Die literarischen Themen der Fünfzigerjahre

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Krieg und Nachkrieg

Krieg und Nachkrieg wurden in Ost und West unterschiedlich dargestellt. Während im Osten die NS-Zeit vorwiegend als Verhältnis kommunistischer Widerständler zum NS-Regime beschrieben wurde, gab es im Westen eine eher kritische Reflexion der Verhältnisse und das Nachwirken der Nazi-Ideologien in den Köpfen der Menschen.
Im Westen gab es innerhalb der „Gruppe 47“ eine ungebrochene Beschäftigung mit Krieg und Nachkrieg gleichermaßen.

 

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„Die Blechtrommel“

GÜNTER GRASS' „Die Blechtrommel“ (1959) erzählt die Geschichte des Oskar Mazerath aus Danzig. Aus der Sicht des Dreißigjährigen, der in einer Heil- und Pflegeanstalt lebt, wird seine und die Geschichte seiner Familie erzählt: Von der kaschubischen Großmutter im Jahr 1899, wie Oskars Großvater Josef Koljaiczek Zuflucht vor den Feldgendarmen unter den Röcken der Großmutter findet und wo Oskars Mutter gezeugt wird, von Oskars Kindheit, als der mit drei Jahren beschließt, nicht mehr zu wachsen. Er will Trommler sein, und wenn er sich wehrt, tut er das mit seiner Stimme, die Glas zerbrechen lässt. Mit seiner Trommel bringt er die Marschmusik der Danziger Nazis aus dem Takt, mit seiner Stimme lässt er gläserne Theaterfassaden zerspringen. Oskar, der Anarchist, wehrt sich mit der Naivität eines Dreijährigen gegen die Umwelt, immer die Sehnsucht im Blick, in den Mutterschoß zurückkehren zu können.

„Sansibar oder Der letzte Grund“

ALFRED ANDERSCHs Roman „Sansibar oder Der letzte Grund“ ist die Geschichte einer Flucht aus Nazideutschland. Der junge Kommunist Gregor hilft einem Pfarrer, eine Skulptur, den „Lesenden Klosterschüler“, den die Nazis für entartete Kunst halten und vernichten wollen, aus Deutschland herauszuschmuggeln. Dabei trifft er auf Judith, die versuchen will, über die Ostsee ins neutrale Schweden zu flüchten. So hilft der Parteiarbeiter Gregor entgegen seinem Parteiauftrag dem Pfarrer Helander und dem jüdischen Mädchen.

Wiener Gruppe

Neben den Autoren der „Gruppe 47“, die sich vor allem einem magischen Realismus verpflichtet fühlten und sich an Werken ERNEST HEMINGWAYs (1899–1961), JOHN STEINBECKs (1902-1968) und WILLIAM FAULKNERs (1897–1962) orientierten, entwickelten EUGEN GOMRINGER (geb. 1925) sowie die Dichter der Wiener Gruppe H(ANS) C(ARL) ARTMANN (1921-2000) und GERHARD RÜHM (geb. 1930) u. a. Theorien einer konkreten Literatur.

Konkrete Literatur

Konkrete Literatur bezeichnet eine Literatur, die Worte, Buchstaben, Satzzeichen aus dem Zusammenhang der Sprache löst und sie dem Leser direkt gegenüber stellt. Die phonetischen, visuellen und akustischen Dimensionen des Textes werden durch Montage, Variation, Isolation, Reihung, Wiederholung, durch ihre ungewöhnliche grafische Anordnung oder durch lautes Lesen materialisiert.

Konkrete Literatur wird auch als auch konkrete Poesie, visuelle Dichtung bezeichnet. Den Begriff übernahm man von THEO VAN DOESBURG, der 1930 den Begriff „konkrete Kunst“ eingeführt hat. Die konkrete Literatur ist eine durchaus internationale Erscheinung. Ihre Vertreter waren u. a. in Bolivien Brasilien und Schweden zu Hause. Sie greift sowohl die Emblematik des Barock auf, um diese zu variieren, als auch Elemente des Dadaismus und des Surrealismus.

