Phantasus

Phantasus

Am andern Morgen ist der Biela krank.
Der arme Biela!
Er sitzt vergnügt im Bett und pappt Kuchen.

Sein Bruder
spielt.

„Du – Mutter?
Mein Bär ist auch krank!“

So?
Na was fehlt ihm denn?

„Na, den hat doch n Schmetterling gebissen?“

Auf einem Stern mit silbernen Zacken
sitz ich und lach ich – ein kleines Kind.

Vögel und Blumen haben mich lieb,
blonde Engel spielen mit mir.

Unten grämt sich der Vater,
unten schluchzt die Mutter,
ich sitze und flechte mir einen Kranz aus Himmelsschlüsselchen.

Lieber Vater! Liebe Mutter!
Weint nicht!

Seht:

hier wachsen Blumen,
Lämmer springen,
und an jedem blanken Zacken
hängt ein Zuckerherz!

 

Auf einem vergoldeten Blumenschiff
mit Ebenholzmasten und Purpursegeln
schwimmen wir ins offne Meer.

Hinter uns,
zwischen Wasserrosen,
schaukelt der Mond.

Tausend bunte Papierlaternen schillern an seidnen Fäden.

In runden Schalen kreist der Wein.

Die Lauten klingen.

Aus fernem Süd
taucht blühend eine Insel . . .

Die Insel – der Vergessenheit!

 

Aus einem Kornfeld,
schräg zum See,
hob sich die Linde.

Auf schmalem Fussweg an ihr vorbei,
jeden Nachmittag durch die Juliglut zum Baden,
wir Jungens.

Der blaue Himmel, die tausend gelben Blüten, das Bienengesumm!

Und noch immer,
wenn die Andern längst unten waren,
– aus dem Wasser klang ihr Lachen und Geschrei –
stand ich.

Und sah den Himmel
und hörte die Bienen
und sog den Duft.

 

Aus schwerem Schlaf
plötzlich erwacht,
– es ist noch Alles dunkel, ich liege da –
formt sich, in mir, langsam, eine Strophe.

Ueber den Sternen . . .

Ueber den Sternen . . .

Ueber den Sternen hängt eine Harfe.

Selig sitzt die Nacht und singt.
Singt, dass die zitternden Herzen klopfen!

Aus den Saiten Sonnen tropfen.


Ueber den Sternen hängt eine Harfe,
selig sitzt die Nacht und singt!

Die Augen zu, die Zähne zusammen,
dass ich nicht schluchze!

 

Aus weissen Wolken
baut sich ein Schloss.

Spiegelnde Seen, selige Wiesen,
singende Brunnen aus tiefstem Smaragd!

In seinen schimmernden Hallen
wohnen
die alten Götter.

Noch immer,
abends,
wenn die Sonne purpurn sinkt,
glühn seine Gärten,
vor ihren Wundern bebt mein Herz
und lange . . . steh ich.

Sehnsüchtig!

Dann naht die Nacht,
die Luft verlischt,
wie zitterndes Silber blinkt das Meer,
und über die ganze Welt hin
weht ein Duft
wie von Rosen.

 

Dann losch das Licht,
und durch die Stille
nur noch dein Herzschlag . . .

Seligkeit!

Im Garten, frühauf, pfiff ein Vogel,
von tausend Gräsern troff der Thau,
der ganze Himmel stand in Rosen.

Lieber! Liebe!
Und wieder: Kuss auf Kuss . . .

Was kann die Welt uns jetzt noch bieten!

 

Draussen die Düne.

Einsam das Haus,
eintönig,
ans Fenster,
der Regen.

Hinter mir,
tictac,
eine Uhr,
meine Stirn
gegen die Scheibe.

Nichts.

Alles vorbei.

Grau der Himmel,
grau die See
und grau
das Herz.

 

Du gingst.

Die Blätter . . . fallen.

In blaue Dämmrung sinkt das Thal.

Ich starre in die steigenden Nebel. . . .

Da,
einmal noch, aus der Ferne,
weht dein Tuch.

Grüsse! Grüsse!

Ich strecke sehnsüchtig die Arme . . .

Vorbei.

Aus den Silberpappeln schreien die Staare in den Sonnenuntergang.

 

Durch die Friedrichstrasse
– die Laternen brennen nur noch halb,
der trübe Wintermorgen dämmert schon –
bummle ich nach Hause.

In mir, langsam, steigt ein Bild auf.

Ein grüner Wiesenplan,
ein lachender Frühlingshimmel,
ein weisses Schloss mit weissen Nymphen.


Davor ein riesiger Kastanienbaum,
der seine roten Blütenkerzen
in einem stillen Wasser spiegelt!

