Irland, Kultur

Der Begriff „Kultur“ ist äußerst komplex und umstritten, und eine ausführliche Auslegung irischer Kultur unter ihren institutionellen, technischen, materiellen und politischen Aspekten sprengt den Rahmen dieses Beitrags. Hier sei auf die anderen Artikel zum Thema irische Geschichte, Wirtschaft und Gesellschaft verwiesen. Im Folgenden ist der Begriff „Kultur“ eher auf die geistigen und künstlerischen Aspekte irischer Kultur ausgerichtet. Dies ist in sofern gerechtfertigt, als dass unter unterschiedlichen geschichtlichen Bedingungen gerade die Künste zum Erhalt der irischen Kultur und ihrer Gesellschaft beitrugen.

Nationale Identität

Kultur in Irland grenzt, wie in den meisten anderen Ländern auch, immer an Fragen nach der eigene Herkunft und den Traditionen. Aufgrund der sehr komplexen Beziehung zum benachbarten England, zu dessen kolonialen Gebieten Irland gehörte, war der Begriff der Kultur in Irland jahrhunderte lang an die Frage der eigenen Identität gebunden. Englands Politik bestand zu einem großen Teil daraus, die irische Kultur zu unterdrücken, da diese auch immer eine Gefährdung der englischen Vormachtstellung bedeutete (z. B. durch Erlass der Statutes of Kilkenny im Spätmittelalter, oder auch der Penal Laws des 17. Jahrhunderts). Doch bewirkte solch offizielles Vorgehen oft das genaue Gegenteil: insbesondere die traditionelle irische Musik wurde zum Träger politischen Widerstands. Balladen mit anti-englischen Liedtexten waren beispielsweise zu Zeiten der Rebellion 1798 in vieler Leute Munde und auch heute noch sind Lieder mit politischem Inhalt im Umlauf. Doch werden sie jetzt eher zum Spaß mit einem Pint in der Hand im örtlichen Pub gesungen.

Persönliche Identität

Mit dem Beginn des Celtic Revivals Ende des 19.Jahrhunderts wandelt sich auch die Idee, dass irische Kultur Ausdruck irischer Abstammung sein muss. Bestes Beispiel hierfür ist der von englischen Siedlern abstammende und in Irland geborenen Schriftsteller WILLIAM BUTLER YEATS. Für ihn waren die alten, irisch-keltischen Mythen und Legenden Material um sich und seine Kunst zum Ausdruck zu bringen. Nichtsdestotrotz interessierte ihn in einem bestimmten Lebensabschnitt ebenso sehr die japanische Kultur, die er in vielen Theaterstücken mit traditionellen irischen Motiven und Themen verknüpfte.

Tradition und Gegenwart

In dieser Hinsicht war YEATS ein Vorreiter für den Umgang mit irischen Traditionen in der heutigen Zeit. Kultur, die aus Irland stammt oder in Irland gelebt wird hat mittlerweile viele Formen angenommen. Eine davon sind die irischen Festivals und Feiertage, die in vielen Ländern der Welt praktiziert werden. So findet die alljährliche St. Patrick's Day Parade am 17. März zu Ehren des irischen Nationalheiligen St. Patrick nicht nur in Irland statt, sondern wird auch an Orten der USA gefeiert, in denen viele irischstämmige Amerikaner (als Teil der sogenannten irischen Diaspora) leben. Das wohl bekannteste Fest ist jedoch Halloween, ein altes, heidnisches Fest der Kelten das jedes Jahr am 31. Oktober begangen wird und zu Ehren der Verstorbenen abgehalten wurde. Heutzutage sind aber selbst die irischen Kinder eher auf Süßigkeiten und Geld aus, wenn sie an den Haustüren klingeln und trick or treat verlangen.

