Genremalerei (oder Sittenbild)

Inhalt der Genremalerei oder des Sittenbildes

Die Bilder haben keine historisch bedeutsamen Ereignisse zum Thema, auf ihnen werden Alltagsszenen wiedergegeben.

  • Bereits im Altertum gab es Genredarstellungen, z. B. bei ägyptischen Wandbildern oder auf griechischen Vasen.
     
  • In der Spätgotik finden sich solche Szenen in Holzschnitten, Kupferstichen und auf Wandteppichen.
     
  • Im Barock erreichte das Genrebild als eigenständige Gattung besonders in der niederländischen Malerei seinen Höhepunkt.
     
  • Im Realismus des 19. Jahrhundert gab es in Europa ein breites Spektrum der Darstellung von Szenen aus dem Alltagsleben des Adels, der Stadtbürger, Handwerker oder Bauern. Verbreitete Motive waren die Jagd, Bauernhochzeiten, Ernteeinbringung, Gasthausszenen oder Werkstattausschnitte.

Entwicklung des Genrebildes

Das abendländische Genrebild entwickelte sich aus der mittelalterlichen Buch- und Tafelmalerei (Heiligenleben, Monatsbilder). Gegenüber der Darstellung mythologischer Szenen oder der Historienmalerei galt es lange Zeit als „minderwertige“ Gattung.

Seinen ersten Höhepunkt erreichte das Genrebild in der niederländischen Malerei des 17. Jahrhunderts mit der Wiedergabe häuslicher Tätigkeiten und mit Schilderungen volkstümlichen Festtreibens sowie derber Wirtshausszenen mit trinkenden, spielenden und sich prügelnden Bauern (WILLEM BUYTEWECH, JACOB JORDAENS, ADRIAEN BROUWER, ADRAEN VON OSTRADE, DAVID TENIERS DER JÜNGERE, GERARD TERBORCH, JAN STEEN, GABRIEL METSU).

ADRIAEN BROUWER: „Das Schlachtfest“;um 1630–1640, Öl auf Holz, 34 × 37 cm;Schwerin, Staatliches Museum, Gemäldegalerie.

ADRIAEN BROUWER: „Das Schlachtfest“;um 1630–1640, Öl auf Holz, 34 × 37 cm;Schwerin, Staatliches Museum, Gemäldegalerie.

Die Schilderungen geselligen Beisammenseins werden ihren Motiven nach als Gesellschaftsstücke (Konversationsstücke) bezeichnet, zu denen auch die im 18. Jahrhundert in Frankreich kreierten höfischen Fêtes galantes, Darstellungen höfischer Festgesellschaften in idyllischen Parklandschaften, gerechnet werden (ANTOINE WATTEAU, NICOLAS LANCRET, JEAN BAPTISTE PATER, FRANÇOIS BOUCHER, JEAN HONORÉ FRAGONARD).

ANTOINE WATTEAU: „Die Schäfer“ („Fêtes galantes“);um 1717, Öl auf Leinwand, 56 × 81 cm;Berlin, Schloß Charlottenburg.

ANTOINE WATTEAU: „Die Schäfer“ („Fêtes galantes“);um 1717, Öl auf Leinwand, 56 × 81 cm;Berlin, Schloß Charlottenburg.

Dem bäuerlichen Genre widmeten sich in Frankreich die Brüder ANTOINE, LOUIS und MATHIEU LE NAIN, dem bürgerlichen JEAN-SIMÉON CHARDIN und JEAN-BAPTISTE GREUZE. Genremaler in Italien war PIETRO LONGHI, in Deutschland DANIEL CHODOWIECKI.

DANIEL NIKOLAUS CHODOWIECKI: „Die Wochenstube“;um 1770, Holz, 30 × 25 cm;Berlin, Gemäldegalerie.

DANIEL NIKOLAUS CHODOWIECKI: „Die Wochenstube“;um 1770, Holz, 30 × 25 cm;Berlin, Gemäldegalerie.

In Spanien hatte die Genremalerei bedeutende Vertreter in DIEGO VELÁSQUEZ, BARTOLOMÉ MURILLO und FRANCISCO DE GOYA Y LYCIENTES. In den szenischen Darstellungen menschlicher Torheit, Eitelkeit und Laster von WILLIAM HOGARTH in England klingt eine neue, satirische Komponente an.

Auch zur Zeit des Biedermeiers waren Genrebilder beliebt (GEORG KERSTING, FERDINAND GEORG WALDMÜLLER, PETER FENDI, JOSEPH FRANZ DANHAUSER, CARL SPITZWEG, THEODOR HOSEMANN).

CARL SPITZWEG: „Italienische Straßensänger“;um 1855, Papier, 47 × 26 cm;Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum.

CARL SPITZWEG: „Italienische Straßensänger“;um 1855, Papier, 47 × 26 cm;Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum.

Die Genremalerei der Düsseldorfer Schule glitt nach sozialkritischen Ansätzen von JOHANN PETER HASENCLEVER und CARL WILHELM HÜBNER ins Anekdotische und Triviale ab.

In Frankreich trugen im 19. Jahrhundert HONORÉ DAUMIER, GUSTAV COURBET und JEAN-FRANÇOIS MILLET in Genrebildern sozialkritischen Aspekten Rechnung.

HONORÉ DAUMIER: „Wagen dritter Klasse“;1862, Öl auf Leinwand, 67 × 93 cm;Ottawa, National Gallery of Canada.

HONORÉ DAUMIER: „Wagen dritter Klasse“;1862, Öl auf Leinwand, 67 × 93 cm;Ottawa, National Gallery of Canada.

Zu den Höhepunkten der Genremalerei im 19. Jahrhundert gehören die Werke von ÉDOUARD MANET, EDGAR DEGAS, CLAUDE MONET, AUGUSTE RENOIR, PAUL CÉZANNE, PAUL GAUGIN, VINCENT VAN GOGH und HENRI DE TOULOUSE-LAUTREC, in Deutschland Bilder von ADOLPH MENZEL, WILHELM LEIBL und MAX LIEBERMANN.

WILHELM MARIA HUBERTUS LEIBL: „Die Spinnerin“;1892, Öl auf Leinwand, 65 × 74 cm;Leipzig, Museum der bildenden Künste.

WILHELM MARIA HUBERTUS LEIBL: „Die Spinnerin“;1892, Öl auf Leinwand, 65 × 74 cm;Leipzig, Museum der bildenden Künste.

Im 20. Jahrhundert erlangte die Genremalerei noch einmal Bedeutung durch Künstler wie PABLO PICASSO und MARC CHAGALL. Genrehafte Züge tragen z. T. auch die von sozialem und politischem Engagement getragenen Werke von KÄTHE KOLLWITZ, OTTO DIX, RENATO GUTTUSO, JOSÉ CLEMENTE OROZCO und DAVID ALFARO SIQUEIROS.

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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