Kunst als Nachahmung der Natur: Die Frühaufklärung

Naturwissenschaft und Natur

Naturwissenschaftler hatten die Natur beobachtet und sie als „vernünftig“ angesehen. Dieses Vernunftsprinzip sollte nun auch auf die gesellschaftliche Ebene des absolutistischen Staates angewendet werden: Kategorien wie

  • Moral,
  • Religion und
  • Justiz

wurden hinsichtlich ihrer „Vernunft“ betrachtet. Auch die Literatur partizipierte davon. Man besann sich der antiken Traditionen.

LICHTENBERG

Ein Autor, der die Aufklärung im populärwissenschaftlichem Sinne mit Literatur verband, war GEORG CHRISTOPH LICHTENBERG. Er wandte sich leidenschaftlich sowohl gegen religiöse Intoleranz und Schwärmerei als auch gegen Aberglauben und Dogmatismus. Ein rhetorisches Beispiel für dieses aufklärerische Bemühen stellt seine „Rede der Ziffer 8 am jüngsten Tage des 1798sten Jahres, im grossen Rat der Ziffern gehalten“ (siehe PDF "Georg Christoph Lichtenberg - Rede der Ziffer 8") dar. Berühmt wurden auch LICHTENBERGs Aphorismen, die bis heute in jedem Aphorismen-Buch zu finden sind.

Viele von ihnen versammelte der Autor in seinem sogenannten „Sudelbuch“ (siehe PDF "Georg Christoph Lichtenberg - Sudelbücher") :

  • Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?
  • Ist es nicht sonderbar, daß die Menschen so gerne für die Religion fechten, und so ungerne nach ihren Vorschriften leben?
  • Es gibt wirklich viele Menschen, die bloß lesen, damit sie nicht denken dürfen.
  • Ein Buch ist ein Spiegel; wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.
  • Vom Wahrsagen läßt sich wohl leben in der Welt, aber nicht vom Wahrheit sagen.
  • Aus einer Menge von unordentlichen Strichen bildet man sich leicht eine Gegend, aber aus unordentlichen Tönen keine Musik.

Anakreontik

Das literarische Rokoko kultivierte die antike Anakreontik. FRIEDRICH VON HAGEDORN, JOHANN GEORG JACOBI (1740–1814), der Zweite Hallesche Dichterkreis um

  • JOHANN PETER UZ,
  • JOHANN NIKOLAUS GÖTZ (1721–1781) und
  • JOHANN WILHELM LUDWIG GLEIM

besangen in ihren Gedichten

  • das Leben und seine Freuden,
  • sie priesen Wein und Geselligkeit,
  • zeichneten eine poetische Schäferlandschaft.
  • Die Hallenser wollten die Melancholie vertreiben und durch heitere Literatur eine heitere Stimmung hervorrufen.

Der heitere Mensch war gesellig und umgänglich. Dies sahen die Anakreontiker als Voraussetzung dafür, dass die Menschen ihre Arbeitspflichten mit Freude wahrnahmen.

UZ

UZ war neben GLEIM der angesehenste und künstlerisch bedeutendste Vertreter der deutschen Anakreontik. 1746 übersetzte er zusammen mit GÖTZ „Die Oden Anakreons“. Nachdem er jedoch in die Literaturdiskussion um BODMER und GOTTSCHED geriet, von WIELAND kritisiert worden war, wandte er sich den ernsthafteren geistlichen und weltlichen Themen zu.

CLAUDIUS

Auch MATTHIAS CLAUDIUS, anfangs der Anakreontik verpflichtet, war später mehr mit religiösen und ethischen Themen befasst. CLAUDIUS Lyrik blieb stets volksliedhaft einfach, ist vielfach volkstümlich geworden („Der Mond ist aufgegangen“). Die Anakreontik als literarisches Phänomen ist einerseits als Weiterwirken barocker Vorstellungen, andererseits aber als literarische Empfindsamkeit innerhalb der Aufklärung zu verstehen.

BROCKES

Auch BARTOLD HINRICH BROCKES, der die Natur- und Landschaftslyrik für die Literatur entdeckte, ist aus diesen Strömungen heraus zu erklären. Sein „Irdisches Vergnügen in Gott“ (1721–1748, siehe PDF "Barthold Heinrich Brockes - Irdisches Vergnügen in Gott") zeigt im Titel zum einen die Gottgewandtheit des Barock, andererseits zeichnet er aufklärerisch die Entwicklung zum Deismus vor. „Irdisches Vergnügen“ bedeutet: Gott ist lediglich logischer Ursprung der Schöpfung, das Vergnügen in Gott ein diesseitiges, weltliches. In diesem Sinne ist BROCKES Verfasser von aufklärerischen Lehrgedichten.

HALLER

ALBRECHT VON HALLERs philosophisches Lehrgedicht „Die Alpen“ (1733, vgl. PDF "Albrecht von Haller - Versuch Schweizerischer Gedichte", S. 3) huldigte dem Leben im Einklang mit der Natur.

„Dieses Gedicht ist dasjenige, das mir am schwersten geworden ist“
(vgl. PDF "Albrecht von Haller - Versuch Schweizerischer Gedichte")

gesteht der Dichter in seiner Vorrede dieser Idylle.

