Afrikanische Reiche südlich der Sahara

Afrika – ein geschichtsloser Kontinent?

Der berühmte deutsche Philosoph G. F. W. HEGEL äußerte sich zu dieser Frage:

„Denn es ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen ... Was wir eigentlich unter Afrika verstehen, das ist das Geschichtslose und Unaufgeschlossene.“

Tatsächlich wurde Afrika bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hinein von der europäischen Geschichtsschreibung vernachlässigt und als geschichtsloser Kontinent betrachtet.

Aufschlussreich ist, dass insbesondere den Gebieten südlich der Sahara jegliche historische Bedeutung abgesprochen wurde. Dabei handelt es sich gerade um jene Regionen des Kontinents, die Millionen Menschen als Sklaven nach Amerika verloren und die als koloniale Rohstofflieferanten den Aufstieg europäischer Mächte, wie England oder Frankreich, zu Weltmächten gefördert haben. Das macht bewusst, dass solche Wertungen durch kolonial geprägte Vorurteile entstanden sind.

Bedeutende afrikanische Großreiche

In der Gegenwart liegen viele archäologische Funde und schriftliche Zeugnisse zur Geschichte Afrikas vor, die das Gegenteil beweisen:
Bis ins 16. Jh. hinein gab es eine große wirtschaftliche, politische und kulturelle Vielfalt von afrikanischen Gesellschaften in vielen Großreichen des Kontinents.
Zu den Großreichen südwestlich der Sahara gehörten u. a.

  • vom 8. bis 13. Jh. das Reich von Gana im Raum zwischen den westafrikanischen Flüssen Niger und Senegal und
  • vom 10. bis 16. Jh. das Reich von Songhai am Bogen des mittleren Niger.

Bedeutende Reiche weiter im Süden im Bereich der Regenwälder der Küstenregionen Westafrikas waren

  • vom 11. bis 15. Jh. das Ife-Königreich im Südwesten des heutigen Nigeria und
  • vom 12. Jh. bis ins 19. Jh. das Königreich Benin an der Nigermündung.

Zwischen Regenwald und Wüste – Gana und Songhai

Grundlagen für die Staatsgründungen zwischen der Sahara im Norden und den äquatorialen Regenwäldern im Süden waren u. a. der hohe Stand der Entwicklung von Ackerbau und Viehzucht, die Kenntnis der Verhüttung von Eisen und die Nutzung von Kamel und Pferd als Transport- und Reittiere etwa seit der Zeitenwende.

Etwa ab dem 8. Jh. verstärkten sich auch die kulturellen und die Handelskontakte zu den muslimischen Völkern Nordafrikas. Die Erlöse aus diesem Handel und der wachsende Einfluss der islamischen Kultur begünstigten den Aufstieg zu Großreichen. Der Einfluss des Islam äußerte sich u. a. darin, dass bei den Völkern muslimische Glaubensvorstellungen zunehmend den Glauben an heidnische Götter verdrängten. Er äußerte sich aber auch in der Architektur der Städte.

Das Reich von Gana

Das wohl älteste schwarzafrikanische Reich südlich der Sahara war das als „Land des Goldes“ bezeichnete Reich Gana. Das Einflussgebiet des Reiches erstreckte sich vom Atlantik bis nahe Timbuktu am Nigerbogen.
Der Reichtum Ganas basierte auf großen Goldvorkommen und den Salzlagerstätten der Sahara. Im 10. Jh., als das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, erklärte ein arabischer Geschichtsschreiber schlicht:

„Der König von Gana ist der reichste Mann der Erde.“

In Berichten von Kaufleuten wurde immer wieder vom unermesslichen Reichtum Ganas berichtet, von der prunkvollen Hofhaltung und davon, dass die Könige ihren Reichtum ganz offen zur Schau stellten.

Gemehrt wurde der Reichtum vor allem durch den Handel mit den muslimischen Staaten an der Mittelmeerküste Afrikas. Um nach Gana zu gelangen, durchquerten die Kaufleute wochenlang die Sahara, um die Handelsmetropole Koumbi Saleh, die Zentrum des lukrativen Goldhandels war, zu erreichen. Hier wurde das Gold gegen orientalische Waren, arabische Pferde, Stoffe, aber auch gegen das Salz der Sahara getauscht.
Die arabischen Händler berichteten auch über reiche Städte und über die Religion des Großreiches, die eine „Religion der Könige“ war: Sie bestand in der Verehrung der Könige, die Leben, Tod, Krankheit und Gesundheit bringen sollten und als Repräsentanten der Götter betrachtet wurden.
Die Könige waren deshalb von einer zahlreichen Priesterschaft umgeben. Und sie wurden in riesigen Hügelgräbern, die in nur den Priestern zugänglichen heiligen Hainen lagen, mit einem umfangreichen Jenseitsgefolge (u. a. Grabbeigaben) bestattet. Nach dem 9. Jh. wurde diese Religion jedoch zunehmend vom Islam verdrängt.
Im 13. Jh. ging das Großreich Gana nach blutigen Kämpfen unter. Koumbi Saleh wurde von den Siegern geplündert und gebrandschatzt. Auf den Trümmern Ganas wurde das muslimische Reich Mali errichtet.
Interessant ist noch Folgendes:
Im Jahre 1957 musste die britische Kolonie Goldküste als erster westafrikanischer Staat von der Kolonialmacht Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen werden. Der unabhängige neue Staat gab sich den Namen Ghana – als Zeichen für die einstige Macht und Größe des westsudanesischen Großreiches Gana, seit dessen Blütezeit rund 1000 Jahre vergangen waren.

