Expressionismus

„Fauves“

In den ersten Jahrzehnten des neuen Jahrhunderts wollten sich die Künstler vollständig von den Fesseln der offiziell geförderten Akademie- und Salonkunst befreien und gründeten deshalb ihre eigenen Künstlervereinigungen. 1903 zeigten die „Fauves“, die „Wilden“, wie eine erschreckte Kunstkritik sie nannte, ihre Werke, die in der Nachfolge von CÉZANNE, GAUGUIN und VAN GOGH die Farbe zum Hauptgestaltungsmerkmal ihrer Malerei erhoben.

Reine, starkfarbige Flächen und kraftvolle Linien bestimmen die bildkompositorischen Überlegungen. Die Deformation der Figuren und der gegenständlichen Motive führt zu einer Steigerung der subjektiven Ausdruckskraft. Zu den ursprünglichen Mitgliedern der Gruppe gehörten

  • HENRI MATISSE (1869–1954),
  • ANDRÉ DERAIN (1880–1954) sowie
  • MAURICE DE VLAMINCK (1876–1958).

MATISSE kommentiert seine Malerei so:

„Ausdruck entsteht nicht nur durch die Leidenschaft, die sich in einem menschlichen Gesicht widerspiegelt oder durch eine eindringliche Geste. Das gesamte Arrangement meiner Bilder trägt zum Ausdruck bei. Sowohl der Platz, der von einer Figur oder einem Gegenstand eingenommen wird, wie auch der leere Raum, der sie umgibt, die Proportion – alles spielt dabei eine Rolle“ (HENRI MATISSE).

AUGUST MACKE: Blick in eine Gasse, 1914, Aquarell, 29 × 22,5 cm, Mülheim a.d. Ruhr, Städtisches Museum

Im Deutschland der Kaiserzeit herrschte in der offiziellen, national gesinnten Kulturpolitik offene Ablehnung gegenüber den neuen Entwicklungen der Kunst in Frankreich, die WILHELM II. pauschal als „Rinnsteinkunst“ verworfen hatte. Die Werke von EDVARD MUNCH (1863–1944) –1892 erstmals in Berlin gezeigt – provozierten deshalb einen ungeheueren Skandal, da anstatt der erwarteten Erneuerung durch den „Mythos des Nordens“ in seinen Bildern ein unerwartet expressiv gesteigerter Subjektivismus zum Ausdruck kam.

„Das Innere malen“ wurde zum Leitmotiv schon bevor FREUD die Grundzüge der Psychoanalyse entwickelt hatte. Die existentielle Not des Menschen, seine Angst vor Einsamkeit, Krankheit und Tod und das Ausgeliefertsein an ein übermächtiges Schicksal – spiegelt sich in seinen Bildern wie in einem Psychogramm wider. Für seine symbolisch-psychologischen Bildthemen entwickelte MUNCH eine Malweise, bei der sich Anklänge an die lineare Dynamik des Jugendstils mit einer verzerrten Perspektive und mit einem flächigen, oft in düsterem Kolorit gehaltenen Farbauftrag verbinden.

AUGUST MACKE: Farbige Komposition (Hommage à Johann Sebastin Bach), 1912, Öl auf Karton, 102 × 82 cm, Ludwigshafen, Wilhelm-Hack-Museum

Zentren des Expressionismus waren:

Bild

„Brücke“

1905 schlossen sich vier Architekturstudenten der Technischen Hochschule in Dresden zur Gemeinschaft „Brücke“ zusammen, um freie Maler zu werden.

  • ERICH HECKEL (1883–1970),
  • ERNST LUDWIG KIRCHNER (1880–1938) und
  • KARL SCHMIDT-ROTTLUFF (1884–1976)

gehörten zu den Gründern, denen sich wenig später

  • MAX PECHSTEIN (1881–1955),
  • EMIL NOLDE (1867–1956) und schließlich 1910 noch
  • OTTO MUELLER (1874–1930)

anschlossen. KIRCHNER formulierte ein Programm, das sich zur schöpferisch ungebrochenen Kraft der Jugend und zur emotionalen Erlebnisfähigkeit in der Kunst bekennt. Eine pädagogisch und moralisch gestimmte Erneuerung sollte schließlich zu einer allgemein künstlerischen Gestaltung des Lebens führen.

