Die Kubakrise

Vom 22. bis 28. Oktober 1962 lag der Dritte Weltkrieg in der Luft. U-2-Aufklärungsflugzeuge der USA hatten auf Kuba Abschussrampen für sowjetische SS-4 Mittelstreckenraketen entdeckt. Washington befand sich in deren Reichweite, die 1 800 km betrug. Das US-Militär drängte auf einen Präventivschlag. Präsident JOHN F. KENNEDY versuchte, die entstandene Krise politisch zu lösen und blieb damit letztlich erfolgreich. NIKITA SERGEJEWITSCH CHRUSCHTSCHOW, seinerzeit Erster Sekretär der KPdSU und Ministerpräsident der UdSSR, lenkte ein und erklärte sich bereit, die Raketen abzuziehen.

Vorgeschichte der Krise

Seit 1956 hatten die Rebellen um FIDEL CASTRO gegen die Diktatur von F. BATISTA gekämpft. Am 2. Januar 1959 zogen sie als Sieger in Havanna ein, damit war der Sturz des diktatorischen Regimes besiegelt. BATISTA selbst war nicht mehr zu halten und floh mit seinem Anhang und der Staatskasse in die Dominikanische Republik.
Die neuen Regierenden unternahmen erste politische Reformen, u.a. eine Agrarreform, um die großen nordamerikanischen Zuckerproduzenten zu schwächen. Die USA sahen sich damit in einen inneren Konflikt verwickelt, der auf eine internationale Ebene, nämlich die des Kalten Krieges erhoben wurde. Die Ereignisse entwickelten sich Zug um Zug:

  • 1959: 1. Agrarrefom; Bodenbesitz über 4oo Hektar wurde enteignet.
  • 1960: Drei Ölraffinerien in US-amerikanischem Besitz verweigerten die Verarbeitung von Erdöl aus der UdSSR und wurden daraufhin unter Zwangsverwaltung gestellt. Die US-Regierung kündigte daraufhin die Zuckerquote.
  • Kubas Antwort: Verstaatlichung der Raffinerien sowie von Telefon- und Elektrizitätsgesellschaften. Der amerikanische Präsident EISENHOWER verhängte ein Embargo über Kuba und Kuba verstaatlichte im Gegenzug – neben anderen – die restlichen USA-Unternehmen. Damit war die Marktwirtschaft weitgehend beseitigt und der gesamte Wirtschaftsbereich unterlag staatlicher Kontrolle.
  • Während in Kuba „Komitees zur Verteidigung der Revolution“ gebildet wurden, flüchteten immer mehr reiche Kubaner nach Miami.

Kuba wandte sich nun noch stärker der Sowjetunion als seinem neuen Handels- und Sicherheitspartner zu. Schließlich sahen die USA nicht nur ihre wirtschaftlichen, sondern auch weltpolitische Interessen betroffen. Die Fronten verhärteten sich.

Die Invasion in der Schweinebucht

Im April 1961 landeten Invasionstruppen aus Exilkubanern, vorbereitet vom amerikanischen Geheimdienst, am Playa Larga und Playa Girón, der Schweinebucht. Das US-Militär beteiligte sich mit der Bombardierung kubanischer Flugplätze an der Aktion. Nach drei Tagen waren die Kampfhandlungen beendet. Anstelle der erhofften Unterstützung durch einen Volksaufstand trafen die Invasoren auf den Widerstand nicht nur der Milizen aus Havanna, sondern auch der Bauern aus der Umgebung. „Patria o Muerte, venceremos “ hieß die Losung, unter der sie ihr Leben einsetzten (Vaterland oder Tod, wir werden siegen).
1200 der Invasoren kamen daraufhin in Gefangenschaft. Sofern sie sich unter BATISTA nicht schuldig gemacht hatten, konnten sie später im Tausch gegen Traktoren in die USA zurückkehren.
Nach dieser Niederlage wurden seitens der USA weitere paramilitärische Aktionen gegen Kuba und Anschläge auf CASTRO vorbereitet, mit dem Ziel, im Land ein Chaos zu verursachen, um einen Vorwand für eine direkte Intervention zu haben.
Als im Mai sowjetische Politiker den Vorschlag unterbreiteten, auf der Insel Atomraketen zu installieren, wurde er angenommen. Auf Beschluss des Obersten Sowjets der UdSSR von Mai/Juni 1962 begann die „Operation Anadyr“: die Stationierung von 42 Mittelstrecken- und Langstreckenraketen (nach der sowjetischen Bezeichnung: R 12 und R 14/ nach NATO-Bezeichnung SS-4 und SS-5) sowie von 40 000 Mann auf Kuba.

