zu einem gesamtirischen Staat beharrten, wurden von den regierenden Unionisten weitgehend ausgegrenzt. Der unionistischen Kontrolle des Regierungs- und Verwaltungsapparates, dem seit 1922 auch eine protestantisch dominierte Polizeitruppe (Royal Ulster Constabulary = RUC) zur Seite stand, entsprach die wirtschaftlich-soziale Benachteiligung der katholischen Bevölkerung. Durch das seit 1922 praktizierte Gerrymandering wurden die Grenzen der Wahldistrikte so gezogen, dass jeder Wahlkreis über eine protestantische Mehrheit verfügte. Diese Praxis beeinflusste auch die Vergabe von öffentlich verwaltetem Wohnraum in Nordirland.

Proteste der katholischen Minderheit

Am Morgen des 28. August 1963 besetzten vierzehn katholische Familien einige zum Abriss freigegebene Häuser in Dungannon, um gegen die lokale Wohnungspolitik zu protestieren. Mit dieser Aktion begann der zivile Widerstand der Katholiken gegen die unionistische Regierung. Verschiedene Bürgerrechtsorganisationen – darunter die 1964 in Belfast gegründete Campaign for Social Justice – setzen sich gegen Unrecht und Diskriminierung zur Wehr. Als deren Dachverband entstand 1967 die Northern Ireland Civil Rights Association (NICRA), die sich mit Massendemonstrationen und zivilem Ungehorsam für grundlegende Reformen und die Durchsetzung gesellschaftlicher Gleichberechtigung einsetzte.

Von der Northern Ireland Civil Rights Association organisierte Protestmärsche verschärften die Konflikte zwischen den rivalisierenden Bevölkerungsgruppen. Der Auslöser war die Räumung eines Hauses in Caledon, das einer alleinstehenden 19-jährigen Protestantin zugeteilt wurde. Am 24. Juni 1968 zogen demonstrierende Katholiken nach Dungannon, wo sie auf loyalistische Gegendemonstranten trafen, die sie am Einzug in die Stadt hinderten. Ein zweiter, für den 5. Oktober in Derry geplanter Protestzug wurde von der nordirischen Regierung verboten. Trotz des Verbotes zogen die Demonstranten durch die nordirische Stadt, bis sie in der Duke Street auf ein massives Polizeiaufgebot stießen, das die Demonstration unter Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern auflöste. Die Bilder von auf unbewaffnete Demonstranten einschlagenden Polizisten heizten den Konflikt weiter an.

Zwar gelang es der nordirischen Regionalregierung kurzfristig, die brisante Lage durch die Ankündigung von Reformen zu entschärfen. Doch am Neujahrstag 1969 sorgte ein neuer Protestmarsch in Derry für gewalttätige Auseinandersetzungen. Die sich daran anschließenden Bombenanschläge militanter Unionisten führten schließlich zum Rücktritt der von TERENCE O'NEILL geleiteten nordirischen Regierung. Auch deren Nachfolgerin konnte die Eskalation der Gewalt nicht stoppen. Mitte August brachen in Belfast Straßenkämpfe aus. Militante Protestanten zogen in katholische Viertel und schleuderten Brandsätze in Wohnhäuser, während die nordirische Polizei gegen katholische Gruppen vorging. In der Nacht vom 14. auf den 15. August 1969 starben sechs Menschen; zwölf Fabriken und über 100 Häuser wurden zerstört.

Daraufhin entschloss sich die nordirische Regierung, englische Truppen anzufordern, mit deren Hilfe sie die außer Kontrolle geratene Lage wieder in den Griff zu bekommen hoffte. Zunächst auch von den Katholiken freudig begrüßt, zog sich das englische Militär den Zorn der katholischen Minderheit zu, als es auf Initiative der nordirischen Regierung am 3. Juli 1970 eine Ausgangssperre über den katholischen Teil Belfasts (die lower Falls) verhängte. Anlass dieser Maßnahme waren Gerüchte über geheime Waffendepots. Im für 35 Stunden vom Militär abgeriegelten Gebiet regte sich wütender Protest. Die Ende 1969 gebildete Provisional IRA gewann immer größeren Zulauf und trieb die Gewaltspirale mit einer Serie von Bombenanschlägen gegen Polizei und Militär weiter in die Höhe.

Im August 1971 beschloss der erst vor kurzem ins Amt gewählte nordirische Premierminister BRIAN FAULKNER, auf die Attentate der IRA mit einer Internierungswelle zu reagieren. An einem Tag wurden 342 katholische Nationalisten inhaftiert, während militante Protestanten und Unionisten verschont wurden. Doch auch führende Mitglieder der Provisional IRA konnten dem internment entkommen und setzten ihre Aktionen fort.

Der 'Bloody Sunday'

Bereits am folgenden Tag wurden in Belfast elf Menschen getötet und etwa 240 Häuser durch Brandanschläge zerstört. Ende August zählte man 35 Tote und um die 100 Bombenanschläge. Tausende Menschen flohen aus den umkämpften Gebieten, in denen sich ein immer größerer Wiederstand gegen das internment regte.

