Radierung

Berglandschaft mit Wassermühle, Entwurf: ALBRECHT ALTDORFER, Ausführung: ALBRECHT ALTDORFER, 1522, Radierung, 174 x 230 mm, Washington (D. C.), National Gallery of Art

Die Radierung ist die bekannteste Ätztechnik. Sie wird aber fälschlich auch synonym gebraucht für das „kalte“ Verfahren der Kaltnadel (Kaltnadelradierung). Die Radierung bezeichnet man auch als Strichätzung, weil nur Linien und Punkte aus dem Metall geätzt werden.

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Geschichte der Radierung

Voraussetzung für das Entstehen dieses grafischen Tiefdruckverfahrens war die Erfindung des Papiers in Europa. Erst nachdem bezahlbarer Bedruckstoff vorhanden gewesen war, konnten Gold- und Waffenschmiede ihre Entwürfe auf dem Papier archivieren. Nachdem man mit dem Kupferstich bereits ein grafisches Verfahren in die Kunst übernommen hatte, soll der Holzschneider, Glasmaler, „Münzeisenschneider“ und Graveur URS GRAF (um 1485–1527/29), Sohn eines Goldschmieds, im Jahre 1513 als Erster die aus der Niello-Technik übernommene Radierung in der Grafik ausgeführt haben.

GRAF zeichnete besonders gern Landsknechte und Dirnen. Das mag daher kommen, dass er als Bürger der Schweizer Stadt Basel an mehreren Kriegszügen, u.a. nach Mailand und Dijon, teilnehmen musste und sich so sehr gut im „Milieu“ auskannte. Die Niello-Technik schien ihm geeignet, seine zeichnerischen Intentionen problemlos in grafischen Techniken umsetzen zu können. Auch ALBRECHT DÜRER (1471–1528) experimentierte recht früh mit der neuen Technik.

Um die Farbigkeit der Malerei zu erhalten, experimentierte der Holländer HERCULES PIETERSZ SEGHERS (um 1590–um 1638) mit koloristischen Effekten.

HERCULES PIETERSZ SEGHERS: Beweinung Christi, 1621-1632, Radierung.Blauer Druck auf mit Wasserfarbe und Deckfarbe getöntem Papier, 162 x 159 mm, Amsterdam, Rijksmuseum, Rijkprentenkabinet

REMBRANDT lernte viel von SEGHERS. Möglich, dass SEGHERS bei ALBRECHT ALTDORFER (vor 1480–1538) abschaute, denn bereits er kolorierte, allerdings wagte ALTDORFER so kühne Farbkombinationen, wie SEGHERS sie anwandte, nicht. Er arbeitete eher Ton in Ton, wie es in der Claire-Obscure-Technik des Holzschnitts üblich war.

Der Holländer CRISPIN VAN DEN BROECK, auch: PALUDANUS (1524–1591), stellte Radierungen mit einer Schwarzplatte und einer Tonplatte her, wie er es von der Claire-Obscure-Technik her kannte.

CRISPIN VAN DEN BROECK: Folge zum „Leben Christi“, Maria Verkündigung1571, Radierung, eine Schwarzplatte, eine Tonplatte, 235 x 233 mm.Antwerpen, Stedelijk Prentenkabinet.

CLAUDE VIGNON (1593–1670) schuf üppig-bewegte Barock-Radierungen. Das Verfahren stieß jedoch bald an seine Grenzen. Frühzeitig begannen die Künstler, mit der Ätztechnik zu experimentieren.

Im 17./18. Jh. wurde diese weiterentwickelt. Mit dem Vernis mou (Weichgrundätzung) gelang es, dem Druck die Optik einer Kreidezeichnung zu verleihen.

Für die Crayon-Manier (Kreidemanier), deren Erfinder JEAN CHARLES FRANÇOIS ist, werden spezielle Werkzeuge benötigt, um dem fertigen Druck einen zeichnerischen Gestus zu geben. Man verwendet

  • die Roulette – ein breites Rädchen mit Zähnen,
  • die Echoppe – eine breite Radiernadel und
  • den Matoir – ein raspelartiges gezähntes Hämmerchen.

Seit etwa 1740 experimentierte FRANÇOIS in dieser Technik. Die Aquatinta entstand 1765/68, als man begann, nicht nur Linien, sondern auch ganze Flächen zu ätzen. Als Erfinder dieser Technik gilt JEAN-BAPTISTE LE PRINCE (1734–1781).

FRANCISCO DE GOYA brachte diese Technik vor allem in seinem Zyklus „Desastres de la Guerra“ (deutsch: „Schrecken des Krieges“) zu einer besonderen Meisterschaft. Die ursprüngliche Technik der Strichätzung ging jedoch nie verloren. Bis heute wird sie angewendet, oft in Kombination mit anderen Ätztechniken und auch mit der Kaltnadel.

