Manierismus

Manierismus umfasst die Zeit zwischen etwa zwischen 1520 und 1600, die durch Reformation und Gegenreformation gekennzeichnet ist.

MICHELANGELO BUONARROTI: Das Jüngste Gericht, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle,Detail: Aufsteigende Seelige, 1535-1541, Fresko,Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

MICHELANGELO BUONARROTI: Das Jüngste Gericht, Fresko an der Altarwand der Sixtinischen Kapelle,Detail: Aufsteigende Seelige, 1535-1541, Fresko,Rom, Vatikan, Sixtinische Kapelle.

Sacco di Roma

Der Anlass für die Abkehr vom Ideal der Renaissance war weltlicher Natur: Die Parteinahme des Papstes KLEMENS VII. aus dem Hause der MEDICI für Frankreich, gegen die Großmacht Spanien, führte 1527 zur Plünderung Roms (Sacco di Roma) und zum Feldzug gegen den Papst durch das spanisch dominierte kaiserliche Heer KARLs V. Die Sacco di Roma, ital.: „Plünderung Roms“, begann am 06. Mai 1527 und dauerte rund einen Monat.

Auf kaiserlicher Seite nahmen teil:

  • deutsche Landsknechte,
  • spanische Söldner,
  • kaiserfreundliche italienische Condottieri.

Ihnen standen die Papsttruppen gegenüber:

  • Schweizer Garde,
  • norditalienische Volkskapitäne,
  • Kavallerie des römischen Adels.

In harten Kämpfen hatten auf kaiserlicher Seite 30 000 Mann in Norditalien gekämpft aber dafür keinen Sold erhalten, da der Kaiser zahlungsunfähig war. Die Meute drohte, gegen ihre eigenen Führer vorzugehen. Da kam den Befehlshabern die Idee, den Papst zu erpressen. Aber auch von Rom hatten sie nichts zu erwarten: Die Söldner sahen sich um ihr Entgelt betrogen und trachteten danach, sich dieses von den Einwohnern Roms zu beschaffen. Mehrere Monate lang wurden Häuser in Brand gesetzt, Bewohner Roms ermordet, ca. 90 % der Kunstschätze unwiederbringlich zerstört. Über 30 000 Menschen starben. FERDINAND GREGOROVIUS schilderte dieses Massaker in „Geschichte der Stadt Rom“ (1889):

„Der Morgen des 7. Mai enthüllte einen Anblick zu furchtbar für jedes Wort: die Straßen bedeckt mit Trümmern, mit Toten und Sterbenden; brennende Häuser und Kirchen, widerhallend von Geschrei; ein gräßliches Gewühl von Raub und Flucht; trunkene Kriegsknechte belastet mit Beute oder fortschleppend Gefangene. Eine eroberte Stadt nicht nur zu plündern, sondern ihr gesamtes Volk als dem Schwert verfallen anzusehen, war damals Kriegsrecht. Kein Landsknecht würde begriffen haben, daß es unmenschlich sei, wehrlose Bürger als Kriegssklaven zu behandeln. Wer sein Leben lieb hatte, mußte es abkaufen. Mit der rohesten Einfalt schrieb der Ritter Schertlin in seinen Aufzeichnungen: 'Den 6. Tag May haben wir Rom mit dem Sturm genommen, ob 6.000 Mann darin zu todt geschlagen, die ganze Stadt geplündert, in allen Kirchen und ob der Erd genommen was wir gefunden, einen guten Teil der Stadt abgebrannt.'
Nichts und niemand wurde verschont. Die Häuser von Spaniern und Deutschen plünderte man wie die der Römer. In viele Paläste kaiserlich Gesinnter hatten sich Menschen jedes Standes geflüchtet, zu Hunderten und mehr. Die Spanier brachen sie auf, plünderten oder brandschatzten sie. So geschah es gleich in der ersten Nacht mit dem Palast des Markgrafen von Mantua und dem des portugiesischen Gesandten, wo man eine Beute von 500 000 Dukaten machte, wenn dies glaublich ist. Einige hundert Personen schützte der Kardinal Andrea della Valle in seinem großen Palast, dessen Plünderung er von Fabrizio Maramaldo um viele tausend Dukaten abkaufte. Die Geldsumme verpflichteten sich durch gerichtlichen Akt, wie überhaupt in allen solchen Fällen, die geflüchteten Personen dem Besitzer des Palasts zurückzuzahlen, nach Maßgabe der Schatzung, welche jede von ihnen betraf. “

Dieses Ereignis wirkte wie ein Schock auf die römischen Künstler – ebenso wie Reformation und Gegenreformation auf Künstler in Deutschland. Viele von ihnen flohen aus Rom in andere Regionen Italiens und bis nach Frankreich. So verbreiteten sie die Formensprache MICHELANGELOs.

Rund dreißig Jahre vor dem Sacco di Roma stach ALBRECHT DÜRER eine Gruppe Landsknechte in Kupfer: So ungefähr kann man sich die Landsknechte vorstellen, die Rom geplündert haben.Die Landsknechte und der orientalische Reiter, Entwurf: ALBRECHT DÜRER, Ausfü

Rund dreißig Jahre vor dem Sacco di Roma stach ALBRECHT DÜRER eine Gruppe Landsknechte in Kupfer: So ungefähr kann man sich die Landsknechte vorstellen, die Rom geplündert haben.Die Landsknechte und der orientalische Reiter, Entwurf: ALBRECHT DÜRER, Ausfü

Schule von Fontainebleau

Der von ihm beeinflusste IL ROSSO FIORENTINO (d.i. GIOVANNI BATTISTA DI IACOPO, 1494–1540) ging als Hofmaler nach Paris und begründete dort die Schule von Fontainebleau (École de Fontainebleau). In Frankreich wird so der Manierismus genannt. In der Zeit des Manierismus baute man nördlich der Alpen nicht mehr Burgen, sondern Schlösser. König FRANZ I. (1515–1547) von Frankreich, ließ das Schloss Fontainbleu von den Italienern ausschmücken. Nach ihm nennt man den neuen Stil auch „François-premier-Stil“ (François I.-Stil). Neben FIORENTINO wirkte der Stukkateur und Architekt FRANCESCO PRIMATICCIO (1504–1570) in Fontainbleu stilbildend.

