Jericho - eine der ältesten Städte der Welt

Die Stadt Jericho liegt 10 km nordwestlich der heutigen Mündung des Jordan in das Tote Meer. Am Stadtrand Jerichos erhebt sich der Tell es-Sultan, der 20 m hohe Ruinenhügel des prähistorischen Jericho. Der Tell (arab.: Hügel) von Jericho enthält unter anderem die Überreste einer der neben dem türkischen Catal Hüyük ältesten städtischen Siedlungen der Welt. Der Tell wuchs dadurch auf seine stattliche Höhe, dass die dortige Siedlung, die im Laufe der Jahrtausende immer wieder zerstört und zeitweise aufgegeben wurde, dennoch immer wieder auf demselben Siedlungsplatz und über den Resten der Vorgängersiedlungen neu errichtet wurde. Die ältesten Siedlungsschichten Jerichos sind ca. 11000 Jahre alt.

Geografie:

Die geografische und topografische Lage Jerichos war für die frühgeschichtlichen Menschen von einmaliger Qualität. Der Ort liegt im Jordangraben auf einem Niveau von -250 m. Das garantiert

  • heiße Sommer und
  • sehr warme Winter,

die ständiges Pflanzenwachstum erlauben. Jerichos Umgebung im Jordangraben ist zwar eine extrem aride (trockene) Wüste, da die Berge von Judäa den Regen bringenden Westwind abfangen. Der klimatisch bedingte Wassermangel der Umgebung wird aber lokal durch Fluss- und Quellwasser ausgeglichen. Jericho selbst erhält Bewässerungs- und Trinkwasser aus der am Tell es Sultan gelegenen Quelle des Jordan. Sie wird nach einem alttestamentlichen Propheten Elisa Quelle genannt und ist so produktiv, dass hier die wasserreichste natürliche Oase des Vorderen Orients entstehen konnte.

Das neolithische Jericho

Jericho gehört zu den ältesten Fundplätzen der Jungsteinzeit (Neolithikum) und ist daher von großer urgeschichtlicher Bedeutung. Bereits im 8. Jahrtausend v. Chr. begannen Jerichos steinzeitliche Bewohner damit, ihre Siedlung stadtähnlich auszustatten. Um die für ihre neu errichte Dauersiedlung lebenswichtige Quelle zu schützen, errichteten sie eine steinzeitliche Befestigung. Das beeindruckendste Relikt des ältesten neolithischen Jericho ist ein 13 m hoher fester Steinturm mit einem kreisförmigen Querschnitt von 10 m Durchmesser. Der Turm wurde aus mächtigen kaum bearbeiteten Felssteinen ohne Mörtel errichtet und diente als Wachtturm und zur Verteidigung. Zusätzlich erhielt die Siedlung eine 3 m mächtige Steinmauer und einen vorgelagerten Verteidigungsgraben. Die steinzeitlichen Fortifikationen lassen erkennen, dass der für die Geschichte des gesamten Vorderen Orient prägende Konflikt zwischen sesshaften Vertretern von Hochkultur auf der einen und nomadisierenden Gruppen schon in frühester Zeit aufgebrochen ist und zu starken Spannungen und Konfrontationen führte.
Die frühe „Stadt“ Jericho hatte bis zu 3000 sesshafte Bewohner. Sie besaßen Hunde als Haustiere und vielleicht auch domestizierte Schafe, sicher aber schon domestizierte Ziegen. Sie begannen auch schon - zunächst aber eher noch versuchsweise - den Ackerbau zu entwickeln.

Vermutlich bot ihnen die Quelloase und die nahe natürliche Flussoase des Jordan zunächst eine ausreichende Versorgungsbasis für ihren Bedarf an pflanzlicher Kost. Ihre Speisezettel bereicherte zunächst noch sehr stark das Fleisch auf der Jagd erlegter wilder Tiere wie Gazellen, Rinder und Schweine.
Die Einwohner lebten in festen runden Hütten und Häusern aus natürlichen bestenfalls grob bearbeiteten Steinen. Diese Behausungen erinnerten noch sehr stark an ihre Vorbilder, die ebenfalls runden und fellbespannten Zelte der umherstreifenden steinzeitlichen Jäger und Sammler. Jerichos Bewohner kannten die Verwendung Ton und Lehm als Werkstoff, stellten aber daraus noch keine Gebrauchskeramik her. Bemerkenswert ist vor allem die Verwendung des Werkstoffs Gips zu religiösen Zwecken.
Ihre Religion kannte offensichtlich den Glauben an ein Leben nach dem Tod und frönte einer nicht näher bekannten Variante des Ahnenkults. Dementsprechend präparierten sie die Schädel ihrer Toten. Sie trugen Gips auf die Schädelknochen auf. Damit rekonstruierten sie die Gesichtszüge der gerade Verstorbenen so lebensecht wie möglich. In die lehmgefüllten Augenhöhlen setzte man in Jericho als Augapfelimitationen Muschelschalen aus dem Jordan. Den Gips bemalte man mit hautähnlichen Farbtönen. Die präparierten Ahnenschädel bestattete man unter den Fußböden der Häuser. Unter dem Lehmboden eines der Häuser wurden allein 8 dieser Mumienschädel entdeckt.

Die britische Archäologin KATHLEEN KENYON, die die Ausgrabungen in Jericho nach dem Zweiten Weltkrieg leitete, hielt es durchaus für legitim, den neolithischen Ort Jericho schon als Stadt anzusprechen. Immerhin erfüllte die Steinzeitsiedlung einige Merkmale von Städten.

