Heinrich der Löwe

Der gebürtige Schwabe HEINRICH DER LÖWE (1129–1195) war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Mittelalters aus dem Hause der Welfen. Er wurde um 1129 vermutlich in Altdorf bei Ravensburg geboren und war der Sohn von HEINRICH X., DEM STOLZEN (1102–1139), und dessen Frau GERTRUD VON SACHSEN (1115–1143), der Tochter des Kaisers LOTHAR III. VON SUPPLINBURG. HEINRICH DER LÖWE war der Vater von Kaiser OTTO IV. (VON BRAUNSCHWEIG). Über sein Aussehen berichtet eine mittelalterliche Quelle:

„Er war gut gebaut, von mittlerer Größe und ungewöhnlicher Körperkraft. Er hatte starke Züge, große schwarze Augen und die Haare näherten sich dem Schwarz.“

HEINRICH war Herzog von Sachsen (1142–1180) und Bayern (1156–1180).

Welfen und Reichsacht

Die Auseinandersetzungen zwischen Staufern und Welfen prägten den jungen Prinzen seit seiner Kindheit. 1138 war ein schweres Jahr für die Welfen. HEINRICHs Vater HEINRICH X., DER STOLZE, der sich die Nachfolge LOTHARs III. als deutscher König ausgerechnet hatte, ging bei der Königswahl leer aus. Stattdessen wurde der Staufer KONRAD III. König. DER STOLZE hatte nun die Aufgabe, dem neuen König die Reichsinsignien zu überreichen und dem König zu huldigen. Zwar ließ HEINRICH X. die Insignien per Boten übergeben, doch eine Huldigung des neuen Königs lehnte er ab. So wurde er mit der Reichsacht bestraft, und seine Ländereien wurden ihm entzogen. Der Askanier ALBRECHT DER BÄR bekam Sachsen, Bayern ging an den Markgrafen LEOPOLD IV. VON ÖSTERREICH aus dem Hause der Babenberger.
1139, als HEINRICH zehn Jahre alt war, starb sein Vater, deshalb übernahm die Mutter GERTRUD gemeinsam mit der Großmutter Kaiserin RICHENZA die Erziehung des Kindes.

Wendenkreuzzug und Ostkolonisation

KONRAD III. strebte bald nach einer Ausgleichspolitik zwischen STAUFERN und WELFEN. Deshalb gab er HEINRICH 1142 das seinem Vater entzogene Herzogtum Sachsen zurück. Anlässlich des 2. Kreuzzuges verlangte dieser jedoch auch den bayrischen Erbteil zurück, der seinem Vater entzogen worden war. KONRAD lehnte ab, woraufhin der LÖWE sich weigerte, in den Krieg zu ziehen. Während ein Teil der deutschen Ritter nach Jerusalem zog, startete der andere unter Führung von HEINRICH DEM LÖWEN und ALBRECHT DEM BÄREN den sogenannten Wendenkreuzzug (1147), der HEINRICH Machtpositionen im zu erobernden Osten sichern helfen sollte.
Die Ostkolonisation begann. HEINRICH ließ die Bistümer Oldenburg, Ratzeburg und Mecklenburg/Schwerin wiedererrichten. Von Ratzeburg aus eroberte er weite Teile des heutigen Mecklenburg/Vorpommern.
Von Magdeburg stieß ein zweites Heer um ALBRECHT DEN BÄREN gegen die Lutizen in der Gegend um Havelberg vor. Zwar blieben die Slawen formell noch selbstständig, sie mussten jedoch, wie die Obotriten in der Gegend um das heutige Schwerin, Tribute an die Deutschen zahlen. Auch die Christianisierung der Wenden gelang nicht so recht. 1156 verweigerte der Obotritenherzog NIKLOT für sich und sein Volk die Annahme des Christentums. 1066 hatten Slawen sogar Mönche des Bistums Ratzeburg gesteinigt. Rund hundert jahre später, nach NIKLOTs Tod ließen sie sich christianisieren.
HEINRICH nahm an den ersten beiden Italienfahrten Kaiser FRIEDRICHs I. BARBAROSSA teil.

Löwenstandbild in Braunschweig

Zwei Hochzeiten und eine Scheidung

Im Jahr 1148 heiratete HEINRICH die Tochter KONRADs VON ZÄHRINGEN CLEMENTIA VON ZÄHRINGEN, von der er sich nach 15-jähriger Ehe (1163) wieder scheiden ließ. Für die Scheidung gab es mehrere Gründe. Die Familie seiner Gemahlin strebte ein Bündnis mit dem König von Frankreich an.
Das widersprach jedoch den Interessen des Herzogs, der im Bündnis mit WALDEMAR I. VON DÄNEMARK die ostelbischen Gebiete (den slawischen Siedlungsraum bis zur Peene) zu erobern gedachte.
Andererseits wird vermutet, FRIEDRICH I. BARBAROSSA hätte ihn wegen seiner erstrebten Vorherrschaft in Schwaben zur Scheidung gedrängt. In wieder anderen Quellen findet sich die Vermutung, eine zu nahe Verwandtschaft der beiden Eheleute hätte die Scheidung verursacht, weswegen sie auf dem Konstanzer Reichstag annulliert wurde.
Eine zweite Ehe ging HEINRICH am 1. Februar 1168 mit der damals erst 12-jährigen MATHILDE, der Tochter des englischen Königs HEINRICH II. aus dem Hause PLANTAGENET und seiner Frau ELEONORE VON AQUITANIEN, ein. MATHILDE war Schwester von RICHARD LÖWENHERZ.
Der Ehe zwischen HEINRICH DEM LÖWEN und MATHILDE entstammen

  • 1173 HEINRICH (später HEINRICH V., Pfalzgraf bei Rhein),
  • 1175 OTTO (später Kaiser OTTO IV.),
  • LOTHAR (früh verstorben),
  • 1184 WILHELM (später Herzog von Braunschweig-Lüneburg).

