Die Gruppe 47

HANS WERNER RICHTER und ALFRED ANDERSCH gründeten 1946 die literarische Zeitschrift „Der Ruf“ (1946–1947). Sie sollten „Unabhängige Blätter für die junge Generation“ sein.

„Der Ruf“ Nr. 15: „Das Kennzeichen unserer Zeit ist die Ruine. ... Sie ist unsere Wirklichkeit. .. Die Ruine lebt in uns wie wir in ihr ...
(Richter, Hans Werner: Literatur im Interregnum. In: Der Ruf, Nr. 15, 1947, S. 10f.)

1947 nach dem Verbot der Zeitung „Der Ruf“ gründeten sie mit GÜNTER EICH, WALTER KOLBENHOFF (1908–1993) u. a. die Gruppe 47, die einflussreichste literarische Gruppe in Westdeutschland und der BRD bis in die Sechzigerjahre. Bis 1967 gab es Begegnungen auf insgesamt 29 Tagungen. Anfangs traf man sich zweimal, später (ab 1956) nur noch einmal im Jahr. Man lud einen Schriftsteller zu einer Lesung ein, um dann das Gehörte einer umfassenden Kritik zu unterziehen. Dazu wurden auch Literaturkritiker (u. a. MARCEL REICH-RANICKI) eingeladen. Das Ziel war neben der Wiederbelebung einer jungen deutschen Literatur, der Manifestation politisch-zeitkritischer Einstellung und einer Geistesverwandtschaft der Autoren auch die Verleihung des Literaturpreises der Gruppe 47. Auf den Treffen lasen u. a. ILSE AICHINGER, HEINRICH BÖLL, INGEBORG BACHMANN, WOLFGANG HILDESHEIMER, UWE JOHNSON, WOLFDIETRICH SCHNURRE, HELMUT HEISSENBÜTTEL, PETER WEISS, PAUL CELAN, MARTIN WALSER, GÜNTER GRASS und JOHANNES BOBROWSKI

Den Literaturpreis der Gruppe 47 erhielten u. a. GÜNTER EICH (1950), HEINRICH BÖLL (1951), ILSE AICHINGER (1952), GÜNTER GRASS (1958) und JOHANNES BOBROWSKI (1962).

Im Mittelpunkt der beiden Romane HEINRICH BÖLLs – „Und sagte kein einziges Wort“ (1953) und „Haus ohne Hüter“ (1954) – stand die noch vom Krieg überschattete Nachkriegszeit. Latentes Wohnungselend, sanktionierter Katholizismus und psychische Haltlosigkeit des Ehepaars Käte und Fred bilden die Kulisse für „Und sagte kein einziges Wort“.

„Haus ohne Hüter“

Haus ohne Hüter“ ist die Geschichte des elfjährigen Martin Bach und seines Schulfreundes Heinrich Brielach, deren Väter im Krieg geblieben sind und die nun von Mutter und Großmutter großgezogen werden. Das Weiterwirken nationalsozialistischen Denkens und Handelns wird an einzelnen Figuren dargestellt und dabei die Frage nach Schuld und Verwicklung des Einzelnen in der Geschichte aufgeworfen. So ist Gäseler, jetzt Redakteur einer Zeitschrift, für den Tod von Martins Vater verantwortlich. Schurbigel war ein Kopftäter, der zum Thema „Der Führer in der modernen Lyrik“ promoviert hatte und nun Vorträge über die „Reize der Religion“ hält. Auch die Lehrer in der Schule behaupten, die Nazis seien gar nicht so schlimm gewesen. Dagegen steht die Biografie Albert Muchows, der Martin an die Stelle führt, wo er gefangen gehalten, verhört und gequält wurde.

Zeitgenossen über die Gruppe 47

Unter den Zeitgenossen war die Gruppe 47 nicht unumstritten. Sie galt als produktiv und elitär, als ermutigend und unbarmherzig, als freundschaftlich und ausgrenzend zugleich. HANS MAGNUS ENZENSBERGER bezeichnete die Gruppe 47 als „Zentralcafé einer Literatur ohne Hauptstadt“. Böser war die Äußerung des damaligen CDU-Politikers JOSEF HERMANN DUFHUES, als er die Gruppe als „geheime Reichsschrifttumskammer“ bezeichnete. Auch ELFRIEDE JELINEK hat ihre Probleme mit der Gruppe. Sie äußerte: „Die Gruppe 47 ist eine Sadistenvereinigung, an der ich nicht einmal unter Todesandrohung teilgenommen hätte.“

Ebenso wie die Emigranten ignorierte die Gruppe 47 jedoch auch die Autoren der Inneren Emigration.

Endgültiger Bruch

Die Gruppe 47 existierte bis 1967 (1977). Der endgültige Bruch ereilte die Gruppe 1967 in der Gaststätte Pulvermühle in Waischenfeld im Bayreuther Land. Anlass waren die Zeitumstände: Die Bundesrepublik wurde erstmals in einer Koalition von CDU/CSU und SPD unter Kanzler KURT-GEORG KIESINGER regiert. Die große Koalition hatte 1968 die Einführung einer Notstandsverfassung beschlossen, die den Staatsorganen Maßnahmen zur Abwehr innerer und äußerer Notlagen zur Verfügung stellte. Der Vietnam-Krieg forderte zu Stellungnahmen heraus, in Berlin demonstrierten Studenten gegen die geplanten Notstandsgesetze und für eine Hochschulreform. Sie forderten Stellungnahmen zu den gesellschaftlichen Verhältnissen von den Intellektuellen. Die Gruppe 47 verstand sich zu sehr als lockerer literarischer Kreis mit zum Teil freundschaftlichen Beziehungen, um sich auf politische Aussagen festlegen zu lassen. So gab es lediglich Äußerungen von einzelnen Mitgliedern. HANS WERNER RICHTER sprach später von den „ideologischen Fronten, die außerhalb der Gruppe 47 entstanden sind, an den Universitäten, in den Republikanischen Clubs, auf der Straße.“

GÜNTER GRASS (geb. 1927) war prominentes Mitglied der Gruppe. Er stellte hier seinen Roman „Die Blechtrommel“ vor, für den er 1999 den Literaturnobelpreis erhielt. GRASS verarbeitete in seiner Erzählung „Das Treffen in Telgte“, der Beschreibung einer Dichtertagung im Jahre 1647, das Treffen der „Gruppe 47“ literarisch.

Nach 1967 gab es keine nennenswerten Treffen mehr. Jedoch traf man sich privat 1972 noch einmal in Berlin. Die endgültige Auflösung war 1977 in Saalgau bei Ulm.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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