Tintoretto

TINTORETTO (eigentlich JACOPO ROBUSTI) gilt neben TIZIAN (um 1488–1576) und VERONESE (1528–1588) als einer der Hauptvertreter der venezianischen Malerei des italienischen Cinquecento im 16. Jahrhunderts. Sein Frühwerk ist noch stark von TIZIAN geprägt, in dessen Atelier er einige Zeit gearbeitet haben soll. Eine Urkunde bezeichnet ihn dann am 23.05.1539 als selbstständigen Meister. Getreu seinem Wahlspruch „von Michelangelo die Zeichnung, von Tizian die Farbe“ entwickelt er seinen eigenen Stil, wobei er versucht, die Vorzüge der venezianischen Schule mit florentinischen Stilmerkmalen zu verbinden.

TINTORETTOs Gemälde zeigen vor allem biblische, aber auch mythologische Themen. Er gilt neben EL GRECO (um 1541–1614), BRONZINO (1503–1572), CORREGGIO (um 1489–1534), PARMIGIANINO (1503–1540) und PONTORMO (1494–1557) als Hauptvertreter des Manierismus. TINTORETTO war fast ausschließlich in Venedig tätig; seine einzige gesicherte Reise führt ihn 1579/1780 nach Mantua, wo er für die gleichnamige Familie den acht Szenen umfassenden „Gonzaga“-Zyklus schafft. Sein Hauptwerk ist jedoch die Ausgestaltung der „Scuola die San Rocco“, die 62 Werke umfasst und an der TINTORETTO von 1564 an – mit Unterbrechungen – mehr als zwanzig Jahre gearbeitet hat.

Die frühen Jahre

TINTORETTO („das Färberchen“, von ital.: „tintore“), dessen eigentlicher Name JACOPO ROBUSTI war, wurde am 29.09.1518 in Venedig als Sohn des Textilfärbers BATTISTA ROBUSTI geboren. Über seine Kindheit und Lehrzeit ist nicht viel bekannt, er soll einige Zeit in TIZIANs (TIZIANO VECELLIO, um 1488–1576) Werkstatt beschäftigt gewesen sein. Gemäß einer Anekdote soll der Meister sogar eifersüchtig auf das Talent des jungen JACOPO gewesen sein. Am 23.05.1539 wird er dann erstmals in einer Urkunde als „Meister JACOPO, Maler am Campo de San Cassan“, also als selbständiger Meister, erwähnt. Laut seiner eigenen Aussage soll er versucht haben,

  • TIZIANs Farbe mit
  • MICHELANGELOs (1475–1564) Zeichnung

zu verbinden, also den venezianischen mit dem florentinischen Stil. Nach dem Tod TIZIANs wird TINTORETTO sogar „Erster Maler der Republik“.

Familie

Um 1553 vermählt sich TINTORETTO mit FAUSTINA EPISCOPI, der Tochter des Obersten der Scuola Grande di San Marco, MARCO EPISCOPI. Drei der sieben Kinder, MARCO, MARIETTA und DOMENICO, werden von TINTORETTO in der Malkunst unterrichtet. Tochter MARIETTA (* vermutlich 1554) wird eine bekannte Porträtistin. DOMENICO (* 1560) führt nach dem Tod des Vaters dessen Werkstatt am Rio della Sensa im Cannaregio-Viertel Venedigs weiter.

Frühwerk

Über das Frühwerk TINTORETTOs besteht Uneinigkeit, da er in der Lage war, sich verschiedene Stile leicht anzueignen, was die Zuordnung erschwert, die häufig der Stilkritik überlassen werden muss. TINTORETTO schuf in dieser frühen Zeit vor allem kleinformatige Bilder mit religiösen oder profanen Themen für den Privatgebrauch.
Uneinigkeit besteht auch bezüglich einer möglichen Reise nach Rom des jungen Künstlers um 1545, über die es keine gesicherten Kenntnisse gibt.

