Kernwaffen

Ihre Entwicklung hängt eng mit dem Zweiten Weltkrieg zusammen.

Zur Entwicklung von Kernwaffen

Bereits kurz nach der Entdeckung der Kernspaltung durch OTTO HAHN (1879-1968), LISE MEITNER (1878-1968) und FRITZ STRASSMANN (1902-1980) war vielen Physikern bewusst, dass bei der Kernspaltung viel Energie frei wird, die möglicherweise auch technisch genutzt werden kann.

In der „Deutschen Allgemeinen Zeitung“ vom 15. August 1939 erschien ein Artikel von dem Physiker SIEGFRIED FLÜGGE unter dem Titel „Die Ausnutzung der Atomenergie“. In diesem Artikel heißt es:

Als um die Jahreswende auf Grund der chemischen Ergebnisse von Prof. Hahn die Aufspaltung des Urankerns Gewißheit wurde, stellten wir uns sofort die Frage: Wenn nun bei der Spaltung durch ein auftreffenden Neutron einige Neutronen freigemacht werden, was geschieht dann weiterhin mit diesen Neutronen? Sie haben doch Gelegenheit, andere Urankerne zu spalten; dabei wird wieder jedes Neutron neue Neutronen erzeugen und so fort, solange noch Uran vorhanden ist, das zertrümmmert werden kann. Es muß also eine rasch anschwellende Lawine von Neutronen das ganze verfügbare Uran zertrümmern. Es liegt genau das vor, was man in der Chemie eine Kettenreaktion nennt. Damit ist das erreicht, was bisher nie gelungen war. Mit einem einzigen Neutron, das „zündet“, wird eine wägbare, ja beliebig große Menge von Uran umgesetzt und dabei Kernenergie freigemacht. Man kann ziemlich genau angeben, wieviel Energie man so gewinnen kann. In der Natur kommt Uran in der Verbindung Uranoxyd vor; sie ist das von Verunreinigungen befreite Erz Uranpechblende, wie es etwa in den Gruben von St. Joachimsthal im Sudetengau gewonnen wird. Ein Kubikmeter dieses Oxyds wiegt 4,2 t und enthält 9000 Billionen Billionen Uranatome. Bei der Spaltung eines Urankern werden etwa 3 billionstel Meterkilogramm Energie frei; bei der Umsetzung der ganzen Menge also 27 000 Billionen Meterkilogramm. Da ein Kubikkilometer Wasser eine Billion Kilogramm wiegt, genügt diese Energie, um einen Kubikkilometer Wasser 27 Kilometer hoch zu heben, d.h. also etwa den Wasserinhalt des Wannsees bis in die Stratosphäre emporzuschleudern!

1939/40 existierte in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, den USA und der Sowjetunion etwa der gleiche Kenntnisstand zur Kernenergie, da auch alle grundlegenden Arbeiten in allgemein zugänglichen Zeitschriften veröffentlicht worden waren.

Entwicklung in den USA

Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges veränderte sich die Situation aber grundlegend. Eine Reihe von Forschungen wurden als kriegswichtig und damit für geheim erklärt. Der Austausch zu Ergebnissen wissenschaftlicher Forschung war nicht mehr möglich. Aus Europa in die USA emigrierte Wissenschaftler, darunter auch ALBERT EINSTEIN (1879-1955), machten auf die grundsätzliche Möglichkeit und auf die Gefahr der Entwicklung von Kernwaffen im faschistischen Deutschland aufmerksam.
Das gab schließlich den Anstoß zum Manhattan-Projekt “, zur Entwickung einer amerikanischen Atombombe.

Mit riesigem Aufwand, zu dem in dieser Zeit nur die USA in der Lage waren, wurden ab 1942 die Arbeiten an einer Atombombe vorangetrieben. Beteiligt an den Arbeiten waren auch viele Wissenschaftler, die aus Europa in die USA emigriert waren, u. a. der Italiener ENRICO FERMI, die aus Ungarn stammenden Physiker EDWARD TELLER, LEO SZILARD und EUGEN WIGNER, der dänische Physiker NIELS BOHR oder die aus Deutschland stammenden Physiker HANS A. BETHE, KLAUS FUCHS und JAMES FRANCK. Einbezogen wurden auch viele britische Kernforscher, u.a. der Entdecker des Neutrons, JAMES CHADWICK, und der Schöpfer des ersten Zyklotrons, ERNEST O. LAWRENCE.
Beteiligt waren zahlreiche amerikanische Wissenschaftler wie HAROLD E. UREY (Entdecker des schweren Wasserstoffs), GLENN TH. SEABORG (Mitentdecker zahlreicher neuer Elemente) oder RICHARD P. FEYNMAN.
Wissenschaftlicher Leiter des amerikanischen Atombombenprojektes war der amerikanische Kernphysiker ROBERT OPPENHEIMER (1904-1967). Es gelang innerhalb von 3 Jahren, eine Atombombe zu bauen.

