Hildegard von Bingen

Kindheit und Jugend

HILDEGARD VON BINGEN (Hildegard bedeutet „Heldin“, genauer „rettende, beschirmende Heldenjungfrau“) wurde im Jahr 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen geboren. Sie war das zehnte Kind des Edelfreien HILDEBERT VON BERMERSHEIM und seiner Frau MECH(TH)ILD VON MERXHEIM.

Die Namen von sieben Geschwistern sind aus Schenkungsurkunden und Fundationsbüchern des Klosters Rupertsberg bekannt:
Brüder: Drutwin (der älteste), Hugo (später Domkantor in Mainz) und Rorich (später Kanoniker in Tholey an der Saar)
Schwestern: Irmengard, Odilia Clementia (später Nonne auf dem Rupertsberg), Judda

Schon mit 3 Jahren hatte HILDEGARD VON BINGEN ihre erste Vision. Diese Visionen verfolgen sie weiter, doch das schwächliche, ewig kränkelnde Mädchen betrachtet seine Gabe zunächst eher als eine Krankheit. Im Alter von acht Jahren kam sie zur geistlichen Erziehung in die Obhut der JUTTA VON SPANHEIM im Benediktinerinnenkloster Disibodenberg (am Zusammenfluss von Nahe und Glan). Dort wurde sie von JUTTA VON SPANHEIM für das geistliche Leben erzogen. Gemeinsam mit ihren Gefährtinnen wurde sie in Psalmengesang, Bibellesen, in der Liturgik und in der Ordensregel des hl. Benedikt unterrichtet. Der Mönch VOLMAR, ihr späterer Sekretär, erweiterte den Unterricht z. B. in Latein und Grammatik. Mit 16 Jahren entschied sich HILDEGARD für das Leben im Kloster nach der Benediktusregel. Sie legte die monastischen Gelübde ab und empfing vom HEILIGEN OTTO, Bischof von Bamberg, den Ordensschleier. OTTO vertrat in der Zeit (von 1112–1115) den Erzbischof von Mainz. Als die Meisterin JUTTA 1136 starb, wurde HILDEGARD zur geistlichen Mutter der Gemeinschaft und zur Vorsteherin der Klause gewählt. Sie war zu dem Zeitpunkt 38 Jahre alt.

Das Leben in einer Klause im Hochmittelalter aus MONIKA ZU ELTZ, „Hildegard“, Freiburg 1963:
... Nach dieser sollte einer Klausnerin erst nach mehrjähriger Erprobung in einem Kloster zum Einsiedlerleben zugelassen werden, und auch dann noch Probezeiten zu bestehen haben. Zeige sie sich aber standhaft, so errichte man ihr eine Klause, 12 Fuß in der Länge und Breite, die mit Chörchen oder Kapelle an die Klosterkirche anstoße und dorthin ein Fenster habe. Dazu kommen zwei weitere Fenster, eines vergittert nach der Außenwelt, eines, durch das Luft und Licht hereinkommt, auch alles Notwendige gereicht oder herausgegeben wird. Auch soll man ein Gärtchen anlegen, in dem Kohl angebaut wird und in dem die Klausnerin sich ergehen kann, denn viel nützt es ihr, an die Luft zu kommen. Sind mehrere Bewohnerinnen beisammen, so dürfen weitere Zellen angefügt werden. Die Einrichtung ist denkbar einfach: eine Schüssel, ein Napf, ein Krug, Unterbett, Kopfkissen, das ist alles. Die Türe aber, durch die die Incluse eingetreten war, wird hinter ihr mit Steinen und Balken verschlossen und vermauert, und zwar für immer. Unter Strafe der Exkommunikation darf die Klausnerin, die einmal das große Opfer gebracht und die Weihe empfangen hat, ihre Zelle nicht mehr verlassen, es sei denn, daß äußere Umstände, wie Brand, Umbauten oder eine Neugründung, sie dazu zwingen.

Klause: (von lat. claudere, verschließen, abschließen) Zelle, in die sich Menschen zurückziehen, um sich ganz dem geistlichen Leben zu widmen. Klausen wurden früher am Stadtwall, an Brücken oder an der Wand einer Kirche eingerichtet. Ein kleines Fenster erlaubte die Entgegennahme von Nahrung und das Gespräch mit Fremden. Das völlig abgeschlossene Leben in einer Klause war im Mittelalter so beliebt, dass die Zellen nach dem Tod eines Einsiedlers direkt neu besetzt wurden.