  • Sie war klar gegen gegen das Umland abgegrenzt und
  • besaß im Vergleich mit anderen Siedlungsplätzen ihrer Zeit eine außergewöhnlich hohe Bevölkerungskonzentration.
  • Ihre Gesellschaft wies einen für die Zeit ungewöhnlich hohen Grad an Arbeitsteilung und Differenzierung auf und
  • muss deutlich hierarchisch gegliedert gewesen sein.

Ohne eine anerkannte, mächtige und zu effektiver Organisation fähige Hierarchie hätten keine - für die Entwicklungsstufe beispiellosen - Pläne zur Befestigung Jerichos entwickelt und schließlich auch realisiert werden können. Eine derartige Hierarchie war auch nötig, um die Verteilung des lebenswichtigen Quellwassers zu regulieren und eine geordnete Bewässerung zu ermöglichen.

Trotz seiner Befestigung wurde bereits das frühe Jericho zweimal erobert und zerstört.
Die erste steinzeitliche Erobererwelle, die den Ort um 7000 v. Chr. übernahm, führte eine architektonische Innovation ein:

  • Die Menschen verwendeten luftgetrocknete mit Daumenabdrücken reliefierte Lehmziegel als Baumaterial, die heutige Betrachter an übergroße 30 cm lange dickbauchige Zigarren erinnern.
  • Die Rundhäuser wurden durch Häuser mit rechteckigem Grundriss abgelöst,
  • die sich um ebenfalls rechteckige Innenhöfe gruppierten.
  • Ihre Siedlung besaß einen Tempel, in dem eine weibliche Fruchtbarkeitsgöttin verehrt wurde. Indizien für den Fruchtbarkeitskult haben sich in Gestalt von Tonfigurinen mit weiblichen Geschlechtsmerkmalen erhalten.
  • Derartiges ist typisch für den Kult einer regelrechte Landwirtschaft betreibende Bauernbevölkerung. Spätestens diese im 7. Jahrtausend in Jericho ansässige Bevölkerung hatte also das erste experimentelle Stadium der sesshaften Landwirtschaft überwunden. Sie war in Jericho zum gezielten Ackerbau mit Weizen, Gerste und Hülsenfrüchten übergegangen.
  • Spätestens diese Bauern züchteten in Jericho auch das Schaf als weiteres Haustier.

Nachdem Jericho 150 Jahre unbesiedelt blieb, wurde es 1400 und 1325 v. Chr. in einem kleinen unbefestigten Dorf wieder besiedelt. Zur Zeit der israelitischen Landnahme (13.–12. Jh. v. Chr.) war Jericho unbesiedelt. Die Israeliten bauten die Stadt unter König AHAB in der Mitte des 9. Jh. weiter aus. Unter König JOSIA kam Jericho zum Reich Juda.

Das westlich hiervon gelegene hellenistisch-römische Jericho wurde von HERODES DEM GROSSEN im Jüdischen Krieg 68 n. Chr. von den Römern erobert. Es bestand als byzantinische Stadt und Bischofssitz bis zur arabischen Eroberung im 7. Jh. Im 6.Jh. endete die Besiedlung.
In hellenistisch-römischer Zeit wurde die Siedlungsgeschichte im Ortsbereich der heutigen Stadt fortgesetzt. Westlich der alten Stadt Jericho wurde von den Hasmonäern (Priestergeschlecht nordwestlich von Jerusalem) eine Palastanlage errichtet, die HERODES DER GROSSE weiter ausbaute.

Was wurde aus Jericho?

Im 13./12. Jh. v. Chr. wanderten die Israeliten in Jericho ein und fanden den Ort fast verödet vor. Dass sie die Stadt durch den „Schall der Posaunen von Jericho“ einnahmen, ist eine Legende:
Das Alte Testament berichtet, wie göttliche Posaunen die Mauern von Jericho einstürzen ließen:

„Jericho aber war verschlossen und verwahrt vor den Israeliten, so daß niemand heraus- oder hineinkommen konnte. 6,2 Aber der HERR sprach zu Josua: Sieh, ich habe Jericho samt seinem König und seinen Kriegsleuten in deine Hand gegeben. 6,3 Laß alle Kriegsmänner rings um die Stadt herumgehen einmal, und tu so sechs Tage lang. 6,4 Und laß sieben Priester sieben Posaunen tragen vor der Lade her, und am siebenten Tage zieht siebenmal um die Stadt, und laß die Priester die Posaunen blasen. 6,5 Und wenn man die Posaune bläst und es lange tönt, so soll das ganze Kriegsvolk ein großes Kriegsgeschrei erheben, wenn ihr den Schall der Posaune hört. Dann wird die Stadtmauer einfallen, und das Kriegsvolk soll hinaufsteigen, ein jeder stracks vor sich hin.“ (DAS BUCH JOSUA, Kapitel 6, Vers 1)

Diese Begebenheit wird im Rahmen der „Landnahme“ des Heiligen Landes erzählt. Das Volk der Israeliten war gerade aus der ägyptischen Sklaverei befreit worden und auf der Suche nach dem versprochenen „gelobten Land“. Joshua erhält nun einen Auftrag von Gott::

„...zieh über den Jordan, du und dies ganze Volk, in das Land, das ich ihnen, den Israeliten, gegeben habe.“

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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