Die erste Bombe, eine Plutoniumbombe, explodierte am 16. Juli 1945 auf einem Versuchsgelände in New Mexico (USA). Die ersten Atombomben wurden am 6. August 1945 über der japanischen Stadt Horishima und am 9. August über der japanischen Stadt Nagasaki abgeworfen. Die Bombe von Hiroshima nutzte als Kernsprengstoff Uran-235, die von Nagasaki
Plutonium-239. Die unmittelbare Folge waren zehntausende Tote und in den Jahrzehnten danach weitere tausende Kranke und Tote sowie zahlreiche andere Schäden.

Entwicklung in Deutschland

In Deutschland interessierte sich das Heereswaffenamt für die militärische Nutzung der Kernenergie und richtete 1939 im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem eine entsprechende Forschungsstelle ein. Leiter war Dr. DIEBNER. Parallel dazu wurden an verschiedenen Universitäten Forschungen betrieben. So wurde 1941 im Physikalischen Institut der Universität Leipzig ein Versuchsreaktor aufgebaut. 1942 lieferte dieser Reaktor mehr Neutronen, als eine Neutronenquelle in seinem Inneren abgab. Damit war der Beweis erbracht, dass eine Kettenreaktion technisch realisierbar ist.
Die Berliner Versuche mussten 1945 wegen der Luftangriffe abgebrochen werden. Der Berliner Versuchsreaktor wurde in einem ehemaligen Weinkeller in Haigerloch bei Hechingen neu aufgebaut. Das Gebiet wurde im April 1945 von den Amerikanern besetzt, der Reaktor abtransportiert und die beteiligten Wissenschaftlern in England inhaftiert. Spätere Berechnung ergaben: Bei einer geringfügigen Vergrößerung des Reaktors hätte er erfolgreich in Gang gesetzt werden können. Von der Entwicklung einer Atombombe war man in Deutschland allerdings weit entfernt.

Entwicklung in der Sowjetunion

Anders verlief die Entwicklung in der Sowjetunion. Auch hier hatten, ähnlich wie in den USA, verschiedene Wissenschaftler militärische Stellen und die Regierung auf die Möglichkeit des Baus von Kernwaffen aufmerksam gemacht. Sicher auch in Kenntnis der Entwicklungen in den USA begann man 1943 in der Sowjetunion unter der Leitung von IGOR WASILJEWITSCH KURTSCHATOW (1903-1960) an der Entwicklung einer Atombombe zu arbeiten. Im August 1949 wurde die erste sowjetische Atombombe auf einem Versuchsgelände gezündet.

In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg besaßen nur die USA Atombomben. Der ehemalige Verbündete, die UdSSR, war inzwischen längst zum Hauptfeind der Amerikaner geworden, die am 29. 8. 1949 erschreckt zur Kenntnis nehmen mussten, dass die UdSSR ihre erste eigene Atombombe gezündet hatte. In der Folgezeit setzte ein Wettrüsten ohnegleichen ein. 1952 zündete Großbritannien seine erste Atombombe, 1960 Frankreich, 1964 China und 1974 Indien. Neben diesen Atombomben im engeren Sinne gelang es den USA am 1. 11. 1952 die erste Wasserstoffbombe (Kernfusionsbombe) auf dem Ewinetok-Atoll zu zünden. Die UdSSR zog 1955 nach, Großbritannien und China 1967 und Frankreich 1968. Bei diesen Waffen handelt es sich aber im Allgemeinen gar nicht mehr um Bomben im konventionellen Sinn, also um Sprengkörper ohne eigenen Antrieb, die aus einem Flugzeug abgeworfen werden, sondern um atomare Sprengkörper, die hauptsächlich in Raketen eingebaut werden – das Wort Bombe hat hier nur noch historischen Sinn.