Die Zeit, in der sie lebte

Der Zeitraum um die Mitte des 12. Jahrhunderts markiert folgende Abschnitte des Mittelalters:

  • Papst und Kaiser stehen in erbitterter Fehde (Investiturstreit).
  • Der Mönch BERNHARD VON CLAIRVEAUX ruft zu den Kreuzzügen auf.
  • Das Weltbild des PTOLEMÄUS bricht über das Abendland herein.
  • Die ersten Universitäten entstehen.
  • Die Minnesänger kommen aus der Provence und verbreiten sich in ganz Europa.
  • Die Burgen Deutschlands sind bewohnt.
  • Mehr als 90 % der Bevölkerung leben von der Landwirtschaft. Europa ist eine Agrargesellschaft.

Es ist eine geschichtlich bewegte Zeit, die HILDEGARD nicht nur erleben sollte, sondern in die sie auch aktiv hineinwirkt und die sie prägt. Die gesellschaftliche Lebensordnung hatte ihr festes Gefüge. Jeder wurde in seinen „Stand“ hinein geboren, in dem er normalerweise ein Leben lang blieb. Adelige und Freie – als einzige unabhängig – besaßen das Bildungsprivileg und trafen die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen. Die große Zahl der unfreien Bauern und Bürger hatte dagegen keine Mitentscheidungsmöglichkeit. Der Alltag war für die meisten Menschen äußerst mühsam, ihre Existenz war fast dauernd bedroht.

Agrarisches Lebens- und Wirtschaftssystem und christlicher Glaube bestimmten also das Leben. So prägte in erster Linie nicht der Staat, sondern die Kirche die mittelalterliche Gesellschaft. Sie war in allen Lebensvollzügen gegenwärtig. Ihre Feiertage bestimmten den Lebens- und Arbeitsrhythmus. Auch das Geistesleben war von ihr abhängig. Durch die Dom- und Klosterschulen und die Universitäten, die vom Papst bestätigt werden mussten, besaß die Kirche ein Bildungsmonopol. Aber sie hatte auch allein das Recht und die Pflicht zur sozialen Fürsorge. Bischöfe und Äbte hatten als Geistliche politisch wichtige Positionen inne.

Im Jahr 1136 Vorsteherin des Konvents

Als JUTTA VON SPANHEIM im Jahr 1136 starb, wurde HILDEGARD ihre Nachfolgerin als Vorsteherin des Konvents. 1147/1150 gründete sie ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen; die Ruine des Klosters wurde 1858 bei Bahnbauarbeiten abgerissen. Im Jahr 1165 kam dann noch das Tochterkloster in Eibingen bei Rüdesheim dazu, das 1802 aufgehoben wurde.

Auf der Trierer Synode die Bestätigung ihres Sehertums

Im Mittelpunkt des Werks der HILDEGARD VON BINGEN stehen ihre Seherkraft, die schon in Kinderjahren ausgeprägt war, und das daraus folgende Prophetenamt. Erst im Alter von 42 Jahren begann HILDEGARD damit, literarische Werke zu schreiben. Zuerst entschloss sie sich – angeblich auf einen Befehl Gottes – zur Niederschrift ihrer Visionen. Der Titel ihrer Schrift lautet „Liber Scivias“ („Wisse die Wege“). Eigentlich war es zur damaligen Zeit Frauen verboten, zu schreiben und Bücher zu veröffentlichen. Doch aufgrund guter Beziehungen gelangte das Manuskript zu Papst Eugen III, der von HILDEGARDs Schrift sehr beeindruckt war und die Publikation erlaubte. Auf der Trierer Synode 1147/1148 bekam sie die kirchliche Bestätigung ihres Sehertums. Unter Fürsprache unter anderem von BERNHARD VON CLAIRVAUX waren dazu die fertigen Teile ihres Erstlingswerkes „Liber Scivias" geprüft und daraus ihre Seherkraft und Autorenschaft abgeleitet worden. HILDEGARD VON BINGEN schöpfte ihre Kraft aus ihrem tiefen Glauben, den sie mit einer charismatischen Persönlichkeit verband. In einer Zeit des Umbruchs, als sich in Europa die Renaissance als neue gewaltige Bewegung ankündigte, waren Propheten gefragt. Und HILDEGARD war eine solche Prophetin. Dabei war sie nicht nur Mystikerin und Nonne, sondern auch Dichterin, Ärztin, Psychologin und Komponistin. Sie reiste, predigte und in ihrem Kloster führte sie moderne Einrichtungen wie z. B. Wasserleitungen ein.

