Mumien

Natürliche Mumien

Natürliche Mumien entstehen ohne Zutun des Menschen unter besonderen Bedingungen:

  • Eismumien entstehen durch Gefriertrocknung. Der Verwesungsvorgang wird durch die Kälte stark verlangsamt und das Gewebe trocknet aus, bevor die Zersetzung des Körpers abgeschlossen ist. Ein bekanntes Beispiel ist der Fund einer männlichen Mumie aus dem Ötztal, „Ötzi“ genannt. Auch die Mitglieder der Franklin-Expedition auf der Suche nach der Nordwest-Passage (1845-1848) zählen dazu. Ein weiteres Beispiel sind die im Permafrostboden Sibiriens konservierten Mammuts.
  • Moorleichen kommen in Hochmooren vor. Hier halten der Sauerstoffabschluss sowie natürlich vorkommende Gerbstoffe und Huminsäuren den Verfall auf.
  • Trockenmumien entstehen bei geringer Luftfeuchtigkeit und hoher Temperatur durch rasche Austrocknung.
  • Salzmumien entstehen durch die konservierende Wirkung des Salzes.

1991 entdeckten Bergwanderer in den Ötztaler Alpen eine 5 300 Jahre alte Mumie mit vollständiger Kleidung und Ausrüstung. Nach dem Ableben des Manns wurde der Körper vermutlich über Nacht von einer luftdurchlässigen Schneeschicht bedeckt. In den folgenden Wochen führte eine kombinierte Gefriertrocknung zur Mumifizierung der Leiche. Das ursprüngliche Körpergewicht von ca. 50 kg reduzierte sich durch Dehydration auf 13 kg. Nach der Bergung befand sich der Leichnam unter gletscherähnlichen Bedingungen sechs Jahre lang am Institut für Anatomie der Universität Innsbruck, wo er eingehend untersucht und konserviert wurde. Im Januar 1998 wurde die Mumie in das speziell vorbereitete Archäologiemuseum in Bozen überstellt, wo sie heute einer breiten Öffentlichkeit zugänglich ist.

Im Sommer 1848 endete die dritte Expedition von SIR JOHN FRANKLIN (1786-1847) zur Entdeckung der Nordwest-Passage auf tragische Weise. Erst 138 Jahre später konnten die bestatteten Überreste einiger Seeleute entdeckt und untersucht werden. Unter gleich bleibenden Bedingungen haben die Körper im Permafrostboden der Arktis überdauert, wobei das Körpergewebe fast vollständig erhalten blieb.

Berichte über Moorleichenfunde aus nordeuropäischen Hochmooren liegen schon seit einigen Jahrhunderten vor. Die gefundenen Mumien sind gelegentlich aufgrund eines mit einer Tötung verbundenen Rechtsakts entstanden. Besonders schwerwiegende Verbrechen ahndeten germanische Stämme mit dem Versenken im Moor. Die Mumifizierung der Körper vollzog sich unter anaeroben Bedingungen im feuchten Milieu und unter Einwirkung von Huminsäuren und Gerbstoffen. Die Kalkarmut des Bodens sowie der sehr niedrige pH-Wert förderten den Abbau der Knochensubstanz, sodass bei zahlreichen Funden nur noch Haare, Haut und Reste der flach zusammengedrückten inneren Organe erhalten geblieben sind.

Wüsten mit heißem und trockenem Klima begünstigen die Entstehung von Trockenmumien. Im Jahr 1892 entdeckte man auf dem Westufer des Nils, nordwestlich der Ortschaft Negade unter dem Sand der libyschen Wüste ein weitläufiges Grabfeld mit mehr als 3 000 Gräbern. Die Bestattungen erfolgten in den Kulturepochen Negade I (4 000-3 500 v. Chr.) und Negade II (3 500 bis ca. 3 100 v. Chr.). Die Verstorbenen wurden entweder in Felle, Leintücher oder Leder eingewickelt und mit angezogenen Beinen in flache, mit Sand verfüllte Gruben gelegt.
In Nordchile wurden im Jahr 1899 bei Chuqincamata zwei menschliche Mumien in einem Kupferbergwerk entdeckt. Das Umfeld dieses Funds bietet Einblick in indianische Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zeit um 400 bis 600 nach Christi Geburt. Die natürliche Konservierung beruht in diesem Fall auf einer kombinierten Wirkung bakteriozider Kupfersalze und extrem geringer Luftfeuchtigkeit.

