Teufelskreise der Armut

Unterentwicklung und Armut

Wenn von Entwicklungsländern die Rede ist, geht es oft um Armut. Das bezieht sich zum einen auf die im Vergleich zu den reichen Industrieländern armen Länder der Dritten Welt. Zum anderen sind in den Entwicklungsländern viele Menschen und soziale Gruppen von Armut betroffen. Ihre Lage ist auf Bedingungen zurückzuführen, auf die die Betroffenen oft keinen unmittelbaren Einfluss haben. Sie sind allein nicht fähig, ihre Lage grundlegend zu verändern, etwa durch längeres Arbeiten oder durch sparsameren Umgang mit Geld. Diese Armut ist vielmehr eine Folge von Unterentwicklung.
Aus der Sicht der Lebensperspektive bedeutet Armut, dass die Menschen ihre Fähigkeiten nicht entwickeln können und ihre Zukunft nicht selber gestalten können. Armut ist darauf zurückzuführen, dass bestimmte elementare Fähigkeiten fehlen, wichtige Lebenschancen wahrzunehmen. Kriterien für ein notwendiges Mindestniveau sind beispielsweise die Ernährungslage, die medizinische Versorgung, die Verfügbarkeit von Wohnraum, der Zugang zu Bildung, der Zustand der Umwelt, Rechtssicherheit und die Mitwirkung am gesellschaftlichen und politischen Leben.

Teufelskreisläufe der Armut

Unterentwicklung wird modellhaft als Teufelskreis der Armut“ erklärt. Dabei werden einzelne Merkmale der Entwicklungsländer jeweils in einer Kette von Ursachen und Wirkungen aneinander gereiht. Es wird deutlich, dass die unterschiedlichen Symptome von Armut untereinander zusammenhängen. Je nachdem, wo man ansetzt, beginnt eine Spirale, ein Kreislauf, der immer wieder zum Kern, zur Armut als einem ganzen Bündel von Problemen zurückkehrt (Bild 1).

Die Teufelskreise der Armut vermitteln einen Überblick über Probleme und Abhängigkeiten in den Entwicklungsländern, ohne jedoch Lösungsansätze für deren Bewältigung zu erbringen. Innere, in vielen Ländern selbst liegende Ansatzpunkte solcher Teufelskreise können beispielsweise sein:

  • Strukturen von Ausbeutung,
  • fehlende Arbeitsplätze und geringes Einkommen,
  • unzureichende Bildung,
  • fehlende Nahrungsmittel und Unterernährung,
  • schlechter Gesundheitszustand und Krankheiten (z. B. Aids-Infektion),
  • niedrige Produktivität insbesondere in der Landwirtschaft,
  • Mangel an Ressourcen wie Boden und Wasser,
  • Umweltzerstörung,
  • hohes Bevölkerungswachstum,
  • bewaffnete Konflikte.

Solchen Situationen stehen Einzelne oft hilflos gegenüber. Wer sein Augenmerk jedoch nur auf diese Teufelskreise richtet, läuft Gefahr, keinen Ausweg zu sehen und nicht mehr nach den entscheidenden Ursachen für diese verhängnisvolle Kette zu fragen. Diese wiederum nur in den Entwicklungsländern selbst zu suchen, berücksichtigt weder historische und gesellschaftliche Gründe, z. B. die Folgen aus der Kolonialzeit, noch die internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen. Die Ursachen für Armut sind äußerst vielschichtig, eng miteinander verwoben und von Land zu Land verschieden.

Ein Mangel an natürlichen Ressourcen und ein nicht-nachhaltiger Umgang mit den Ökosystemen erweisen sich in vielen Entwicklungsländern ebenfalls als wesentliche Faktoren für die Armut breiter Schichten der ländlichen Bevölkerung. Durch begrenzte oder eingeschränkte Rechte über Landnutzung und Verkleinerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Ergebnis des Erbrechts bzw. durch Verlust von Arbeitskräften (z. B. durch Abwanderung von Jugendlichen) sind die Familien gezwungen, traditionelle und Ressourcen schonende Anbaumethoden aufzugeben. Beispielsweise werden Brachezeiten verkürzt, unproduktives Land genutzt und Tierdung nicht mehr als Dünger ausgebracht, da er dringend als Brennstoff benötigt wird. Die Überschreitung der der natürlichen Produktion gesetzten Grenzen wie Klima, Bodenqualität oder Geländeform führt zu langfristiger Schädigung von Böden (Übernutzung) oder Vegetation (Tierfraß, Brennholznutzung). Die Folge sind Produktions- und Einkommensverluste. Dies wiederum führt dazu, dass die natürlichen Ressourcen verstärkt genutzt werden. Es beginnt ein Teufelskreis, der durch negative ökologische und soziale Symptome gekennzeichnet ist.