FRANCESCO PRIMATICCIO: Alexander zähmt den Bukephalos, Oval, Mitte 16. Jh., Fresko, Fontainebleau, Schloss

FRANCESCO PRIMATICCIO: Alexander zähmt den Bukephalos, Oval, Mitte 16. Jh., Fresko, Fontainebleau, Schloss

De facto war die Schule von Fontainebleau eine Mischform aus italienischem Manierismus und Elementen der Spätgotik vor allem in der Malerei, Bildhauerei und Innenarchitektur. Erstmals taucht das sogenannte Rollwerk auf. Diesem Stil folgte der Henri-deux-Stil, benannt nach König HEINRICH II. (1547–1559) und seinen Nachfolgern (1547–1589).

Zwischen 1590 und 1620 zeigten sich in der zweiten Schule von Fontainebleau flämische Einflüsse (TOUSSAINT DUBREUIL, u.a.).

TOUSSAINT DUBREUIL: Das Aufstehen einer Dame, Detail, Ende 16. Jh., Öl auf Leinwand, Paris, Musée du Louvre.

TOUSSAINT DUBREUIL: Das Aufstehen einer Dame, Detail, Ende 16. Jh., Öl auf Leinwand, Paris, Musée du Louvre.

Das Werk der Radierer, Zeichner und Kupferstecher JACQUES CALLOT (1592–1635) und JACQUES BELLANGE (gest. 1616) ist durch diese Strömung beeinflusst.

Die beiden Pantalone, Entwurf: JACQUES CALLOT, Ausführung: JACQUES CALLOT, 1616, Radierung,91 × 143 mm, Paris, Bibliothèque Nationale, Cabinet des Estampes

Die beiden Pantalone, Entwurf: JACQUES CALLOT, Ausführung: JACQUES CALLOT, 1616, Radierung,91 × 143 mm, Paris, Bibliothèque Nationale, Cabinet des Estampes

Tudor-Stil und Manuelismus

In England herrschten spätgotische bzw. neugotische Kunstformen vor, die nach den Regenten bzw. Herrscherhäusern Tudor-Stil, Elisabethanischer Stil und Jakobinischer Stil genannt werden. In Portugal begann sich ein eigenständiger manieristischer Stil durchzusetzen, der nach MANUEL I. (DEM GLÜCKLICHEN, 1495–1521) Manuelismus bzw. Manuelinische Renaissance genannt wird.

Der Palacio Nacional in Sintra, Portugal, Sommersitz der portugiesischen Könige, wurde zu großen Teilen im manuelinischen Stil errichtet.

Der Palacio Nacional in Sintra, Portugal, Sommersitz der portugiesischen Könige, wurde zu großen Teilen im manuelinischen Stil errichtet.

Der Manierismus in Deutschland entstand in Auseinandersetzung mit dem Spätrenaissancestil in Italien sowie der Spätgotik in Deutschland. Zu Zentren der Spätrenaissance (Manierismus) wurden Ende des 16. Jahrhunderts Süddeutschland und Österreich.

FRANS FLORIS: Athene bei den Musen, um 1560, Öl auf Leinwand, Conde an der Schelde, Museum.

FRANS FLORIS: Athene bei den Musen, um 1560, Öl auf Leinwand, Conde an der Schelde, Museum.

In Norddeutschland setzte sich ein von den Niederlanden beeinflusster Stil durch.

Fürstenhof zu Wismar, Hofseite

Fürstenhof zu Wismar, Hofseite

Merkmale des Manierismus

Merkmale des ManierismusHerausragendste Werke des Manierismus
  • Abkehr vom Harmonie-Ideal der Renaissance
  • oft unnatürlich wirkende Haltungen bzw. Perspektiven:
  • figura serpentinata in Bildhauerei und Malerei,
  • lange Raumfluchten in der Architektur,
  • Aufhebung des Raums, Veranschaulichung von Unendlichkeit,
  • Intellektualisierung der Kunst,
  • verschlüsselte (hermetische) Bildinhalte,
  • Regellosigkeit im Stilistisch-Formalen:
  • gestreckte Formen und Figuren,
  • gesteigerte Emotionalität,
  • gesteigerte Bewegung und Ausdruckskraft,
  • starke Spannung zwischen Figuren und Raum,
  • Überladenheit
  • Anfänge der Gartenkunst,
  • Florisstil (Dekorstil, nach CORNELIS FLORIS, 1514–1575, benannt.
  • „Jüngstes Gericht“ (1536–1541) in der Sixtinischen Kapelle
    (MICHELANGELO)
     
  • Uffizien in Florenz (Vasari)
     
  • Palazzo Massimo alle Colonne in Rom (BALDASSARE PERUZZI),
     
  • Spätwerk von TIZIAN,
     
  • Malerei EL GRECOs, CORREGGIOs und PARMIGIANINOs,
     
  • Bronzeskulpturen von GIAMBOLOGNA,
     
  • Jesuitenkirche St. Michael in München,
     
  • Schloss Fontainebleau und Loire-Schlösser
     
  • Fürstenhof zu Wismar
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