Musikpädagogik und Forschung

Ebenso wie Musik heute ein vielgestaltiges Erscheinungsbild im Leben hat, existiert auch ein breites Verständnis von Musik im Zusammenhang mit pädagogischen Bemühungen. Das zeigt sich zum einen in unterschiedlichen musikalischen Materialien und Gegenständen der klassischen oder Neuen Musik, der Rock- und Popmusik oder des Jazz. Zum anderen belegen das aber auch verschiedene musikdidaktische Konzeptionen, z.B. die Rezeptionsdidaktik, Rock-Pop-Didaktik, Mediendidaktik, Lieddidaktik. Hinzu kommen konkurrierende allgemeine Erziehungskonzepte mit handlungs-, schüler-, lehrer- oder materialorientierten Strategien, die in Institutionen, wie Schule, Musikschule, Jugendzentrum oder Medienstudios mit unterschiedlichen Zielrichtungen angewendet werden.

Musik wird hier entweder als Mittel zur Erreichung außermusikalischer Ziele angesehen oder als ein musikpädagogischer Prozess, der das Erkennen musikalischer Strukturen, das Verstehen von Musik und das Anregen des Umgangs mit ihr in den Mittelpunkt stellt. Damit sollen sinnhafte und sinnenhafte Begegnungen mit Musik für Kinder und Jugendliche ermöglicht werden.

Die moderne Musikpädagogik will Kinder und Jugendliche nicht angepasst „gesellschaftsfähig“ machen, sondern ihre „Selbstkonstitution zu einem Subjekt“ befördern. Das bedeutet, ihnen bei der Selbstentwicklung zu helfen, sie zu freien Entscheidungen sowie selbstständigem Denken und Fühlen zu befähigen. Der Nutzung der ästhetischen Mittel und Möglichkeiten, die hierbei Musik, Malerei, Tanz enthalten, kommt deshalb eine besondere Rolle zu.

Forschungs- und Seminararbeit im Institut für Musik und Musikpädagogik an der Universität Potsdam

Musikpädagogik

Seit mehreren Jahrzehnten existiert Musikpädagogik als Wissenschaft. Sie untersucht vor allem die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche Musik verstehen, lernen und untereinander vermitteln. In Nachfolge und Erweiterung der Grundideen der Musikpädagogin SIGRID ABEL-STRUTH aus den 1970er-Jahren und insbesondere durch vorgelegte Arbeiten aus der Hamburger Schule um den Erziehungswissenschaftler und Musikpädagogen HERMANN J. KAISER wurden in den letzten zwanzig Jahren Grundlagen gelegt und neue wissenschaftliche Gegenstandsbereiche erarbeitet – so z.B. zur musikalischen Erfahrung, zum Lebensweltbegriff, zu einer Produktionsdidaktik im Bereich von Musik, zum ästhetischen Streit als musikpädagogische Kategorie oder zur musikalischen Bildung, die einem kritischen Wissenschaftsverständnis verpflichtet ist.

So bringt auch das relativ kleine Fachgebiet Musikpädagogik Erfahrungen und Erkenntnisse in die allgemeinen wissenschaftlichen Diskurse z.B. der Erziehungswissenschaft, Kulturwissenschaft und Musikwissenschaft ein und zeigt dabei auch gegensätzliche Positionen auf. Musikpädagogische Forschungen sind also nicht in erster Linie auf eine Veränderung der unmittelbaren Musikpraxis gerichtet, sondern auf das Erschließen ihrer inneren Zusammenhänge, auf ihre Grundlagen und auf neue Ansätze.

Musikpädagogik konzentriert sich auf die drei grundlegenden Wissenschaftsfelder die Lernforschung, die Lehrforschung und die Unterrichtsforschung.

Systematische Musikpädagogik

Innerhalb der wissenschaftlichen Musikpädagogik hat sich eine junge Spezialdisziplin herausgebildet: die Systematische Musikpädagogik.

Ihr Ziel ist es, Grundlagenerkenntnisse über das Musiklernen zu vermitteln und eine vielschichtige wissenschaftliche Diskussion zu befördern. So bemüht man sich z.B., lerntheoretische wie methodisch-praktische Entwicklungen unter interdisziplinärem Aspekt anzuregen. Das bedeutet, in der Schulpraxis die alten Fächerabgrenzungen zu durchbrechen und den ästhetisch wie erzieherisch wirksamen Einsatz von Musik, der bildenden Kunst, Theater, Medienarbeit, Sprache oder Bewegungsarbeit zu ermöglichen.