Zu seinen frühen Werken werden eine Madonna mit Kind, Josef, Elisabeth und Johannesknaben (um 1540/1541) und die „Anbetung des Goldenen Kalbes“ (1543/1544) gezählt.

Als erstes sicher datiertes Werk des venezianischen Malers gilt das Deckengemälde „Apoll und Marsyas“, welches 1545 im Auftrag des mit ihm befreundeten Kunstkritikers PIETRO ARETINO (1492–1556) entstand. Ein „Abendmahl“ folgt 1547 für die Kirche San Marcuola.

Der Durchbruch als Künstler gelang TINTORETTO 1548 mit dem „Wunder des Heiligen Markus“ oder auch „Sklavenwunder“ für die 1260 in Venedig gegründete Markusbruderschaft. Es stellt eine posthume Wundertat des Heiligen Markus dar und ist gekennzeichnet durch eine – bei TINTORETTO oft kritisierte – schnelle Malweise, kontrastreiche Lichtverhältnisse, bunte Farbgebung und kühne Verkürzungen. Die plastische Gestaltung der Figuren zeig Parallelen zur mittelitalienischen Kunst und dabei besonders zu MICHELANGELO.

Das Gemälde wurde 1797 von den Franzosen konfisziert und in den Louvre nach Paris gebracht. 1815 erfolgte der Rücktransport nach Venedig, 1965 wurde das Werk restauriert und heute befindet es sich in der Galerie dell’ Accademia.

Tintoretto - Selbstporträt

TINTORETTO und der Manierismus

TINTORETTOs Stil der 1550er-Jahre ist zunehmend dem Manierismus zuzuordnen. Diese Kunstform der Spätrenaissance breitete sich von Florenz in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts über Mittel- und Nordeuropa aus. Der Manierismus wird oft als übertrieben und gekünstelt charakterisiert, ebenso dominieren starke hell-dunkel Kontraste und eine eher kalte Farbgebung, wie sie auch bei TINTORETTO auftritt, sowie Figuren in ungewöhnlichen und gewagten Verkürzungen und mit überlängten Körpern.

Zwischen 1550 und 1560 entstehen vor allem Bilder mit religiösem Inhalt:

  • Szenen aus dem Alten Testament,
  • Mariendarstellungen oder
  • solche von Heiligen und deren Wundertaten.

Das mythologische Thema „Vulkan überrascht Venus und Mars“ (1551/1552) bildet eher eine Ausnahme. Für dieses Werk soll TINTORETTO, wie auch für einige andere, mit einer Modellbühne mit kleinen Wachsfiguren gearbeitet haben, um die Bildkomposition zu erstellen.

Tintoretto - Vulkan überrascht Venus und Mars

Ab 1551 erhält TINTORETTO auch erste Staatsaufträge, 1562–1566 entstehen dann auch zwei weitere Bilder zur Markuslegende für die Scuola Grande di San Marco, die Szenen aus dem Leben und Wirken des Heiligen zeigen:

Tintoretto - Die Bergung des Leichnams des heiligen Markus
  • „Bergung des Leichnams des Hl. Markus“ (1562–1566) und
  • „Auffindung der Leiche des Hl. Markus“ (um 1562).
Tintoretto - Auffindung der Leiche des Hl. Markus

Ihre große Tiefenwirkung zeugt von TINTORETTOs gereiften manieristischen Stil. Zudem ändert sich sein Umgang mit Farbe und Licht; er verwendet zunehmend erdige und gebrochene Farbtöne, sein Malstil wirkt zuweilen skizzenhaft.