 

Ein kleines Haus mit grüner Thür
und Herzen in den Fensterläden!

Abends,
unter den Silberpappeln,
sitzen wir mit unsern Jungens.

„Mutter, Mutter, der Mond is kaputt!“

Der Kleinste guckt auf.

„Biela!
Bist du ein Maikäfer?“

„Ja.“

 

Ein mal noch,
bevor wir schlafen gehn,
zu unsern Jungens!


In beide Bettchen scheint der Mond.

Der Biela noch im Arm das Püppchen,
sein Bruder um den Hals die Perlenkette . . .


Leise,
auf Spitzzehen,
tasten wir in unser Zimmer.

 

Eine schluchzende Sehnsucht mein Frühling,
ein heisses Ringen mein Sommer -
wie wird mein Herbst sein?

Ein spätes Garbengold?

Ein Nebelsee?

 

Fern auf der Insel Nurapu
blüht der Baum Bo.
In seinen Wurzeln singt die See,
durch seine Zweige ziehn die Sterne.

Auf einem langen Ast, mein Gott: die Hirtin und der – Schornsteinfeger?

Die niedlichen kleinen Schuhe, der goldne Hut,
die schwarze Leiter, der Hirtenstab . . .

Ihr habt also doch nicht zurückgefunden?

Ach Gott, ja:
Wenn man aus Porzellan ist!

Das alte Stübchen mit dem Spiegeltischchen,
das verschnörkelte Spind aus Mahagoniholz,
der blaue, gemütliche Kachelofen!

Grossmutters Tulpen!

Das waren noch Zeiten!

Hier ruft keine Kukuksuhr,
hier duftet kein Lawendeltopf;
hier braust die See,
hier fliehn die Sterne.

Und ich sitze und weine bitterlich!

 

Fern liegt ein Land!
In dunklen Nächten
rauschten schwermütig seine Eichen.
Weiche Flocken deckten mein Grab.

Jetzt blühn die Primeln,
die Drossel singt,
und über grüne Wiesen, um den blauen See
treibt der Schäfer seine Schafe.

Weisse Wölkchen gleiten.

Du süsse Welt!
Auf deinen glänzendsten Stern
hast du ein Herz, das dich liebt, gerettet!

 

Hinter blühenden Apfelbaumzweigen
steigt der Mond auf.

Zarte Ranken,
blasse Schatten
zackt sein Schimmer in den Kies.

Lautlos fliegt ein Falter.

Ich strecke mich selig ins silberne Gras
und liege da
das Herz im Himmel!

 

Ich bin der reichste Mann der Welt!
Meine silbernen Yachten
schwimmen auf allen Meeren.

Goldne Villen glitzern durch meine Wälder in Japan,
in himmelhohen Alpenseeen spiegeln sich meine Schlösser,
auf tausend Inseln hängen meine purpurnen Gärten.

Ich beachte sie kaum.

An ihren aus Bronze gewundenen Schlangengittern
geh ich vorbei,
über meine Diamantgruben
lass ich die Lämmer grasen.

Die Sonne scheint,
ein Vogel singt,
ich bücke mich
und pflücke eine kleine Wiesenblume.

Und plötzlich weiss ich: ich bin der ärmste Bettler!

Ein Nichts ist meine ganze Herrlichkeit
vor diesem Thautropfen,
der in der Sonne funkelt.

 

Ich bin ein Stern. Ich glänze.

Thränenbleich
hebst du zu mir dein Gesicht;
deine Hände
weinen.

„Tröste mich!“

Ich glänze.

Alle meine Strahlen
zittern in dein Herz.

 

Ich liege noch im Bett und habe eben Kaffee getrunken.
Das Feuer im Ofen knattert schon,
durchs Fenster,
das ganze Stübchen füllend,
Schneelicht.

Ich lese.

Huysmans. Là Bas.

. . . Alors,
en sa blanche splendeur,
l'âme du Moyen Age rayonna dans cette salle . . .

Plötzlich,
irgendwo tiefer im Hause,
ein Kanarienvogel.

Die schönsten Läufe!


Ich lasse das Buch sinken.

Die Augen schliessen sich mir,
ich liege wieder da, den Kopf in die Kissen – –

 

Ich liege zwischen dunklen Spiegelwänden.
Grüne, glimmende Seesterne,
Augen, die glotzen,
ein riesiger Rochen reisst sein Maul auf.

Ein Druck, und sie leuchten!

Durch einen roten Korallenwald segelt ein silberner Mondfisch!

Ich liege und rauche aus meiner Wasserpfeife.

 

Ich möchte alle Geheimnisse wissen! Alle Sterne, über die Meere rollen, schöpf ich mit meiner Hand.