Eigenständige Ableitung ihres prophetischen Auftrags

Ihren prophetischen Auftrag leitete HILDEGARD VON BINGEN aus der älteren prophetischen Literatur ab und übertrug ihn auf ihre Zeit, das 12. Jahrhundert. Visionärinnen und Mystikerinnen späterer Generationen beriefen sich zur Legitimation auf das Werk und die theoretischen Vorgaben der HILDEGARD VON BINGEN.

Sie leitete ihr Werk ab vom Visionärstum des PAULUS, der Visionstheorie des AUGUSTINUS und von Interpretationen, die GREGOR DER GROSSE zu Ezechiel geschaffen hatte. Ihre eigene Position beschrieb HILDEGARD VON BINGEN als die einer Frau, die krank, ungelehrt und schwach ist und nur durch die Kraft Gottes die Fähigkeit und damit auch die Verpflichtung erhielt, lehrend tätig zu sein. Sie sah sich und ihre Welt in einer Endzeitsituation, in der gerade die Frau in der Nachfolge Marias dazu verpflichtet sei, Gottes Willen zur Rettung vor der Bedrohung durch den Antichristen zu verkünden, dies zumal als die Vertreter der Amtskirche versagten. HILDEGARD VON BINGEN mahnte also zur Rückkehr zu den alten Wahrheiten, die sie in zeitgemäßer Form vermittelte und wodurch sie zur Sprecherin eines Theologen-Prophetentums wurde, das andere aus dem Dunkel zu Weisheit und Vollkommenheit bringen will. Neben ihrem literarischen Werk unternahm HILDEGARD zahlreiche Predigtreisen und verfasste über 300 Briefe. Kaiser, Könige, Päpste und Gelehrte traten mit ihr in Briefwechsel und sie erfuhren von ihr meist alles andere als Schmeichelhaftes. Die politisch hochinformierte und intelligente Frau fand mit bewundernswertem psychologischem Einfühlungsvermögen auch noch die verborgensten Schwachpunkte ihrer Briefpartner. Man kann beinahe sagen, dass sie zu einer Art „Beichtmutter“ der Prominenten wurde. Sie starb am 17.09.1179 im Kloster Rupertsberg. Sie wird, ohne förmliche Kanonisation, als Heilige verehrt.

Das Werk der HILDEGARD von Bingen

HILDEGARD VON BINGENS Hauptwerk ist die große Visionstrilogie Liber Scivias", „Liber vitae meritorum" und Liber divinorum operum". Sie zeigt darin das Wirken der Dreifaltigkeit bei der Erschaffung des Kosmos, in der Planung der Heilsgeschichte und der Erneuerung des Menschen.

'Sci vias' (1141–1151)

Das Werk „Liber Scivias" (dt. „Wisse die Wege“) entstand 1141–1151. Es ist unterteilt in drei Bücher, in denen in insgesamt 26 Visionen die Heilsgeschichte abgehandelt wird. In Buch eins liegt der Schwerpunkt bei der Darstellung der Ordnungsprinzipien des Kosmos, Buch zwei widmet sich hauptsächlich dem Wirken Christi als Erlöser, das Buch drei zeigt den Aufbau eines Gottesreiches vom Anfang bis zum Ende der Welt. Die drei Bücher stellen somit die Dreifaltigkeit dar, bestehend aus Gott dem Schöpfer, Christus dem Erlöser und dem Heiligen Geist, der das Heilsreich erbaut.