Die Scuola Grande di San Rocco

Ab 1566 ist TINTORETTO Mitglied der Florentiner Accademia del Disegno. Um 1564 beginnt er mit seinen Arbeiten für die Bruderschaft der Scuola Grande di San Rocco, deren Mitglied er war. Diese „Scuole“, die es mehrfach in Venedig gibt, haben ihren Ursprung im Mittelalter, es handelt sich dabei um karitative Einrichtungen, die sich unter anderem der Krankenpflege widmeten. Die Mitglieder stammten meistens aus derselben Volksgemeinschaft oder demselben Beruf; dabei übten sie keine politische Macht aus, fungierten aber oft als Mäzene.

Die Bruderschaft des Heiligen Rochus (San Rocco) widmete sich – wie ihr Namensgeber, der Pestkranke gepflegt hat – vor allem der Krankenpflege. Das Gebäude der Scuola Grande di San Rocco mit eigenem Spital entstand nach 1508, die Bauarbeiten zogen sich über 50 Jahre hin. An der Ausstattung mit 62 Gemälden arbeitet TINTORETTO weitere etwa 25 Jahre. Diese stellen auch sein Hauptwerk dar, an dem er mit Unterbrechungen bis 1587 gearbeitet hat, das sich noch heute dort befindet. TINTORETTO hat drei Säle mit Gemälden ausgestattet:

  • In der Sala Terrena im Erdgeschoss finden sich vor allem Bilder zur Epiphanie, der Erscheinung Christi in der Welt. So zum Beispiel die „Verkündigung“ (1576–1581), die Anbetung durch die Könige, die Flucht nach Ägypten und der Kindermord zu Bethlehem, aber auch die Himmelfahrt Mariens.
Tintoretto - Die Verkündigung an Maria
  • Im Hauptversammlungsraum der Bruderschaft, der Sala Superiore im Obergeschoss, stellen die Deckengemälde Szenen aus dem Alten Testament dar, wie den Sündenfall, den brennenden Dornbusch oder den Zug durch das Rote Meer. Bei den Wandgemälden dominieren Szenen aus dem Leben Jesu, so die Geburt, die Taufe, die Auferstehung und die „Himmelfahrt“ (um 1576–1581), aber auch der Heilige Rochus ist hier abgebildet.
Tintoretto - Die Himmelfahrt Christi
  • Die Sala d’Albergo, der Sitzungssaal des Vorstandes ebenfalls im Obergeschoss, ist schließlich mit Christus vor Pilatus, Schmerzensmann, Kreuztragung und Kreuzigung der Passion Christi gewidmet. Die monumentale „Kreuzigung“ (1565) mit ihrer enormen Tiefenwirkung und der außergewöhnlichen Farbgebung ist dabei charakteristisch für TINTORETTOs mittlere Schaffensperiode. Die Darstellung wirkt dabei überaus realistisch, die Komposition ist äußerst figurenreich.
Tintoretto - Die Kreuzigung

Spätwerk

TINTORETTOs Spätwerk umfasst den Zeitraum der 1570er-Jahre bis hin zu seinem Tod im Jahr 1594. In den 1570er-Jahren entstehen einige Gemälde mit mythologischen Themen, wie „Die drei Grazien und Merkur“ (1576) oder „Bacchus und Ariadne“ (1578), doch setzt sich TINTORETTO auch weiterhin mit religiösen Themen auseinander. Viele seiner Arbeiten entstehen im Auftrag von Kirchen. Zudem gehen die Arbeiten für die Scuola Grande di San Rocco weiter.

Tintoretto - Bacchus, Venus and Ariadne

Mitte der 1570er-Jahre wirkte TINTORETTO, neben VERONESE (PAOLO VERONESE, eigentlich PAOLO CALIARI, 1528–1588), an der malerischen Ausschmückung des Dogenpalastes in Venedig mit. Für die Sala dell’ Anticollegio entstanden um 1578 die „Vier Mythologien“, außerdem entstanden Bilder zur Geschichte Venedigs. Sein Stil dieser Zeit wird als betont „schön“ beschrieben.