In meine Träume
drehn sich Welten,
und mich entzückt das kleinste Nest,
das im Sommer ein Schwalbenpaar
an meinem Giebel baut.

Das leiseste Zwitschern draus
rührt an mein Herz!

 

Ich öffne ein kleines Gitter.

Die Märzgefallnen.

Ueber den Weg, durch welkes Laub, hüpfen Schwarzdrosseln,
um verwitternde Kreuze im Sonnenlicht spielen glitzernde Fäden.

In eine Ecke,
– der Epheu blinkt, ich bücke mich –
auf einem Stein, liegen Rosen.

Dünne Ranken, graues Moos und Thautropfen.

Die alten Buchstaben sind kaum mehr zu lesen.

Mit Mühe nur entziffre ich:
„Ein . . . un . . . be . . . kann . . . ter . . . Mann.“

 

Ich trat in mein Zimmer
Die Fenster standen weit auf,
draussen
schien die Sonne.

Wie wunderbar,
Rosen?
Ein ganzer Strauss!
Weisse, gelbe, dunkelrote . . .

Ah, wie das duftete! Wie das wohl that!

Und ich stellte das Glas wieder auf meinen Schreibtisch.

Dort steht es und schimmert nun,
und in Alles, was ich schreibe, fällt sein schöner Schein.

Du Liebe, du Gute!

 

Ich weiss.

Oft
wars nur ein Lachen, ein Handdruck von dir,
oder ein Härchen, ein blosses Härchen,
das dir der Wind ins Genick geweht,
und all mein Blut
gährte gleich auf,
und all mein Herz
schlug nach dir.

Dich haben, dich haben,
dich endlich mal haben,
ganz und nackt, ganz und nackt!

Und heut,
zum ersten Mal,
unten am See, glitzernd im Mittag,
sah ich dich so.

Ganz und nackt! Ganz und nackt!

Und mein Herz
stand still.

Vor Glück, vor Glück.

Und es war keine Welt mehr,
nichts, nichts, nichts,

es war nur noch Sonne, nur noch Sonne –

so schön warst du!

 

Im Thiergarten, auf einer Bank, sitz ich und rauche;
und freue mich über die schöne Vormittagssonne.

Vor mir, glitzernd, der Kanal:
den Himmel spiegelnd, beide Ufer leise schaukelnd.

Ueber die Brücke, langsam Schritt, reitet ein Leutnant.

Unter ihm,
zwischen den dunklen, schwimmenden Kastanienkronen,
pfropfenzieherartig ins Wasser gedreht,
– den Kragen siegellackrot –
sein Spiegelbild.

Ein Kukuk
ruft.

 

In einem alten Park ein Schlösschen.

Ueber seinem bemoosten Dach glänzt ein Sommerhimmel,
sieben verwilderte Taxusalleeen
treffen sich vor seiner Thür.

Ich halte die Hand vor und sehe in ein Fenster.

Nichts.

Dann,
blinkend,
ein Goldrahmen,
verschwimmende Farben,
jetzt,
deutlich:

Eine rosenüberstreute Tapete,
ein blauer Divan,
eine nackte Dame füttert einen Kakadu!

 


In einem Garten
unter dunklen Bäumen
erwarten wir die Frühlingsnacht.

Noch glänzt kein Stern.

Aus einem Fenster,
schwellend,
die Töne einer Geige . . .

Der Goldregen blinkt,
der Flieder duftet,
in unsern Herzen geht der Mond auf!

 

In einen brennenden Abendhimmel,
aus Staub und Dunkel,
steigt der Dom.

Die Glocken läuten.

Die kleinen Linden stehen schwarz,
vor ihren Thüren sitzen alte Leute.

Feierabend!

Die Gassen schweigen.

Die Gluth erlischt,
am Himmel
leise
ziehn die ewigen Sterne auf.

 

In meinem glühendsten Tulpenbaum
tausend Blüten!

Eine süsse Stimme singt:

„Blaue Flügel aus Perlmutter,
als Hochzeitsbett ein Lilienblatt,
eine ganz kleine Prinzessin!

Keiner kennt mich.

Niemand weiss,
wo mein Haus steht.

Sieben Regenbogenbrücken
funkeln zu ihm durch meinen Garten.

Wenn in deine Seele die Sonne scheint,
besuch mich mal.

Hörst du?“

Starr,
aus Schlangen gewunden,
steht der Baum.

Ein Windstoss rüttelt,
wie tanzende Flammen wehn seine Blüten.

(alle Gedichte aus: Arno Holz: Phantasus. Verkleinerter Faksimiledruck der Erstfassung. Herausgegeben von Gerhard Schulz, Stuttgart: Reclam, [1978].)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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