Felsmalerei

Die Grotte von Chauvet

Der älteste bislang datierte Fundort ist die 1994 entdeckte Höhle von Chauvet in Frankreich. Die nach Radiocarbondatierungen bestimmten Zeichnungen entstanden um 30000 v.Chr. Die Radiokarbonmethode, auch C-14-Methode genannt, ist ein Verfahren zur Altersbestimmung geologischer und historischer Gegenstände aus organischem Material. Mit dieser Methode wird der Gehalt an radioaktivem Kohlenstoff ermittelt. Dieser Kohlenstoff stammt aus dem Kohlendioxid der Luft und verringert sich im Laufe der Zeit gesetzmäßig durch radioaktiven Zerfall.

Die Entdecker der Höhle, JEAN MARIE CHAUVET, E. BRUNEL-DESCHAMPS und CHRISTIAN HILLAIRE, beschreiben fasziniert ihre Eindrücke:

„Wir alle sind von einem Schwindel erfasst. Aber welch ein Anblick hat sich auch vor uns aufgetan! Es sind unzählige Tiere: ein Dutzend Löwen oder Löwinnen (sie tragen keine Mähne), Nashörner, Wisente, Mammute, ein Rentier, die meisten von ihnen sind dem Ausgang zugewandt. ... Ein seltsames kleines Mammut, fast ein Fabelwesen, sticht uns ins Auge. Ein herrlicher Wisent mit leicht gewellter Mähne, die Hörner von vorn, der Kopf im Profil dargestellt, das Maul leicht geöffnet, ist von Kratzspuren überdeckt. Rechts auf einem Felsvorsprung der Deckenwölbung hat Daniel eine Gestalt mit Wisentkopf und menschlichem Körper entdeckt, die uns als „Zauberer“ den gigantischen Fries zu überwachen scheint. ... Auch bei diesem Fries bewundern wir wieder die Vollkommenheit der Komposition.“
(In: CHAUVET/DESCHAMPS/HILLAIRE: Grotte Chauvet. Sigmaringen, 1995, S. 50).

In der Grotte de la Combe d'Arc, jetzt nach ihrem Entdecker Grotte von Chauvet genannt, sind auf einer Gesamtlänge von 490 m und in mehreren Seitentunneln Tiere, Symbole und ein Tiermensch dargestellt. Neben den üblichen Jagdtieren – Wildpferde, Rentiere, Wisente – erwecken besonders gefährliche Tierarten wie Nashörner, Löwen, Bären und solche, die erstmalig in der altsteinzeitlichen Kunst dargestellt wurden, wie Uhu, Panther und Hyäne, die Aufmerksamkeit der Wissenschaftler. Wunderbar realistisch gemalte Tiere, großartige Kompositionen einer Vielzahl von Tieren, perspektivische Verkürzungen und ein körperhaftes Empfinden unter Ausnutzung von Vorsprüngen und Nischen beeindrucken durch ihre Originalität.

Als Symbole sind Handpositive und -negative neben roten Punktornamenten entdeckt worden. Diese Handabdrücke wurden in verschiedenen Höhlen gefunden. Eine von vielen Bedeutungen könnte mit einem erwachenden Ich-Bewusstsein der Steinzeitmenschen zusammenhängen. Die Bilderhöhle von Chauvet gilt als eine der schönsten weltweit. Sie ist aber der Öffentlichkeit nicht zugänglich, um die Malereien und die noch vorhandenen Spuren von Menschen und Höhlenbären nicht zu zerstören.

Die Höhle Altamira

1879 wurde Altamira als erste Höhle mit Malereien der Steinzeit entdeckt. Zunächst hielt man die Bilder von Altamira für Fälschungen, da man den Steinzeitmenschen derart hohe geistige und künstlerische Fähigkeiten absprach. Erst die Entdeckung weiterer Steinzeithöhlen, deren Bilder sicherer datiert werden konnten, brachten den endgültigen Beweis der Echtheit der Felsmalereien.

Altamira gilt als die „Sixtinische Kapelle der Eiszeit“. Berühmt geworden ist Altamira durch den „Saal der Bisons“. Dessen Deckengemälde ist nicht nur zweifarbig, sondern mehrfarbig. Durch verschiedenfarbige Ockererden, Manganoxid und Kohle erreichten die „Maler“ eine unwahrscheinliche Plastizität der Tierkörper. Von fast schon expressiver Kraft zeugt die Darstellung des 1,40 m großen „Sterbenden Bisons“. Die Modulation des Körpers erfolgte durch die mit dem Mund aufgesprühte Farbe. Wichtige Körperteile wie Augen, Schwanz, Hörner wurden zusätzlich durch dunkle Farbe betont. Zur Unterstützung der Tiefenwirkung finden sich außerdem häufig Gravierungen der Kontur.