Trotz des Verbots der Regierung setzte sich am Sonntag, dem 30. Januar 1972 ein großer Protestmarsch ins Stadtzentrum Derrys in Bewegung, um gegen die Internierungspolitik zu demonstrieren. Soldaten des 1. Fallschirm-Bataillons eröffneten das Feuer auf die Demonstranten und erschossen vierzehn Personen. Als Reaktion auf den Bloody Sunday versammelten sich drei Tage später 30.000 Menschen in Dublin. Im Verlauf dieser Demonstration wurde die britische Botschaft in Brand gesetzt.

Die 'direct rule' – Nordirland unter britischer Kontrolle

Angesichts der wachsenden Gewalt übernahm die britische Regierung unter Premierminister TED HEATH die Kontrolle in Nordirland. Das nordirische Parlament (das Stormont) wurde für ein Jahr suspendiert, die nordirische Polizei dem britischen Innenministerium unterstellt, und die Regierung FAULKNER erklärte ihren Rücktritt.

Schon kurz nach der Machtübernahme Englands verbreitete die Provisional IRA eine Erklärung, in der sie verkündete: “The war goes on.” Die britische Regierung beabsichtige, durch eine Umstrukturierung der Behörden und proportional besetzte Vertretungen die Situation zu befrieden. Im Juni 1973 wurde eine neue nordirische Volksversammlung gewählt. Protestanten und Katholiken sollten – entsprechend ihres Bevölkerungsanteils – an der politischen Macht beteiligt werden (power-sharing). Anfang 1974 nahm die nordirische Regierung mit FAULKNER an der Spitze ihre Amtsgeschäfte auf. Zuvor hatten sich die Konfliktparteien – mit Ausnahme des Ulster Union Council – im Abkommen von Sunningdale auf die Politik des power-sharing geeinigt.

Bei den Wahlen zum britischen Parlament, in dem zwölf Sitze Vertretern Nordirlands vorbehalten waren, gewannen die Gegner des power-sharing elf der nordirischen Mandate. In Nordirland sorgte ein 15-tägiger Streik protestantischer Arbeiter dafür, dass die Politik des power-sharing bereits mit ihrer Einführung gescheitert war. Die nordirische Regierung reichte daraufhin erneut ihren Rücktritt ein, und Nordirland wurde gemäß der direct rule weiter von London aus regiert.

Eskalation der Gewalt

Die IRA setzte ihren gewaltsamen Kampf gegen britische Truppen und Unionisten ungebremst fort und weitete die Terrorakte auch auf England aus. In der nordirischen Bevölkerung wuchs die Zustimmung zur – mit Gewalt und Demonstrationen geführten – “troops out”-Kampagne, die den Abzug der britischen Truppen aus Nordirland forderte. Eine Reihe von Bombenanschlägen, bei denen auch Zivilisten umkamen, erschütterte ab Mitte der 70er-Jahre die Region.

In nordirischen Gefängnissen protestierten inhaftierte IRA-Mitglieder gegen ihre Haftbedingungen. BOBBY SANDS, einer der führenden Köpfe, trat am 1. März 1981 in den Hungerstreik, an dem er 66 Tage später starb. Seinem Begräbnis wohnten etwa 100.000 Menschen bei (was knapp 20 % der gesamten katholischen Bevölkerung Nordirlands entspricht). Andere Gefangene traten ebenfalls in den Hungerstreik. Neun von ihnen hungerten sich in den folgenden Monaten zu Tode. Durch den Hungerstreik gewann der politische Arm der Provisional IRA – die Sinn Féin – immer größeren Rückhalt unter den nordirischen Katholiken.

Die Wahlerfolge der Sinn Féin alarmierten die Regierungen in London und Dublin. Auch die Serie von Anschlägen riss nicht ab. Im Oktober 1984 detonierte eine Bombe auf dem Parteitag der englischen Conservative Party in Brighton. Ein gutes Jahr später vereinbarten die britische und die irische Regierung gemeinsame Schritte zur Befriedung der Situation in Nordirland. Prompt formierte sich der Widerstand der protestantischen Unionisten. Die von JAMES MOLYNEUX geführten Ulster Unionists und IAN PAISLEYS Democratic Unionist Party initiierten eine Kampagne unter dem Slogan “Ulster says No”, um gegen die Einbindung der Republik Irlands zu protestieren.

Friedensbemühungen und das 'Good Friday Agreement'

Nach massiven Anschlägen Anfang der 1990er-Jahre luden die Premierminister Irlands und Großbritanniens, ALBERT REYNOLDS und JOHN MAJOR, die Sinn Féin im Dezember 1993 zur Teilnahme an Friedensgesprächen ein, sofern sich die IRA sich zum Gewaltverzicht bekenne.

  • Am 31. August 1994 erklärte die IRA, künftig auf Gewaltaktionen zu verzichten.
  • Die militanten Gruppierungen der Unionisten zogen am 13. Oktober nach.