'Liber vitae meritorum' (1158–1163)

Das Werk „Liber vitae meritorum" (dt. „das Buch der Lebensvergeltung“) entstand von 1158 bis 1163. Es besteht aus sechs Büchern. In fünf der Bücher treten Lastergestalten auf, die Reden halten, gegen die dann die jeweiligen Tugenden das Wort erheben. Dieser kosmische und zugleich heilsgeschichtliche Kampf spielt sich ab vor Christus, der die Tugenden anführt.

'Liber divinorum operum' (1163–1173/1174)

HILDEGARD VON BINGENS wichtigstes Werk ist „Liber divinorum operum" (dt. „das Buch der Gotteswerke“), das zwischen 1163 und 1173/1174 entstand. Es besteht aus drei Hauptteilen, in denen HILDEGARD VON BINGEN den natürlichen Kosmos, die ethische Wirklichkeit und die Heilsgeschichte darstellt. In ihrer Darstellung benutzt sie Ideen-Bilder, die dem inspirierten Propheten zur Deutung zugänglich sind. Dieses Werk ist hauptsächlich eine Schrift über den Heiligen Geist, die aber in den einzelnen Büchern auch die Dreifaltigkeit abbildet. Der Makrokosmos und Mikrokosmos werden in ihrer Beziehung zueinander zum trinitarischen Gott gesehen. Er ist der absolute Herr der Schöpfung; Weltall und Mensch werden von seiner Liebe, der Caritas getragen (Weltentstehung und -erhaltung).

Weitere wichtige Schriften

Für diese Trilogie, ihr Hauptwerk, brauchte HILDEGARD VON BINGEN bis zur Fertigstellung etwa 25 Jahre. Sie schuf auch verschiedene andere Schriften von ähnlicher Qualität. So das Singspiel Ordo Virtutum", 77 geistliche Gesänge, eine Evangelienauslegung, eine Geheimschrift sowie eine Geheimsprache und ein umfangreiches medizinisch-naturwissenschaftliches Werk:

„LIBER SUBTILITATUM DIVERSARUM NATURARUM CREATURARUM“

(„Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“)

  • Teil I „PHYSICA“ Naturkunde : „PHYSICA“ oder „Liber simplicis medicinae secundum creationem“ („Buch der einfachen Heilmittel nach dem Schöpfungsbericht geordnet“) ist in 9 Bücher gegliedert. Sie handeln in 513 Kapiteln über Pflanzen, Elemente, Bäume, Steine, Fische, Vögel, Säugetiere, Reptilien und über den Ursprung der Metalle. Eine für den Hausgebrauch benutzbare Heilmittellehre und Naturkunde, in der u. a. 300 Pflanzen, 40 Säugetiere, 60 Vögel, 30 Fische, verschiedene Würmer bis hin zu Fabelwesen beschrieben sind. Abgesehen von etwa zwei Dutzend ausländischen Gewächsen, von denen HILDEGARD nur die Drogen aber nicht die lebenden Pflanzen kennen konnte – wie z. B. Pfeffer, Kampfer, Gewürznelke, Dattel und Muskatnuss – werden vor allem einheimische Heil- und Nutzpflanzen beschrieben, insgesamt etwa 300 Arten, darunter über 40 Gehölze und auch einige Pilze wie Hirschtrüffel, Habichtsschwamm, Judasohr usw. Neben lateinischen Namen werden stets auch die im Nahegau üblichen deutschen Namen genannt, die zum Teil bis heute fortleben. Deshalb ist es nicht schwierig, die meisten Pflanzen und Tiere zu identifizieren. Bei der Beschreibung der Lebewesen, insbesondere der Pflanzen, ging es HILDEGARD nur um ihre Beziehung zu Menschen, d. h. ihre Bedeutung als Nahrungs- und Heilmittel. Insbesondere in Aussagen, die die Anwendung betreffen, war sie allerdings sehr vorsichtig. Im Gegensatz zu vielen ihrer Zeitgenossen, die lediglich die alten Autoren – insbesondere ARISTOTELES, CLAUDIUS GALEN, DIOSCURIDES – abschrieben und kommentierten, besprach sie fast nur die Lebewesen, die sie aus eigener Anschauung kannte und ihre Darstellungen sind weitgehend auf ihre eigene Erfahrung gegründet.
  • Teil II „CAUSAE ET CURAE“ Heilkunde : „CAUSAE ET CURAE“ oder „Liber compositae medicinae de aegretudinum causis, signis et curis“ („Buch der zusammengesetzten Heilmittel über Ursachen, Anzeichen und Heilungen der Krankheiten“) In diesem Teil befasst sie sich mit den Krankheiten des Menschen von Kopf bis Fuß, mit der Ernährung und Verdauung, mit den Gemütsbewegungen, mit Wachen und Schlafen, Gehen, Stehen, Reiten. Sie gibt Anweisungen über die gesunde Lebensführung.