Aufbau und Wirkungsweise von Kernwaffen

Die Teilmassen sind so klein gewählt, dass in ihnen keine Kettenreaktion erfolgt. Schießt man sie aber durch Zündung von herkömmlichem Sprengstoff aufeinander, so wird die kritische Masse überschritten. Das ist diejenige Masse, bei der von selbst eine Kettenreaktion abläuft. Bei einer ungesteuerten Kettenreaktion verläuft sie explosionsartig. Dabei wird in Bruchteilen von Sekunden eine riesige Energie freigesetzt.

Die kritische Masse
Die kritische Masse ist von der Konstruktion der Bombe und vom verwendeten Kernsprengstoff abhängig.
Bei Verwendung von Uran-235 beträgt die kritische Masse ca. 50 kg. Das entspricht einer Kugel mit einem Durchmesser von etwa 17 cm. Bei Plutonium-239 beträgt die kritische Masse etwa 10 kg. Das entspricht einer Kugel von etwa 10 cm Durchmesser.
Diese kritische Masse lässt sich deutlich verkleinern, wenn der spaltbare Stoff von einem Reflektor (schweres Wasser, Graphit, Beryllium) umgeben ist, der die austretenden Neutronen in das Uran oder das Plutonium zurücklenkt.
Bei schwerem Wasser als Reflektor sinkt die kritische Masse bei
Uran-235 auf ca. 23 kg, bei Plutonium-239 auf 5,4 kg. Das entspricht einer Kugel von 8 cm Durchmesser.

Die Sprengkraft von Atombomben

Die Sprengkraft der Atombomben wird in Gewichtsäquivalenten TNT angegeben. Trinitrotoluol (TNT) ist ein hocheffektiver konventioneller Sprengstoff. Die Atombombe, die Hiroshima vernichtete, erzeugte mit ihrem Kern von 60 kg Uran-235 eine Sprengkraft von ca. 20 kt (Kilotonnen), also eine Detonation, die der Wirkung von 20 000 t TNT entspricht. Die heutigen Bomben besitzen eine Sprengkraft im Megatonnen-Bereich (1 Mt = 1.000.000 t). Zum Vergleich: Die stärksten konventionellen Bomben des Zweiten Weltkrieges und der Sprengkopf der V2-Rakete besaßen eine Sprengkraft von etwa einer Tonne TNT.

Uran- und Plutoniumbomben

Die Atomkerne von Uran-235 und Plutonium-239 werden schon bei der geringsten Anregung gespalten. Bei dem natürlichen radioaktiven Zerfall dieser Isotope entstehen Neutronen. Wenn sich nun eines dieser Neutronen in den Atomkern eines der Isotope einlagert, dann zerfällt dieser Kern sofort und sendet zwei bis drei Neutronen aus. Je nach der Größe und Form der Uran- bzw. Plutoniummenge werden diese Neutronen nach außen abgestrahlt oder sie spalten im Inneren weitere Kerne, die weitere Neutronen aussenden. Ab einer gewissen Masse – der kritischen Masse – setzt eine spontane Kettenreaktion ein. Technisch wird das so gelöst, dass zwei oder mehr unterkritische Teilladungen von U-235 oder Pu-239 strahlungssicher voneinander getrennt aufbewahrt werden. Wenn die Bombe gezündet wird, bringen kleine Treibladungen die unterkritischen Massen zusammen, deren Gesamtmasse dann kritisch wird und die Kettenreaktion auslöst. Dabei wird schlagartig so viel Energie frei, dass die entstehende Wärme die gesamte Bombe verdampft, noch bevor das ganze spaltbare Material in einer geordneten Kettenreaktion zerfallen ist. Schätzungsweise zerfallen nur ca. 10 % des Urans bzw. Plutoniums, bevor der Rest verdampft.