Durch den Waffenstillstand hatten sich die Chancen auf eine friedliche Lösung des Nordirlandkonflikts erheblich erhöht. Zudem schaltete sich der amerikanische Präsident BILL CLINTON, der im November 1995 Nordirland besuchte, in den Friedensprozess ein. Obwohl der erklärte Gewaltverzicht der militanten Organisationen nicht eingehalten wurde, gingen die von britischer und irischer Regierung moderierten Gespräche zwischen Vertretern der Unionisten und der katholischen Nationalisten ungebrochen weiter. Sie führten schließlich zum so genannten 'Good Friday Agreement', das am Karfreitag 1998 unterzeichnet wurde:

  • Diese Vereinbarung sicherte den politischen Gruppierungen der verfeindeten Bevölkerungsgruppen die Beteilung an der Regierung Nordirlands zu (eine Neuauflage des power-sharing).
  • Die Regierungsbeteiligung der mit paramilitärischen Organisationen verbundenen Parteien (Ulster Democratic Party, Progressive Unionist Party, Sinn Féin) hing jedoch von der Einhaltung des Gewaltverzichts und der Aushändigung der Waffen ab.

Jeder Haushalt Nordirlands erhielt eine Kopie des Agreements zugeschickt, das durch die Volksentscheide vom Mai 1998 bestätigt wurde. Die beiden Architekten des Friedensabkommens, DAVID TRIMBLE und JOHN HUME, erhielten 1998 den Friedensnobelpreis.

Obwohl das Abkommen die Unterstützung der nordirischen Bevölkerung fand und ein neues nordirisches Parlament gewählt wurde, schwelte der Konflikt zwischen den militanten Gruppen weiter. Die IRA widersetzte sich ihrer Entwaffnung (“not an ounce, not a bullet”), während sich die radikalen Unionisten erst dann an der Regierung beteiligen wollten, wenn die IRA mit der Aushändigung ihrer Waffen begänne.

Zum Premierminister der Regionalregierung wurde der Vorsitzende der Ulster Unionist Party DAVID TRIMBLE gewählt. Wegen ausbleibender Erfolge bei der Entwaffnung der IRA trat er am 1. Juli 2001 zurück, wurde aber nach dem Einlenken der IRA am 6. November 2001 vom Regionalparlament im zweiten Anlauf erneut als Regierungschef Nordirlands bestätigt. Bereits im Oktober 2002 wurde die Regionalverwaltung wegen interner Konflikte wieder ausgesetzt. Nordirland ist weiterhin ein tief gespaltenes Land. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Tumulten, die der Oranierorden jedes Jahr provoziert, wenn er am 12. Juli in Gedenken an den protestantischen Sieg in der Battle of Boyne (1690) durch katholische Wohngebiete zieht.

Aktuelle Tendenzen im Nordirlandkonflikt

Am 28. Juli 2005 erklärte die IRA den bewaffneten Kampf für beendet. Nur zwei kleine radikale Splittergruppen, die Real IRA und die Continuity IRA, sind jedoch nach wie vor gewaltbereit und halten bis heute am Kriegszustand fest. Bei Ausschreitungen in Dublin, die mit dem Nordirlandkonflikt in Zusammenhang standen, wurden 25 Menschen am letzten Februarwochenende 2006 verletzt, gefolgt von einer anschließenden Entschuldigung des Sinn-Féin-Chefs. Immer wieder kommt es zu Vorfällen, die direkt oder indirekt mit paramilitärischen Organisationen zu tun haben. Auch die Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen enden nicht nur bei den Paraden des Öfteren in Gewaltakten. Anfang des Jahres 2007 entwaffnete sich die IRA offiziell.

Danach erkannte die Sinn Féin am 28. Januar 2007 auf einem Sonderparteitag in Dublin in einer historischen Abstimmung von 2000 Delegierten die nordirische Polizei an. Damit räumte sie ein wichtiges Hindernis auf dem Weg zur Wiederherstellung einer nordirischen Regionalregierung aus dem Weg. In Folge dessen hat sich die britisch-protestantische Democratic Unionist Party am 26. März 2007 (Vereinbarung von St. Andrews) auf ein Machtteilungsabkommen mit Sinn Féin geeinigt.

Am 3. Mai 2007 erklärte die Führung der Ulster Volunteer Force (UVF) endgültig der Anwendung von Gewalt abzuschwören, jedoch ohne sich dabei zu entwaffnen.

Im Juni 2007 gründete die britische Regierung eine parteiübergreifende Gruppe namens Consultative Group on the Past, die Vorschläge zur gesamtgesellschaftlichen Aussöhnung in Nordirland erarbeiten sollte. Ihr Abschlussbericht löste bei seiner Veröffentlichung im Januar 2009 eine öffentliche Debatte im Vereinigten Königreich aus, da er vorschlug, allen Angehörigen eines durch politisch motivierte Gewalt Umgekommenen eine Anerkennungspauschale zu zahlen, unabhängig davon, ob diese zivile Opfer oder Paramilitärs gewesen seien.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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