Dieses Werk zählte in Mitteleuropa zur wichtigsten Quelle naturwissenschaftlicher Erkenntnisse des frühen Mittelalters.

Ferner sind von ihr über 300 Briefe überliefert. Allerdings ist fraglich, inwieweit die ihr zugeschriebene Musik oder auch ihre medizinischen Ratschläge (wie etwa das Heilen mit Edelsteinen) tatsächlich auf sie zurückgehen. HILDEGARD VON BINGEN begab sich außerdem auf ausgedehnte Predigtreisen, ungewöhnlich für eine Frau im 12. Jahrhundert. Sie reiste nach Köln, Metz, Würzburg und Bamberg. An etwa 15 weiteren Orten ist ihr Auftreten belegt.

Kosmos und Mensch

HILDEGARDS Sicht der Welt und des Menschen ist vom mittelalterlichen Verständnis geprägt. Sie sieht die Welt bzw. den Kosmos als universales Ordnungsgebilde, das aus den vier Elementen Feuer, Wasser, Erde und Luft besteht. Im Zentrum dieses Kosmos steht der Mensch . Da auch er von den vier Elementarkräften gebildet wurde, ist er in seiner Ganzheit (mit Körper, Seele und Geist) mit dem Kosmos verbunden. Der Mensch ist damit von der Natur abhängig, ein Teil von ihr. Im Gegenzug hat der Mensch aber auch eine Ausstrahlung auf den Kosmos, d. h. durch sein Handeln kann er die Welt verändern – im Positiven wie im Negativen. HILDEGARD sieht die Welt als ein verflochtenes Gefüge über dem Gott thront und in dessen Zentrum er den Menschen stellte.
In einem nach HILDEGARDS Visionen gezeichnetem Bild trägt die Gottheit, die alles Werden und Vergehen überragt, das Weltenrad in ihrer Brust. Der Kosmos, in dessen Mitte der Mensch steht, gleicht einem Organ Gottes. Das All ist sein Leib. Seine Arme umgreifen es schützend.

Ihre Natur- und Heilkunde

Die mittelalterliche Medizin und somit auch die Natur- und Heilkunde HILDEGARDS VON BINGEN war ganz wesentlich geprägt vom Geist der Heiligen Schrift und der Benediktusregel. Diese haben keinerlei Behandlungsmethoden oder Heiltechniken im modernen Sinne überliefert, wohl aber ein Bild des gesunden und des kranken Menschen, konkrete Wege zu einer gesunden Lebensordnung und Lebensführung sowie die Kunde von Heil und Heilung des Menschen.

HILDEGARDS naturkundliche und medizinische Schriften entstanden zwischen 1150 und 1160. Sie sind ein Konglumerat aus volkskundlichen Erfahrungen, antiker Überlieferung und benediktinischer Tradition. Obwohl HILDEGARD selbst ihre Quellen mit keinem Wort erwähnt hat, lässt sich nachweisen, dass sie u. a. folgende Werke gut gekannt haben muss:

  • das bereits im 2. Jahrhundert in Ägypten entstandene allegorisierende Naturkundebuch, den „Physiologus“, welcher in zahlreichen Übersetzungen über die ganze damals bekannte Welt verbreitet war,
  • dann im Bereich der Pflanzenkunde die wichtigste Arzneipflanzenkunde der Antike, die ca. 500 Pflanzen behandelnde „Materia medica“ des griechischen Arztes PEDANIOS DIOSKURIDES (1. Jh. n. Chr.),
  • dann natürlich den berühmten „Hortulus“ des Reichenauer Abtes WALAHRIED STRABO (um 840),
  • das meistgebrauchte Heilpflanzenbuch des Mittelalters, den „Macer Floridus“ (11. Jahrhundert) und
  • das verbreitete Pflanzenarzneibuch „Circa instans“, das ebenfalls im 11. Jahrhundert in der medizinischen Schule von Salerno entstanden war.

