Die Siebzigerjahre in der DDR

Zwischen 1961, dem Jahr des Mauerbaus, und 1969 gab es eine recht angespannte Lage zwischen beiden deutschen Staaten. Eine geregelte Reisefreiheit gab es nicht. Dem Alleinvertretungsanspruch der BRD stand die Zweistaatentheorie der DDR gegenüber, derzufolge auf dem Gebiet des ehemaligen Deutschen Reiches zwei souveräne Staaten entstanden seien. Der sich aus freien Wahlen im westlichen Teil Deutschlands legitimierende Alleinvertretungsanspruch der BRD hatte zur Folge, dass die DDR im internationalen Maßstab relativ isoliert war, sieht man von den Kontakten zu anderen sozialistischen Staaten einmal ab. Auch innenpolitisch gab es Spannungen: Seit Ende der Sechzigerjahre hatte man begonnen, die Mittelbetriebe zu verstaatlichen, dadurch wuchsen Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung zum Teil erheblich an.
Politisch begann das 1970er-Jahrzehnt in der DDR mit der Ablösung von WALTER ULBRICHT durch ERICH HONECKER als Generalsekretär (des ZK der SED) auf der 16. Tagung des ZK der SED am 3. Mai 1971.

Deutsch-deutsche Beziehungen

Mit dem Machtwechsel in der DDR und der sozialliberalen Koalition unter Bundeskanzler WILLY BRANDT („Neue Ostpolitik“) in der Bundesrepublik (1968–1974) verbesserten sich die deutsch-deutschen Beziehungen langsam.

Im März 1970 trafen sich BRANDT und der DDR-Ministerpräsident WILLI STOPH in Erfurt.
Im Rahmen der deutsch-sowjetischen Verhandlungen in Moskau hatte sich die Bundesrepublik bereit erklärt, die deutschen Grenzen anzuerkennen. im Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Sowjetunion heißt es dazu:

Artikel III: Sie verpflichten sich, die territoriale Integrität (= die Unverletzlichkeit des Staatsgebietes) aller Staaten in Europa in ihren heutigen Grenzen uneingeschränkt zu achten: sie erklären, daß sie keine Gebietsansprüche gegen irgend jemand haben und solche in Zukunft auch nicht erheben werden; sie betrachten heute und künftig die Grenzen aller Staaten in Europa als unverletzlich, wie sie am Tage der Unterzeichnung dieses Vertrages verlaufen, einschließlich der Oder-Neiße-Linie, die die Westgrenze der Volksrepublik Polen bildet, und der Grenze zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik.

Beide Staaten wurden 1973 in die Organisation der Vereinten Nationen aufgenommen, die DDR als souveräner Staat von über 100 anderen Staaten diplomatisch anerkannt. Zwischen der DDR und der BRD wurde am 21. Dezember 1972 der Grundlagenvertrag in Berlin (Ost) unterzeichnet:

Artikel 1: Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik entwickeln normale gutnachbarliche Beziehungen zueinander auf der Grundlage der Gleichberechtigung
Artikel 3: Entsprechend der Charta der Vereinten Nationen werden die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik ihre Streitfragen ausschließlich mit friedlichen Mitteln lösen und sich der Drohung mit Gewalt oder der Anwendungen von Gewalt enthalten. Sie bekräftigen die Unverletzlichkeit der zwischen ihnen bestehenden Grenze jetzt und in der Zukunft und verpflichten sich zur uneingeschränkten Achtung ihrer territorialen Integrität.
Artikel 4: Die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik gehen davon aus, daß keiner der beiden Staaten den anderen international vertreten oder in seinem Namen handeln kann.