Die Höhle Lascaux

Die Bilder der Höhle von Lascaux in Frankreich um 16 500 v.Chr. und Altamira in Nordspanien um 16 000 v.Chr. galten bis zur Entdeckung von CHAUVET als die Schönsten.

Berühmt geworden ist Lascaux besonders durch seine Pferde- und Stierdarstellungen. Frische und Lebendigkeit der Bilder werden oft gerühmt. In der Nähe des Eingangs gestalteten die Eiszeitmenschen die sogenannte „Rotunde der Stiere“ – Stiere, die springen, laufen, verharren, Jungtiere und Pferde, Hirsche und ein „Einhorn“. Inzwischen weiß man, dass immer zuerst die Pferde und dann die anderen Tiere gemalt wurden. Die später angebrachten Linien wurden sorgfältig um die Pferde herum geführt.

Majestätisch wirken die gemalten Auerochsen, Hirsche, Stiere, Pferde und Steinböcke in der Höhle von Lascaux. Als Besonderheit sind gezeichnete „Speere“, „Lanzen“ oder fallenähnliche Strichkombinationen zu finden. Mysteriös erscheint auch eine Szene in einem schmalen Schacht. Vor einem tödlich verwundeten Wisent fällt ein dünner Mann mit einem Vogelkopf nach hinten. Darunter ist – ebenfalls nur im Umriss – ein Vogel auf einer Stange sitzend gezeichnet. Zunächst als Jagdunfall gedeutet, denkt man heute eher an die Darstellung schamanistischer Praxis – den Zeitpunkt, an dem die Seele (Vogel) des Schamanen seinen Körper verlässt, um Kontakt mit den Geistern aufzunehmen.

Die Höhle Les Trois Frères – Die Drei-Brüder-Höhle

Der Name der Höhle Trois Frères erinnert daran, dass diese 1914 von den drei Söhnen des französischen Grafen und Archäologen HENRI BÉGOUËN entdeckt und untersucht wurde. Bereits 1912 hatten die Geschwister mit einem selbst gebauten Kahn eine Höhle gefunden, die von einem Fluss durchströmt wurde. Es handelt sich um die Höhle Tuc-d'Audoubert. In einem Seitenarm befanden sich in Lehm erhärtete Abdrücke – Fußspuren eiszeitlicher Menschen. Berühmt geworden ist diese Höhle durch eine Art Halbskulptur von zwei Wisenten – einer Kuh und einem Bullen – die an einen Felsen gelehnt waren. Bis zum heutigen Tag kann man noch immer die Fingerspuren des Modellierenden erkennen und ebenfalls menschliche Fußspuren.

Noch eine dritte Höhle, Enlène, gehört zum Besitz der Familie. Alle drei werden von ihren Mitgliedern mit Unterstützung internationaler Wissenschaftler erforscht und auch nur diesen mit privaten Führungen zugänglich gemacht. In Enlène hat man sehr viele Zeugnisse einer Besiedlung, Feuerstellen, Knochenreste von Mahlzeiten u. a. gefunden.

Durch einen unterirdischen Gang ist Enlène mit Les Trois Frères verbunden. Wissenschaftler bezeichnen sie als die magischste aller Bilderhöhlen. Mehr als 1 100 Bilder – nur in Lascaux gibt es mehr – befinden sich an den Wänden: Hörnersenkende Stiere, ein „blutspeiender“ Bär, Löwen, vielfach übereinander gravierte oder überzeichnete Figuren.

Berühmt geworden ist diese Höhle aber wegen des „Zauberers“, der über eine Wand voller Tierbilder tanzt. Gestaltet ist ein Tier-Mensch-Wesen in ekstatischer Bewegung – eine der seltenen menschlichen Darstellungen der Altsteinzeit. Menschenbeine, ein Wolfschwanz, ein Vogelgesicht mit Wisentohren und Hirschgeweih deuten auf die Darstellung eines sich in Trance befindenden Schamanen. Eine andere Hypothese geht davon aus, dass ein Mischwesen dargestellt wurde, an dessen Existenz die Eiszeitmenschen glaubten. Da das Alter dieser Bilder noch nicht bestimmt wurde, schätzt man sie auf 10 000–17 000 Jahre.