Das Ätzverfahren

Die sorgfältig gereinigte Platte wird gleichmäßig mit einem Ätzgrund abgedeckt, der aus einer säurefesten, wachsartigen Masse besteht. Nach dem Trocknen werden die Stellen, an denen Vertiefungen in die Platte eingeätzt werden sollen, mit geeigneten Werkzeugen (Radiernadeln, Stichel) entfernt. Anschließend taucht man die Platte in ein Säurebad. Sollen Linien unterschiedlicher Tiefe entstehen, wird nach dem Ätzbad an der Platte weiter gearbeitet, werden neue Linien frei gelegt. Man arbeitet zunächst einen kräftigeren Vordergrund heraus, ätzt die Platte und arbeitet anschließend am Mittelgrund, zuletzt am zarteren Hintergrund. So gibt der Radierer einer Landschaft Weite und einem Raum Tiefe.

Weitere Ätzverfahren sind:

  • Die Weichgrundätzung (Vernis mou) unterscheidet sich von der Radierung durch einen weicheren Ätzgrund, der auf die Platte aufgetragen wird. Man legt Papier darauf und zeichnet wie gewohnt mit Kreide oder Bleistift. Der Druck auf den weichen Ätzgrund legt das darunter liegende Metall frei. Der Ätzvorgang geschieht wie bei der Radierung.
     
  • Beim Aquatintaverfahren wird das Motiv oft zunächst im Aussprengverfahren mit einer Farbe aufgetragen, danach mit Ätzgrund versehen. Im Wasserbad wird an jenen Stellen, an denen Farbe aufgetragen worden war, der Ätzgrund weggespült. Anschließend bedeckt man die Platte mit einer säurefesten Staubschicht aus Kolophonium und Mastix. Leichtes Erwärmen lässt den geharzten Staub an der Platte haften. Beim Ätzprozess schützt jedes kleine Staubteilen die unter ihm liegende Metallschicht. Variieren kann man die Körnigkeit der Flächen durch unterschiedlich große Staubkörnchen. Stellen, die auf dem Blatt weiß bleiben sollen, werden vor der Ätzung mit Ätzgrund überzogen. FRANCISCO DE GOYA, JOAN MIRÓ, PABLO PICASSO und A.R. PENCK verwendeten auch diese Technik.

    Der Ausschnitt der im Folgenden abgebildeten Aquatinta zeigt vier Helligkeitsstufen, d.h. es wurde viermal geätzt:

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  • Die Heliogravüre (auch: Fotogravüre oder Chemigravüre) ähnelt der Aquatinta, allerdings wird nicht direkt auf die Platte gezeichnet, sondern die Übertragung des Bildes erfolgt mit fotomechanischen Mitteln. Dabei wird ein Diapositiv auf lichtempfindliche Gelatine projiziert, die dann mit dem Metall reagiert. Man benutzt dazu Chromgelatine, das ist eine mit Chromsäure versetzte Gelatine.
     
  • Die Crayon-Manier unterscheidet sich von der Radierung durch die Wahl der gröberen bzw. breiteren Werkzeuge (Roulette, Moulette), die dem fertigen Blatt später die Optik einer Kreide- oder Rötelzeichnung geben.

Materialien und Drucktechnik

Für die Radierung werden Metallplatten aus Zink, Kupfer, Messing oder Aluminium benutzt. Des weiteren benötigt man Radiernadeln, einen Ätzgrund und ein Ätzbad. Gedruckt wird auf einer Tiefdruckpresse: Man legt die geätzte, gereinigte, mit Druckerschwärze versehene und abgeriebene Platte auf den Drucktisch, darauf das Papier, darüber den Druckfilz.

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Nun muss der Druck der Presse optimal eingestellt sein, dann kann der Druckvorgang beginnen:

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Vorteil der Radierung

Vorteil der Radierung ist, dass man das Motiv fast wie mit einem Bleistift in den Ätzgrund zeichnen kann und so weichere, der Zeichnung nahe kommende Linien erhält.

Seestück, Entwurf: EUGÈNE BOUDIN , Ausführung: EUGÈNE BOUDIN, 1898, Radierung, 121 x 162 mm, Paris, Bibliothèque Nationale, Cabinet des Estampes,

Bekannte Radierer waren:

  • ALBRECHT ALTDORFER (vor 1480–1538)
  • ALBRECHT DÜRER (1471–1528)
  • HERCULES PIETERSZ SEGHERS ( um 1590–um 1638)
  • CRISPIN VAN DEN BROECK, auch: PALUDANUS (1524–1591)
  • JOST AMMAN (1539–1591)
  • CLAUDE VIGNON (1593–1670)
  • EUGÈNE BOUDIN (1824–1898)
  • FELIX BRACQUEMOND (1833–vor 1910)
  • PIETER BRUEGEL D. Ä. (um 1525/30–1569)
  • JACQUES CALLOT (1592–1635)
Gemetzel unter dem zweiten Triumvirat, Entwurf: CLAUDE VIGNON, Ausführung: CLAUDE VIGNON, 1. Hälfte 17. Jh., Radierung, 257 x 355 mm, Wien, Graphische Sammlung Albertina

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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