Das nicht erthaltene Originalwerk HILDEGARDS trug den Titel „Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe“ („Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum"). Es wurde bereits im 13. Jahrhundert aufgeteilt in die „Physica“, eine für den Volksgebrauch bestimmte Naturkunde und Heilmittellehre, und in die „Causae et curae“, in dem Heil- und Behandlungsmethoden beschrieben sind und in der HILDEGARD die antike Kosmologie und Humoralpathologie mit der christlichen Schöpfungs- und Erlösungslehre verbindet. Die Handschriften wurden erst 150 bis 300 Jahre nach der Niederschrift des verloren gegangenen Originaltextes zusammengestellt – ein großes Problem für die textkritische Erforschung der Werke. Große Teile, das ergaben die Forschungen von Professor HEINRICH SCHIPPERGES und von Frau Professor IRMGARD MÜLLER in Bochum, wurden wohl später hinzugefügt, andere weggelassen oder gekürzt, sodass es bis heute eine nicht gelöste Frage ist, welche Textteile original von HILDEGARD stammen und welche nicht. Zahlreiche Textteile werden von den Fachleuten heute bereits als unecht angesehen. HEINRICH SCHIPPERGES kommt in seinem neuesten Buch darüber hinaus zu dem Ergebnis „Ein Großteil der Rezepturen lässt sich nicht ohne weiteres in das Repertoire einer modernen Apotheke oder in die Sprechstunde des Arztes übertragen“ (ein vernichtendes Urteil für all das, was heute unter dem Stichwort „HILDEGARD-Medizin" angeboten und weithin gläubig angenommen wird). Gleichwohl lohnt es sich dennoch, ein wenig tiefer in die Gedankenwelt HILDEGARDS und in ihre Bemühen um die Heilung des Menschen einzudringen.

Zur Begründung ihrer Heilkunde geht HILDEGARD – ganz ihrer Schöpfungs- und Erlösungstheologie entsprechend – zurück bis zur Erschaffung der Welt, um damit die besondere Stellung des Menschen im Kosmos und seine Heilsbestimmung zu betonen. Dabei wird sie nicht müde, die ursprüngliche Harmonie des Menschen mit Gott und dem ganzen Kosmos, die für sie der Heilszustand schlechthin ist, zu preisen. Von seiner ursprünglichen „constitutio“ her ist der Mensch also heil geschaffen und zum Heil bestimmt. Mit dem Sündenfall Adams aber beginnt die Entfremdung des Menschen von Gott und von sich selbst. Der Mensch als Ganzes unterliegt nun dem Verfall, einer krankhaften Verformung, der „destitutio“. Krankheit ist in HILDEGARDS Denken kein Prozess, sondern eine Ermangelung, ein Unterbleiben, eine Verfehlung im Wesen selbst und damit auch ein existenzielles Defizit. Aufgabe der Heilkunst ist es angesichts dessen, dem Menschen den Weg zurück zum umfassenden Heil, zur „restitutio“, zu ermöglichen.

Vor diesem spirituellen Hintergrund lassen sich auch die Strukturen und Funktionen unserer leibhaftigen Organisation verstehen. Solange die Elementarkräfte im Organismus ihre von Gott gegebene maßvolle und geordnete Aufgabe erfüllen, garantieren sie dem Menschen Gesundheit und Heil. Sobald sie aber von ihrer geordneten Funktionsweise abweichen, machen sie krank und führen zum Tode. Ein in Verwirrung geratenes Säftesystem (entsprechend der antiken Säftelehre) führt sowohl zu somatischen wie auch zu psychischen Erkrankungen.