Auswirkungen auf die Literatur

Die anfänglichen Hoffnungen auf eine Liberalisierung der Gesellschaft (HONECKERs Formel vom „real existierenden Sozialismus“; das er seit 1973 benutzte) erfüllten sich jedoch nicht. Zwar sollte nach dem VIII. Parteitag der SED und dem 4. ZK-Plenum eine Ära folgen, in welcher es „keine Tabus auf dem Gebiet von Literatur und Kunst“ (HONECKER) geben sollte. Diese „tabufreie Zeit“ währte nicht lange. Jedoch erschienen in dieser Zeit einige der wichtigsten Werke der DDR-Literatur, u. a. CHRISTA WOLFs „Nachdenken über Christa T.“ und „Kindheitsmuster“, VOLKER BRAUNs „Das ungezwungene Leben Kasts“ (1971), BRIGITTE REIMANNs „Franziska Linkerhand“ (1974, in einer gekürzten Fassung).

CHRISTA WOLFs „Nachdenken über Christa T.“ war 1968 bereits in einer Kleinstauflage im Mitteldeutschen Verlag Halle (S.) herausgekommen. Die Bücher waren jedoch für den allgemeinen Vertrieb innerhalb der DDR nicht vorgesehen, sondern wurden vielmehr an Partei- und Kulturfunktionäre verteilt. Der Rest der Kleinstauflage wurde in der Bundesrepublik vertrieben.

Andere wichtige Werke durften jedoch erst viel später (VOLKER BRAUNs „Unvollendete Geschichte“ entstanden 1975, erschienen 1988) oder nie (STEFAN HEYMs „Collin“, 1979, ROLF SCHNEIDERs „November“, 1979) in der DDR erscheinen.

ULRICH PLENZDORFs „Die neuen Leiden des jungen W.“ (entstanden 1968, Prosafassung 1972, dramatisierte Fassung 1973) bringt auf neue Weise den Helden als Arbeiter auf die Bühne. Es ist die Geschichte eines auf Individualismus und respektlosen Umgang mit den Klassikern beharrenden jugendlichen Tüftlers.

Inhaltsangabe

Der 17-jährige Held Edgar Wibeau schmeißt seine Lehre, nistet sich in einer Berliner Gartenlaube ein. Er findet auf einem Klo GOETHEs „Leiden des jungen Werther“ und versucht, in Tonbandbriefen an seinen Freund Willi seine Erlebnisse in Goethes Manier zu schildern. Edgar leidet an den Anpassungszwängen der Gesellschaft. Er protestiert gegen die Welt der Erwachsenen, insbesondere gegen seinen früheren Ausbilder, deren autoritärer Stil ihn in seiner Lebensqualität einschränkt. Er wendet sich gegen eine Vorbild-Erziehung, die die freie Entfaltung der Persönlichkeit (ein erklärtes Ziel der Pädagogik in der DDR) einschränkt. Edgar stirbt, als er versucht, ein neues Gerät für seine Malerbrigade auszuprobieren, an einem Stromstoß. Seine letzten Botschaften erreichen Willi aus dem Jenseits.

Der Leser soll die Geschichte zu Ende denken: War Edgars Tod ein Unfall oder ein Selbstmord, ähnlich dem des goetheschen Vorbildes? PLENZDORF führt in seinem Buch einen Helden vor, der lebt um des Lebens willen, ähnlich wie die Charaktere BÜCHNERs. Hier wird die Unbedingtheit des Lebens beschworen jenseits aller Richtlinien, Bevormundungen durch Staat und Partei und die verknöcherte Pädagogik, die sich orientierte an dem Willen von MARGOT HONECKER, der Frau des ersten Mannes im Staate DDR. Die Sprache orientierte sich an der Jugendsprache in der DDR, ähnlich in JEROME D. SALINGERs „The Catcher in the Rye“ (dt. „Der Fänger im Roggen“).

 

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

Learnattack

Gemeinsam zu besseren Noten!Kooperation mit Duden Learnattack

Lernvideos, interaktive Übungen und WhatsApp-Nachhilfe – jetzt Duden Learnattack 48 Stunden kostenlos testen.

Du wirst automatisch zu Learnattack weitergeleitet.
Lexikon Share
Beliebte Artikel
alle anzeigen

Einloggen