Im Regenwald der Westküste Afrikas – die Königreiche Ife und Benin

Während die Entwicklung in den Reichen südlich der Sahara wesentlich durch die Ausbreitung des Islam bestimmt wurde, blieben die Staaten im westafrikanischen Küsten- und Regenwaldgebiet vom Islam unbeeinflusst. Vor allem der unwegsame Urwald verhinderte das Vordringen der islamischen Reiterkrieger.

Das Königreich Ife

Im Siedlungsgebiet der Yoruba im heutigen Nigeria entwickelten sich ab dem 11. Jh. einige Königreiche. Deren bedeutendstes war das Königreich Ife, welches nach der gleichnamigen Kultur benannt war. Im Zentrum des Königreiches und seiner hoch entwickelten Kultur stand die Stadt Ile-Ife.
Überhaupt war für das Königreich Ife eine Stadtkultur kennzeichnend. Neben Ile-Ife gab es noch mehrere größere Städte mit bis zu 100 000 Einwohnern, zu denen auch das heutige Ibadan gehörte. Die Städte waren befestigt und mit Mauern umgeben. Das Reich besaß schon eine Verfassung, die eine Mischung aus demokratischen und aristokratischen Elementen war. Die Städte wurden von einer Art Stadtparlament regiert, dessen gewählte Mitglieder auch die Gerichtsbarkeit ausübten. An seiner Spitze stand ein gewähltes Stadtoberhaupt, das nur eine Verwaltungsfunktion hatte, währen die eigentliche Macht in der Stadt in den Händen des Parlaments und seines Vorstehers, des Oluo Obale, lag. Dessen wichtigste Aufgaben waren das Eintreiben von Steuern und Zöllen für die Könige, aber auch die Armenfürsorge.
Die Macht der Yoruba-Könige war folglich beschränkt. Sie erhielten ihre Machtbefugnisse und ihre Weihe („Krönung“) vom Häuptling des Reiches. Dieser übte auch das Amt des obersten Priesters für alle Yoruba aus. Die Könige galten zwar als Träger der Lebenskraft ihres Volkes und wurden wie Götter verehrt. Schwand aber ihre Geisteskraft und der Wohlstand ihres Volkes, dann wurde ihre Amtszeit kurzerhand beendet. Sie erhielten einen Becher, gefüllt mit Papageieneiern, der eine Aufforderung zum Selbstmord darstellte. Kamen sie dieser Aufforderung jedoch nicht nach, wurde gewaltsam nachgeholfen.
Berühmt ist die Ife-Kultur vor allem für ihre gegossenen Metallkunstwerke. Gefunden wurden Bronzeplastiken, bei denen es sich um sehr naturgetreue Porträtköpfe von Königen handelt, die dem Amte gemäß Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Ihr Alter wird auf bis zu 800 Jahre geschätzt. Daneben sind zahlreiche Köpfe, Masken und Figuren aus Terrakotta, Granit oder Quarz erhalten geblieben, die den Metallarbeiten an künstlerischem Ausdruck in nichts nachstehen.

Fazit: Die Europäer und die Geschichte Afrikas

Im 15. und 16. Jh. führte die Suche des Seewegs nach Indien dazu, dass die meisten Reiche des schwarzen Kontinents in die Abhängigkeit von europäischen Kolonisten gerieten, an Bedeutung verloren, zerfielen oder ganz untergingen.
Der Sklavenhandel, der bis dahin vor allem in den Händen von Arabern war, wurde nun von den Europäern betrieben und gewaltig ausgeweitet. Afrikanische Sklaven sollten den wachsenden Bedarf an Arbeitskräften u. a. in den spanischen und portugiesischen Gold- und Silberminen der Neuen Welt decken. Auch auf den Baumwoll-, Zucker- und Tabakplantagen Nord- und Südamerikas gab es einen schier grenzenlosen Bedarf an Sklaven aus Afrika. Schätzungen zufolge wurden bis zum Verbot der Sklaverei mehr als 11 Mio. Afrikaner versklavt und nach Amerika verschleppt, weitere 4 Mio. starben auf den Schiffen bei der Überfahrt.
Die Entvölkerung ganzer Regionen, Hungersnöte, massive soziale und ethnische Konflikte und ständige Gewalttätigkeiten prägten auch als Erbe dieses Aderlasses über Jahrhunderte die Situation in Afrika und vermittelten auch den Eindruck eines geschichtslosen Kontinents.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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