Wichtige Vertreter der konkreten Poesie sind:

  • ÖYVIND FAHLSTRÖM (1928–1976), Verfasser des „Manifestes für Konkrete Poesie“ (1953) aus Schweden
  • AUGUSTO (geb. 1931) und HAROLDO DE CAMPOS (geb. 1929) sowie DÉCIO PIGNATARI (geb. 1927), Dichter der brasilianischen Gruppe „Noigandres“ (gegr. 1952, „plano pilôto para poesia concreta“)
  • ERNST JANDL (1925-2000), KONRAD BAYER (1932-1964) und FRIEDRICH ACHLEITNER (geb. 1930) aus Österreich
  • HELMUT HEISSENBÜTTEL (1921–1996) aus Deutschland

Nicht die Darstellung von Sujets wird den konkreten Literaten wichtig, sondern das sprachliche Material.

HEISSENBÜTTEL

HEISSENBÜTTEL arbeitete schon seit Anfang der Fünfzigerjahre mit Zitatcollagen. Er nannte seine Texte „formelhafte Destillate der Erfahrung und des Gedankens, Bruchstücke am Rande des Verstummens“  und an anderer Stelle „Halluzinationen“. Sein Verfahren, die einzelnen Wörter aus ihrem Satzzusammenhang zu lösen, um ihre eigentliche Bedeutung zu erfassen, gipfelt in der Zerstörung des Satzes. Stattdessen gehen die Wörter eine Verbindung über ihren Klang ein. Die Regeln der deutschen Grammatik werden dabei aufgelöst. So wird eine Trennung heißenbüttelscher Texte in Lyrik und Prosa außerordentlich schwierig. Das „ausschließlich Subjektive des Gedichts“ wird genährt aus erinnerter Erfahrung.

Politische Lyrik

Stärker in der Tradition HEINEs und BRECHTs stehend, war diepolitische Lyrik HANS MAGNUS ENZENSBERGERs seit „verteidigung der wölfe“ (1957), seinem ersten Gedichtband. Damit wurde er sofort bekannt. Als „rabiater Randalierer“ und „Bürgerschreck“ (HANS EGON HOLTHUSEN) betitelte man ihn und als „zornigen jungen Mann der deutschen Literatur“. ENZENSBERGER schreibt über „utopia“, „misogynie“, „jemands lied“, „geburtsanzeige“, „anweisung an sisyphos“ und „ins lesebuch für die oberstufe“. Sein Titelgedicht lautet „verteidigung der wölfe gegen die lämmer“. Diese zeitkritische Lyrik benutzt irritierende Stilmittel (Verfremdung des Wortmaterials, parodistischer Gebrauch von Zitaten). Zugleich klagt sie an: „wer hängt sich stolz das blechkreuz/vor den knurrenden nabel?“ fragt der Autor, anspielend auf das Eiserne Kreuz.

[...] wer
nimmt das trinkgeld, den silberling,
den schweigepfennig? es gibt
viel bestohlene, wenig diebe; wer
applaudiert ihnen denn, wer
lechzt denn nach lüge?

(Enzensberger, Hans Magnus: Verteidigung der Wölfe. Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag, 1963, S. 90)

Es ist die Frage nach der Schuld der Unschuldigen, die auch ENZENSBERGERS Literatur prägt. Die Frage, inwieweit die Deutschen den Völkermord stillschweigend billigten, klang schon bei GRASS an. Hier jedoch beschreibt ein Autor das stumm gewordene Leben. Es wird keine Absolution erteilt. Schonungslos hält ENZENSBERGER den Unschuldig-Schuldigen den Spiegel vor, damit sie ihren Untertanengeist erkennen: „seht in den spiegel: feig,/scheuend die mühsal der wahrheit, /dem lernen abgeneigt, das denken /überantwortend den wölfen, /der nasenring euer teuerster
schmuck“ (ebenda S. 91). Die Enjambements in diesem Gedicht lassen keinen Zweifel: Jeder Blick in den Spiegel erinnert an die Feigheit der Hineinblickenden vor der Wahrheit. Sie haben sich schon schuldig gemacht, als sie den Parolen folgten, die das Land in den Ruin stürzten.„[...] keine täuschung zu dumm, kein trost /zu billig, jede erpressung/ist für euch noch zu milde“ (ebenda S. 91), heißt es in den Schlussversen.
Diese Sprache gibt es verständlicherweise in ihrer Deutlichkeit in der Lyrik der frühen DDR nicht und wenn ja, wurde sie nicht veröffentlicht.
Nach anfänglicher Thematisierung von Schuld und Unschuld an Nazireich und Krieg und der Entlastung der „Kleinen“ wurde dem DDR-Bürger die Befreiung von der Schuld in Aussicht gestellt, wenn man sich beim Aufbau des Neuen engagierte. Das „sozialistische Menschenbild“ geriet so zum Hoffnungsträger für die Vergangenheitsbewältigung.