Musik

Unter den darstellenden Künsten lässt sich besonders in der Musik der wechselnde Einfluss von Traditionen nachvollziehen. Bedeutend für das noch heute vorhandene Interesse an traditioneller irischer Musik war das Revival der Folk Musik in den 1960er Jahren durch Bands wie THE DUBLINERS, THE CHIEFTAINS, PLANXTY, MOVING HEARTS und Sänger wie CHRISTY MOORE und DONAL LUNNY. Anders als in vielen anderen Ländern, ist der traditionelle Folk gerade unter jungen Iren nach wie vor beliebt. Elemente des Folk werden kreativ mit anderen modernen Genres kombiniert. So vermischte sich in den 1970er-Jahren Folk und Rock'n'Roll aus Amerika und Großbritannien zum Sound von Bands wie den HORSLIPS und Sängern wie VAN MORRISON. In den 80er Jahren gelang es besonders Bands wie THE POGUES und Sängern wie GAVIN FRIDAY und BOB GELDORF traditionellen Folk mit Punk Rock zu verbinden, die Musikerin ENYA begann zu der Zeit, New Age Musik mit keltischen Untertönen zu komponieren. Der traditionelle Sologesang (sean nòs) spielt neben anderen Elementen auch heute noch bei Künstlern wie SINEAD O'CONNOR eine wichtige Rolle. Ein häufig interpretiertes Lied ist hier das mittlerweile zum Kultstatus gewordene She moves through the Fair. Andere wichtige Bands aus den 1980ern sind DE DANNAN, ALTAN, RELATIVITY, THE BOOMTOWN RATS, THE UNDERTONES und natürlich U2. Ende der 1980er-Jahre und in den 1990ern begannen Bands wie MY BLOODY VALENTINE und ASH den irischen Punk in neue Stilrichtungen weiterzuentwickeln. In den 1990ern gelangten vor allem Pop Bands wie THE CORRS, BOYZONE, WESTLIFE und THE CRANBERRIES zu internationalem Erfolg.
Irische Musiker lassen sich auch von anderen Traditionen beeinflussen. Zu den bekanntesten Beispielen zählen hier wohl AFRO-CELT SOUND SYSTEM. Wie in anderen Ländern auch sind heutzutage alle möglichen Stile in irischer Musik vorhanden. Zu den wichtigsten Musikfestivals zählen das alljährliche Guinness Jazzfestival Cork, Lisdoonvarna und Witnness.

Tanz und Theater

Die wohl bekannteste Tanzshow aus Irland ist Riverdance mit MICHAEL FLATLEY und JEAN BUTLER in der Originalbesetzung. Aufgeführt im Rahmen des Europäischen Schlagerfestivals erlangte irischer Folk und Stepptanz weltweite Aufmerksamkeit und sorgte für ein wiederaufgeflammtes Interesse an irischer Kultur. Stepptanz, auch Irish Dance genannt, kann in Gruppen oder auch solo getanzt werden. Es gibt dabei die verschiedensten Taktarten, zu denen getanzt wird (z. B. Reel, Slipjig, Jig, Hornpipe), auch unterscheiden sich die Tänze von Region zu Region. Irischer Stepptanz wird weltweit betrieben, besonders aber in den USA und Kanada. Moderner Tanz und Ballet gewinnen aber zunehmend an Popularität. Das geschichtlich wichtigste Theaterhaus ist das Abbey Theater. Hier liegen die Wurzeln des modernen irischen Theaters, das sich mittlerweile der irischen Dimension von Themen wie Haus und Familie, Tod und Vergangenheit in innovativer Weise nähert, oft beeinflusst vom zeitgenössischen Theater in Großbritannien.

Bildende Kunst

Die bildenden Künste aus Irland haben zurzeit noch einen relativ geringen Bekanntheitsgrad, hier steht Irland wohl nach wie vor im Schatten der britischen Kunstszene. Dennoch hat sich irische Kunst immer schon von internationalen Entwicklungen beeinflussen lassen, was zum großen Teil daran liegen mag, dass viele irische Künstler im Ausland ausgebildet wurden. Themen irischer Kunst sind, wie in den anderen Künsten auch, Irlands mythologische Vergangenheit und Gegenwart, in der Malerei werden Werke von Künstlern wie JACK B. YEATS und CAMILLE SOUTER von der irischen Landschaft inspiriert. Andere wichtige Maler sind FRANCIS BACON und LOUIS LE BROCQUY. In den vergangenen Jahren hat sich irische Kunst vor allem im Bereich Multimedia und Installation weiterentwickelt, womit sie den weltweiten Trends unter einem typisch irischen Blickwinkel folgt. Ein Beispiel für Multimediainstallationen ist die Arbeit von WILLIE DOHERTY, die sich intensiv mit dem Nordirlandkonflikt auseinandersetzt.

Film

In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben Filme aus Irland sowie irische Filmemacher und Schauspieler immer mehr an Ansehen gewonnen. Wurden Bewohner und Landschaft Irlands zu früheren Zeiten in Filmen wie The Quiet Man noch zur klischeehaften Kulisse gemacht, hat irischer Film längst schon seine eigene Stimme gefunden. Dies liegt nicht zuletzt an der staatlichen Förderung durch das Irish Film Board und Institutionen wie dem Irish Film Centre. Die wohl bekanntesten Regisseure aus Irland sind JIM SHERIDAN (My Left Foot, 1989; The Boxer, 1997; In America, 2002) und NEIL JORDAN (The Crying Game, 1992; Interview with the Vampire, 1994; Michael Collins, 1996).

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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