Künstliche Mumien

Die Vorstellungen der Menschen über ein Leben nach dem Tod führten in allen Völkern und Kulturen der Welt zu einem differenzierten und hoch entwickelten Bestattungswesen. In einigen Religionen geht man von einem körperlichen Weiterleben der Verstorbenen im Jenseits aus. Besondere Bemühungen galten deshalb dem Erhalt der körperlichen Hülle für ein Fortleben der Seele. Ein bekanntes Beispiel bieten die Bestattungssitten Ägyptens.

Die Ägypter beherrschten die Kunst der Mumifizierung perfekt. Nach ihrer religiösen Überzeugung musste der Körper für ein Leben nach dem Tod unversehrt sein. Daher versuchten sie durch verschiedene Maßnahmen die Leichen für die Ewigkeit zu konservieren. Im Alten Reich wurden unter Anleitung eines Balsamierungspriesters dem Verstorbenen die inneren Organe entnommen. Der Körper wurde 70 Tage lang in Natriumsalzen entwässert und anschließend mit Ölen und Harzen bestrichen. Oft wurde der Körper auch mit einer Schutzschicht aus Lehm, Gips oder Wachs überzogen. Danach wurde der in Leinenbinden gewickelte Leichnam für das Dasein im Jenseits in einen Sarg gebettet. Zu Beginn des Neuen Reiches wurden die inneren Organe separat mumifiziert, um in den sogenannten Kanopen getrennt aufbewahrt zu werden.

Die alten Ägypter benutzten aber auch Bitumen zur Konservierung ihrer Toten. Diesem fossilen Kohlenwasserstoff schrieb man bis ins 20. Jahrhundert hinein in Nordafrika und Europa Heilkräfte zu. Aus diesem Grund wurden ägyptische Mumien in vergangenen Jahrhunderten vielfach zu Wunder-Arzneimitteln verarbeitet. Eine deutsche Arzneifirma bot noch bis 1924 „Mumia vera Aegyptica“ an.

Im Laufe der Zeit wurden Tausende von Mumien gefunden, darunter auch einige von Herrschern. Die bekanntesten dürften die Mumien von RAMSES II und von TUT-ENCH-AMUN sein. Vor allem im vorigen Jahrhundert brachten Antiquitätensammler und Forschungsreisende zahlreiche Mumien nach Europa mit, wo sie überwiegend in die Sammlungen ägyptischer Altertümer gelangten. Allerdings wurden im 19. Jahrhundert durch das Auswickeln von Mumien als ein Party-Ereignis in gehobenen Kreisen viele Mumien zerstört.

Heilige Tiere, die als lebende Erscheinungsform der Götter gehalten wurden, wurden nach ihrem Tod ebenfalls mumifiziert. Häufig wurden Katzen, Falken, junge Krokodile und Ibisse präpariert und der Nachwelt erhalten.

Medizinische und anthropologische Untersuchungen können uns seit den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts wichtige Erkenntnisse über Ernährungsgewohnheiten, Krankheiten, Todesursachen und die angewandten Mumifizierungstechniken vermitteln und gewähren so Einblicke in die reale Lebenssituation der damaligen Menschen. Hierfür werden neben zahlreichen Untersuchungstechniken Computertomografien und biochemische Methoden eingesetzt. Dank dieser Untersuchungen ist man beispielsweise in der Lage, die kosmetischen Kunstgriffe der Balsamierer zu dokumentieren. Teilweise wurde den erschlafften Körpern mit Nilschlamm, Leinentampons und Sägespänen eine lebensechte Statur verliehen und fehlende Gliedmaßen wurden durch Prothesen aus Harz und Leinen nachgebildet. Gewebeproben, die mithilfe von Gas-Chromatografen und Massenspektrometern untersucht wurden, wiesen Kohlenwasserstoffe wie Isolongifolen, Cuparen, Cadalin und Longicyclen auf. Diese Bestandteile sind in Ölen enthalten, die aus Zypressen und Koniferen gewonnen werden (Terpene). Für die Altersbestimmung einer Mumie werden Gewebestäubchen mittels Massenspektrometer-Analyse untersucht. Die in der Probe enthaltenen und in einem Magnetfeld aufgefangenen 14 C-Isotope dienen bei einer gewissen Ungenauigkeit (± 50 Jahre) der Altersdatierung.