Wasserstoffbomben

Die Fusion leichter Atomkerne erzeugt wesentlich mehr Energie als die Spaltung scjwerer Kerne. Eine Wasserstoffbombe besteht in ihrem Inneren aus einer Uran- oder Plutoniumbombe, die außen von einer Schicht aus Lithium (Li, ein Metall) und Deuterium (schwerer Wasserstoff, 2H) umgeben ist. Die herkömmliche Atombombe im Inneren bringt bei ihrer Zündung das Li/2H-Gemisch auf eine Temperatur von über 100 Millionen °C und erzeugt gleichzeitig einen intensiven Neutronenstrom, der das Lithium in Tritium (überschwerer Wasserstoff, 3H) umwandelt. Das neu entstandene Tritium und das Deuterium fusionieren bei den hohen Temperaturen zu Helium und setzen ungeheure Energiemengen frei. Eine Wasserstoffbombe mit einem Kern aus 25 kg Uran (5 kt Sprengwirkung) und einer Hülle aus 20 kg Lithium-Deuterium -Gemisch besitzt z.B. eine Sprengkraft von 2 Megatonnen (2 Mt = 2000 kt).

Drei-Phasen-Bomben

Die stärksten Atombomben sind die Drei-Phasen-Bomben. Sie bestehen aus einer zwiebelschalenförmigen Anordnung einer herkömmlichen Kernspaltungsbombe im Inneren (1. Phase), die als Zünder für eine Wasserstoffbombe (2. Phase) dient. Diese Anordnung ähnelt bisher einer herkömmlichen Wasserstoffbombe. Das Ganze ist nun noch von einem Mantel aus Natururan (hauptsächlich U-238) umgeben. Bei der Zündung dieser Bombe wird das Natururan der äußersten Schale durch die extrem hohe Neutronenstrahlung in Pu-239 umgewandelt, welches eine weitere Kettenreaktion auslöst. Derartige Bomben erzielen Sprengwirkungen von bis zu 200 Mt. 1961 wurde im russischen Atombombentestgebiet von Nowaja Semlja im Nordpolarmeer eine 57-Mt-Bombe gezündet. Sie erzeugte einen ca. 30 km breiten Krater und entfachte noch in über 50 km Entfernung Brände. Die Nachbeben konnten noch über einen Tag lang registriert werden.

Neutronenbomben

Die Neutronenbombe wurde als Bombe konstruiert, die möglichst wenig Schaden im Gelände und an Gebäuden anrichtet, dabei aber jegliches Leben zerstört. Neutronenbomben sind im Prinzip herkömmliche Kernspaltungsbomben, die aber so konstruiert sind, dass ca. 80 % der Energie in intensive Neutronenstrahlung umgewandelt wird. Diese Strahlung tötet lebende Organismen, schädigt aber lebloses Material so gut wie nicht.

Wirkungen von Kernwaffen

Die Wirkungen einer Atombombenexplosion sind vielfältig und teilweise kurzzeitig, teilweise auch länger anhaltend:

  • Die frei werdende Energie erzeugt einen Feuerball großer Helligkeit und hoher Temperatur. Die Temperatur im Zentrum der explodierenden Bombe wird auf mehrere Millionen Grad geschätzt. Bei einem Durchmesser des entstehenden Feuerballs von 100 m beträgt die Temperatur noch über 7.000 °C, also mehr als die Temperatur an der Sonnenoberfläche. Die Folge sind schwerste Verbrennungen und Brände. In der Nähe des Explosionszentrums verdampft sogar Metall.
  • Es entsteht eine starke Druckwelle von großer zerstörerischer Wirkung.
  • Es erfolgt eine kurzzeitige hohe Strahlenbelastung des betreffenden Gebiets mit der Folge, dass Lebewesen innerhalb von Tagen und Wochen sterben.
  • Das Gebiet wird längerfristig radioaktiv verseucht. Das führt auch noch viele Jahre später zu Missbildungen, Krebs und anderen Erkrankungen.

