Irische Literaturgeschichte

Die keltischen Wurzeln

Obwohl Irland ein verhältnismäßig kleines Land ist, hat es eine große Anzahl namhafter Schriftsteller hervorgebracht, deren Werke die Entwicklung der Weltliteratur entschieden beeinflusst haben. Bis in die heutige Zeit weist irische Literatur einige sehr typische Merkmale auf, die in dieser Form einzigartig für die Literatur der grünen Insel sind. Um ihre Eigenarten näher zu verstehen ist es notwendig, einen kurzen Blick auf die Wurzeln des literarischen Schaffens in Irland zu werfen. Diese beginnen in der Welt der Mythologie und damit eng verbunden, in der mündlichen Tradition der Dichtkunst. Unter den Einwohnern Irlands wurden diese Geschichten und Legenden schon lange vor der Beginn des Christentums von Generation zu Generation weitererzählt.
Texte, die uns von dieser Zeit meist in epischer Form erzählen, wurden ab dem 6. Jahrhundert in irischen Klöstern und Abteien verfasst. Irische Mönche hatten es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichten aus dem Volk in ihren Schreibstuben auf Pergamentpapier festzuhalten, um sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. In ihnen wurde hauptsächlich vom Leben irischer Helden berichtet, und ihrem Kampf um das Land und den Königsthron gegen die Feinde des Stammes. Jeder Königshof hielt sich einen hauptberuflichen Dichter, dem sogenannten fíli, der diese Geschichten kunstvoll vor Publikum erzählen konnte. Auf diese öffentliche und nach strengen Regeln geordnete Darbietung der Geschichten in Prosa- oder Versform mögen nun zwei wesentliche Merkmale irischer Literatur zurückzuführen sein: zum einen die Lust am ausschweifenden Erzählen und im Bezug auf die Mythen und Legenden zum anderen eine starke Präsenz übernatürlicher Begebenheiten.

Irische Literatur und Bildungspolitik

Mit der Anbindung Irlands an die englische Nachbarinsel im 12. Jahrhundert wurde Irland zu einer Kolonie des mächtigen England. Dies bedeutete, dass ein neues Herrschafts- und Verwaltungssystems die alten Strukturen ersetzte. Für die Entwicklung der irischen Literatur ist hieran wichtig, dass zu diesem Zeitpunkt Mitglieder des englischen Adels nach Irland kamen, um die kolonialen Gebiete zu verwalten. Diese hatten eine schulische Bildung genossen und waren somit des Lesens und Schreibens mächtig. Mehr noch: sie hatten eine viel stärkere Verbindung zur europäischen (Schrift) -kultur als die Einwohner selbst. Zwar vermischten sich englischstämmiger und irischer Adel zu der Zeit durch Bündnisse und Heiraten. Für die Entwicklung der Literatur bedeutete dies aber, dass die keltischen Mythen und Legenden als Teil des irischen Kulturgutes zwar nach wie vor erzählt wurden (die Rolle des „fíli“ gab es in seiner offiziellen Funktion noch bis weit ins 16. Jahrhundert hinein und ein veränderter Form noch bis heute). Doch weil sie nicht zur neuen, offiziellen Kultur des Landes gehörten, und die des Schreibens mächtigen Siedler eher auf die literarischen Entwicklungen in Europa ausgerichtet waren, verloren sie mit der Zeit immer mehr an Beachtung.
Die Vormachtstellung der englandstämmigen Siedler verstärkte sich im 16. Jahrhundert durch die von der englischen Krone befohlene Ansiedlung im Norden und Osten Irlands (Plantation). Ab diesem Zeitpunkt begann sich jene gesellschaftlich höhergestellte Schicht zu bilden, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der irischen Literatur haben sollte: die Protestant Ascendancy. Ihr Einfluss war vor allem durch den Zugang zur höheren Bildung und damit verbunden zum Erwerb von Lese- und Schreibfähigkeit gesichert. Nicht nur dass: durch die Schaffung exklusiver Bildungseinrichtungen wie dem Trinity College Dublin (1592) sicherte sich die anglo-irischen Klasse ihre Vormachtstellung in der Gesellschaft. Denn die von England gesteuerte Politik erschwerte der Mehrheit der irischen Einwohner, den Katholiken, die Möglichkeit einer schulischen Bildung durch systematische Benachteiligung aufgrund ihres Glaubens (Penal Laws 1696-1725). Zudem waren die anglo-irischen Siedler und ihre Nachfahren auch wirtschaftlich bessergestellt und hatte somit auch einfach mehr Zeit, sich mit dem Studieren von Büchern zu beschäftigen. Daran änderte auch die Einführung des für alle Iren geltenden staatlichen Grundschulwesens 1831 nicht viel. Zumindest ermöglichte die Gründung der ersten Katholischen Universität 1854, das heutige University College Dublin, nun auch Katholiken den Zugang zu höherer Bildung und den Literaturen der Welt, insbesondere der klassischen Literatur.

Irische Literatur und Katholizismus

Die Verbindung von Bildung, dem damit geschaffenen Zugang zur Literatur und der katholischen Kirche ist äußerst wichtig für das Verständnis der irischen Literatur bis in die heutige Zeit. Denn was die katholischen Iren an Bildung erhielten, wurde ihnen von der Kirche und deren Ordensgemeinschaften vermittelt. Literarische Bildung bestand in erster Linie aus der Kenntnis der Bibel, meist in lateinischer Sprache, und der klassischen Literatur. Diese Art der Ausbildung hat sich bis in die heutige Zeit erhalten: das irische Schulsystem wird hauptsächlich von Ordensgemeinschaften betrieben, auch wenn nun jedoch noch viele andere Fächer auf dem Stundenplan stehen. Die Begegnung mit dem Katholizismus zu Schulzeiten, die Bildsprache der Bibel, insbesondere die Ideen von Himmel und Hölle, aber auch der Begriff der Sünde sind ein durchgängiges Motiv in der (von Katholiken geschriebenen) irischen Literatur.

Irische Literatur und die Familie

Die Familie bildet ein weiteres wichtiges Thema der irischen Literatur. Die Familie kann als Gegenstück zum herrschaftspolitischen Thema Anglo-Iren gerechnet werden, da die Familie häufig in Zusammenhang mit dem Einfluss der katholischen Kirche gebracht wird und somit eher der katholisch-irischen Schriftstellern zugeordnet ist. Meist handelt es sich hierbei um die Untersuchung von Vater-Sohn Beziehungen oder die Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Als relativ kleines Land hat Irland eine ungemein viele einflussreiche Schriftsteller hervorgebracht. Doch nicht nur das, Irland verzeichnet auch eine verhältnismäßig große Anzahl an Literaturnobelpreisträgern:

WILLIAM BUTLER YEATS (1923),
GEORGE BERNHARD SHAW (1925),
SAMUEL BECKETT (1969)
und SEAMUS HEANEY (1995).

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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