Verschiedene Völker Südamerikas betrieben einen ähnlichen Aufwand mit ihren Toten wie die Ägypter. Im Unterschied zu diesen wurden ihre Mumien nicht liegend in ausgestreckter Haltung, sondern sitzend-kauernd bestattet. In Peru wurden die Verstorbenen nach der Entnahme der inneren Organe mit verschiedenen Harzen bestrichen und anschließend in Tücher gewickelt und in Körbe gesetzt. Sie haben die Haltung eines Fötus, der bereit ist zur Wiedergeburt.

Im asiatischen Raum fand man insbesondere in China, Japan und Vietnam Mumien. In China hat man Mumien entdeckt, die durch ein abweichendes Verfahren konserviert wurden. Die unversehrten Körper ruhten in Särgen auf der Sohle von Grabschächten. Die Särge waren von einer Schicht Holzkohle und einem dicken Mantel aus weißem Lehm umgeben. An den Leichnamen konnten Wissenschaftler keine sichtbaren Zeichen des Verfalls entdecken, Ihre Haut war elastisch, Körper und Gliedmaßen beweglich, Gehirn und innere Organe kaum geschrumpft. Das Geheimnis dieser Mumifizierung liegt in einer quecksilberhaltigen Flüssigkeit, mit der die inneren Särge gefüllt waren. In der westlichen Welt ist bis zum heutigen Tag die genaue Zusammensetzung nicht bekannt.

Auch in unserer humid gemäßigten Klimazone können unter Ausnutzung bestimmter Gegebenheiten Trockenmumien entstehen. In Deutschland wurden in jüngerer Vergangenheit in zahlreichen Mausoleen und Kellern von Kirchen Mumien entdeckt. Ein bekanntes Beispiel ist der Bleikeller des Doms in Bremen. Innerhalb betroffener Grabgewölbe ist die Luft extrem trocken, da jene Gebäude mit ihren Fundamenten in lockerem Erdreich gebaut wurden. So versickert Regenwasser rasch, Feuchtigkeit kann nicht in Fußböden und Wände aufsteigen. Luftzufuhr aus Fenstern oder Mauerschlitzen bewirkt eine kräftige Zirkulation. So werden die Körper nach und nach ausgetrocknet und ständig gekühlt, Fliegen und andere Insekten können sich in diesem Raumklima nicht aufhalten, sodass keine Zerstörung durch Maden einsetzt.

In einer verzweigten Katakombe des 1534 erbauten Kapuzinerklosters in Palermo (Sizilien) werden etwa 8 000 Mumien, geordnet nach Geschlecht, Beruf und Alter in den Gängen in offenen Särgen aufbewahrt. Ab 1670 wurde die Gruft auch für die Öffentlichkeit zugänglich, sodass Freunde und Verwandte ihre natürlich getrockneten, festlich gekleideten Vorfahren besuchen konnten. 1880 wurde dieser ungewöhnliche Totenkult verboten.

Auch in der Neuzeit wurden Leichname für die Nachwelt u. a. in Formalinlösungen und Paraffin konserviert, nicht aus religiösen, sondern aus ideologischen Gründen. Beispiele dafür sind die Mumien von WLADIMIR ILJITSCH LENIN und MAO TSE TUNG. Mumifiziert wurden von sowjetischen Präparatoren neben dem Körper STALINs auch die kommunistischen Staatsoberhäupter DIMITROV (Bulgarien), GOTTWAND (Tschechei), HO CHI MINH (Vietnam) und NETO (Angola). Alle waren „Geschenke der Sowjetunion an ihre Bruderstaaten“.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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