 

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„Nackt unter Wölfen“

Der Roman „Nackt unter Wölfen“ von BRUNO APITZ (1900–1979) erschienen 1958, beschreibt die letzten Wochen im Konzentrationslager Buchenwald bis zur Selbstbefreiung der Häftlinge. APITZ selbst war in diesem Lager interniert gewesen, und so schildert er sehr einfühlsam und zugleich realistisch, wie das Auftauchen eines dreijährigen Jungen den vorbereiteten bewaffneten Aufstand der Lagerinsassen gefährden könnte und wie doch letztendlich sowohl das Kind vor der SS gerettet werden kann als auch der Aufstand gelingt. Das Werk wurde in über 30 Sprachen übersetzt.

„Tinko“

In „Tinko“ (1954) verarbeitete ERWIN STRITTMATTER (1912–1994) Episoden aus dem Leben seines Bruders, der beim Großvater aufwuchs. „Tinko“ thematisiert die gesellschaftlichen Umwälzungen auf dem Lande nach der Bodenreform in der östlichen Besatzungszone. Es wurde zu einem der beliebtesten Kinderbücher in der DDR. Der Autor wurde für das Buch 1955 mit dem Nationalpreis ausgezeichnet.

„Tinko“ ist die Geschichte eines ostdeutschen Bauernjungen nach dem Zweiten Weltkrieg, in der Zeit nach der Bodenreform. Tinkos Mutter ist gestorben und der Vater noch in Gefangenschaft. So lebt er bei den Großeltern, die nun ein eigenes Stück Land besitzen. Nach des Großvaters Willen soll Tinko den Hof einmal übernehmen. Aber eines Tages kehrt der Vater heim, träumt von einer neuen Zeit und engagiert sich für die gegenseitige Bauernhilfe. Tinko betrachtet den fremden Mann mit tiefem Misstrauen. Der starrsinnige Großvater wehrt sich gegen die „neue Zeit“ und vertreibt Tinkos Vater vom Hof. Tinko weiß nicht, woran er sich orientieren soll: an den modernen Ideen des Vaters oder an den traditionellen Vorstellungen des Großvaters. Schließlich lässt der Großvater ihn nicht mehr zum Schulunterricht. Er soll auf dem Feld helfen, die Ernte einzubringen. Da der Großvater nicht auf die „Kommunistenmaschinen“ zurückzugreifen mag, mäht er sein Getreide die halbe Nacht durch, bis sein altes Pferd zusammenbricht und stirbt. Nun schwinden auch dem Großvater auf seinem Stück Land die Kräfte.
Die DEFA drehte 1957 unter der Regie von HERBERT BALLMANN den Film „Tinko“ nach dem Buch von ERWIN STRITTMATTER.

Erstaunlich ist das massenhafte Auftreten vonLiteratur mit historischer Thematik in den Fünfzigerjahren in der DDR. Darin versuchte man, die deutsche Geschichte für sich zu reklamieren. WILHELM PIECK hatte auf dem III. Parteitag der SED auf die Unterschätzung des Studiums revolutionärer Bewegungen aufmerksam gemacht. Nach 1952 erschienen deshalb vorwiegend Werke, in denen das Volk gegen seine Unterdrücker kämpft: Stoff-Felder waren der Bauernkrieg und die Reformation, die Revolution von 1848 und die Befreiungskriege von 1813–1815.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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