Die Explosion einer 200-kt-Bombe (eine derzeit recht geläufige Größe) bewirkt Folgendes:
Zuerst erscheint ein Lichtblitz, der auch noch in kilometerweitem Abstand zu Erblindungen führt. Bruchteile von Sekunden später bilden die heißen Explosionsgase einen Feuerball, der eine intensive Wärmestrahlung aussendet. Sie setzt in 5 km Entfernung noch Kleidungsstücke in Brand (Intensität ca. 60 Joule/cm²) und ruft in 10 km Entfernung noch Verbrennungen 1. Grades auf der Haut hervor (Intensität 12 Joule je Quadratzentimeter). Zusammen mit der Hitzestrahlung wird auch die primäre radioaktive Strahlung emittiert; Alpha- und Beta-Strahlung haben in der Atmosphäre nur sehr kurze Reichweiten (wenige Zentimeter), aber die Gammastrahlung und die Neutronenstrahlung können sich ungehindert ausbreiten und wirken in einem Umkreis von ca. 10 km tödlich.
Auf diese Strahlungswellen, die sich mit Lichtgeschwindigkeit ausbreiten, folgt eine Druckwelle, die sich mit ca. 400 km/h ausbreitet. Im Umkreis von ca. 5 km werden alle Häuser zerstört und im Umkreis von 10 km schwer beschädigt.
Atombomben erzielen den maximalen Schaden, wenn sie kurz über dem Erdboden detonieren. In diesem Falle bewirkt die große Hitzeentwicklung der Bombe, dass das Gelände unterhalb der Bombe mit allem, was darauf steht, verdampft oder pulverisiert wird. Der Feuerball der Explosion steigt schnell nach oben und bewirkt dadurch einen Sog, der das verdampfte oder pulverisierte Erdreich mit sich reißt; die Folge ist der charakteristische Atompilz. Durch die intensive Neutronenbestrahlung wird dieser Staub ebenfalls radioaktiv und hochgefährlich. Die feineren Staubteilchen sinken nicht gleich zu Boden, sondern bleiben Tage bis Wochen in der Atmosphäre. Je nach den Windverhältnissen werden sie über Hunderte von Kilometern verweht, um dann als radioaktiver Fallout zu Boden zu sinken oder vom Regen ausgewaschen zu werden. (Die Havarie des Kernkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine hat einen ähnlichen, aber weitaus harmloseren Fallout hervorgerufen.) Bei normalen Windverhältnissen sorgt eine 200-kt-Bombe dafür, dass ein ca. 1000 km² großes Gebiet für ungefähr ein Jahr vollkommen unbewohnbar ist. Danach ist der Aufenthalt in dem Gebiet zwar nicht mehr direkt tödlich, aber bei weitem nicht ungefährlich.

Gab es Entwicklungen für eine deutsche Atombombe?

Zahlreiche Diskussionen und unterschiedliche Meinungen gibt es darüber, ob man in Deutschland während des Zweiten Weltkrieges versucht hat, eine Atombombe zu bauen. Führende Forscher wurden 1944/45 von den Alliierten verhaftet und in England interniert. Dort gaben diese Wissenschaftler am 7. August 1945 ein Memorandum heraus. Das Schreiben wurde von WERNER HEISENBERG und WALTHER GERLACH unter Mitwirkung von KARL WIRTZ entworfen und nach Diskussionen von den in Farmhall (England) internierten Wissenschaftlern unterzeichnet. Es trägt die Unterschriften von ERICH BAGGE (1912-1996), KARL DIEBNER (1905-1964), WALTHER GERLACH (1889-1979), OTTO HAHN (1879-1968), PAUL HARTECK (1902-1985), WERNER HEISENBERG (1901-1976), HORST KORSCHING (*1912), MAX VON LAUE (1879-1960), CARL FRIEDRICH VON WEIZSÄCKER (*1912) und KARL WIRTZ (1910-1994). Dieses Memorandum lautet:

„Da die Presseberichte die Arbeiten am Uranprojekt in Deutschland zum Teil unrichtig darstellen, möchten wir die Entwicklung dieser Arbeiten im folgenden kurz beschreiben.