Viele Malereien der Altsteinzeit sind im Innern von schwer erreichbaren oder engen Stellen der Höhlen angebracht. Wahrscheinlich wurde diesen Orten oder bestimmten Stellen in der Höhle eine magische Funktion zugeschrieben. Die spärlichen Lichtquellen – nur eine sehr begrenzte Fläche der Wand oder Decke konnte mit Harzfackeln oder kleinen „Steinöllampen“ beleuchtet werden – verstärkten diesen Eindruck.

Felsgravuren und Felsmalereien in der Mittelsteinzeit

In der Mittelsteinzeit (Mesolithikum) fand man nennenswerte Felsgravuren in Sizilien (Addaura, Levanzo), die um 8 000 v.Chr. entstanden waren. Ritzzeichnungen von Tieren, besonders von Hirschen, bilden eine Komposition mit nackten, anatomisch fast richtig gezeichneten Menschen. Die einfache Kontur dieser 25 bis 38 cm großen Nackten lässt die Bewegung und athletische Muskulatur deutlich erkennen. Rätselhaft bleibt die Szenerie, z. B. werden zwei Männer mit Tiermasken und am Boden liegende gefesselte Männer von anmutigen Gestalten umringt. Der erzählerische Zusammenhang kann vieles bedeuten: eine rituelle Tötung, Tanz, Akrobatik.

Ein neuer Aspekt taucht in dieser Kunst auf. Der mesolithische Mensch wird sich selbst wichtig und ebenso gekonnt, wie er Tiere darzustellen vermag, zeichnet er nun sich selbst.

In Ostspanien (Vallitorta, Remigia) entsteht in geographischer Nähe zur oben beschriebenen altsteinzeitlichen Höhlenkunst eine andere Art von Felsmalerei unter überhängenden Felsvorsprüngen in natürlichem Licht. Nicht mehr das Tier mit seiner Gewichtigkeit, Stofflichkeit und seiner Farbe steht im Mittelpunkt des Interesses, sondern der Mensch. Die Aufmerksamkeit der ostspanischen „Künstler“ gilt einer Handlung. Häufig werden Jagdszenen dargestellt. In Alpera z. B. befindet sich ein Fries mit der Abbildung von Hunderten von Menschen und einigen Dutzend Tieren, die in einem sehr bewegten Geschehen komponiert sind. Die einzelnen Figuren sind nicht allzu groß. Interessant sind die Figur eines tanzenden Zauberers und die Szene des Honigsammelns. Auch Kampf- und Tötungsszenen tauchen erstmalig auf. Inhaltlich scheinen also viele Episoden aus dem Leben der mittelsteinzeitlichen Menschen dargestellt. Aber sicherlich hat man es auch hier mit Malerei zu tun, die im Zusammenhang mit rituellen Praktiken entstand.

Die Einzelgestalten der vielfigurigen Szenen sind nicht mehr Abbild, sondern bereits abstrahiert, als wollten die Künstler diese von Unwesentlichem befreien. Notwendig scheint die Dynamik, die Wahrnehmung komplizierter Stellungen und das Wesen der Ereignisse zu sein. Der Mensch wird zum Teilnehmer einer Handlung und kann durch seine Aktivität irgendwelche wichtigen, vielleicht auch zukünftige Geschehen auslösen.

Felsbildkunst in der Jungsteinzeit

In der Jungsteinzeit (Neolithikum) fand die Felsbildkunst der Mittelsteinzeit eine regionale Fortsetzung. Bevorzugt wurde dabei die Technik der Steingravierung auf flachen, in der Landschaft liegenden Felsplatten. Diese Art der Kunst wurde bis in die Bronzezeit beibehalten. Die Darstellung von Schiffen, Wagen, Sonnenrädern, Beilen, Bumerangs, Tieren und Menschen in Norwegen, Schweden, Italien, Sibirien und Armenien weisen auf magische Kulte. In Catal Hüyük/ Türkei (Bild 6) erscheinen erstmalig Wandmalereien in Kulträumen – sogenannten Schreinen. Die Darstellungen werden noch stärker vereinfacht und bilden teilweise abstrakte Zeichen. Das Vorhandensein gleicher und ähnlicher Symbole in weit voneinander entfernten Gebieten lassen eine universelle Bedeutung bestimmter Gestaltungsformen vermuten.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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