Der Grund für die Raketenstationierung war in erster Linie, dass CHRUSCHTSCHOW damit militärisches Gleichgewicht demonstrieren wollte.

Die Tage der Krise

Am 14. Oktober 1962 wurden von der amerikanischen Luftaufklärung bei San Cristóbal im Bau befindliche Abschussrampen für SS-4 Raketen der UdSSR entdeckt.
Der Krisenstab des Weißen Hauses war sich einig: die Raketen – 150 km vor der Küste der USA – bilden eine unmittelbare Gefahr für die Vereinigten Staaten. Erörtert wurden mehrere Wege zu ihrer Beseitigung. Es wurde sich schließlich für eine begrenzte Seeblockade entschieden, „defensive Quarantäne“ genannt. Etwa 180 Schiffe wurden in der Karibik aktiv; in Bereitschaft befanden sich mit Atombomben ausgerüstete B-52 Bomber.

Die Blockade

Öffentlich wurde die Krise am Montag, dem 22. Oktober, durch eine Fernsehansprache Präsident KENNEDYs. Er kündigte Vergeltung gegenüber der Sowjetunion an, sollten von Kuba aus Raketen abgeschossen werden. Wie erwartet, reagierte die sowjetische Regierung mit scharfen Worten. Die angekündigte Blockade wurde als Piratenakt bezeichnet und die USA beschuldigt, die Welt an den Rand eines Atomkrieges zu bringen. Kuba selbst mobilisierte 27 000 Frauen und Männer.
Die Seeblockade begann am 24. Oktober, 10 Uhr Ortszeit.
In den USA triumphierte man, als eine halbe Stunde später ein Verband von 30 russischen Frachtschiffen abdrehte. Abends am 26. Oktober traf ein Schreiben CHRUSCHTSCHOWs in Washington ein, in welchem der Abzug der Raketen und Atomsprengköpfe zugesichert wurde, wenn die USA das Versprechen abgeben würden, nicht in Kuba zu intervenieren. In einem zweiten Brief wurde ein Abzug der Jupiter-Raketen aus der Türkei gefordert. Den ersten Vorschlag konnten die USA annehmen. Der zweite bereitete Probleme mit der Türkei und der NATO.
Die Gefahr kriegsauslösender Handlungen war während des gesamten Verlaufs der Krise groß. Es gab keine präzisen Anweisungen an die Kommandierenden, welche Mittel zur Durchsetzung der Blockade anzuwenden seien. Notwendige Informationen (z.B. über den genauen Verlauf des Blockaderinges) erreichten die Gegenseite verspätet. Am 27. Oktober wurde über Kuba eine amerikanische U-2 abgeschossen, eine der Panik entspringende eigenmächtige Handlung sowjetischer Kommandeure vor Ort - was man seitens der USA nicht wissen konnte. Der Präsident persönlich stoppte einen Gegenschlag der amerikanischen Luftwaffe.

Am selben Tag soll ROBERT KENNEDY, Bruder des Präsidenten und Justizminister der USA, mit dem sowjetischen Botschafter DOBRYNIN einen geheimen Deal ausgehandelt haben: Nach einem Abzug der Raketen aus Kuba würden die USA - in angemessener Zeit, die einen Zusammenhang nicht erkennen lasse - die NATO-Raketen aus der Türkei abziehen. Falls dieses Angebot durch Moskau öffentlich gemacht werde, würde es sofort zurückgezogen und ein Militärschlag gegen Kuba sei nicht mehr zu verhindern. Am 28. Oktober traf aus Moskau die positive Antwort ein: Die Raketen werden abgezogen.
Im Gegenzug gaben die USA eine Sicherheitsgarantie gegenüber Kuba ab. Offiziell wurden alle Invasionspläne aufgegeben. Ein Kompromiss war erreicht, die Krise beendet.
Am 20. November 1962 wurde die Blockade Kubas durch die USA aufgehoben. Die Krise hatte ein positives Ende gefunden. Mehr als das: zwischen Washington und Moskau wurde eine „hot line“ für künftige operative Verständigung eingerichtet.
Die Kubakrise schärfte das öffentliche Bewusstsein für die Gefährdung der Welt durch Kernwaffen und wurde insofern zu einem Wendepunkt des Kalten Krieges. Gespräche über Rüstungskontrolle und Rüstungsbegrenzung begannen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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