Als Gegenstände der Medizin verweist HILDEGARD auf die Naturkunde, auf die Krankheitslehre und auf die Lebenskunde. Nur in strenger Rangordnung durften diese „pharmaka“ verordnet werden: die Chirurgie (Schröpfen und Aderlass) ganz zuletzt, davor der Arzneimittelschatz, zu Beginn aber und ganz grundsätzlich die alle Therapie begründende und begleitende Diätetik. Sich im Alltag einer festen Lebensregel zu unterwerfen, das gehört für HILDEGARD einfach zu einem vernünftigen Lebensstil, zu einer ausgewogenen Lebensordnung, die man sich selber gibt oder von einem anderen annimmt. In HILDEGARDS Heilkunde geht es also weniger um eine therapeutische Korrektur, als um die Hinwendung zu sinnvoller und maßvoller Lebensführung (restitutio ad integritatem). Eine solche Lebensführung ist dem Menschen ganz natürlich. Denn alle Natur will von Natur aus zur Kultur.

Dabei ist es vor allem die „discretio“, die der heilige Benedikt als „Mutter aller Tugenden“ bezeichnet, die für HILDEGARD den Weg zu einer solchen Lebenskultur weist. Sie ist die Grundwurzel (radix prima) allen Handelns, mäßigt alles und übt in Mitte und Maß ihre heilsame Funktion aus (discretio temperat omnia). Als wichtige Heilmittel betrachtet HILDEGARD auch Heilkräfte wie z. B. die heilsamen Kräfte im Wort und in der Musik, vor allem aber in der persönlichen Zuwendung zum Kranken. Den bloßen Salbenmischern schreibt HILDEGARD ins Stammbuch: „Wie könnt ihr Heilmittel verabreichen, ohne eure Tugend dazu zutun!“ Was ihre Heilkunde also auszeichnet, ist eine gelungene Synthese der antiken „techne therapeutike“ mit dem christlichen Geist der „humanitas“ und der „misericordia“. Das Ethos des Arztes liegt denn auch nicht im Sanieren und Heilmachen um jeden Preis, sondern in jener Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Die „misericordia“ ist das Leitbild für alles ärztliche Tun schlechthin. Sie wendet sich hin zum anderen, leidet mit den Kranken und verkörpert einfach die Mitmenschlichkeit, die zum Heile dient. Es ist kein Zufall, dass diese Barmherzigkeit bei HILDEGARD das grüne Gewand der „viriditas“, der Grünkraft trägt, die die elementare Lebenskraft schlechthin ist.
HILDEGARD VON BINGEN gilt als „Schutzheilige der Krankenschwestern und Krankenpfleger“. Nicht nur aus Begegnungen mit Kranken, die von nah und fern kamen und Rat erbaten, sondern auch aus eigener Erfahrung wusste HILDEGARD um das Befinden des kranken Menschen, seine Hilfsbedürftigkeit und um die Möglichkeit seiner Heilung.

Um die medizinisch-heilkundlichen Werke zu beurteilen, muss man sie im Zusammenhang mit dem theologischen Weltbild sehen. HILDEGARD will nicht nur beschreiben, sondern immer die engen Seinzusammenhänge deutlich machen. Ihr Denken ist ganzheitlich, d. h. sie sieht den Menschen, das Tier, die Pflanzen aus der einen Schöpfung Gottes hervorgehen. Alles ist eingefügt in den großen Heilsplan Gottes, in Seine Heilsordnung.

Die Tatsache, dass HILDEGARD Benediktinerin war, gibt einen Hinweis für das Interesse an der Medizin. Es gehört zur Aufgabe der Benediktinerklöster, sich um erkrankte Mitbrüder und Laien zu kümmern. In Frauenklöstern war die medizinische Versorgung schwierig. HILDEGARD machte sich deshalb in der Medizin kundig. Sie verwendet keine medizinisch üblichen Fachwörter. Oft werden die Krankheiten nur sehr allgemein beschrieben. Sie wird oft mit dem Titel Ärztin versehen. Schauen wir jedoch näher in ihr Werk, so ist von den Ansätzen wissenschaftlicher Medizin nicht viel vorhanden. Ihre anatomischen Kenntnisse sind dürftig. Die mittelalterliche Betrachtungsweise ging über die rein naturwissenschaftlich orientierte Beurteilung weit hinaus. Es ging nicht um die chemische Zusammensetzung. Gerade die Pflanzen betrachtete man gerne als Spiegel und Gleichnis des Heilsgeschehens, der guten wie bösen Mächte. Im Grün der Kräuter tritt die „VIRIDITAS“ sichtbar in Erscheinung.