In einem Aufsatz von 1911 bezeichnete HERWARTH WALDEN, der Herausgeber der Zeitschrift „Der Sturm“, diesen Malstil als „Expressionismus“. Die Maler betonten nun noch schärfer den Gegensatz von Farbflächen und Umrisslinien. Die Farben werden oft in krassen Kontrasten eingesetzt, die sich bis zur Dissonanz steigern können, und die zum Teil direkt auf die Leinwand („alla-prima“) ohne Grundierung aufgetragen werden. Besonders in den Bildern von OTTO MUELLER wird die Textur der gewebten Leinwand mit den wie nur angewischt wirkenden Farben und den nur noch grob angedeuteten Konturen zu einem Merkmal des Expressionismus, in dem die Farbe zum reinen Ausdruck der Emotion wird.

Die auf das Wesentliche reduzierte Formensprache führte bei den expressionistischen Künstlern auch zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Technik des Holzschnittes. Das spröde Material erlaubt ein klare, kontrastreiche und – wie man umgangssprachlich auch sagt – „holzschnittartige“ Darstellung, die zum stilistischen Merkmal einer durch Vereinfachung gekennzeichneten neuen Ausdruckskraft wird.

FRANZ MARC: Kämpfende Formen, 1914, Leinwand, 91 × 130 cm, München, Neue Pinakothek

„Der blaue Reiter“

In München bildete sich 1911 eine weitere bedeutende Künstlergemeinschaft, der die Gründer WASSILY KANDINSKY (1866–1944) und FRANZ MARC (1880–1916) den Namen „Der blaue Reiter“ gaben.

  • GABRIELE MÜNTER (1877–1962),
  • PAUL KLEE (1879–1940),
  • ALFRED KUBIN (1877–1959),
  • AUGUST MACKE (1887–1914),
  • ALEXEJ VON JAWLENSKY (1864–1941),
  • LYONEL FEININGER (1871–1956)

und andere schlossen sich ihnen an. Gemeinsame Ausstellungen, vor allem die Herausgabe des „Almanach“ – eines bebilderten Jahrbuches –, das als Gesamtkunstwerk in Buchform oder gar als „ Neues Testament der Kunst“ gedacht war, bildete eine wirkungsvolle Programmplattform, die KANDINSKY teils auch schon in seinem Buch „Über das Geistige in der Kunst“ (1911) dargelegt hatte.

Das Reitermotiv – vom heiligen Georg über die apokalyptischen Reiter DÜRERs bis zum „Reiter mit dem Sonnenschild“, der die gemeinsamen Kräfte des Kosmos symbolisiert – sollte als Zeichen für den Aufbruch und den Kampf um die Erneuerung der Kunst dienen. Die Idee der „Entkörperung“ der Malerei, die auf NOVALIS und die Gedankenwelt der Romantiker zurückgeht, orientierte sich auch stark an den Bildern von PAUL CÉZANNE und ROBERT DELAUNAY (1885–1941).

Die Geometrisierung der Formen, die Verwendung der Farben nach ihrer inneren Gesetzmäßigkeit und die teils völlige Ablösung von jeglicher, wieder erkennbarer Abbildung führte zu einer erst teilweisen, dann vollkommenen Abstraktion der Bildkomposition, sodass KANDINSKY schließlich forderte:

„Neben der Musik sollte die Malerei die zweite Kunst sein, die heute ohne Konstruktion nicht mehr denkbar ist.“

FRANZ MARC folgte in seiner Malerei eher einer pantheistischen Naturbetrachtung, denn er wollte die Natur nicht so darstellen, wie sie in der einfachen Wahrnehmung erscheint, sondern er wollte die innere, geistige Seite der Natur, den inneren Zusammenhang alles Organischen als Spiel der Kräfte und als ewigen Kreislauf von Leben und Tod anschaulich machen.

„Was wir unter ‚abstrakter Kunst' verstehen …. ist der Versuch, die Welt selbst zum Reden zu bringen.“

Die abstrahierte Naturform wird so zu einer bildnerischen Formel, die auf der Suche nach tieferer Erkenntnis zur Erforschung der „metaphysischen Gesetze“ führt.

Die Bilder „Farbige Komposition“ von AUGUST MACKE (1912) und der „Kampf der Elemente“ von FRANZ MARC (1914) zeigen wie Formen und Farben ähnlich dem rhythmisch-melodischen Wechsel in der Musik oder gar physikalischen und psychologischen Prozessen eingesetzt werden.

KANDINSKY ging dabei am weitesten und bezeichnete seine Bilder

„als rein malerische Wesen, die ihr vollständiges, intensives Leben führen“.

FRANZ MARC: Tierschicksale, 1913, Leinwand, 196 × 266 cm, Basel, Kunstmuseum.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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