Einfluss auf diesen Kreislauf der Armut haben aber auch die Wirtschaftsstruktur des jeweiligen Landes sowie die außenwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. So führt beispielsweise zunehmende Exportorientierung des Landes zum verstärkten Anbau von Exportkulturen in der Landwirtschaft. Das hat wiederum zur Folge, dass weniger Grundnahrungsmittel für die Bevölkerung produziert werden. Ernährungsprobleme nehmen zu, überschüssige Arbeitskräfte wandern in die städtischen Ballungsräume ab und geraten in die Arbeitslosigkeit. Die Landbevölkerung verarmt weiter.

Teufelskreise der Armut

Teufelskreise der Armut

Teufelskreise der Armut durchbrechen

Der enge Zusammenhang zwischen Symptomen und Wirkungen der Armut hat zu der weit verbreiteten Annahme geführt, dass die Teufelskreise der Armut in der Dritten Welt unausweichlich seien. Armut kann jedoch schrittweise beseitigt werden, wenn es gelingt, die negative Abfolge von Ursachen und Wirkungen zu durchbrechen. Das ist zugleich ein Appell an die Regierungen und an alle gesellschaftlichen Kräfte, durch eine konsequente Politik der Armutsbekämpfung die Teufelskreise der Armut zu beseitigen.

Als ein zentrales Kettenglied, Armut zu bekämpfen und Entwicklung zu fördern, erweist sich die Hebung des Bildungsniveaus. Ohne grundlegende qualitative und quantitative Verbesserung im Bildungssektor kann weder Armut überwunden, noch sozialer Fortschritt erreicht werden (Bild 2).
Bildung gibt dem einzelnen Menschen die Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu führen. Sie trägt zugleich dazu bei, eine nachhaltige Entwicklung zu fördern. Krankheiten können verhütet, Ernährung und Produktivität gesichert werden. Untersuchungen haben ergeben, dass Frauen in Entwicklungsländern, die lesen und schreiben können, durchschnittlich weniger und gesündere Kinder zur Welt bringen als Analphabetinnen. Im Kampf gegen die Immunschwäche Aids gilt Bildung als Hauptansatzpunkt, die schnelle Ausbreitung des HI-Virus zu stoppen.
Die enge Wechselwirkung zwischen Armut, geringer Bildung, Krankheit, Unterernährung, Arbeitslosigkeit sowie hohem Bevölkerungswachstum kann durch höheres Bildungsniveau durchbrochen werden.

Möglich ist auch, die Wechselwirkungen zwischen mangelnder Ressourcenausstattung und Armut zu beseitigen, wenn die Ressourcen zugunsten der Armen umverteilt werden. Gerechtere Verteilung von Boden und Wasser im Ergebnis von Agrarreformen sind Voraussetzung für ausreichende Nahrungsmittelproduktion und für eine grundlegende Veränderung der Lebensweise der armen Bevölkerung auf dem Lande. Damit entstehen völlig veränderte Beziehungen zwischen Ursachen und Wirkungen ländlicher Entwicklung:

Zugang zu fruchtbarem Boden und Wasser ---> intensive Bewirtschaftung landwirtschaftlicher Nutzfläche ---> Steigerung der Produktion von Grundnahrungsmitteln (extrem Arme erhalten etwa 70–80 % ihrer Kalorien aus Grundnahrungsmitteln) ---> Verbesserung der Lebenssituation.

Notwendig ist jedoch der politische Wille der Regierenden in den Entwicklungsländern, unter aktiver Einbeziehung der Zivilgesellschaft und mit Unterstützung der Entwicklungszusammenarbeit wirksame Armutsstrategien zu entwickeln und grundlegende Reformen zugunsten der armen Schichten der Bevölkerung durchzusetzen.

Zusammenhang zwischen höherer Bildung und Überwindung von Armut

Zusammenhang zwischen höherer Bildung und Überwindung von Armut

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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