Nach dem Konstanzer Vertrag (1154) im Jahre 1156 wurde HEINRICH mit dem Herzogtum Bayern belehnt, das jedoch um das neue Herzogtum Österreich verkleinert war.

Stärkung der Partikulargewalt

Er erstrebte besonders die Stärkung der Herzogsgewalt und die Mehrung des welfischen Besitzes um Braunschweig, das er zur Residenz ausbaute (u. a. Burg Dankwarderode mit Dom und Löwendenkmal, Bild 2). Durch die Neugründung Lübecks (1159) brach er dem deutschen Ostseehandel der Hanse Bahn, den er durch Verträge mit Gotland, Schweden, Nowgorod förderte. 1176 überwarf er sich mit Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA, als er dem Kaiser seine Hilfe gegen den Lombardenbund verweigerte. Er wurde 1180 geächtet (der Verlauf des Prozesses gegen HEINRICH DEN LÖWEN wurde in der Gelnhausener Urkunde vom 13. April 1180 dokumentiert) und der allgemeine Reichskrieg gegen HEINRICH eröffnet, seine Herzogtümer wurden neu vergeben. Nach anfänglichem Widerstand, dem Verfallen in die Aberacht (das bedeutete die völlige Recht- und Ehrlosigkeit sowie den Verlust aller seiner Güter) und dem Versagen von Unterstützung durch WALDEMAR I. von Dänemark unterwarf er sich 1181 Kaiser FRIEDRICH I. BARBAROSSA. Er ging zu seinem Schwiegervater nach England in eine vom Erfurter Reichstag (16. November 1181) beschlossene dreijährige Verbannung (Sommer 1182 – Oktober 1185). Anlässlich eines Bündnisabkommens zwischen dem Kaiser und HEINRICH II. von England kehrte er mit seiner Familie nach Braunschweig zurück, wurde jedoch im Frühjahr 1189 für die Zeit des 3. Kreuzzuges erneut ins englische Exil geschickt.
1194 söhnte er sich durch Vermittlung seines Sohnes HEINRICH I., DES LANGEN (1173–1227) bei einem Treffen mit Kaiser HEINRICH VI. (1165–1197) in der Pfalz Tilleda aus, blieb jedoch auf den welfischen Eigenbesitz um Braunschweig-Lüneburg beschränkt.

Burgplatz von Braunschweig in einer historischen Stadtansicht. In der Burg Dankwarderode (links im Bild) befindet sich heute die mittelalterliche Abteilung des HerzogAnton-Ulrich-Museums.

Beurteilung HEINRICHs

Die Beurteilung HEINRICHs ist bis heute umstritten. Das von HEINRICH in Auftrag gegebene und dem (heutigen) Braunschweiger Dom geschenkte Evangeliar, ein Hauptwerk der romanischen Buchmalerei des 12. Jh., entstand um 1175 in der Abtei Helmarshausen (heute Wolfenbüttel, Herzog-August-Bibliothek). Um HEINRICH DEN LÖWEN ranken sich Sagen und Legenden. Eine davon ist im Text 1 nachlesbar. HEINRICH starb am 6. August 1195 in Braunschweig.

Er wurde im Dom zu Braunschweig bestattet, neben seiner zweiten Frau MATHILDE VON ENGLAND (Bild 3).

Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten

Von den Nationalsozialisten wurde die historische Figur HEINRICH DER LÖWE als „früher Vorläufer einer wahren deutschen Nationalpolitik“ vereinnahmt. Die Gruft, in der HEINRICH bestattet ist, wurde seit 1935 zu einer „nationalen Weihestätte“ umgewandelt und am Dom eine Tafel angebracht mit der Inschrift:

„Der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler ließ die Gruft Heinrichs des Löwen erbauen und den Dom erneuern in den Jahren 1936–38.“

Die durch HEINRICH initiierte Ostkolonisation und Eroberung slawischer Gebiete Ostelbiens ließen ihn als Vorläufer einer nationalen Ostpolitik erscheinen, dem sich die Nazis verpflichtet fühlten. Auch in HEINRICHs Namen wurde eine unvorstellbare Ausrottungspolitik betrieben, der Juden, Polen, Russen, Ukrainer und Angehörige anderer osteuropäischer Völker zum Opfer fielen.
Der Braunschweiger Dom wurde Ort zahlreicher NS-Veranstaltungen:

  • Feierstunden für Gefallene des Zweiten Weltkrieges,
  • Kundgebungen an Feiertagen des NS-Regimes,
  • Führungen durch den Dom und die Gruft (etwa 10 000).

Die ehemalige Wallfahrtsstätte der Nationalsozialisten wurde nach 1945 behutsam rückgebaut. Allerdings ist bis heute die Gruft nicht verändert worden.

Das Grab HEINRICHs DES LÖWEN und seiner Frau MATHILDE VON ENGLAND befindet sich im Dom zu Braunschweig. HEINRICH hält in der rechten Hand ein Bild von Braunschweig und in der linken sein Schwert.
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