Die anglikanische Kirche in Großbritannien

Der Bruch mit Rom und die Entstehung der anglikanischen Kirche

Im Jahr 1532 wurde die englische Geistlichkeit gesetzlich verpflichtet, HEINRICH VIII. als „Oberstes Haupt der Kirche“ (supreme head) anzuerkennen. Damit erlangte der englische Monarch als Leiter des Kirchenwesens eine den lutherischen Reichsfürsten vergleichbare Stellung. Eine Reform der theologischen Lehre und des geistlichen Lebens ging damit jedoch nicht einher.

HEINRICH VIII. hatte diesen Schritt unternommen, nachdem sich Papst KLEMENS VII. weigerte, die Ehe HEINRICHS mit KATHARINA VON ARAGON aufzulösen. Im Act of Appeals erklärte das englische Parlament daraufhin die römische Kurie in Fragen des Eherechts für unzuständig, sodass der von HEINRICH ernannte Erzbischof von Canterbury, THOMAS CRANMER, die Ehe 1533 annullieren konnte. Durch den Act of Succession wurden 1534 alle britischen Untertanen zum Eid auf die neue Kirchenverfassung und die Thronfolge verpflichtet. Auf die Verweigerung des Eides stand die Todesstrafe, der prominente Persönlichkeiten wie der Bischof von Rochester, JOHN FISHER, und der Humanist THOMAS MORE zum Opfer fielen. Der Anspruch, England als künftige protestantische Vormacht in Europa zu etablieren, zog innenpolitisch die unerbittliche Bekämpfung des altkirchlichen Widerstandes nach sich. Viele romtreue Engländer wurden als Hochverräter auf dem Schafott hingerichtet.

Krise und Sieg der englischen Reformation

Die von 1553 bis 1558 regierende englische Königin MARIA I. betrieb die gewaltsame Rekatholisierung Englands, um das Land wieder zur römischen Kirche zurückzuführen. Wegen der von ihr veranlassten grausamen Verfolgung der Protestanten ging sie als Bloody Mary in die Geschichte ein. Als letzte Überlebende des Hauses Tudor bestieg ihre Halbschwester ELISABETH I. den Thron und leitete einen politischen Kurswechsel ein. Sie beendete den Krieg mit Frankreich und ordnete die Kirchenverhältnisse. Unter ihrer Herrschaft etablierte sich der Anglikanismus als Staatskonfession, die keinen Anspruch auf Geltung außerhalb des Königreichs England erhob. Allerdings verpflichtete der Gehorsam gegenüber der Krone alle englischen Untertanen, der anglikanischen Kirche anzugehören:

  • Die wieder gegründete anglikanische Staatskirche unterstand der Krone, die alle geistlichen Würdenträger ernannte.
  • Lehre und Liturgie dieser Kirche unterlagen der Gesetzgebung des Parlaments, das sich in einigen dogmatischen Punkten, beispielsweise bei der Auffassung vom Heiligen Abendmahl, an die Lehren des Reformators CALVIN anlehnte.

1570 exkommunizierte Papst PIUS V. Königin ELISABETH als Ketzerin und „falsche Königin von England“. Alle Untertanen wurden aufgerufen, den Gehorsam aufzukündigen und die katholische Königin MARIA STUART von Schottland als rechtmäßige Herrscherin Englands anzusehen. Auf dem Höhepunkt des Kampfes zwischen London und Rom litten die englischen Katholiken unter dem erbarmungslosen Terror der Obrigkeit, während Papst GREGOR XIII. einen politischen Mord an ELISABETH für gerecht erklärte und ein päpstliches Heer nach Irland schickte, um einen Aufstand gegen die Engländer auszulösen. Weil aber die Mehrheit von Volk und Parlament die Politik ELISABETHS unterstützte, gelang es ihr, Aufständische und konfessionelle Abweichler zu isolieren. Dazu bediente sie sich der 1583 geschaffenen High Commission, eines königliches Glaubenstribunals, das die Methoden der spanischen Inquisition übernahm.

Die Organisation der anglikanischen Kirche

Die Church of England gliedert sich in die Kirchenprovinzen Canterbury und York mit insgesamt 44 Diözesen. Zur Provinz Canterbury gehört auch die Diözese Gibraltar. Grundlage für Gottesdienst und Bekenntnis ist neben der Bibel das Common Prayer Book in der Fassung von 1662 mit den 39 Glaubensartikeln, die im Wesentlichen der stark kalvinistisch beeinflussten Fassung von 1552 entspricht. Daneben gibt es seit 1980 ein Alternative Service Book.
Seit dem 19. Jahrhundert existieren drei Hauptrichtungen in der Kirche von England:

  • die niederkirchliche Low Church, die eine aktive christliche Lebensführung fordert und sozial stark engagiert ist,
  • die hochkirchliche High Church, die als konservative Richtung in Theologie und Kultus auf das katholische Erbe zurückgreift,
  • und die gemäßigt liberale, von der historisch-kritischen Theologie beeinflusste Board Church.

Nach heftigen innerkirchlichen Kontroversen beschloss die anglikanische Kirche 1992, Frauen zum Priesteramt zuzulassen. 1994 wurden die ersten Priesterinnen geweiht.

Die Church of Scotland, die Staatskirche in Schottland, mit reformiertem Bekenntnis und Presbyterialverfassung entstand im 16. Jahrhundert nach dem Vorbild der Genfer Reformation. Nominell bekennt sich heute knapp ein Viertel der Bevölkerung Schottlands zur Schottischen Kirche. Die Zahl der eingeschriebenen Kirchenmitglieder beträgt rund 1,2 Mio. Die Schottische Kirche war maßgebend an der Gründung des Reformierten Weltbundes beteiligt.

Eine Folge der englischen Kolonialgeschichte war die Ausbreitung der anglikanischen Kirche auf andere Länder und Erdteile. Außer den englischsprechenden Kirchen Kanadas (Church of Canada), Australiens (Church of Australia), den USA (Episcopal Church) und Südafrikas (Church of South Afrika) gibt es viele anglikanische Nationalkirchen, z. B. die Japans, Westindiens und Ugandas, in denen der Gottesdienst in der Landessprache abgehalten wird. Das Bindeglied der anglikanischen Kirchen ist die Lambeth-Conference, auf der alle zehn Jahre die anglikanischen Bischöfe unter dem Ehrenvorsitz des Erzbischofs von Canterbury zusammentreffen.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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