GESSNER

SALOMON GESSNERs „Idyllen“ (1756, siehe PDF "Salomon Gessner - Idyllen") sind aus naturverbundener Perspektive verfasst. GESSNER bedichtet ein goldnes Weltalter als gewesenem Ideal. In seiner Vorrede erläuterte er seine Poetik als Zweiteilung von Gegenwart und Ideal:

„sie erhalten dardurch einen höhern Grad der Wahrscheinlichkeit, weil sie für unsre Zeiten nicht passen, wo der Landmann mit saurer Arbeit unterthänig seinem Fürsten und den Städten den Überfluß liefern muß, und Unterdrükung und Armuth ihn ungesittet und schlau und niederträchtig gemacht haben.“ (Vorrede An den Leser, siehe auch PDF "Salomon Gessner - Idyllen")

Der Bürger selbst geriet plötzlich zum Objekt der Betrachtung im bürgerlichen Trauerspiel und im Bildungsroman. CHRISTOPH MARTIN WIELANDs „Geschichte des Agathon“ (1766) schildert die Entwicklung eines jungen Menschen und gilt als Begründung des deutschen Bildungsromans.
WIELAND übersetzte auch XENOPHONs „Sokratische Gespräche aus Xenofons denkwürdigen Nachrichten von Sokrates“.
Die schöne Literatur (Belletristik) galt seit dem Meistersang als erlernbar. Aufklärerische Literatur sollte darüber hinaus belehren und unterhalten. Zugleich entwickelten Autoren der Aufklärung eigene Poetiken, die das Besondere der Poesie herausarbeiten und ihre Einzigartigkeit unterstreichen sollten. Aus der Idee, dass Poesie prinzipiell nicht erlernbar sei, entwickelte sich der Geniegedanke des Sturm und Drang.

JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED

Der Leipziger Professor für Poesie JOHANN CHRISTOPH GOTTSCHED (1700–1766) hatte sich mit den Ideen LEIBNIZ’ und seines Schülers CHRISTIAN WOLFF vertraut gemacht. 1730 gab er seinen auf philosophisch-rationalistischen Vorstellungen der Vorbilder LEIBNIZ und WOLFF fußenden „Versuch einer Critischen Dichtkunst vor die Deutschen“ in den Druck. Die letzten bedeutenden Poetiken stammten aus dem Barock (OPITZ, HARSDÖRFFER) und waren eher rhetorisch fundiert. In seiner Poetik legte GOTTSCHED Regeln für die Produktion von lyrischen und epischen Werken und für das Drama fest. Er fasste Dichtung traditionsgemäß als erlernbar auf. Und in diesem Sinne, als Lehrbuch der Dichtkunst ist der „Versuch...“ abgefasst. Die Hauptaufgabe von Literatur war für GOTTSCHED die sittlich-moralische Erziehung des Bürgertums. Im Sinne seines Vorbildes ARISTOTELES sah er die Aufgabe des Künstlers in der Nachahmung der Natur (Mimesis):

„Uberall aber gezeigt wird Daß das innere Wesen der Poesie in einer Nachahmung der Natur bestehe.“
(vgl. dort)

Einen großen Teil des Werkes nimmt die Gattungstheorie ein. Als äußerst bedeutsam erkennt Gottsched die Reform des Theaters. Er wollte das deutsche Theater zur Formenreinheit der Antike zurückführen. Dazu stützte er sich allerdings auf das französische Theater von RACINE (siehe PDF "Jean Racine - Phaedra") und CORNEILLE.

Das Theater des 18. Jahrhunderts fand vorwiegend als Volksbelustigung auf Jahrmärkten statt. Man kannte keine Textgrundlage, sondern spielte steigreifspielartig mit spontanen Texten. Die Schauspieler stellten Typen dar:

  • Liebhaber,
  • Lüstling,
  • schlaue Tochter,
  • alten Vater.

Seit dem frühen 16. Jahrhundert diente der Hanswurst (Harlekin) der Belustigung des Publikums. Ursprünglich stammte er aus der Commedia dell'arte. 1737 hat GOTTSCHED ihn gemeinsam mit der Theaterprinzipalin CAROLINE NEUBER in Leipzig von den deutschen Bühnen verbannt. Stattdessen schuf er die in fünf Akte gegliederte sächsische Typenkomödie. Sie ahmte eine lasterhaften Handlung nach, die vom Publikum verlacht wurde (Verlachkomödie). Die Ständeklausel wurde beibehalten: Eine zweigeteilte Handlung kontrastierte den Herrn mit dem Diener.
Die Handlung des Dramas sollte nach dem Vorbild der Wirklichkeit, der Natur dargestellt werden.

GOTTSCHED bewertete die Tragödie als die höchste Gattung der Poesie und hielt die Bühne für das geeignete Medium zur moralischen Belehrung des Publikums. In seinem Drama „Der Sterbende Cato“ (Uraufführung 1731, siehe PDF "Johann Christoph Gottsched - Sterbender Cato") hat er seine theoretische Position in die Praxis umgesetzt. GOTTSCHED nutzte für seinen „Cato“ Vorlagen von

  • JOSEPH ADDISON („Cato“, 1713) und
  • FRANÇOIS DESCHAMPS („Caton d'Utique“, 1713).

Von 1648 Versen schrieb er lediglich 174 selbst. Das recht trockene Ideendrama handelt von Cato, dem konservativen Gegner Caesars, den aufrechten und unbestechlichen Senator, der die Selbsttötung nach Caesars Sieg bei Utica 46 v.Chr. der Verhaftung und etwaigen Begnadigung vorzieht.
In seiner „Deutschen Schaubühne nach den Regeln und Exempeln der Alten“ veröffentlichte GOTTSCHED Übersetzungen aus dem Französischen, eigene Stücke und die seiner Frau, der GOTTSCHEDIN, sowie Werke von Freunden, ganz nach dem Prinzip „prodesse et delectare“ („nützen und erfreuen“) aus der „Ars poetica“ des HORAZ. Einen wirklichen Erfolg auf dem Theater war aber erst LESSING mit dem ersten bürgerlichen Trauerspiel „Miß Sara Sampson“ beschieden.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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