Wissenschaftliche Umgestaltung der Landwirtschaft

Veränderte Anbaumethoden

Reformen in der europäischen Landwirtschaft erstreckten sich über einen längeren historischen Zeitraum. Sie begannen bereits im ausgehenden 18. Jahrhundert mit entscheidenden Veränderungen im Anbau von Feldfrüchten und in den Anbaumethoden. So wurde z. B. die Kartoffel in immer größerem Stil angebaut. Sie erlangte als Volksnahrungsmittel in fast allen europäischen Ländern immer mehr Bedeutung. Entscheidend war in diesem Zusammenhang auch die Abkehr von der in der Zeit KARLS DES GROSSEN eingeführten traditionellen Dreifelderwirtschaft und die Hinwendung zur Fruchtwechselwirtschaft.

Bei der Dreifelderwirtschaft wurde auf einer Ackerfläche im ersten Jahr Sommergetreide angebaut, im zweiten Jahr Wintergetreide, und im dritten Jahr lag die Fläche brach und wurde höchstens als Weide genutzt.

Seit dem 16. Jahrhundert säte man dann, statt den Acker brach liegenzulassen, vorwiegend Hackfrüchte ein.

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wich diese Art der Bewirtschaftung einer verbesserten Dreifelderwirtschaft. Man baute in der Zeit der früheren Brache Futterpflanzen an und konnte dadurch die Tierhaltung als zweites „Standbein“ ausweiten.

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgte der Wechsel zur Fruchtwechselwirtschaft, die noch heute praktiziert wird. Sie sieht einen regelmäßigen Wechsel von Blatt- und Halmfrüchten vor. Statt der Brache wurden Klee oder Hackfrüchte angebaut. Die nun uneingeschränkte Nutzung der Äcker führte zu einer bedeutenden Steigerung der Nahrungsmittelproduktion. Außerdem erlaubte die Fruchtwechselwirtschaft eine wesentliche Vergrößerung der Viehhaltung. Dadurch fiel wiederum mehr natürlicher Dünger an, wodurch eine weitere Ertragssteigerung möglich wurde.

Mehr Vielfalt im Anbau und technische Neuerungen

Auch die Vielfalt im Anbau von Nahrungsmittel- und Futterpflanzen nahm deutlich zu. Neben der Kartoffel zählten nun vor allem auch Zuckerrüben, Klee, Kohl, Mais, Raps, Karotten, Buchweizen und Hopfen zu den Feldfrüchten, die angebaut wurden.
Hinzu kamen Neuerungen im technischen Bereich der Landwirtschaft. Der Pflug mit gewölbtem Streichblech ersetzte die Hacke und andere primitivere Geräte. Das Pferd löste den Ochsen als Arbeitstier auf den Feldern ab, und Sä- und Dreschmaschinen kamen zum Einsatz.
Besonders wichtig waren die Errungenschaften der Agrikulturchemie. Mit ihren Erzeugnissen konnten die traditionell verwendeten organischen Dünger durch neue Düngemittel ergänzt werden. So empfahlen der frühere Hofarzt ALBRECHT DANIEL THAER (1752–1828) und sein Schüler SPRENGEL den Einsatz stickstoffhaltiger Dünger wie Guano, Salpetersäure und Knochenmehl, um verbrauchte Nährstoffe im Boden zu ersetzen. JUSTUS VON LIEBIG ging noch einen Schritt weiter. Durch systematische Pflanzenuntersuchungen wies er die Bedeutung anorganischer Salze, wie Phosphate oder Kalisalze, für das Pflanzenwachstum nach. Der Kunstdünger war entdeckt. All diese Erkenntnisse und Entwicklungen führten zu erheblichen Ertragssteigerungen in der Landwirtschaft.

Reformen auf dem Land

Die gekennzeichneten Veränderungen in der Landwirtschaft sind eng mit den zu Beginn des 19. Jahrhunderts durchgeführten Agrarreformen verknüpft. Vor allem die Bauernbefreiung von feudaler Abhängigkeit war die notwendige Voraussetzung für die Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft.
Insbesondere musste die unfreie Arbeit der Leibeigenen und der an die Scholle gebundenen erbuntertänigen Bauern durch die Arbeit freier Bauern ersetzt werden. In den süddeutschen und südwestdeutschen Staaten waren bereits im 18. Jahrhundert die Fronlasten der Bauern in Grundlasten umgewandelt worden. Nun konnten sich die Bauern mit Geld von diesen Grundlasten loskaufen und sich damit von ihrer Erbuntertänigkeit befreien. Entsprechende Gesetze wurden in Süddeutschland zwischen 1806 und 1821 erlassen. Vielfach führte aber die traditionelle Erbteilung des Bauernlandes weiterhin zu einer Besitzzersplitterung. Sie war ihrerseits die Ursache dafür, dass viele Klein- und Kleinstbetriebe wirtschaftlich zusammenbrachen und eine große Auswanderungswelle der ehemaligen Bauern u. a. nach Amerika einsetzte.
Nur in Ländern wie Bayern, in denen das Anerbenrecht vorherrschte, konnten wenigstens großbäuerliche Betriebe überleben. In Preußen verlief die Bauernbefreiung ganz anders. Hier überwog die gutsherrschaftliche Verfassung. Der einzige Weg für die gutsuntertänigen Bauern in die Freiheit war die Ablösung der Fronlasten durch Abtretung eines Drittels des bewirtschafteten Bodens an die Gutsherren. Dadurch wurde zwar die Freizügigkeit der ländlichen Bevölkerung hergestellt. Vielen Bauern blieb aber die Möglichkeit einer selbstständigen Existenz verwehrt. Sie mussten ihren Boden verkaufen, als Landarbeiter ihr Auskommen fristen oder als Industriearbeiter in die Städte gehen.

Durch die Befreiung der Bauern von den Feudallasten erhöhte sich auch ihr Eigeninteresse an der Produktivitätssteigerung durch die Anwendung technischer und technologischer Neuerungen. So stiegen in Preußen zwischen 1816 und 1865 die Getreide- und die Kartoffelproduktion auf das Zehnfache an. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte die Produktionssteigerung in der Landwirtschaft mit dem Bevölkerungswachstum aber noch nicht Schritt halten. Missernten nach 1815 führten zu Hungersnöten.
Auch die Jahre 1844 bis 1848 waren Hungerjahre. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konnte die Landwirtschaft die rasant wachsende Bevölkerung ernähren. Die Bauern konnten sogar Überschüsse erzielen und ihre Einkünfte durch deren Verkauf auf nationalen und internationalen Märkten erhöhen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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