Lise Meitner

LISE MEITNER lebte in einer Zeit, in der sich die Kernphysik stürmisch zu entwickeln begann. Frauen in Wissenschaft und Forschung waren aber Ende des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Ausnahme. Sie gehört im Bereich der Physik zu den ersten bedeutsamen Wissenschaftlerinnen.

Kindheit, Jugend, Ausbildung

LISE MEITNER wurde am 7. November 1878 in Wien als Tochter eines Rechtsanwaltes geboren. Sie hatte sieben Geschwister. Als Mädchen hatte sie es in dieser Zeit nicht leicht, die Hochschulreife zu erlangen und zu studieren. Ihr Studium der Physik, Chemie, Mathematik und Philosophie an der Wiener Universität schloss sie 1906 mit der Promotion ab. Sie promovierte bei LUDWIG BOLTZMANN zum Thema „Wärmeleitung in inhomogenen Körpern“. Damit war sie die zweite Frau überhaupt, die in Wien den Doktorgrad erwarb. Anschließend beschäftigte sie sich an der Wiener Universität mit Problemen der Radioaktivität.

1907 ging LISE MEITNER nach Berlin, um an der Berliner Universität Vorlesungen bei MAX PLANCK (1858–1947) zu hören und ihre Kenntnisse in der theoretischen Physik zu vertiefen. Da in Preußen Frauen kein Recht zum Studium hatten, musste sie vorher PLANCKs Einwilligung zum Besuch seiner Vorlesungen einholen.
In Berlin lernte sie den Chemiker OTTO HAHN (1879–1968) kennen. Es begann eine 30-jährige enge Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen beiden. Der experimentell orientierte Chemiker HAHN und die eher theoretisch tätige Physikerin MEITNER ergänzten sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit hervorragend.

Erste wissenschaftliche Arbeiten
Beide waren zunächst am Chemischen Institut der Berliner Universität tätig. Das war nur möglich, weil der Leiter des Instituts für Chemie seine Zustimmung dazu gab, allerdings nur unter der Auflage, dass sich LISE MEITNER, weil sie eine Frau war, im Institut nicht zeigte. Diese Diskriminierung endete erst 1909 mit der Öffnung der Universitäten für Frauen in Preußen. Im gleichen Jahr gelang LISE MEITNER und OTTO HAHN der Nachweis, dass radioaktive Atome beim Aussenden von Strahlung einen Rückstoß erfahren. Dieser Effekt ist wichtig für das Verständnis vieler Vorgänge in der Kernphysik. Auch die neuen Substanzen Actinium C und Thorium D entdeckten sie zu dieser Zeit.

Als Physikerin am Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie

1912 konnten sie ihre Arbeit unter wesentlich günstigeren Bedingungen im neu erbauten Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin-Dahlem fortsetzen, wo sie zunächst als unbezahlte Assistentin von PLANCK tätig war.
Aber dann unterbrach der 1. Weltkrieg die gemeinsame Arbeit. Nach dem Besuch eines Röntgen- und eines Anatomiekurses arbeitete LISE MEITNER während des Ersten Weltkrieges als Röntgenschwester in einem Militärhospital der österreichischen Armee.
1918 übernahm sie im Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie in Berlin die Leitung einer selbstständigen Abteilung Physik und erhielt 1919 den Titel eines Professors. 1922 habilitierte sie sich mit einer Arbeit über „Die Bedeutung der Radioaktivität für kosmische Prozesse“ und hielt ab dieser Zeit auch Vorlesungen an der Berliner Universität. Im Jahre 1933 wurde ihr die Lehrberechtigung wegen ihrer jüdischen Herkunft aus „rassistischen Gründen“ entzogen. Obwohl die antirassistischen Ausschreitungen immer stärker wurden, konnte sie wegen ihrer österreichischen Staatsbürgerschaft noch unbehelligt wissenschaftlich arbeiten. Erst nach der deutschen Besetzung Österreichs war sie unmittelbar bedroht und verließ am 17. Juli 1938 den Ort, wo sie über 30 Jahre gearbeitet hatte. Sie ging zunächst nach Holland und mit Unterstützung HAHNs und anderer Freunde nach Schweden. Dort fand sie am Stockholmer Nobel-Institut für Physik der Schwedischen Akademie eine neue Wirkungsstätte.

Lise Meitner und die Kernspaltung
1938 hatten MEITNER, HAHN und sein Mitarbeiter F. STRASSMANN (1902–1980) begonnen, Uran mit Neutronen zu bestrahlen mit dem Ziel, schwerere Elemente, sogenannte Transurane zu erzeugen. Nach der Emigration von LISE MEITNER setzten HAHN und STRASSMANN die Versuche allein fort. Zu ihrer Verwunderung wiesen sie im Endprodukt Barium nach, ein Element mit wesentlich kleinerer Ordnungszahl. Das Ergebnis, das sie nicht erklären konnten, veröffentlichten HAHN und STRASSMANN im Januar 1939 in der Zeitschrift „Naturwissenschaften“.

LISE MEITNER und ihr Neffe ROBERT FRISCH konnten durch theoretische Überlegungen beweisen, dass hier eine Uranspaltung stattgefunden hat und dass bei diesem Vorgang Energie freigesetzt wird. Sie führten auch den Begriff „Kernspaltung“ in die Physik ein. Als kurze Zeit später der Franzose FREDERIC JOLIOT-CURIE (1900–1958) nachwies, dass bei diesem Prozess wieder Neutronen freigesetzt werden, war der Weg für die Gewinnung von Kernenergie vorgezeichnet.

LISE MEITNER war bei der überaus bedeutsamen Entdeckung der Kernspaltung zwar nicht unmittelbar beteiligt. Da aber ihre gemeinsam mit HAHN durchgeführten Untersuchungen letztlich zu der Entdeckung führten und sie auch die Erste war, die eine theoretische Deutung gab, wird sie häufig zusammen mit HAHN und STRASSMANN als Entdeckerin der Kernspaltung genannt.

Die letzten Lebensjahre

Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte LISE MEITNER kurzzeitig nach Berlin zurück. Die Haltung einer Reihe von Kollegen gegenüber dem Nationalsozialismus und die Demütigung, bei der Verleihung des Nobelpreises (OTTO HAHN erhielt ihn für die Entdeckung der Kernspaltung allein) nicht berücksichtigt worden zu sein, veranlasste sie zur Rückkehr nach Schweden. 1946 wurde sie auch schwedische Staatsbürgerin. In den folgenden Jahren war sie an verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen in Stockholm tätig und hielt Vorlesungen in Physik. 1960 zog sie zu ihrem Neffen ROBERT FRISCH nach Cambridge (England). Dort starb sie am 27. Oktober 1968.

Otto Hahn und Lise Meitner

Otto Hahn und Lise Meitner

Lise Meitner - Otto Hahn und Lise Meitner

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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