Ihre Reisen

  • Ihre erste große Reise von 1158 bis 1161 führte sie den Main hinauf nach Mainz, Wertheim, Würzburg, Kitzingen, Erbach und Bamberg.
  • 1160 trat HILDEGARD die rheinisch-lothringische Fahrt an, die sie bis nach Trier und danach die Mosel aufwärts nach Metz und zur Benediktinerabtei Krauftal führte.
  • Auf ihrer dritten Reise 1161 bis 1163, der Rheinfahrt, besuchte HILDEGARD Boppard, Kloster Marienberg bei Andernach, die Benediktinerabtei Siegburg. In Köln predigte sie öffentlich gegen die Katharer. Die Rheinfahrt führte sie weiter zur Benediktinerabtei von Werden und vielleicht sogar bis nach Lüttich.
  • Die vierte und letzte Reise unternahm HILDEGARD mit zweiundsiebzig Jahren nach Schwaben über Maulbronn, Hirsau, Kirchheim bis Zwiefalten.

Die Vita HILDEGARDS nennt neben den vier großen Predigtreisen auch fünfzehn Orte mit Klöstern, die sie aufsuchte. Auf all ihren Reisen beeindruckte sie durch ihre Reden. Sie mahnte zu besserem Ordensleben und zur inneren Umkehr. Offen übte sie Kritik an herrschenden Missständen. Im 12. Jahrhundert waren Predigtreisen nichts Außergewöhnliches. Die Hirsauer Mönche nahmen diese Sitte sogar in ihre Gebräuche-Sammlung auf. Ungewöhnlich an den Fahrten HILDEGARDS war nur, dass eine Frau auf Reisen ging. HILDEGARD VON BINGEN tat dies auch als einzige in ihrer Zeit.

Noch heute aktuell

Eine Erklärung dafür, warum ihre Schriften sich auch heute noch einer solchen Beliebtheit erfreuen, kann darin liegen, dass sie sehr jung wirkt, da sie sich an kein Schema anpasst, sondern immer bemüht ist, unkonventionelle Sichtweisen zu verdeutlichen. Sie eröffnet anscheinend auch den Menschen der Gegenwart den Zugang zu Gott, den sie so beeindruckend erfahren hat. Das 900jährige Geburtsjubiläum 1998 wurde mit zahlreichen Gedenkveranstaltungen begangen; zum Abschluss des HILDEGARD-Jahres wurde an der Mainzer Johannes-Gutenberg-Universität die Deutsche HILDEGARD-VON- BINGEN-Gesellschaft zur Erforschung und Verbreitung des Gedankenguts der Seherin gegründet. Zu einem besonderen Zweig der alternativen Medizin hat sich die »HILDEGARD-Medizin« entwickelt, deren Kommerzialisierung und Herauslösung aus dem Gesamtdenken auch Kritik erfahren hat.

Zeittafel: Leben und Werk der HILDEGARD von Bingen

1098HILDEGARD VON BINGEN wird in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen als zehntes Kind des Edelfreien HILDEBERT VON BERMERSHEIM geboren.
etwa 1106HILDEGARD VON BINGEN kommt zur geistlichen Erziehung in die Obhut der JUTTA VON SPANHEIM im Kloster Disibodenberg (Nahe/Glan).
zwischen 1112 und 1115HILDEGARD legt die Profess ab.
1136Nach dem Tod von JUTTA VON SPANHEIM wird HILDEGARD ihre Nachfolgerin als Vorsteherin des Konvents.
1141–1151In diesen Jahren entsteht HILDEGARDS Werk „Liber Scivias“.
1147/1148Auf der Trierer Synode bekommt HILDEGARD die kirchliche Bestätigung ihres Sehertums.
1147/1150HILDEGARD gründet ein Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen.
1158–1163Das Werk „Liber vitae meritorum“ entsteht.
1163–1174HILDEGARD VON BINGEN schreibt ihr wichtigstes Werk, den „Liber divinorum operum“.
1165HILDEGARD gründet das Tochterkloster in Eibingen.
1179HILDEGARD VON BINGEN stirbt am 17.09. auf dem Rupertsberg bei Bingen am Rhein.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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