Um 1579 erhält TINTORETTO von GUGLIELMO GONZAGA (1538–1587), dem Markgrafen von Mantua, den Auftrag für acht Gemälde zur Geschichte des Hauses Gonzaga, woraufhin die einzige gesicherte Reise des Malers nach Mantua erfolgt. Die GONZAGA gelten auch als Auftraggeber für die Fresken ANDREA MANTEGNAs (1431–1506) in der Camera degli Sposi, welche wegweisend für die Dekoration italienischer Höfe wurden. Der sogenannte „Gonzaga-Zyklus“ und insbesondere das erneuerte Schlachtengemälde TINTORETTOs, „Die Schlacht am Taro“ (1578/1579), sollten dabei für die malerische Gattung bis zu PETER PAUL RUBENS (1577–1640) wegweisend werden.

Tintoretto - Paradies

1588–1592 entsteht ein weiteres monumentales Ölgemälde für den Dogenpalast, das „Paradies“. Ursprünglich hatte der Maler VERONESE nach seinem Sieg im Wettbewerb den Auftrag erhalten, nach dessen Tod 1588 erhält TINTORETTO den Auftrag. Thema des riesigen Gemäldes (7 x 22 m) ist die Marienkrönung. Es befindet sich in der Sala del Maggior Consiglio im Dogenpalast und erstreckt sich über die gesamte Ostwand hinter dem Tribunal, wo der Doge und die Ratsherren saßen.

Zwischen 1591 und 1594 entstehen noch drei Werke hoher malerischer Qualität für die Kirche San Giorgio Maggiore in Venedig:

  • Das „Mannawunder“,
  • ein „Abendmahl“
  • und die „Grablegung“.

Nachwirkung

Am 31. Mai 1594 stirbt TINTORETTO. Sein Sohn DOMENICO, ebenfalls „il TINTORETTO“ genannt, führte nach seinem Tod seine Werkstatt weiter. DOMENICO malte vor allem Porträts, aber auch Szenen aus Mythologie und Historie.

TINTORETTOs dramatische Lichtgebung, seine Vorliebe für diagonale Figurenkompositionen und die Dynamik und der Überschwang seines Stiles hatten Einfluss auf zahlreiche Barockkünstler, wie z.B. PETER PAUL RUBENS.

Werke

Zu den Werken TINTORETTOs gehören u.a.:

  • Madonna mit Kind, Josef, Elisabeth und Johannesknaben (um 1540/1541)
  • „Anbetung des Goldenen Kalbes“ (1543/1544)
  • Deckengemälde „Apoll und Marsyas“ (1545)
  • „Abendmahl“ (1547) für die Kirche San Marcuola
  • „Wunder des Heiligen Markus“ („Sklavenwunder“, 1548) für die Markusbruderschaft
  • „Vulkan überrascht Venus und Mars“ (1551/1552)
  • Bilder zur Markuslegende für die Scuola Grande di San Marco (1562–1566, „Bergung des Leichnams des Hl. Markus“ und „Auffindung der Leiche des Hl. Markus“)
  • 62 Gemälde für die Bruderschaft der Scuola Grande di San Rocco (ab 1564–1587, u.a. „Verkündigung“, „Himmelfahrt“, „Kreuzigung“)
  • „Die drei Grazien und Merkur“ (1576)
  • „Bacchus und Ariadne“ (1578)
  • „Vier Mythologien“ (um 1578) für die Sala dell’ Anticollegio des Dogenpalastes in Venedig
  • 8 Gemälde zum „Gonzaga-Zyklus“ (ab 1579) für den Markgrafen vonMantua (u. a. „Die Schlacht am Taro, 1578/1579)
  • Selbstporträt, 1588
  • 3 Gemälde für die Kirche San Giorgio Maggiore in Venedig (1591–1594; „Mannawunder“, „Abendmahl“, „Grablegung“)

Stand: 2010
Dieser Text befindet sich in redaktioneller Bearbeitung.

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