  1. Die Atomkernspaltung beim Uran ist im Dezember 1938 von O. Hahn und F. Straßmann am Kaiser Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin entdeckt worden, als Frucht rein wissenschaftlicher Untersuchungen, die mit praktischen Zielen nichts zu tun hatten.
  2. Erst beim Beginn des Krieges wurde in Deutschland eine Gruppe von Forschern zusammengerufen, deren Aufgabe es war, die Frage der praktischen Ausnützbarkeit der Atomkernenergie im Anschluß an die Hahnsche Entdeckung zu untersuchen. Die wissenschaftlichen Vorarbeiten hatten gegen Ende 1941 zu dem Ergebnis geführt, dass es möglich sein wird, die Kernenergien zum Betreiben von Maschinen auszunützen. Dagegen war es die Ansicht der Forscher, dass die Voraussetzungen für den Bau einer Bombe im Rahmen der technischen Möglichkeiten, die Deutschland zur Verfügung standen, damals nicht vorhanden waren. Die weiteren Arbeiten konzentrierten sich daher auf das Problem der Maschine, für die außer Uran noch schweres Wasser notwendig ist.
  3. Für diesen Zweck wurden die Anlagen der Norsk Hydro in Tjukan (eine Anlage in Norwegen, das zu dieser Zeit von den Deutschen besetzt war – der Bearbeiter) zur Produktion von größeren Mengen von schwerem Wasser ausgebaut. Die Angriffe auf diese Anlagen, zuerst durch ein Sprengkommando, dann von der Royal Air Force, haben die Produktion gegen Ende 1943 zum Erliegen gebracht.
  4. Gleichzeitig wurden in Freiburg, später in Celle Untersuchungen darüber angestellt, ob durch Anreichung des seltenen Isotops U-235 die Benützung des schweren Wassers umgangen werden kann.
  5. Mit den vorhandenen Mengen des schweren Wassers wurden zuerst in Berlin, später in Haigerloch Versuche über die Energiegewinnung durchgeführt. Gegen Ende des Krieges waren diese Arbeiten so weit gediehen, dass die Aufstellung einer energieliefernden Apparatur nur noch kurze Zeit in Anspruch genommen hätte.

Zu 1. Vor der Hahnschen Entdeckung konnte an eine technische Anwendung der Atomkernenergie nicht gedacht werden. Die Entdeckung ist kurz nach ihrer Veröffentlichung in vielen Laboratorien insbesondere in den USA nachgeprüft worden. Auf die großen Energien, die bei der Uranspaltung freiwerden, wurde von verschiedenen Forschern, zuerst von Meitner und Frisch hingewiesen. Dagegen hatte Prof. Meitner bereits ein halbes Jahr vor der Entdeckung Berlin verlassen und war an der Entdeckung selbst nicht beteiligt.

zu 2. Die chemischen Arbeiten des Kaiser Wilhelm-Instituts für Chemie über die Folgeprodukte der Uranspaltung sind im Krieg ungestört fortgeführt und veröffentlicht worden. Die in 2. genannten wissenschaftlichen Vorarbeiten über die Energiegewinnung umfaßten Untersuchungen von folgender Art: theoretische Abschätzungen über den Verlauf der Reaktionen in Gemischen aus Uran und schwerem Wasser; experimenteller Beweis, dass schweres Wasser das dazu nötige Absorptionsvermögen besitzt; Untersuchungen über die bei der Spaltung freiwerdenden Neutronen; schließlich Untersuchungen der Neutronenvermehrung in kleinen Maschinen aus Uran und schwerem Wasser.
Zur Frage der Atombombe sei noch festgestellt, dass den Unterzeichneten keine Untersuchungen etwa anderer Gruppen in Deutschland bekannt geworden sind, die unmittelbar die Herstellung der Bombe zum Ziel gehabt hätten. Wenn solche Versuche doch unternommen sein sollten, so waren sie jedenfalls von Dilettanten durchgeführt und nicht ernst zu nehmen.

Zu 3. Die Produktion von schwerem Wasser ist dort durch den Ausbau auf etwa 200 Liter per Monat gesteigert worden, bis die Produktion 1943 durch die Angriffe zum Erliegen kam. Mit Uran und Radium ist in Rjukan nie gearbeitet worden.

Zu 4. Zur Isotopentrennung wurden verschiedene Verfahren angewendet. Das Clusiussche Trennrohr erwies sich als ungeeignet. Die Ultrazentrifuge ergab eine Anreicherung des Isotops 235. Die anderen Verfahren hatten bis zum Ende des Krieges noch keine sicheren positiven Ergebnisse geliefert. Eine Isotopentrennung im großen Maßstab ist nicht in Angriff genommen worden.

Zu 3. bis 5. Im ganzen sind von den deutschen Behörden (zuerst Heereswaffenamt, später Reichsforschungsrat) für das Uranvorhaben Mittel bereitgestellt worden, die gegenüber den von den Alliierten eingesetzten Mitteln verschwindend gering sind. Die Anzahl der Menschen, die an der Entwicklung beteiligt waren, hat wohl in keiner Phase einige hundert überschritten.“

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