Musikpädagogik untersucht die Art und Weise, wie Kinder und Jugendliche Musik verstehen,lernen und untereinander vermitteln

Viele Vertreter einer wissenschaftlich orientierten Musikpädagogik wenden sich gegen die Wiederbelebung einer musischen Erziehung, die bloß auf fleißigem musischem Tun beruht und die Fachbedeutung in musikalisch gerahmten Schulfesten oder in anderen öffentlichen Musikaktivitäten sieht. Nicht darin sollte die Stabilisierung des an den Schulen gefährdeten Faches Musik gesehen werden, sondern in einem fundierten, anregenden Musikunterricht. Und das erfordert, entsprechende pädagogische Strategien zu entwickeln, bessere Erkenntnisse über Motivationen zum Umgang mit Musik bzw. zur Ausprägung des Musikverständnisses der Schüler zu gewinnen. Das schließt auch ein, ihnen die Breite des Umgangs mit Formen der Musikpraxis auf eigene Weise zu ermöglichen, also z.B. mit medialen Klangerzeugungen, durch das Spielen von Samba-Rhythmen oder A-capella-Gesängen der Comedian Harmonists. Die Entwicklung eines selbstbestimmten Musikverständnisses – für oder gegen ein traditionelles praktisches Musizieren, für oder gegen eine Musikmedienarbeit – als Grundstein für die Entfaltung der individuellen Lebensentwürfe der Jugendlichen ist dabei die Grundidee.

Ein fundierter und anregender Musikunterricht ist ein Grundanliegen moderner Musikpädagogik.

Etappen musikpädagogischer Forschung

In Deutschland zeichneten sich bestimmte Phasen oder Etappen musikpädagogischer Forschung ab. Im Rahmen der großen pädagogischen Erneuerungsbewegungen und Reformbestrebungen seit der Wende vom 19. in das 20. Jh. traten in einer ersten Phase die fachlichen und konzeptionellen Aspekte des Schulfaches Musik stärker in den Vordergrund. In dem Maße, wie sich Musikerziehung – z.B. in der Jugendmusikbewegung – von politischen Bildungsideologien löste und sich allmählich fachdidaktischen Fragen zuwendete, konnte auch eine eigenständige Musikpädagogik geschaffen werden.

In einer zweiten Phase musikpädagogischer Forschung, die nach 1945 in Deutschland einsetzte, war vor allem das Bedürfnis nach klaren Begriffen erkennbar. Der Musikdidaktiker MICHAEL ALT legte 1968 in seinem Buch „Didaktik der Musik“ eine umfänglichere Begriffssystematik für die Musikpädagogik vor.

Die allgemeine Bildungsreform, die in den folgenden Jahren auf eine starke Wissenschaftsorientierung zurückging, brachte auch dem Fach Musikpädagogik einen deutlichen wissenschaftstheoretischen Schub. Aus einer eher methodischen Handwerkslehre entstand nun in einer dritten Phase ansatzweise eine wissenschaftlich begründete Disziplin.

Diese Wissenschaftsorientierung bedeutete im Kern, dass auch schulisches Lernen den Gesetzen und Erkenntnissen der Wissenschaft entsprechen sollte. Für die Musikpädagogik ergab sich daraus die Notwendigkeit der Orientierung an neuen Fragestellungen und Forschungsmethoden, wie sie z.B. durch die empirische Sozialforschung aufgeworfen bzw. begründet wurden. Das betraf u.a.

  • Aspekte der Unterrichtsforschung (Interaktionsforschung, Forschungen zum Lehrerverhalten),
  • die musikpsychologische Grundlagenforschung zum Hören (also die Rezeptionsforschung),
  • die musikalische Begabungs- und Wahrnehmungsforschung,
  • Methoden des musikalischen Lernens,
  • statistische Erhebungen zur Geschmacksbildung oder zu Einstellungsänderungen.
Auch die Ergebnisse der musikpsychologischen Grundlagenforschung zum Hören werdenin der Musikpädagogik berücksichtigt.

Ergebnisse und Institutionen musikpädagogischer Forschung

Nach Jahrzehnten intensiver Bemühungen um die Erschließung musikpädagogischer Zusammenhänge zeichnet sich ab, dass nicht nur Forschungsinhalte und -themen an Breite gewonnen haben, sondern vor allem auch durch neue Institutionen musikpädagogischer Forschung die Basis für die weitere wissenschaftliche Arbeit stabilisiert werden konnte.

  • Besondere in den letzten drei Jahrzehnten wurde eine große Zahl von Forschungsarbeiten vorgelegt.
     
  • Wissenschaftliche Verbände wurden gegründet, wie der Arbeitskreis musikpädagogischer Forschung (AMPF), die Wissenschaftliche Sozietät Musikpädagogik (WSMP), die Deutsche Gesellschaft für Musikpsychologie (BFG) und die Bundesfachgruppe Musikpädagogik.
     
  • Musikpädagogische Forschungsinstitute wurden eingerichtet, so 1992 das Institut für Begabungsforschung und Begabtenförderung an der Universität in Paderborn, 1994 das Institut für musikpädagogische Forschung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, das Forschungsinstitut für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Musikhochschule in Frankfurt/Main, das Institut für musikalische Volkskunde an der Universität Köln, die musiksoziologische Forschungsstelle der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg und die Forschungsstelle Systematische Musikpädagogik an der Universität Potsdam 2004.
     
  • Seit 1970 sind an Hochschulen und Universitäten Lehrstühle für das Gebiet Musikpädagogik und Musikdidaktik eingerichtet, einschlägige Forschungsergebnisse erscheinen in Publikationsreihen, musikpädagogische Dissertationen werden veröffentlicht. Wichtige Beiträge zur Systematischen Musikpädagogik sind auch in der online-Zeitschrift „Kritische Musikpädagogik“ zu finden.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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